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Aufführung der Piccolomini

Am 30. Januar 1799, dem Geburtstag der Herzogin von Weimar, fand die erste Aufführung der Piccolomini statt. Goethe und Schiller, der am 4. Januar mit seiner Familie ein durch Goethe niedlich für ihn eingerichtetes Absteigequartier im Schloss zu Weimar bezogen hatte, quälten sich ab, den verbannten Vers auf dem Theater zu rehabilitieren1), indem sie den Schauspielern, die sich ganz vom rhythmischen Gang entwöhnt hatten, das Deklamieren begreiflich machten und die jüngern skandieren lehrten. Mit Mühe wurden die Rollen besetzt, mit Genauigkeit unter Meyers Mitwirkung die Dekorationen angeordnet, mit Ängstlichkeit das Kostüm zusammengesucht. Aus einer alten Rüstkammer zu Weimar war, zu Schillers großer Freude, Hut, Stiefel und Wamms eines schwedischen Obristen hervorgezogen worden; in dem Schloss zu Jena hatte Goethe eine eiserne Ofenplatte entdeckt, auf welcher die Jahreszahl von Wallensteins Abfall stand; sie musste mit den darauf abgebildeten Figuren eine Richtschnur für die Kleidung der übrigen Personen abgeben, und insbesondere wurde Questenberg, „die alte Perücke2)“, danach kostümiert. Für Wallensteins Barett wurden Reiherfedern in der Theatergarderobe zusammengesucht, ihm auch auf Goethes Rat ein roter Mantel gegeben, damit er von hinten den andern nicht so gleich sähe. Wiederholte Proben wurden gehalten.

„So ist denn endlich der große Tag angebrochen, auf dessen Abend ich neugierig und verlangend genug bin“, schreibt Goethe in einem Billet am Morgen des dreißigsten an seinen Freund, und lädt ihn zum Mittagsmahl ein. Schon früh morgens war eine Menge Menschen aus der Nachbarschaft, zumal von Jena, herbeigeströmt. Man drängte sich ins Theater, und konnte den Anfang kaum erwarten.

Die Vorstellung gelang vollkommen, und es wehte, wie Schillers Schwägerin sagt, ein höherer Geist in ihr, der sich aus dem kleinen Weimar durch ganz Deutschland verbreitete. Schiller genoss lebhaft die Arbeit von sieben Jahren. Goethes freundlicher Anteil, die allgemein erhöhte Stimmung der Gesellschaft, gaben ihm einen lebendigen Genuss seiner selbst. Die ersten Darsteller von Max und Thekla (Vohs und Dem. Jagemann) konnten als Muster gelten, wiewohl viele die letztere zu fest und kalt finden wollten; aber Schiller war mit ihr wohl zufrieden, weil sie „Wallensteins starkes Mädchen“ besonders hervorgehoben hatte. Graff spielte den Wallenstein trefflich und erzählt uns3), dass Schiller selbst ihn denselben habe spielen lehren. Er übertraf darin viele Nachfolger, namentlich Iffland, der sich in dieser Rolle ganz vergriff4).

Die Länge der Aufführung hatte manche Zuschauer ermüdet; aber Schiller war mit der Darstellung ganz zufrieden, und soll in seines Herzens Freude den Schauspielern zu dem Mahl im zweiten Akt noch einige Flaschen Champagner unter dem Mantel selbst hinaufgetragen haben.

Am 2. Februar wurde das Stück wiederholt, und die Aufführung ging noch um vieles besser als die erste. In Folge derselben wurde der in Weimar anwesende Dichter an die herzogliche Tafel gezogen. Mit Ärger erfuhr Schiller bald darauf, dass Wallensteins Lager, das er noch nicht aus den Händen gegeben, in Kopenhagen sei, und dort bei Schimmelmanns vorgelesen, ja an des Grafen Geburtstag aufgeführt worden. Er hatte einen Freund „Ubique“, hinter dem man Böttiger sucht, im Verdacht, und bat Goethe, das Theatermanuskript der Piccolomini zu sich ins Haus zu nehmen, „weil es doch ein fataler Streich wäre, wenn die Sachen in der Welt herumliefen.“ Ein junger Dichter, der seitdem einen sehr ehrenvollen Platz in unserer Literatur eingenommen hat, J. D. Gries, durfte es daher als eine besondere Gunst betrachten, dass ihm auf einer Reise nach Göttingen Schiller, damals Goethes Gast in Weimar, das Manuskript von Wallensteins Tod mit der einzigen, heilig gehaltenen Bedingung, nichts daraus abzuschreiben, nach Hause gab. Gegen denselben äußerte Schiller auch, dass er im Gordon eine Art Chor in das Stück einführen wollen5).

