Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
               Buch 2
               Buch 3
                  Schiller, Humboldt, Goethe
                  Horen
                  Fortführung Horen
                  Schillers Aufsätze
                  Lyrik
                  Musenalmanach
                  Epos und Drama
                  Xenien
                  Familienverluste
                  Abschied Philosophie
                  Balladenjahr
                  Wallenstein
                  Auff. Lager
                  Auff. Piccolomini
                  Wallensteins Tod
                  Urteile Wallenstein
                  Literar. Berührungen
                  Häuslicher Jammer
                  Maria Stuart
                  Jungfrau von Orleans
                  Auff. Jungfrau
                  Urteile
                  Schillers Tischreden
                  Lebene in Weimar.
                  Braut von Messina
                  Gelehrte mit Schiller
                  Wilhelm Tell
                  Letztes Lebensjahr
                  Der letzte Winter
                  Krankheit und Tod
                  Begräbnis
                  Rückblick
               Urkunden

Aufführung des Lagers

Während nun Schiller im Juli sein Gartenhäuschen in Jena unter ein Strohdach brachte, wurde der Tempel seiner Melpomene zu Weimar durch den Architekten Thouret1) unter Goethes Oberaufsicht aufs geschmackvollste zu dekorieren angefangen2). Es ging den Sommer über rasch und sollte, nach Goethes Versicherung, recht artig werden.

Der Überdruss, den man an Ifflands Stücken, wie beim langen Angaffen eines Alltagsgesichts, zu empfinden anfing, ließ Schiller einen günstigen Moment für seinen Wallenstein hoffen. Im September war er mit dem „Lager“, das jetzt einen Prolog bildete, beschäftigt. Derselbe sollte, „als ein lebhaftes Gemälde eines historischen Moments und einer gewissen soldatischen Existenz ganz gut auf sich selber stehen können.“ Am 4. Oktober ging er an Goethe ab, und war somit das Erste, was vom Wallenstein ihm unter die Augen trat. Goethe hatte seine große Freude daran, er hatte schon früher die ihm allein bekannte Anlage vortrefflich genannt, und fand ihn jetzt geraten, wie er angelegt war.

Die Kritik in Deutschland wollte dem subjektiven Schiller noch lange nach seinem Tode nicht etwas so rein und meisterlich Objektives zutrauen; zum wenigsten die allerdings erst nachträglich eingeschobene Kapuzinerpredigt sollte von Goethe sein. Dieser aber hatte dem Freunde dazu nur den Abraham a Sancta Clara geliehen, im ganzen Lager nur hier und da „wegen des Theatereffekts einen kleinen Pinselstrich aufgehöht“, und, nach seiner Versicherung bei Eckermann3) nur die zwei Linien zu Anfang des Stücks,

„Ein Hauptmann, den ein andrer erstach,
Ließ mir die zwei glückliche Würfel nach“

zu besserer Motivierung dem Bauern in den Mund gelegt, und nach dem Briefwechsel4) für die erste Aufführung ein einleitendes Soldatenlied, das Schiller noch mit ein paar Versen vermehrte, hinzugefügt. So wurde der Prolog gedruckt und sofort einstudiert5).

Einige Anspielungen auf Zeitbegebenheiten wurden zu besserer Wirkung auch eingeschaltet. Das neu erbaute, freundliche Theater (das die Flammen im Jahr 1825 zerstört haben) wurde mit der Vorstellung eingeweiht. Goethe, Schiller und Frau von Wolzogen, die dies berichtet6), waren bei der letzten Probe allein gegenwärtig, und überließen sich ganz dem hinreißenden Vergnügen, die eigentümliche Dichtung in ihrem vollen Leben zu sehen. Der Wallone erschien ihnen wie eine homerische Gestalt, eine plastische Darstellung des neuern Kriegslebens. Schiller war gerührt über die Freude der Freunde.

Die Vorstellung selbst (am 18. oder 19. Okt.) übertraf die kühnsten Erwartungen. Der Prolog wurde von dem Schauspieler Vohs in dem Kostüm, das späterhin Max Piccolomini trug, mit Innigkeit, Anmut und Würde gesprochen. Genast als Kapuziner, Leißring als erster Jäger entzückten durch ihr gelungenes Spiel7). An die Stelle des Constabels war ein Stelzfuß getreten.

