Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
               Buch 2
               Buch 3
                  Schiller, Humboldt, Goethe
                  Horen
                  Fortführung Horen
                  Schillers Aufsätze
                  Lyrik
                  Musenalmanach
                  Epos und Drama
                  Xenien
                  Familienverluste
                  Abschied Philosophie
                  Balladenjahr
                  Wallenstein
                  Auff. Lager
                  Auff. Piccolomini
                  Wallensteins Tod
                  Urteile Wallenstein
                  Literar. Berührungen
                  Häuslicher Jammer
                  Maria Stuart
                  Jungfrau von Orleans
                  Auff. Jungfrau
                  Urteile
                  Schillers Tischreden
                  Lebene in Weimar.
                  Braut von Messina
                  Gelehrte mit Schiller
                  Wilhelm Tell
                  Letztes Lebensjahr
                  Der letzte Winter
                  Krankheit und Tod
                  Begräbnis
                  Rückblick
               Urkunden

Urteile über den Wallenstein

„Schillers Wallenstein ist so groß, dass zum zweiten Mal nichts Ähnliches vorhanden ist.“ Dieses Urteil Goethes , von dem älteren Dichter über dem Grab des jüngeren 22 Jahre nach des letztern Tod ausgesprochen, übertönt gewaltig jeden Tadel und fast jedes Lob. Doch sei dem Biografen vergönnt, auch in Tiecks Urteil noch einzustimmen. „Wallensteins mächtiger Geist“, sagt dieser , „trat unter die Tugendgespenster des Tages. Der Deutsche vernahm wieder, was seine herrliche Sprache vermöge, welchen mächtigen Klang, welche Gesinnungen, welche Gestalten ein echter Dichter wieder hervorzurufen habe. Dieses tiefsinnige, reiche Werk ist als ein Denkmal für alle Zeiten hingestellt, auf welches Deutschland stolz sein darf, und ein Nationalgefühl, einheimische Gesinnung und großer Sinn strahlt uns aus diesem reinen Spiegel entgegen, damit wir wissen, was wir sind und was wir waren.“

Die weitern Anerkennungen und Desiderien dieses und andrer Kritiker findet der Leser bei Hoffmeister und Hinrichs ausführlich und gründlich zusammengestellt und mit den Ansichten der beiden Denker vermehrt .

Besondere Aufmerksamkeit dürften Hoffmeisters Ausstellungen verdienen, der sich unumwunden gegen die den ganzen Wallenstein durchwuchernde Schicksalsidee ausspricht. Noch im Jahr 1792 hatte sie Schiller verworfen; aber das Studium der Griechen führte sie ihm wieder zu und das Balladenjahr lehrte ihn sie ausprägen; für den Wallenstein fand sie im astrologischen Aberglauben bei Goethe Schutz, und fortan trat das Verhängnis zum freien Antrieb des Helden hinzu, die Schicksalsidee organisierte das ganze Kunstwerk und erdrückte alles. Sämtliche Personen haben ein zu klares Bewusstsein vom Schicksal ; dieses aber, welches das Sterbliche am Menschen zerstören, das Göttliche jedoch hervortreten lassen soll, bereitet eine entmutigende, allgemeine Niederlage. Und doch ist dieses Schicksal nur in das Thema hineingekünstelt. Hätte Schiller sich ganz dem Goetheschen Stil überlassen, so wäre er auch ganz zu dem realistischen Wallenstein geführt worden, auf den es in Wallensteins Lager angelegt war; Humboldtsche Ideen dagegen zogen ihn zu den Griechen und dem Schicksal hinüber; so unternahm er es, ein Sujet und ein Prinzip zu verbinden, die durchaus widerstreitend sind. Mithin zeigt uns Hoffmeister den Dichter geteilt zwischen dem realistischen Goethe und dem idealistischen Humboldt, zwischen dem Genius und dem Dämon; ein Zwiespalt, dessen Bewusstsein sich, wie die frühere Darstellung zeigt, auch uns aufgedrungen hat.

