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Maria Stuart. Die Glocke. Das neue Jahrhundert.

Sogleich nach Vollendung des Wallenstein, lange noch in Jena, hatte Schiller, um jener Geistesöde, die wir mit seinen eigenen Worten geschildert haben, zu entgehen, nach einem neuen Stoff gegriffen, einem Stoff, den er sich vor 16 Jahren schon in Bauerbach angesehen. Er hatte sich nun wirklich an die Regierungsgeschichte der Königin Elisabeth von England gemacht, und den Prozess der Maria Stuart schon im April 1799 zu studieren angefangen. Soldaten, Helden, Herrscher hatte er herzlich satt; er freute sich auf einen leidenschaftlichen und menschlichen Vorwurf. „Ein paar tragische Hauptmotive“, schriebt er seinem Freund damals, „haben sich mir gleich dargeboten und mir großen Glauben an diesen Stoff gegeben, der unstreitig sehr viele dankbare Seiten hat.“ Immer mehr überzeugte er sich nun unter der schon begonnenen Dichtung, die im Juni mitten in ihrem ersten Akt war, und ihn „keinen Tag ohne Linie“ ließ, von der tragischen Qualität des Gegenstandes, worunter besonders gehört, dass man die Katastrophe gleich in den ersten Szenen sieht, und, indem die Handlung des Stücks sich davon wegzubewegen scheint, ihr immer näher geführt wird. „Meine Maria“, setzt er bei, „wird keine weiche Stimmung erregen; es ist meine Absicht nicht; ich will sie immer als ein physisches Wesen halten, und das Pathetische muss mehr eine allgemeine tiefe Rührung, als ein persönliches und individuelles Mitgefühl sein. Sie empfindet und erregt keine Zärtlichkeit, ihr Schicksal ist nur, heftige Passionen zu erfahren und zu entzünden. Bloß die Amme fühlt Zärtlichkeit für sie.“ Ende Juli war der erste Akt fertig, ja am vorletzten Tag dieses Monats „war er schon ganz ernstlich im zweiten Akt bei seiner königlichen Heuchlerin“, und der August schloss denselben.

Die Niederkunft seiner Frau und deren schwere Krankheit trat zwischen diese Arbeiten. Noch vorher, nachdem er den dritten Akt angefangen, riss er sich mit Gewalt von Maria los, um sich in eine lyrische Stimmung für den immer noch fort gehenden Musenalmanach zu versetzen, machte sich deswegen äußere Zerstreuung, und unternahm eine achttägige Reise nach Rudolstadt. Zugleich war ihm der Gedanke an eine neue Art Xenien, für Freunde und würdige Zeitgenossen gekommen, von dem ihm jedoch die Betrachtung zurückschreckte, dass der Tadel ein dankbarerer Stoff sei, als das Leben, und Dantes Himmel auch viel langweiliger, als seine Hölle.

An der neuen Zeitschrift Goethes, den Propyläen, hatte Schiller auch bald tätigen Anteil genommen, und entwickelte dadurch seinen ihm selbst zweifelhaften Sinn für bildende Kunst. In Goethes „Sammler“ erscheinen Schillers Kunstansichten in der Gestalt des Philosophen.

Schillers Leben in Weimar war, die sich immer wiederholenden Krankheitsfälle abgerechnet, heiter und mannigfaltig bewegt. Gleich in den ersten Tagen wohnte er, mit dem Herzog und der Herzogin, der Vorlesung des Mahomet durch Goethe in dessen Haus bei. Die beiden Freunde waren fast täglich beisammen; ein Glas Punsch erwärmte die langen Winternächte in Goethes behaglichen und heiter erleuchteten Zimmern; zuweilen fanden sie sich auch bei Hof und in des Herzogs eigenem Gemach zusammen. Cotta hatte die Aufmerksamkeit gehabt, dem kranken Schiller ein Schlaf machendes Mittel zu senden, das ihm Goethe ernstlich anempfahl. Am letzten Jahresabend beeilte sich unser Dichter „einen seiner Helden noch unter die Erde zu bringen, denn die Kehren des Todes nahten sich ihm schon.“ Wer es ist, sagt er nicht; seine Gedichte, soweit sie die Jahreszahl 1799 tragen, enthalten keine Ballade; nur die Glocke, der Spruch des Konfuzius, die Worte des Wahns erscheinen aus dieser Zeit. So wird jener Held wohl der Mortimer sein, und mithin war das Trauerspiel mit dem Jahresschluss schon am vierten Auftritt des vierten Aktes.