Die Gelehrten aber urteilten anders als Goethe und das Publikum. Wieland fand das Lager höchst unmoralisch; Jean Paul wurde auf die ersten Vorstellungen desselben verdrießlich, und Herder gar über die „sittlichen und ästhetischen Fehler des Stückes“ vor Ärger krank. Goethe dagegen freute sich, dass alles so vergnügt und heiter geschieden sei und pries den angenehmen Tag. Und Ludwig Tieck, kein parteiischer Freund Schillers, nennt das Lager „trefflich, unvergleichbar. Alles lebt und stellt sich dar, nirgends Übertreibung, nirgends Lückenbüßer, so der echte, militärische, gute und böse Geist jener Tage, dass man alles selbst zu erleben glaubt; kein Wort zu viel noch zu wenig; es gehört freilich [was A. W. Schlegel getadelt hatte] nicht zur Handlung selbst, von welcher es sich auch durch Sprache und Reimweise absondert; es ist Schilderung eines Lagers und der Stimmung desselben, ein Gemälde ohne Handlung, in niederländischer Manier, Stil und Haltung ganz anders als die Tragödie.“

Auch Frau von Stael, die das Stück während ihres Aufenthalts in Deutschland aufführen sah, bewunderte den kriegerischen Eindruck desselben. Als man es in Berlin vor den Offizieren gab, die sich zum Krieg anschickten, erscholl von allen Seiten das laute Geschrei des Enthusiasmus8).

Nach Jena von der Aufführung des Lagers zurückgekehrt, arbeitete Schiller unverdrossen am noch übrigen Hauptstück, aber die Umsetzung seines Textes in eine angemessene, deutliche und maulrechte Theatersprache war eine sehr aufhaltende Arbeit, und die Vorstellung der Wirklichkeit und des Theaterpersonals stumpfte allen poetischen Sinn ab.

Am 6. Nov. verließ er den Garten, und zog sich auf sein „Kastell“ in die Stadt zurück. Hier ging er bald an den Teil des Wallensteins, den er für den poetisch wichtigsten hielt, an die von dem geschäftigen Wesen der übrigen Staatsaktion völlig getrennte Liebe. Mit Recht fürchtete er abermals, dass das überwiegende menschliche Interesse dieser großen Episode leicht etwas an der schon feststehenden ausgeführten Handlung verrücken möchte: „Denn ihrer Natur nach gebührt ihr die Herrschaft.“

Die Piccolomini sollten nicht eher aus seiner Hand in die der Weimaraner Schauspieler kommen, als bis wirklich auch das dritte Stück, Wallensteins Tod, ganz ihm aus der Feder wäre, was mit Apollos Gunst in den nächsten sechs Wochen geschehen sollte. Auch das astrologische Motiv machte ihm noch viel zu schaffen9). Als es nun von Goethe gebilligt und gerettet war, da rief Schiller gerührt und vergnügt am 11. Dez. aus: „Es ist eine rechte Gottesgabe um einen weisen und sorgfältigen Freund, das habe ich bei dieser Gelegenheit aufs Neue erfahren. Ihre Bemerkungen sind vollkommen richtig, und Ihre Gründe überzeugend. Ich weiß nicht, welcher böse Genius über mir gewaltet, dass ich das astrologische Motiv im Wallenstein nie recht anfassen wollte, da doch eigentlich meine Natur die Sachen lieber von der ernsthaften als leichten Seite nimmt!“

Mit erleichtertem Herzen setzte sich der Dichter am 24. Dez. an den Schreibtisch, um dem Freund zu melden, dass er, von einer recht glücklichen Stimmung und wohl ausgeschlafenen Nacht sekundiert, die Piccolomini bis auf die Szene im astrologischen Zimmer vollendet, und, nachdem er drei Kopisten zugleich beschäftigt, sie soeben an den tribulierenden Iffland nach Berlin abgesandt. „So ist aber auch schwerlich“, sagt er, „ein heiliger Abend auf dreißig Meilen in der Runde vollbracht worden, so gehetzt nämlich und so qualvoll über der Angst, nicht fertig zu werden.“

