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Der Wallenstein

Wir haben gesehen, dass Schiller die erste Anlage zu dieser Tragödie schon im Jahr 1793 mit nach Schwaben genommen und einen Anfang derselben im Frühjahr 1794 nach Jena zurückgebracht hatte. Seitdem ruhte der Stoff, selbst unter den großen Unterbrechungen, die seinen ganzen Fleiß, die ganze Tätigkeit seines Geistes und selbst oft seine ganze Begeisterung in Anspruch nahmen, nie völlig in seiner Künstlerseele, welche sich endlich ganz in ihn ergießen sollte. Doch stritten sich, wie es scheint, noch im Jahr 1795 die „Malteser“ um die Priorität in seinem Geist, bis im Beginn des folgenden Jahres sein Entschluss sich für den Wallenstein entschied. „Ich habe“, sagt er zu Goethe (18. März 1796), „an meinen Wallenstein gedacht, sonst aber nichts gearbeitet. Die Zurüstungen zu einem so verwickelten Ganzen, wie ein Drama ist, setzen das Gemüt doch in eine gar sonderbare Bewegung. Schon die allererste Operation, eine gewisse Methode für das Geschäft zu suchen, um nicht zwecklos herumzutappen, ist keine Kleinigkeit. Jetzt bin ich erst an dem Knochengebäude, und ich finde, dass von diesem, wie in der menschlichen Struktur, auch in der dramatischen alles abhängt. Ich möchte wissen, wie sie in solchen Fällen zu Werke gegangen sind. Bei mir ist die Empfindung anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemütsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.“

Die Xenien störten diese Empfindung; erst im Oktober nahm Schiller den Wallenstein wieder vor, aber „er ging noch immer darum herum, und wartete auf eine mächtige Hand, die ihn ganz hineinwirft.“ Die Jahreszeit drückte ihn, und oft meinte er, mit einem heitern Sonnenblick müsste es gehen. Im November wandte er sich dem fleißigen Quellenstudium des Stoffes zu, und gewann in der Ökonomie des Stückes nicht unbedeutende Fortschritte. „Je mehr ich“, spricht er am 13. Nov., „meine Ideen über die Form des Stücks rektifiziere, desto ungeheurer erscheint mir die Masse, die zu beherrschen ist, und wahrlich ohne einen gewissen kühnen Glauben an mich selbst würde ich schwerlich fortfahren können.“ Das sah er bald ein, dass ihm der Wallenstein den ganzen Winter und wohl fast den ganzen Sommer kosten konnte, „weil er den widerspenstigsten Stoff zu behandeln habe, dem er nur durch ein heroisches Ausharren etwas abgewinnen kann.“ – „Da mir außerdem noch so manche selbst der gemeinsten Mittel fehlen, wodurch man sich das Leben und die Menschen näher bringt, aus seinem engen Dasein heraus und auf eine größere Bühne tritt, so muss ich, wie ein Tier, dem gewisse Organe fehlen, mit denen, die ich habe, mehr tun lernen, und die Hände gleichsam mit den Füßen ersetzen. In der Tat verliere ich darüber eine unsägliche Kraft und Zeit, dass ich mir eigene Werkzeuge zubereite, um einen so fremden Gegenstand, als mir die lebendige und besonders die politische Welt ist, zu ergreifen.“ Noch immer war er nicht gewiss, ob der Stoff sich zur Tragödie auch nur qualifiziere, ob er nicht nur „ein würdiges dramatisches Tableau“ daraus machen, aber „die Malteser“ vorher ausarbeiten sollte (18. Nov.). Zehn Tage darauf war ihm so ziemlich klar, was er wollte, sollte und hatte, und es galt nur noch das Ausrichten. „Es will mir ganz gut gelingen“, sagt er, „meinen Stoff außer mir zu halten, und nur den Gegenstand zu geben. Beinahe möchte ich sagen, dass Sujet interessiert mich gar nicht, und ich habe nie eine solche Kälte für meinen Gegenstand mit einer solchen Wärme für die Arbeit in mir vereinigt. Den Hauptcharakter, sowie die meisten Nebencharaktere, traktiere ich wirklich bis jetzt mit der reinen Liebe des Künstlers; bloß für den nächsten nach dem Hauptcharakter, den jungen Piccolomini, bin ich durch meine eigene Zuneigung interessiert, wobei das Ganze übrigens eher gewinnen als verlieren soll.“ Der Stoff erschien ihm immer noch undankbar und unpoetisch, „er wollte nicht ganz parieren; im Gang waren noch Lücken; manches wollte sich gar nicht in die engen Grenzen einer Tragödienökonomie hineinbegeben.“ Die Katastrophe fand er für eine tragische Entwicklung so ungeschickt. „Das eigentliche Schicksal tut noch zu wenig, und der eigene Fehler des Helden noch zu viel an seinem Unglück.“ Doch tröstete er sich mit Macbeth.