Die Glocke ist das Lied vom Leben, wie Hinrichs schön sagt1). Sie wird durch alle Zeiten hallen, wenngleich A. W. Schlegel vor Jahren die scharfsichtige Entdeckung gemacht hat, dass ihr der Klöpfel fehlt. Lange hatte Schiller, wie seine Schwägerin erzählt, dieses Gedicht in sich getragen, und manchmal davon gesprochen, als einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwarte. Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolstadt (1788) ging er oft nach einer Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung zu gewinnen. Er hatte also das Gedicht viel länger als seinen Wallenstein im Geist ausgebrütet. „Die Glocke“, sagte Goethe, „müsse nur umso besser klingen, als das Erz länger im Fluss erhalten, und von allen Schlacken gereinigt sei.“ Die lateinische Inschrift des Liedes findet sich auf der großen Glocke im Münster zu Schaffhausen2). Schiller hatte sie aus der Enzyklopädie von Krünitz genommen. Der Glockenhall ist die musikalische Begleitung dieses Liedes, das ein Lieblingsgedicht der Deutschen geworden ist. Jeder findet rührende Lebenstöne darin, und das allgemeine Schicksal der Menschen geht innig ans Herz3).

Schiller und Goethe waren „Neunundneunziger“, d.h. sie nahmen an (worüber bekanntlich großer Streit war), dass das Jahrhundert mit 1799 zu Ende gehe. Schiller hatte die Idee zu einer Säkularfeier hingeworfen, so dass man Weimar durch eine Reihe von Festen auf 14 Tage zu einer großen Stadt machen sollte. Leo von Seckendorf, der junge Dichter, entwarf mit andern Hausfreunden Pläne, aber es fehlte an Lust und Mitteln, sie auszuführen. Schiller selbst fand endlich eine stille, ernste Feier angemessener; war doch, nach seiner eigenen Schilderung, das Jahrhundert im Sturm geschieden. So beging er die letzte Stunde desselben in ernstem Gespräch mit seinem Freund Goethe.

„Lassen Sie“, schrieb dieser an Schiller den 1. Jan. 1800, den Anfang wie das Ende sein, und das Künftige, wie das Vergangene.“ Der heitere Freund brachte ihm, was er Literarisches zu schicken hatte, auf allerlei komische Wiese zu; bald war ein humboldtscher Brief um eine Stange Siegellack, bald ein Aushängebogen des neusten Musenalmanachs um eine Flasche Kölnischen Wassers gewickelt.

In den ersten Wochen des Jahres fiel die Bearbeitung des Macbeth, welche Schiller, so wenig er auch das Englische verstand, doch nach dem Original fertigte, und am 15. Februar wurden die Piccolomini vor einem halben tausend von Zuschauern gegeben. Die beiden Dichter beschauten sich in dieser Zeit miteinander die Mondberge durch das Teleskop, sehnsüchtig, wie Schweizeralpen. „Es gab eine Zeit“, sagte Goethe, „wo man den Mond nur empfinden wollte, jetzt will man ihn sehen.“

Die Vollendung der neuen Tragödie Schillers geschah in aller Stille. Noch im Mai konnte dieser eine Abendvorlesung des größten Teils der „Maria“ halten, bei welcher er seinen Freund Goethe eigentlich nicht anwesend wünschte, weil er ihm die ganze zweite Hälfte des Stückes, die jener noch nicht kannte, lieber auf einmal vorlegen möchte, „und bei dem verzettelten Lesen das Beste verloren geht.“

Die Vorlesung der vier ersten Akte fand wirklich in Schillers Haus vor einer kleinen Gesellschaft, von der auch die Schauspielerin Demoiselle Jagemann war, statt. Schiller unterhielt die Gäste so anziehend und geistreich, dass das Lesen bis nach Tisch, wo bei Constantiawein, einer Gabe des Verlegers, auf das Gelingen des fünften Aktes getrunken worden war, ja bis nach Mitternacht verschoben wurde. Die Vorlesung gab das Ganze unverkürzt und durch gesellige Reden unterbrochen. Kein Wunder, dass die Mainacht zum Maimorgen wurde, und die Gesellschaft erst bei Sonnenschein auseinander ging4).