Durch das theatralische Wesen, den mehreren Umgang mit der Welt, das anhaltende Zusammensein mit Goethe fühlte sich Schiller viel verändert. Wenn er erst der Wallensteinschen Masse los sein würde, wollte er sich als einen ganz neuen Menschen fühlen.

Nach der Aufführung vernahm er gar verschiedenartige Urteile über sein Stück, namentlich scheint die beiden Freunde ein Brief Körners darüber nicht erbaut zu haben. „Es weiß sich kein Mensch“, sagt Goethe, „weder in sich selbst noch in andre zu finden, und muss sich eben sein Spinnengewebe selbst machen, aus dem er wirkt. Das alles weist mich immer mehr auf meine poetische Natur zurück. Man befriedigt bei dichterischen Arbeiten sich selbst am meisten, und hat noch dadurch den besten Zusammenhang mit andern.“

Was Schiller zu seiner Rechtfertigung öffentlich sagen wollte, aber nie gesagt hat, schüttete er im Mai dieses Jahres in den Busen eines ungenannten Freundes zu Weimar aus6). „Der historische Wallenstein“, sagte er diesem, „war nicht groß, der poetische sollte es nie sein. Der Wallenstein in der Geschichte hatte die Präsumtion für sich, ein großer Feldherr zu sein, weil er glücklich, gewaltig und keck war; er war aber mehr ein Abgott der Soldateska, gegen die er splendid, königlich und freigebig war, und die er auf Unkosten der ganzen Welt in Ansehen erhielt. Aber in seinem Betragen war er schwankend und unentschlossen, in seinen Plänen phantastisch und exzentrisch, und in der letzten Handlung seines Lebens, der Verschwörung gegen den Kaiser, schwach, unbestimmt, ja sogar ungeschickt. Was an ihm groß erschienen, aber nur scheinen konnte, war das Rohe und Ungeheure, also gerade das, was ihn zum tragischen Helden schlecht qualifizierte. Dieses musst eich ihm nehmen, und durch den Ideenschwung, den ich ihm dafür gab, hoffe ich ihn entschädigt zu haben.

Es lag weder in meiner Absicht, noch in den Worten meines Textes, dass ich Octavio Piccolomini als einen so gar schlimmen Mann, als einen Buben darstellen sollte. In meinem Stück ist er das nie; er ist sogar ein ziemlich rechtlicher Mann nach dem Weltbegriff, und die Schändlichkeit, die er begeht, sehen wir auf jedem Welttheater von Personen wiederholt, die, so wie er, von Recht und Pflicht strenge Begriffe haben. Er wählt zwar ein schlechtes Mittel, aber er verfolgt einen guten Zweck. Er will den Staat retten, er will seinem Kaiser dienen, den er nächst Gott als den höchsten Gegenstand seiner Pflichten betrachtet. Er verrät einen Freund, der ihm vertraut, aber dieser Freund ist ein Verräter seines Kaisers, und in seinen Augen zugleich ein Unsinniger.

Auch meiner Gräfin Terzky möchte etwas zu viel geschehen, wenn man Tücke und Schadenfreude zu den Hauptzügen ihres Charakters machte. Sie strebt mit Geist, Kraft und einem bestimmten Willen nach einem großen Zweck, ist aber freilich über die Mittel nicht verlegen. Ich nehme keine Frau aus, die auf dem politischen Theater, wenn sie Charakter und Ehrgeiz hat, moralischer handelte.“ –

Im März berichtete Iffland an Schiller über die Aufführung der Piccolomini in Berlin. Sie war gerade so ausgefallen, wie Schiller gemutmaßt; man konnte fürs erste damit zufrieden sein.

Ü   Þ


1) Auch den Don Carlos hatte Schiller in Prosa umsetzen müssen, ehe er das erste Mal in Leipzig gegeben werden konnte, und nach diesem Manuskript wurde er zuerst auch in Berlin, Dresden usw. aufgeführt. Diese Notiz und die ganze Handschrift verdanken wir Ed. Boas (III, 228 ff.) ­
2) Dieser kleine Anachronismus in Wallensteins Lager wurde, auf Goethes Bedenken, von Schiller vor der ersten Aufführung in einen „spanischen Kragen“ verwandelt. (Briefw. IV, 329) Aber die Perücke erhielt sich im Druck und Spiel.
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3) In Schillers Album S. 88.
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4) Hinrichs III, 53. wie meisterlich den Wallenstein Eslair in seien jüngern Jahren dargestellt, wissen noch viele.
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5) Schriftliche Mitteilung meines verehrten Freundes Gries. S.
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6) Schillers Briefwechsel von Döring III, S. 107. Dörings neues Leben, S. 221.
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