Mitte Dezember 1796 war er emsig in der Arbeit. Goethe fand es in der Regel, dass es mit dem Wallenstein so gehe, wie Schiller schreibt. „Ich habe desto mehr Hoffnung darauf, da er sich nun selbst zu produzieren anfängt, und ich freue mich, den ersten Akt nach dem neuen Jahr anzutreffen.“ Das Werk rückte indessen mit lebhaftem Schritt weiter. Es war dem Dichter nicht mehr möglich, solange er anfangs gewollt, die Vorbereitung und den Plan von der Ausführung zu trennen. Der Anstoß durch die mächtige Hand des Genius war erfolgt. „Sobald die festen Punkte einmal gegeben waren, und ich überhaupt nur einen sichern Blick durch das Ganze bekommen, habe ich mich gehen lassen; und so wurden, ohne dass ich es eigentlich zur Absicht hatte, viele Szenen im ersten Akt [d. h. in Wallensteins Lager] gleich ausgeführt. Meine Anschauung wird mit jedem Tag lebendiger und eins bringt das andere herbei.“ Am Dreikönigstag hoffte er den ersten Akt Goethe überschicken zu können. „Denn ehe ich mich weiter hineinwage, möchte ich gerne wissen, ob es der gute Geist ist, der mich leitet. Ein böser ist es nicht, das weiß ich wohl gewiss, aber es gibt so viele Stufen zwischen beiden.

Bis jetzt war er, „nach reifer Überlegung, bei der lieben Prosa geblieben, die diesem Stoff auch viel mehr zusagt.“

Im neuen Jahr machte die Arbeit Riesenschritte, denn schon am 1. März schreibt Goethe: „Leben Sie wohl und führen Sie nur auch, wachend oder träumend, Ihre Piccolominis auf dem guten Weg weiter.“ Am 4. April hatte der Dichter ein detailliertes Szenarium des Wallenstein entworfen, um sich die Übersicht der Momente und des Zusammenhangs auch durch die Augen mechanisch zu erleichtern. Das Studium der Griechen, des Philoktet, der Trachinierinnen, Stücke, die er eben gelesen, überzeugte ihn immer mehr, „dass der ganze cardo rei in der Kunst, eine poetische Fabel zu erfinden1), liegt. Der Neuere schlägt sich mühselig und ängstlich mit Zufälligkeiten und Nebendingen herum, und über dem Bestreben, der Wirklichkeit recht nahe zu kommen, beladet er sich mit dem Leeren und Unbedeutenden, und darüber läuft er Gefahr die tief liegende Wahrheit zu verlieren, worin eigentlich alles Poetische liegt. Er möchte gern einen wirklichen Fall vollkommen nachahmen, und bedenkt nicht, dass eine poetische Darstellung mit der Wirklichkeit eben darum, weil sie absolut wahr ist, niemals coincidieren kann.“ Auf Goethe wirkten diese Worte. „Sie haben ganz recht“, antwortete er, „auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; die meisten Leser und Zuschauer nehmen doch nichts weiter mit davon, und dem Dichter bleibt das ganze Verdienst einer lebendigen Ausführung, die desto stetiger sein kann, je besser die Fabel ist. Wir wollen auch künftig sorgfältiger, als bisher, das, was zu unternehmen ist, prüfen.“

Im April noch machte Schiller kabbalistische und astrologische Studien zum Wallenstein und Seni, und war nicht ohne Hoffnung, diesem Stoff „eine poetische Dignität zu geben.“ Zugleich fuhr er fort, seine tiefsinnigen Gedanken über Charaktere mit dem Freund auszutauschen. Wenn er seinen Garten bezogen hätte, wollte er die Fabel des Wallensteins ganz niederschreiben. Eine besondere Liebe zu dem Werk ergriff ihn aufs Neue, aber jede Mitteilung hielt er, als das Fertigmachen störend, zurück. Mitten unter dem Gartenbauwesen arbeitete er fort und studierte den Aristoteles, „der ein wahrer Höllenrichter für alle ist, die entweder an der äußern Form sklavisch hängen, oder die über alle Form sich hinwegsetzen.“ Er war aber froh, dass er ihn nicht früher gelesen, ehe er über die Grundbegriffe klar geworden.