Während der Arbeit häufig durch Fremde gestört, wünschte Schiller manchmal im Scherz, es möchte ihm ein Potentat Gefährliches zutrauen, und ihn einige Monate lang auf eine Bergfeste mit schöner Aussicht einsperren, jedoch gut halten. Da sollten erst Werke aus einem Guss entstehen!

Den fünften Akt zu vollenden, begab sich der Dichter nach Ettersburg, dem Lustschloss des Herzogs, wo er ihn zu Ende brachte, als schon die Proben der ersten Aufzüge begonnen hatten, und der Tag der Aufführung nicht mehr fern war. Denn im Juni konnte das Stück für das Theater präpariert werden, und beide Dichter besprachen den kühnen Gedanken, eine Kommunion aufs Theater zu bringen, gegen welchen im voraus protestiert wurde, so dass Goethe veranlasst wurde, den Verfasser zu ersuchen, die Funktion zu umgehen. „Ich darf jetzt bekennen“, fügte er hinzu, „dass es mir selbst dabei nicht wohl zumute war.“ So tief steckte das Christentum, oder doch die Ehrfurcht davor, selbst in diesem angeblichen Heiden. Schiller hingegen wollte nicht begreifen, wie diese Szene das religiöse Gefühl beleidigen könnte, und Herder meinte sogar, es sollte sie erwecken!

Maria Stuart wurde am 14. Juni, an einem heißen Abend jenes glühenden Sommers, der in Schwaben einen großen Schwarzwaldbrand herbeiführte, im überfüllten Haus gegeben, und spielte vier Stunden lang, nicht ganz zur Zufriedenheit des Publikums, obwohl Goethe mit der Aufführung content gewesen zu sein scheint, und durch das Stück außerordentlich erfreut war. Die öffentliche Stimme hatte und hat mancherlei auszusetzen. Die Königinnen brauchten lange zum An- und Umkleiden. Die Vohs hatte die Rolle der Maria ganz verfehlt, und weder die Dulderin noch die Herrin, sondern nur die Fromme wiedergegeben. Vohs, der Gatte, spielte untadelig; das Übermaß der Leidenschaft lag im Charakter der Rolle; die Jagemann war als Elisabeth ausgezeichnet, aber beiden Königinnen fehlte die imposante Gestalt. Schiller selbst überraschte das auffallende Misslingen der Haderszene, denn Maria erschien gedemütigt, und Elisabeth triumphierend. Leicester ließ viel zu wünschen übrig, er war mehr Theaterbösewicht als Hofmann. Unter den übrigen Personen zeichnete sich die Wolff als Hanna Kennedy und Graff als Shrewsbury aus, die andern, den durch und durch gezierten Grafen Bellièvre ausgenommen, störten wenigstens nicht.

Es dürfte nicht uninteressant sein, über diese Tragödie einen Schottländer, sonst einen fast unbedingten Verehrer Schillers, der den Wallenstein über alles schätzt, und findet, dass es Schiller mit demselben auch da gelungen sei, wo das Gelingen keine leichte Sache war, über dieses Drama, das auf dem Boden der englisch-schottischen Geschichte spielt, sich aussprechen zu hören. „Maria Stuart“, sagt Thomas Carlyle5), „hat große Schönheiten, und würde den Ruhm eines geringeren Genies begründet haben; doch dem seinen konnte sie nichts Wesentliches hinzufügen. Im Vergleich mit Wallenstein ist die ihr zugrunde liegende Idee beschränkt, und ihre Resultate sind nur gewöhnlich. Hier finden wir keine treu geschichtlichen Schilderungen; ebenso wenig lernen wir die Sitten und Gebräuche des Landes daraus kennen. Das Bild des englischen Hofes steht nicht lebendig vor unsern Augen. Elisabeth gleicht mehr der französischen Medicis, als der staatsklugen, gefallsüchtigen, eigensinnigen, herrschsüchtigen, und doch im Ganzen redlich guten Königin Elisabeth. So reich sich auch wiederum in dieser Tragödie Schillers Genius bewährt; so bringt sie doch verhältnismäßig weniger Wirkung, besonders bei uns Engländern, hervor.“ Nur Maria gefällt diesem Kritiker.