Diese Vorwürfe hängen übrigens so genau mit Hoffmeisters Theorie der modernen Tragödie zusammen, dass sie ihr zuliebe offenbar zu weit gehen, wenn der Beurteiler nun behauptet, Schiller, da die Schicksalsidee erst seit 1795 sich in seinem Geist festgesetzt, würde vor 1792 in seiner Tragödie wohl nur wider die gesellschaftliche Ordnung gekämpft haben. Erst mit den Gräueln der Revolution zogen sich allmählich seine Freiheitsideen, wenn wir diesen Kritiker hören, ins Sittliche zurück, und seine politischen Ansichten nahmen eine auffallende Umbiegung. Das mag wahr sein; aber was daraus gefolgert wird, ist gewiss nicht wahr. Nein, das Grundmotiv seines Wallensteins war nicht Auflehnung eines durch geistige Kraft und äußere Stellung übermächtigen Mannes gegen die gesellschaftliche Ordnung, und sein dadurch herbeigeführter Untergang; Wallenstein sollte nicht der Mann gewordene Posa sein. Nein, er vereinigt nicht kosmopolitisch-philanthropische Ideen mit einer von Rachsucht gepeitschten Ehrbegierde; kommen solche vor, so hat sie ihm der Dichter mit Bewusstsein als heuchlerisches Geschwätz in den Mund gelegt. O nein; die sittlich politische Überzeugung verwandelte nicht den politisch gedachten Helden in einen andern ; nie hat Schiller – seine Worte bezeugen’s – für Wallenstein, als seinen subjektiven Helden, Partei genommen, noch weniger wollte er später die gesetzliche Ordnung verteidigen, und die orthodox-politischen Tugenden und Rechtspflichten verherrlichen. Wenn Wallenstein seine Sache als schlecht fühlt, so lässt ihn der Dichter so fühlen, weil sie absolut schlecht ist, und deswegen spricht der Prolog von seinem „Verbrechen“. Derselbe Prolog aber sagt auch unparteiisch, dass am ernsten Ende des achtzehnten Jahrhundertes um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit gerungen werde. So spricht kein offiziöser Herold des unbedingten Gehorsams. Schillers Muse war keine Republikanerin mehr, aber sie war auch nicht absolutistisch geworden.

Begnügen wir uns daher mit seinem, bei aller subjektiven Schicksalsfärbung doch großen, objektiven Zeit- und Charaktergemälde , wie es Schiller selbst angesehen wissen wollte:

Noch einmal lasst des Dichters Phantasie
Die düstre Zeit an euch vorüber führen,
Und blicket froher in die Gegenwart,
Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne…
   Aus diesem finstern Zeitgrund malet sich
Ein Unternehmen kühnen Übermuts
Und ein verwegener Charakter ab.
Ihr kennet ihn, den Schöpfer kühner Heere,
Des Lagers Abgott und der Länder Geißel,
Die Stütze und den Schrecken seines Kaisers,
Des Glückes abenteuerlichen Sohn,
Der, von der Zeiten Gunst empor getragen,
Der Ehre höchst Staffel rasch erstieg,
Und ungesättigt immer weiter strebend,
Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel.
Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;
Doch Euren Augen soll ihn jetzt die Kunst,
Auch Eurem Herzen menschlich näher bringen:
Denn jedes Äußerste führt sie, die alles
Begrenzt und bindet, zur Natur zurück;
Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang
Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld
Den unglückseligen Gestirnen zu.

So gewiss in der Sprache, so gewiss war Schiller im Geist seit dem Don Carlos allerdings ein anderer geworden; er hätte aber nicht, wie er selbst von sich sagt, einen neuen Menschen im Drama angezogen, wenn er wieder in subjektive Absichtlichkeit mit dem Wallenstein herunter gesunken wäre und abermals außerpoetischen Zwecken zu dienen angefangen hätte. Die Mannigfaltigkeit der objektivsten Charaktere, das gediegene Zeitgepräge und der Totaleindruck des Ganzen sprechen gleich sehr gegen jede solche Anschuldigung.