Die Balladen verursachten, wie vorher die Xenien, einen stillstand in dem Trauerspiel, so dass Goethe am 22. August, von Frankfurt aus, mahnen musste: „An Wallenstein denken sie wohl gegenwärtig, da der Almanach besorgt sein will, wenig oder gar nicht? Lassen Sie mich doch davon, wenn Sie weiter vorwärts rücken, auch etwas vernehmen.“ Diese Teilnahme Goethes wirkte immer belebend und befruchtend auf Schiller. Schon am 21. Juli hatte er dem Freund geschrieben: „Die schönste und die fruchtbarste Art, wie ich unsere wechselseitigen Mitteilungen benutze und mir zu eigen mache, ist immer diese, dass ich sie unmittelbar auf die gegenwärtige Beschäftigung anwende, und gleich produktiv gebrauche… Und so hoffe ich, soll mein Wallenstein und was ich künftig von Bedeutung hervorbringen mag, das ganze System desjenigen, was bei unserem Commercio in meine Natur hat übergehen können, in concreto zeigen und enthalten.“

„Jetzt“, berichtet Schiller seinem Goethe am 2. Okt., „da ich den Almanach hinter mir habe, kann ich mich endlich wieder zu dem Wallenstein wenden. Indem ich die fertig gemachten Szenen wieder ansehe, bin ich im Ganzen zwar wohl mit ihnen zufrieden, nur glaube ich einige Trockenheit darin zu finden, die ich mir aber ganz wohl erklären und auch wegzuräumen hoffen kann. Sie entstand aus einer gewissen Furcht, in meine ehemalige rhetorische Manier zu fallen, und aus einem zu ängstlichen Bestreben, dem Objekt recht nahe zu bleiben. Nun ist aber das Objekt schon an sich selbst etwas trocken, und Bedarf mehr als irgendeines der praktischen Liberalität; es ist daher hier nötiger als irgendwo, wenn beide Abwege, das Prosaische und das Rhetorische, gleich sorgfältig vermieden werden sollen, eine recht reine poetische Stimmung zu erwarten.

Ich sehe zwar noch eine ungeheure Arbeit vor mir, aber so viel weiß ich, dass es keine faux-frais sein werden; denn das Ganze ist poetische organisiert, und ich darf wohl sagen, der Stoff ist in eine reine tragische Fabel verwandelt. Der Moment der Handlung ist so prägnant, dass alles, was zur Vollständigkeit desselben gehört, natürlich, ja in gewissem Sinn notwendig darin liegt, daraus hervorgeht. Es bleibt nichts Blindes darin, nach allen Seiten ist es geöffnet. Zugleich gelang es mir, die Handlung gleich vom Anfang in eine solche Präzipitation und Neigung zu bringen, dass sie in stetiger und beschleunigter Bewegung zu ihrem Ende eilt. Da der Hauptcharakter eigentlich retardierend ist, so tun die Umstände alle zur Krise, und dies wird, wie ich denke, den tragischen Eindruck sehr erhöhen.“