Am letzten Jahrestag 1798 erhielt auch Goethe endlich aus Schillers Hand „die Piccolomini“ ganz, aber „ganz erschrecklich gestrichen“, indem der Dichter, zu Gunsten der Aufführung aus der schon verkürzten Edition noch 400 Jamben ausgestoßen hatte. „Möchte es“, schreibt er, „eine solche Wirkung auf Sie tun, dass Sie mir Mut und Hoffnung geben können, denn die brauche ich.“

Goethe versparte seien Äußerung aufs Mündliche, nur von den zärtlichen Szenen schreibt er am 2. Jan. 1799, dass sie gut geraten, und von der Einleitung der Astrologie in denselben, dass sie äußerst glücklich sei.

Ü   Þ


1) Herr von Thouret, Vorstand und Professor der Kunstschule und Ritter des württemb. Kronordens, lebt und wirkt zu Stuttgart und hat sich um das Denkmal Schillers wesentliche Verdienste erworben. ­
2) Briefw. IV, S. 237, 239, 270, 276.
­
3) Eckermann II, 346.
­
4) Briefw. IV, S. 325, 335.
­
5) Bei einer spätern Aufführung weigerte sich Herr Becker, ein namhafter Schauspieler, einen gemeinen Reiter im Lager zu spielen. Goethe ließ ihm aber sagen, wenn er die Rolle nicht spielen wolle, so wolle er, Goethe, sie selber spielen. „Das wirkte“, sagte Goethe zu Eckermann, „denn sie kannten mich beim Theater und wussten, dass ich in solchen Dingen keinen Spaß verstand, und dass ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste zu tun. Ich hätte die Rolle gespielt und würde den Herrn Becker heruntergespielt haben, denn ich kannte die Rolle besser als er.“ Eckermann I, 122 f.
­
6) Fr. v. Wolz. II, 176 ff.
­
7) Döring, zweites Leben, S. 219 f.
­
8) Diese und andere Urteile, nebst seinem eigenen, findet man ausführlich bei Hinrichs; III, S. 33-42. Nicht versagen können wir es uns, die monarchisch-metaphysische Apologie des Reiterlieds bei diesem Kritiker unsern Lesern vorzulegen (Hinr. III, 41 f.): „Frei sein ist [den Soldaten in Wallensteins Lager] Soldat sein. – In dem Reiterlied wird das Selbstgefühl dieser Abstraktion der Freiheit laut. Wegen der Abstraktion der Willkür hat dies Lied Ähnlichkeit mit dem Räuberlied, aber der Unterschied ist, dass hier die Freiheit nicht mehr der Wirklichkeit gegenüber, sondern in der Wirklichkeit abstrakt ist. Die Soldaten [die Soldateska Wallensteins!!] dienen einem rechtlichen Zweck, sind der Ordnung des Lebens gegenüber keine Bande, wie die Räuber, sondern gehören vielmehr zur Ordnung; wenn es im Krieg auch momentan zur Unordnung kommt, so ist doch diese nicht Zweck, wie dies in den Räubern der Fall ist. Wallenstein ist kein Räuberhauptmann wie Karl Moor, sondern ist Feldhauptmann. In dem Reiterlied ist der Boden für die Freiheit das Feld der Ehre, in dem Räuberlied die Unehre; der Kampf der Soldaten ist Pflicht, der Angriff der Räuber ein Verbrechen. Ein Freikorps in der Armee ist was anders als eine Bande; jenem ist die Freiheit gegeben, es ist freigelassen, während diese sich die Freiheit genommen hat.“ – Der törichte Schiller, der meinte, er schildere „Raub, Elend, Freiheit roher Horden“, wie er im Prolog redet, der aus seinem „Lager“ Wallensteins „Verbrechen“ erklären wollte, und nicht wusste, dass er loyale, nur momentan freigelassene, übrigens zur Ordnung gehörende, einem rechtlichen Zweck dienende Truppen eines K. K. Feldhauptmanns zeichne!
­
9) Briefw. IV, S. 365 ff., 373 ff. 377.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de