Die Gebrechen der Planlosigkeit im Einzelnen hat Schiller vor sich selbst und dem Freund gehörig aufgedeckt. Der Winkel, in welchen sich seine Subjektivität zurückgezogen, ist ebenfalls von ihm selbst verraten worden: Es ist das idealistisch romantische Liebesgeflüster von Max und Thekla, das die Haupt- und Staatsaktion stört. Aber möchte Deutschland, möchte die Welt diese Störung entbehren? Entwaffnet ihre Lieblichkeit nicht die strengste Kritik?

Jene Liebe beruht freilich auf einer falschen Idealisierung, sie beruht auf einer Unwahrheit, und, wenn man tiefer blicken wollte, auf einer Unsittlichkeit. Schiller vermisst im Homer und den Tragikern die schöne Weiblichkeit und die schöne Liebe, er sieht überall nur Mütter, Töchter, Ehefrauen, nirgends die selbständige weibliche Natur . Aber es stände seiner Thekla gut an, wenn sie eine bessere Tochter wäre. „O meine Mutter! – Ich kann es ihr nicht ersparen!“, ist ein hartes Wort, fast so grausam, als die Selbstsucht ihres Max, der tausend Heldenherzen zwecklos mit seinem eigenen auf dem Altar der Leidenschaft opfert, wofür sein Wort: „Wer mit mir geht, der sie bereit zu sterben –“ keine Entschuldigung enthält.

Die tragischen Frauencharaktere müssen Schiller doch nicht in ihrem vollen Leben aus den deutschen und französischen Übersetzungen vor die Seele getreten sein, sonst hätte er in der Kindesliebe einer Elektra und Iphigenia, der heiligen Geschwisterliebe einer Antigone, der aufopfernden Gattenliebe einer Alcestis gewiss zugleich das Ideal der Menschheit erblickt, wenn anders unter weiblicher Idealität nicht bloß eine idealistische Schwärmerei, eine objekt- und tatenlose Tugend, eine pflichtenlose Liebe zu verstehen sein soll. Etwas fehlt den antiken Weibern freilich: Aber dieses etwas ist ein anderes und tieferes, als die Geschlechtsliebe, so verklärt dieselbe auch von den modernen Dichtern behandelt worden sein mag.

Als ein inhaltsloses Abstraktum aber schien einem der durchdringendsten Geister unserer Zeit Schillers Thekla. „Thekla ist ganz und gar nur die tragische Gurli“, schrieb Rahel ; „beide ohne Knochen, Muskeln und Mark; ganz ohne menschliche Anatomie; so bewegen sie sich auch, wo gar keine menschlichen Glieder sind. Mir aber zum Erstaunen mit dem Beifall des ganzen deutschen Publikums… Eben daran ergötzen sich die Leute, diese bei natürlicher Gliederung nicht hervorzubringenden Bewegungen zu sehen, und bei diesem ihrer Moral schmeichelnden Schauspiel der gesunden menschlichen Organisation zu vergessen.“

Unsre Kunstkritik muss zu diesem harten Urteil eigentlich ja sagen; aber unsre Nationalität, nicht nur die deutsche, die ganze germanische, kann es nicht. So weit unser Stamm reicht, d. h. in der ganzen Christenheit, wird diese Episode des Wallensteins bewundert. „Gewiss, ihrem Gehalt nach“, sagt die deutsche Kritik, „gehört sie zu dem herrlichsten, was je ein in die Seelenschönheit Eingeweihter veröffentlicht hat. Diese unglückliche Liebe hat schon tausend Herzen glücklich gemacht. Immer von neuem beleben sich Max und Thekla zum Liebes- und Herzensideal für jedes nachwachsende Geschlecht .“

Diese gescholtene Unnatur – es ist doch wieder relative, es ist deutsche Natur; denn welcher Deutsche hat nicht so geliebt, und solches geliebt, und kann es bereuen? Auch der deutsche Tieck kann nicht anders, er muss sagen: „Die ganze Verwerflichkeit der düster verworrenen Pläne spiegelt sich in dieser reinen Liebe und wahren Natur. Max und Thekla stellen in ihrem reinen Kreis die edle, schöne Menschlichkeit selbst dar, wie sie ein Bestandteil des innern Wesens unsres Dichters war .“

So unorganisch also im Drama und so unleiblich an sich dieses Liebeszwischenspiel sein mag: Wir wollen es im Wallenstein dulden, wir müssen es lieben, und es wird das herrliche, objektive Lebensbild des ganzen Stückes so wenig, als die Schicksalsidee dies tut, uns verkümmern.

