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Literarische Berührungen SchillersVon seinen Schöpfungen auszuruhen, wollen wir uns nach unsres Dichters gelehrten und häuslichen Verhältnissen in dieser Zeit umsehen. Die literarischen Antipathien desselben haben wir großenteils aus den Xenien kennen gelernt; über freundlichere oder doch gemischte Beziehungen gibt uns sein Briefwechsel Aufschluss. Voran begegnen uns hier Herder und Jean Paul. Des ersteren Ansichten von Philosophie und Poesie bildeten eine Scheidewand zwischen ihm und Schiller, die nur wenige Pforten für den geistigen Verkehr offen ließ. Der letztere fand1), dass er bei Herders Schriften immer mehr, was er zu besitzen glaubte, verliere, als dass er an neuen Realitäten dabei gewänne. Jener wirkte auf Schiller dadurch, dass er immer aufs Verbinden ausging und zusammenfasste, was andre trennen – mehr zerstörend als ordnend. In der Poesie schien ihm besonders seine unversöhnliche Feindschaft gegen den Reim viel zu weit getrieben. Zwar glaubte auch Schiller2), dass der Reim mehr an Kunst erinnere als die antiken Silbenmaße, dass es eine Unart desselben sei, fast immer an Menschenhand, an den Poeten (den Macher) zu erinnern; aber dennoch involviere jenes Erinnern an Kunst, wenn es nicht eine Wirkung der Künstlichkeit oder gar der Peinlichkeit sei, eine Schönheit; ja mit dem höchsten Grad poetischer Schönheit (in welche naive und sentimentale Gattung zusammenfließen) vertrage sich der Reim recht gut. Was nun Herder dagegen aufbrachte, schien ihm weit nicht bedeutend genug. Der Ursprung des Reims mochte noch so gemein und unpoetisch sein: Schillers Meinung war, man müsse sich an den Eindruck halten, und dieser lasse sich durch kein Raisonnement wegdisputieren. An Herders Konfessionen über die deutsche Literatur verdross ihn auch, noch außer der Kälte für das Gute, die seltsame Art von Toleranz gegen das Elende. „Es kostet ihn“, klagt jener, „ebenso wenig, mit Achtung von einem Nicolai, Eschenburg u. A. zu reden, als von dem Bedeutendsten und auf eine sonderbare Art wirft er die Stolberg und mich, Kosegarten und wie viel andre in einen Brei zusammen. Seine Verehrung gegen alles Verstorbene und Vermoderte hält gleichen Schritt mit seiner Kälte gegen das Lebendige.“ In Schillers Widerwillen gegen Herders Metakritik stimmte sogar Goethe ein. „Die Apostel und Jünger dieses neuen Evangeliums behaupten“, sagt er spottend3), „dass in der Geburtsstunde der Metakritik der Alte zu Königsberg auf seinem Dreifuß nicht allein paralysiert worden, sondern sogar wie Dagon herunter und auf die Nase gefallen sei.“ Über Jean Paul haben wir schon ein Urteil in den Xenien gesehen. Die erste geistige Bekanntschaft mit demselben machte Schiller durch den Hesperus, den ihm im Sommer 1795 Goethe zugeschickt hatte. „Das ist ein prächtiger Patron, der Hesperus“, schreibt jener zurück4), „den Sie mir neulich schickten. Er gehört ganz zum Tragelaphengeschlecht [zum Geschlecht der Bockshirsche], ist aber dabei gar nicht ohne Imagination und Laune, und hat manchmal einen recht tollen Einfall, so dass er eine lustige Lektüre für die langen Nächte ist.“ Goethe freute sich darüber, dass „Schiller der neue Tragelaph nicht ganz zuwider sei: Es ist wirklich Schade für den Menschen, er scheint sehr isoliert zu leben, und kann deswegen bei manchen guten Partien seiner Individualität nicht zu Reinigung seines Geschmacks kommen. Es scheint leider, dass er selbst die beste Gesellschaft ist, mit der er umgeht.“ Den Mann selbst, als er nach Weimar und Jena gekommen, fand Schiller, wie er ihn erwartet: „Fremd, wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens, und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht.“ (28. Juni 1796) Auch Goethe hatte ihn für „ein kompliziertes Wesen, das man bald zu hoch, bald zu niedrig anschlage“, erklärt. Beider Dichter Urteile lauten, wie man sieht, ziemlich oben herab. Die zwei Meister, schon fast in der Xenienlaune, meinten bereits, Herrn der literarischen Republik zu sein und Ehren und Würden in ihr vergeben zu können. Mit ihrer Konstituierung durch die Kunst beschäftigt, erkannten sie eine Größe nicht, die zu dieser ausschließlichen Verfassung nicht passen wollte. Fichte fügte sich auch nie ganz in jenen Staat. Schiller klagt über seine Empfindlichkeit gegenüber von seiner Kritik, die ihm Verworrenheit der Begriffe Schuld gegeben. (6. Juli 1795) Auch Goethe fand in seinen berühmten Axiomen nur die Aussprüche einer Individualität, denn nur sämtliche Menschen erkennen ihm die Natur, und nur sämtliche Menschen leben das Menschliche (Mai 1798). Bei Schiller hatte der Widerwille mit der Zeit zugenommen. Fichte kam nach langem Schmollen im August 1798 zu ihm und zeigte sich äußerst verbindlich; so konnte er nun freilich nicht den Spröden spielen; er wollte suchen dies Verhältnis, das schwerlich weder fruchtbar noch angenehm werden könne, da ihre Naturen nicht zusammenpassen, wenigstens heiter und gefällig zu erhalten. Aber es ging nicht recht. Noch im Sommer 1799 sah er „bei diesem Freund eine Unklugheit auf die andre folgen“, und fand den Armen verfolgten, der „dem Fürsten von Rudolstadt zumutete, dass er ihm durch Einräumung eines herrschaftlichen Quartiers öffentliche Protektion geben, und um sonst und um nichts sich bei allen anders denkenden Höfen kompromittieren sollte, inkorrigibel in seinen Schiefheiten.“ Günstiger war Schillers Stimmung für Schelling, obgleich Goethe ihn für nicht ganz redlich halten wollte, und fand, dass er das, was den Vorstellungsarten, die er in Gang bringen möchte, widerspricht, gar bedächtig verschweige, und sich von der Idee seinen Vorrat von Phänomenen verkümmern lasse5); ein Vorwurf, der freilich mehr als einen Systemschöpfer trifft. Schiller aber entdeckte in Schelling „sehr viel Ernst und Lust“, und freute sich der Wärme, die er ihm zeigte (Oktober 1798). Ältere Bekannte aus einer in Goethes und Schillers Augen abgetanen Literaturperiode wurden mit Gleichgültigkeit oder Spott behandelt. Als im Sommer 1796 Lavaters Bruder nach Jena gekommen war, und für diesen selbst gehalten wurde, kümmerte sich Schiller wenig darum, Goethe lachte über den Propheten, während ihm Blumenbach, der in Gesellschaft eines Mumienkopfs nach Weimar gekommen, sehr interessant war. Garves Tod, den Schiller einst ehrte, wurde von ihm mit Gleichgültigkeit aufgenommen; Voß, als er in Reichardts Gesellschaft, „recht vom Teufel geholt“, in die Nähe kam, wurde ziemlich feindselig von beiden Dichtern angesehen, und in seinem Almanach auf 1799 fand Schiller „wirklich einen völligen Nachlass seiner poetischen Natur. Er und seine Kompagnons erscheinen auf einer völlig gleichen Stufe der Platitude, und in Ermangelung der Poesie waltet bei allen die Furcht Gottes.“ Aber auch die junge, die Schlegelsche Schule, die sich im Schoß der Horen und Almanache gebildet hatte, wollte besonders unserm Dichter weder gefallen noch parieren. Anfangs hießen die Schlegel gute Akquisitionen und treffliche Köpfe. Der jüngere, Friedrich, kam im August 1796 dem Bruder nach, „machte einen recht guten Eindruck, verspricht viel.“ Aber schon in den Xenien werden die Gebrüder als etwas rebellisch behandelt; in den witzigen Epigrammen, in welchen in der Unterwelt, der alte Johann Elias Schlegel (nicht Lessing) nach seinen jungen Nepoten fragt, ob und wie sie noch in der Literatur walten, erhält er zur Antwort6):
Und Schiller lachte ins Fäustchen, als A. W. Schlegel immer wieder nach den jungen Nepoten fragte, und sie nicht herauskriegte. Im Mai 1797 wird schon über „die böse Absicht und die Partei der Herren“ geklagt, und unser Dichter bricht los: „Es wird doch zu arg mit diesem Herrn Friedrich Schlegel. So hat er kürzlich dem Alexander Humboldt erzählt, dass er die Agnes [von Lilien] im Journal Deutschland rezensiert habe7), und zwar sehr hart. Jetzt aber, da er höre, sie sie nicht von Ihnen, so bedaure er, dass er sie so streng behandelt habe. Der Laffe8) meinte also, er müsse dafür sorgen, dass ihr Geschmack sich nicht verschlimmere. Und diese Unverschämtheit kann er mit einer solchen Unwissenheit und Oberflächlichkeit paaren, dass er die Agnes wirklich für Ihr Werk hielt.