Aber immer, mitten in der eifrig-langsamen Arbeit hatte er noch über den „vielen und ungestaltbaren“ Stoff zu klagen. Gewiss wäre derselbe auch unter der Behandlung in unendliche Breite zerflossen, wenn er nicht, seit dem November 1797, Hand ans Werk gelegt hätte, die prosaische Sprache des Wallensteins in eine poetisch-rhythmische zu verwandeln. „Ich habe noch nie“, sagt er zu Goethe am 24. Nov., „mich so augenscheinlich überzeugt, als bei meinem jetzigen Geschäft, wie genau in der Poesie Stoff und Form, selbst äußere, zusammenhängen. Ich befinde mich unter einer ganz andern Gerichtsbarkeit als vorher; selbst viele Motive, die in der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen schienen, kann ich jetzt nicht mehr brauchen: Sie waren bloß gut für den gewöhnlichen Hausverstand, dessen Organ die Prosa zu sein scheint; aber der Vers fordert schlechterdings Beziehungen auf die Einbildungskraft, und so musste ich auch in mehreren meiner Motive poetischer werden. Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen, wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“ Damit verbindet er eine andere Bemerkung: „Es scheint, dass ein Teil des poetischen Interesses in dem Antagonism zwischen dem Inhalt und der Darstellung liegt. Ist der Inhalt sehr poetisch bedeutend, so kann eine magere Darstellung und eine bis zum Gemeinen gehende Einfalt des Ausdrucks ihm recht wohl anstehen, da im Gegenteil ein unpoetischer gemeiner Inhalt, wie er in einem größeren Ganzen oft nötig wird, durch den belebten und reichen Ausdruck poetische Dignität erhält.“

Geschwind und aus dem Stegreif antwortet ihm Goethe schon am folgenden Tag, dass er „nicht allein seiner Meinung sei, sondern noch viel weiter gehe.“ „Alles Poetische sollte rhythmisch behandelt werden! Das ist meine Überzeugung; und dass man nach und nach eine poetische Prosa einführen konnte, zeigt nur, dass man den Unterschied zwischen Prosa und Poesie gänzlich aus den Augen verlor. Es ist nicht besser, als wenn sich jemand in seinem Park einen trockenen See bestellte und der Gartenkünstler diese Aufgabe dadurch aufzulösen versuchte, dass er einen Sumpf anlegte. Diese Mittelgeschlechter sind nur für Liebhaber und Pfuscher, sowie die Sümpfe für Amphibien. Indessen ist das Übel in Deutschland so groß geworden, dass es kein Mensch mehr sieht, ja, dass sie vielmehr, wie jenes kröpfige Volk, den gesunden Bau des Halses für eine Strafe Gottes halten. Alle dramatischen Arbeiten, (und2) vielleicht Lustspiel und Farce überhaupt) sollten rhythmisch sein, und man würde alsdann eher sehen, wer was machen kann. Jetzt aber bleibt dem Theaterdichter weiter nichts übrig, als sich zu akkommodieren, und in diesem Sinn konnte man Ihnen nicht verargen, wenn Sie Ihren Wallenstein in Prosa schreiben wollten; sehen Sie ihn aber als ein selbständiges Werk an, so muss er notwendig rhythmisch werden.

Auf alle Fälle sind wir genötigt unser Jahrhundert zu vergessen, wenn wir nach unserer Überzeugung arbeiten wollten: Denn so eine Salbaderei in Prinzipien, wie sie im Allgemeinen jetzt gelten, ist wohl noch nicht auf der Welt gewesen, und was die neuere Philosophie Gutes stiften wird, ist noch erst abzuwarten.“

Diese Zeugnisse der zwei unerreichten Dichter Deutschlands können die Wächter und Bewahrer der strengen rhythmischen Form ihren Schmälerern und Verächtern entgegenhalten.

Freilich fühlte Schiller (1. Dez. an Goethe) auch wohl, dass die Jamben, obgleich sie den Ausdruck verkürzen, doch eine poetische Gemütlichkeit unterhalten, die einen ins Breite treibt. Sein erster Akt war so groß, dass man die drei ersten Akte von Goethes Iphigenia hineinlegen konnte, ohne ihn ganz auszufüllen, was er mit der Ausdehnung entschuldigte, welche die Exposition verlangt, während die fortschreitende Handlung von selbst auf Intensität leitet. Es kam ihm vor, als ob ihn ein gewisser (Goethescher) epischer Geist angewandelt habe, der jedoch vielleicht das einzige Mittel gewesen, diesem prosaischen Stoff eine poetische Natur zu geben. Den ersten Akt [das Lager] hatte er, als statistischen oder statischen, ruhigen Anfang dazu benützt, die Welt und das Allgemeine, worauf sich die Handlung bezieht, zu seinem eigentlichen Gegenstand zu machen. „So erweitert sich der Geist und das Gemüt des Zuhörers und der Schwung, in den man dadurch gleich anfangs versetzt wird, soll die ganze Handlung in der Höhe erhalten.“

Goethe war begierig, was es noch für einen Ausgang mit Schillers Wallenstein nehmen werde, und sagte ihm (2. Dez.) vorher, dass er am Ende doch genötigt sein würde, einen Zyklus von Stücken aufzustellen. Bald darauf entschloss sich Schiller zu seiner Wallensteinschen Trilogie, wie man die drei Stücke, freilich sehr uneigentlich, genannt hat.