Man denke sich nur einen Krieg, um das Divinatorisch-wahre dieser mächtigen Tragödie in elektrischen Schlägen zu empfinden. Selbst jene Rahel, deren fünfsinniger Realismus sich gegen die Geistergestalt und Geisterstimme Theklas, Augen und Ohren verschloss, griff im Kriegsjahr 1809 zum Wallenstein, der drei Tage auf ihrem Tisch gelegen. Und als sie ihn wieder gelesen hatte, rief sie aus: „Wie passt jetzt jedes Wort, jede Tragödie in der Tragödie! Wie versteh’ ich jetzt Welthändel und Dichter erst! Es gibt großartigere Geistesschwingungen; was einen zu bedenken zwingt, dass von je die Welt in Gärung stand; und nicht schlecht hat der Dichter den um uns noch wütenden dreißigjährigen Krieg gegriffen !“

In den frühern Stücken des Dichters zerbrach das Objekt unter den Händen des Subjekts. Der Wallenstein aber ist so objektiv, als ein Stück Schillers es sein kann, ohne kalt zu sein. Ein Strahl seiner Subjektivität bricht durch alle seine Dramen: Aber das ganze Licht seiner Persönlichkeit erwärmt, durchleuchtet und durchschimmert den Wallenstein; eben dadurch wird er unsterblich sein, und ein edler Dichter aus Weimars Schule rief nicht umsonst dem Verein für Schillers Denkmal zu:

Soll dieses Mal von ew’ger Dauer sein,
So mauert in den Grund den Wallenstein.

Ü   Þ


1) Eckermann I, S. 381. Hiermit stimmt überein, was Goethe schon 1808 gegen Falk äußerte: „Es ist mit diesem Stück, wie mit einem ausgelegenen Wein: Je älter sie werden, desto mehr Geschmack gewinnt man an ihnen. Ich nehme mir die Freiheit, Schiller für einen Dichter und sogar für einen großen zu halten, wiewohl die neuesten Imperatoren und Diktatoren gesagt haben, er sei keiner.“ (Aus Falk bei Hoffm. IV, 72.) ­
2) Hinrichs III, 77.
­
3) Hoffm. IV, 1-72. Hinrichs III, 77-137. Dazu Fr. v. Wolz. II, 179 f. Carlyle S. 186-220.
­
4) Sehr wahr. Man denke nur an die Worte Wallensteins (Tod, Akt I, Sz.6): „Und ich erwart’ es, dass der Rache Stahl“ usw., und an Buttlers Worte (Akt IV, Sz. 9): „Sein böses Schicksal ists“ usw.
­
5) Es hatte sich zwar von 1791 bis 1794 der Embryo eines Wallenstein in Schillers Geist angesetzt, aber wir wissen durchaus nichts von seiner Gestalt; im jetzigen ist keine Spur davon; dieser ist eine neue Geburt.
­
6) Welche prophetische, d. h. mögliche Fälle voraus zeichnende, Wahrheit in Wallensteins Lager und in der Generalstaffel der Piccolomini dargestellt ist, wird man inne, wenn man z. B. die Schilderungen aus dem Königs- und dem Feldherrnlager des spanischen Prätendenten, des dermaligen Don Carlos, in den letzten Märzbeilagen der Allgem. Zeitung von 1840 liest.
­
7) Briefwechsel mit Humboldt S. 363.
­
8) II, 67, 2. Dezember 1812.
­
9) Hoffm. III, 51.
­
10) Bei Hoffm. III, S. 45.
­
11) Rahel I, 416 f. den 9. Mai 1809 (an Schillers Todesttag).
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de