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Häuslicher Jammer. Übersiedlung nach Weimar.Mit der Erwähnung dieses alten Herzensfreundes kehren wir auch wieder in Schillers Haus ein. Hier war die Frau im Herbst 1799 mit ihrer ältesten Tochter Caroline1) niedergekommen, die am 15. Oktober getauft wurde. Auf diese Niederkunft folgte ein Nervenfieber, das den Gatten und alle Angehörigen in die schmerzlichste Sorge versetzte. Ihre Phantasien gingen Schiller durchs Herz, und er brachte manche schlaflose Nacht an ihrem Bett zu. Als die Gefahr vorüber schien und das Fieber fast ganz aufgehört hatte, war immer die Besinnung noch nicht da, und öfters traten heftige Accesse von Verrückung des Gehirns ein. Die Geschicklichkeit des Hausarztes Starke, Schillers sorgsame, zarte Pflege, die Wartung der guten Mutter, und der treuen, immer gleich hilfreichen Hausfrau und Freundin Griesbach2) bewirkten indessen nach langen Wochen eine vollkommene Genesung. Längst hatten Schillers Ärzte, bei seinem unverkennbaren Lungenleiden, die Bergluft von Jena für gefährlich erklärt, und schon vor der Krankheit seiner Frau stand sein Entschluss fest, nach Weimar, wenigstens für die Winter, sich hinüber zu siedeln. Zugleich wollte er der musenlosen Einsamkeit, der trockenen Gelehrsamkeit, dem Schauplatz der Spekulation, die ihn so lange geängstigt hatte, entfliehen. „Die wenigen Wochen meines Aufenthalts zu Weimar und in der größeren Nähe Eurer Durchlaucht“ – so hatte er schon am 1. September 1799 an seinen Herzog geschrieben – „haben einen so belebenden Einfluss auf meine Geistesstimmung geäußert, dass ich die Leere und den Mangel jedes Kunstgenusses und jeder Mitteilung, die hier in Jena mein los sind, doppelt lebhaft empfinde. Solange ich mich mit Philosophie beschäftigte, fand ich mich hier vollkommen an meinem Platz; nunmehr aber, da meine Neigung und meine verbesserte Gesundheit mich mit neuem Eifer zur Poesie zurückgeführt haben, finde ich mich hier in eine Wüste versetzt. Ein Platz, wo nur die Gelehrsamkeit, und vorzüglich die metaphysische, im Schwange gehen, ist den Dichtern nicht günstig; diese haben von jeher nur unter dem Einfluss der Künste und eines geistreichen Umgangs gedeihen können. Da zugleich meine dramatischen Beschäftigungen mir die Anschauung des Theaters zum nächsten Bedürfnisse machen, und ich von dem glücklichen Einfluss desselben auf meine Arbeiten vollkommen überzeugt bin, so hat alles dies ein lebhaftes Verlangen in mir erweckt, künftighin die Wintermonate in Weimar zuzubringen.“ Da seine ökonomischen Mittel eine doppelte Einrichtung nicht erlaubten, bat er nun seinen Landesherrn um die gnädige Beistimmung zu dieser Ortsveränderung. Der Herzog kam dem Dichter, der seit dem März 1798 Professor Ordinarius in Jena war, gütig entgegen, bestimmte ihm einen Gehalt von jährlich tausend Talern und erbot sich, ihm das doppelte zu geben, im Fall er durch Krankheit verhindert sein sollte, zu arbeiten. Schiller lehnte dieses letzte Anerbieten ab und machte nie davon Gebrauch. „Ich habe das Talent“, sagte er, „und muss mir selber helfen können.“ In Weimar sorgte Goethe vor allen Dingen für ein Quartier; er hätte den Freund gar zu gern in der Nähe des Schauspielhauses gehabt. Das wegen Gespenstern berüchtigte gräflich Werthersche Haus war zu vermieten; „es wäre wohl der Mühe wert, das Gebäude zu entzaubern“, sagt Goethe. Endlich wurde durch die Bemühung der Frau von Kalb eine Wohnung ausgemittelt. Als nun aber Schiller nach seiner Frau Genesung, am 4. Dezember wirklich nach Weimar hinübergezogen war, stürzte er sich, im Eifer für die Kunst und in der Sorge für seine Familie, die sich in den letzten Jahren wiederholt vergrößert hatte, in Arbeit auf Arbeit, und Goethe scheint3) es zu bedauern, dass er von der, wahrscheinlich durch ihn, den treuen Freund, eingeleiteten Großmut seines Fürsten nicht einen umfassenderen Gebrauch gemacht. „Der Existenz wegen“, sagt Goethe, „musste er jährlich zwei Stücke4) schreiben, und, um dieses zu vollbringen, trieb er sich, auch an solchen Tagen und Wochen zu arbeiten, in denen er nicht wohl war; sein Talent sollte ihm zu jeder Stunde gehorchen und zu Gebote stehen. Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliches Spirituose zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit, und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, dass sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden. Ich habe vor dem kategorischen Imperativ allen Respekt, ich weiß, wie viel Gutes aus ihm hervorgehen kann, allein man muss es damit nicht zu weit treiben, denn sonst führt diese Idee der ideellen Freiheit sicher zu nichts Gutem.“ 1)
Jetzt an den Bergrat Junot in Thüringen verheiratet.
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