Unsers Dichters Natur nahm an seiner Dichterarbeit, wie er (8. Dez.) sagt, ein pathologisches Interesse, d. h. diese hatte viel Angreifendes für ihn. „Glücklicherweise“, setzt er hinzu, „alteriert meine Kränklichkeit nicht meine Stimmung, aber sie macht, dass ein lebhafter Anteil mich schneller erschöpft und in Unordnung bringt. Gewöhnlich muss ich daher einen Tag der glücklichen Stimmung mit fünf oder sechs Tagen des Drucks und des Leidens büßen. Dies hält mich erstaunlich auf, doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, den Wallenstein noch in dem nächsten Sommer in Weimar spielen zu sehen, und im nächsten Herbst tief in meinen Maltesern zu sitzen.“ Sich neben dem Wallenstein mit diesem andern Stoff, der eine Welt für sich ausmachte, zu beschäftigen, war für den produktiven Geist unseres Dichters – ein Ausruhen. Er erholte sich in einer Schöpfung von der andern.

In diesen Dezembertagen hatte er die Liebesszenen zwischen Max und Thekla im zweiten Akte des Wallensteins vor sich und dachte dabei, nicht ohne Herzensbeklemmung, an die Schaubühne und an die theatralische Bestimmung des Stücks. Er spricht in dieser Beziehung den Mangel dieser Episode klarer aus, als der strengste Kritiker getan hat. „Die Einrichtung des Ganzen erfordert es“, sagt er, „dass die Liebe nicht sowohl durch Handlung, als vielmehr durch ihr ruhiges Bestehen auf sich und ihre Freiheit von allen Zwecken, der übrigen Handlung, welche ein unruhiges planvolles Streben nach einem Zweck ist, sich entgegensetzt und dadurch einen gewissen menschlichen Kreis vollendet. Aber in dieser Eigenschaft ist sie nicht theatralisch, wenigstens nicht in demjenigen Sinne, der bei unsern Darstellungsmitteln und bei unserm Publikum sich ausführen lässt. Ich muss also, um die poetische Freiheit zu behalten, solange jeden Gedanken an die Aufführung verbannen.“

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Das Jahr 1798 begrüßte Schiller mit dem an sich selbst gerichteten Wunsch, dass ihm in demselben die Freude beschert sein möge, das Beste aus seiner Natur in einem Werk zu sublimieren, wie Goethe es mit der seinigen getan3). Bald darauf hatte er seine Arbeit, von einer fremden Hand reinlich geschrieben, vor sich; sie selbst erschien ihm dadurch fremd, und machte ihm wirklich Freude. „Ich finde augenscheinlich“, rühmt er sich bescheiden gegen Goethe am 5. Januar, „dass ich über mich selbst hinausgegangen bin, welches die Frucht unseres Umgangs ist; denn nur der vielmalige kontinuierliche Verkehr mit einer so objektiv mir entgegengestehenden Natur, mein lebhaftes Hinstreben danach und die vereinigte Bemühung, sie anzuschauen und zu denken, konnte mich fähig machen, meine subjektiven Grenzen so weit auseinanderzurücken. Ich finde, dass mich die Klarheit und die Besonnenheit, welche die Frucht einer spätern Epoche ist, nichts von der Wärme einer früheren gekostet hat. Doch, es schickte sich besser, dass ich das aus Ihrem Mund hörte, als dass Sie es von mir erfahren4). – Ich werde es mir gesagt sein lassen, keine andere als historische Stoffe zu wählen; frei erfundene würden meine Klippe sein. Es ist eine ganz andere Operation, das Realistische zu idealisieren, als das Ideale zu realisieren. Es steht in meinem Vermögen, eine gegebene, bestimmte und beschränkte Materie zu beleben, zu erwärmen, und gleichsam aufquellen zu machen, während die objektive Bestimmtheit eines solchen Stoffes meine Phantasie zügelt und meiner Willkür widersteht.“