Günstiger urteilte Frau von Stael, welche das Stück für Schillers rührendstes und planmäßigstes erklärte. Auch A. W. Schlegel findet es mit großer Kunstfertigkeit und ebenso großer Gründlichkeit angelegt und ausgeführt, als den Wallenstein, die Wirkung unfehlbar, Marias letzte Szenen wahrhaft königlich, die religiösen Eindrücke würdig-ernst behandelt.

Sonst war das Urteil in Deutschland weniger günstig. In manchen Stellen schien der Dichter ins Sententiöse und Rhetorische zurückgefallen; an die Zankszene, an die Abendmahlszene stieß sich mancher; an Elisabeths schamlose Unweiblichkeit gegenüber von Mortimer hätte man sich wenigstens stoßen sollen. Man fand die Tragödie nach Form und Abrundung des Stoffes gelungener, als den Wallenstein, aber, trotz Mortimers Glut, kälter. Tieck missbilligt die historische Alteration des Charakters der Maria. Im Ganzen wird das Trauerspiel wohl gegeben, wohl bewundert, aber nicht geliebt6). Vielleicht jedoch hat das Stück dazu gedient, durch seine prachtvolle Schilderung der katholischen Kirche, dennoch die Eroberungen des Dichters auszudehnen.

Man darf wohl bedauern, dass es die einfach großen Malteser aus Schillers Geist verdrängt hat. Aber Schiller besaß, außer dem Hang zur Grausamkeit im Drama, die ihm nach Goethe noch von den Räubern her anhing, als Dramatiker auch noch einen seltsamen Hang zur Staatsintrige, zur Macherei, einen Hang, den er im Don Carlos verworren, im Wallenstein natürlich7), in der Maria Stuart vielleicht überkünstlerisch befriedigte, von dem sich auch in dem Plan des Warbeck, des Demetrius, und der „Kinder des Hauses“ Spuren finden, und vor dem die schlicht erhabene Großheit seines Wesens zurücktreten musste. –

Das Jahr 1800 war für Schiller ein leidensvolles Jahr; schon im Frühling ergriff ihn ein Katarrhfieber, das ihm selber bedenklich vorkam. Es fand sich nach seinem Tod von seiner eigenen Hand eine Übersicht dessen, was er bis 1802 von schriftstellerischen Arbeiten in jedem Jahr vollendet, und von den Ereignissen seines häuslichen Lebens. In dieser stand: „Anno 1800 war ich sehr krank8). So war die Maria Stuart unter Schmerzen vollendet worden.

Zu Ende des Jahres wurde diese Tragödie in Berlin gegeben, und die beiden größten Schauspieler Deutschlands, Fleck und Iffland traten zusammen darin auf.

Ü   Þ


1) I, 68. Vergl. Hoffm. III, 97 ff. ­
2) Götzinger, bei Hoffm. a. a. O.
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3) In einem köstlichen Scherz hat die Glocke dem humoristischen Hermann Hauff Anlass gegeben, in seiner Postdiluvianischen Kritik“ Skizzen I, S. 45 ff.
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4) Über dies und alles nächst folgende s. Hinrichs III, 141 ff., wo man auch die Details über die Aufführung findet. Dass die Maria vorher auf andern Theatern gegeben worden, ist kaum glaublich.
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5) Leben Schillers. S. 225.
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6) Viel Gutes über das Stück bei Hinrichs III, 164-176. Das andere ist wieder die bekannte Metaphysik.
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7) Im Wallenstein charakterisiert sich diese Tendenz in den Worten Oktaivos (Picc. V, 1.):

„Mit leisen Schritten schlich er seinen bösen Weg,
So leis und schlau ist ihm die Rache nachgeschritten.“

Wenn Schiller je eine Nebenabsicht beim Wallenstein und bei der Maria Stuart hatte, so war es die, in der Poesie zugleich „der Staatskunst mühevolles Werk“ zu verherrlichen. ­
8) Frau v. Wolzogen II, 201.
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