“ Goethe sprach ziemlich geringschätzig von A. W. Schlegel, aus Veranlassung seines Prometheus, wobei man, beiläufig gesagt, erfährt, dass der alte Herr in seinem achtundvierzigsten Jahr noch nicht wusste, was Terzinen seien9). Als es schien, Schlegels wollten nach Dresden ziehen, grämten sich unsre Dichter nicht darob. Endlich sprach Schiller zu Goethe (Juli 1798) über beide: „Einen gewissen Ernst und ein tieferes Eindringen in die Sachen, kann ich den beiden Schlegeln, und dem jüngern insbesondere, nicht absprechen. Aber diese Tugend ist mit so vielen egoistischen und widerwärtigen Ingredienzien vermischt, dass sie sehr viel von ihrem Wert und Nutzen verliert. Auch gestehe ich, dass ich in den ästhetischen Urteilen dieser beiden eine solche Dürre, Trockenheit und sachlose Wortstrenge finde, dass ich oft zweifelhaft bin, ob sie wirklich auch zuweilen einen Gegenstand darunter denken. Die eigenen poetischen Arbeiten des ältern bestätigen mir meinen Verdacht. Denn es ist mir absolut unbegreiflich, wie dasselbe Individuum, das Ihren Genius wirklich fasst, und Ihren Herrmann z. B. wirklich fühlt, die ganz antipodische Natur seiner eigenen Werke, diese dürre und herzlose Kälte auch nur ertragen, ich will nicht sagen, schön finden kann. Wenn das Publikum eine glückliche Stimmung für das Gute und Rechte in der Poesie bekommen kann, so wird die Art, wie diese beiden es treiben, jene Epoche eher verzögern als beschleunigen; denn diese Manier erregt weder Neigung, noch Vertrauen, noch Respekt, wenn sie auch bei den Schwätzern und Schreiern Furcht erregt; und die Blößen, welche die Herren sich in ihrer einseitigen und übertreibenden Art geben, wirft auf die gute Sache einen fast lächerlichen Schein.“ Fr. Schlegels Lucinde machte ihm den Kopf taumelig. „Dieses Produkt charakterisiert seinen Mann“, schreibt er an den Freund am 19. Juli 1798, „besser als alles, was er sonst von sich gegeben, nur dass es ihn mehr ins fratzenhafte malt… Er bildet sich ein, eine heiße unendliche Liebesfähigkeit mit einem entsetzlichen Witz zu vereinigen, und, nachdem er sich so konstituiert hat, erlaubt er sich alles, und die Frechheit erklärt er selbst für seine Göttin.“ Das Athenäum würdigte Schiller ziemlich unbefangen, aber die Xenienausfälle auf Humboldt und andere fand er jetzt, nach dem Kanon des Dichters Persius10) auf den Mantelsack der voranschreitenden Jüngeren blickend, naseweis, unartig und undankbar. In dieser Stimmung war Schiller, als der Freund der Schlegel, der herrliche Tieck, nach Jena kam. „Tieck aus Berlin hat mich besucht“, sagte jener über ihn am 24. Juli 1799 zu Goethe, „ich bin begierig, wie Sie mit ihm zufrieden sind. Mir hat er gar nicht übel gefallen; sein Ausdruck, ob er gleich keine große Kraft zeigt, ist fein, verständig und bedeutend, auch hat er nichts Kokettes noch Unbescheidnes. Ich hab’ ihm, da er sich einmal mit dem Don Quixote eingelassen, die spanische Literatur sehr empfohlen, die ihm einen geistreichen Stoff zuführen wird, und ihm, bei seiner eigenen Neigung zum Phantastischen und Romantischen, zuzusagen scheint. So müsste dieses angenehme Talent fruchtbar und gefällig wirken, und in seiner Sphäre sein.“ Wir sehen hier wieder dieselbe Meine, wie im Urteil über Jean Paul. Es wird einer mit einem neuen Kron- oder Staatsamt der Kunst und Poesie belehnt. Aber der Fremdling, der hier erschien, war ein Königssohn, und die Muse hatte ihm ein eigenes Reich aufgehoben. Goethe, mit der Zurückhaltung eines Philosophen aus der Schule der alten Akademiker, schrieb gleichzeitig: „Tieck hat mit Hardenberg [Novalis] und Schlegel bei mir gegessen; für den ersten Anblick ist es eine recht leidliche Natur11). Er sprach wenig aber gut, und hat überhaupt hier ganz wohl gefallen.“ Diese ganze wegwerfende Behandlung der romantischen Schule durch beide Dichter ist mehr eine Folge ihrer Stellung, als ihrer unbefangenen Überzeugung. Die großen Verdienste der Brüder Schlegel waren bleibend, und sind jetzt besser anerkannt. Unter den vielen Namen, welche die Korrespondenz Schillers erwähnt, überrascht uns angenehm der Name seines Jugendfreundes Zumsteeg in Stuttgart, von welchem Schiller im Dezember 1797 einen Brief erhalten hatte. Er schrieb ihm darin, was ihn von Schillers und Goethes Gedichten im Musenalmanach am meisten erfreut habe; „und er hat“, fügt Schiller hinzu, „was wir lange nicht gewohnt sind, zu erfahren, – das Bessere herausgegriffen.“ 1)
Briefwechsel mit Goethe II, 52 f.
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