Goethe dauerte inzwischen das Reflektieren zu lange. Er wünschte (6. Jan.) dem Freund Glück zum fertigen Teil, er erkannte, dass das günstige Zusammentreffen ihrer beiden Naturen beiden schon manchen Vorteil verschafft und dass, wenn er Schiller zum Repräsentanten mancher Objekte diente, Schiller ihn von der allzu strengen Beobachtung der äußern Dinge und Verhältnisse auf sich selbst zurückgeführt, ihn die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen gelehrt, ihm eine zweite Jugend verschafft, ihn wieder zum Dichter gemacht habe5). Jetzt aber wünschte er vor allen Dingen baldiges Fertigwerden des Wallenstein, und unter wie nach der Arbeit gegenseitige rechte Durcharbeitung der dramatischen Forderungen. „Sind Sie künftig in Absicht des Plans und der Anlage genau und vorausbestimmend, so müsste es nicht gut sein, wenn Sie, bei Ihren geübten Talenten und dem innern Reichtum nicht alle Jahr ein paar Stücke schrieben wollten.“ Goethe hielt es nämlich für notwendig, dass der dramatische Dichter oft auftrete, die Wirkung, die er gemacht, immer wieder erneuere und, wenn er das Talent habe, darauf fortbaue.

Vorübergehend hatte inzwischen unsern Dichter der mephistophelische Gedanke durchzückt, wenn einmal das Publikum kirre wäre, etwas recht Böses zu tun, und eine alte (dramatische) Idee mit Julian dem Apostaten auszuführen6). Vielleicht greift hier und dort ein Dichter unserer Zeit lüstern nach diesem Vermächtnis.

Auch an ein Seedrama d. h. ein Stück, das auf einer wüsten, von Europäern wenig besuchten Insel spielen, und alle Abenteuer, Interessen und Schicksale einsamer Weltumsegler in sich fassen sollte, hatte Schiller zwischen seinen Arbeiten am Wallenstein gedacht, und man hat Andeutungen darüber unter seinem Nachlass entdeckt, die uns Hoffmeister mitgeteilt hat7).

Im März wurde der dritte Akt des Wallensteins fertig. Im April aber rang er wieder mit dem „Gedankenbild“ des Stücks, freute sich jedoch der Ahnung, dass Goethe mit dem Wallenstein im Ganzen zufrieden sein werde, und auch Goethe hatte die besten Hoffnungen. „Die Anlage“, antwortet er (7. Apr.), „ist von der Art, dass Sie, wenn das Ganze beisammen ist, die ideale Behandlung mit einem so ganz irdisch beschränkten Gegenstand in eine bewundernswürdige Übereinstimmung bringen werden.“

In dieser Zeit war Iffland in Weimar. Schiller hatte einst in Mannheim an ihm emporgeblickt, und ihm große Tage prophezeit. Jetzt musterte der Genius das Talent mit Kenneraugen, und mäßigte sogar die Bewunderung Goethes, indem er die Grenzen, innerhalb welchen das Naturell den Mimen trug, und außerhalb deren alles an ihm mehr Geschicklichkeit, Verstand, Kalkül und Besonnenheit sei, scharf zu ziehen bemüht schien8). Als Jüngling hatte er alles bewundert, wo etwas zu bewundern war; im reifen Alter schlug der Kritiker vielleicht das große Etwas zu klein und niedrig an.

Ü   Þ


1) Das hat schon Horaz gesagt:

– – – – „Wer mächtig die Fabel gewählt hat,
Dem entzieht sich Beredsamkeit nicht, noch Licht in der Ordnung.“
                                                                     Brief an die Pisonen V. 40.
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2) Es verlohnte der Mühe im Manuskript des Goetheschen Briefes nachzulesen, ob hier nicht außer statt und steht. ­
3) An Goethe vom 2. Jan.
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4) Alle sittlich feineren Geister gleichen sich doch in irgendetwas! „Hoc te ex aliis audire malo“, sagt Cicero zu Atticus (V, 17), in einer Sache, wo er sich rühmen darf und muss.
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5) Und dennoch hat sich folgendes Epigramm hervorgewagt:

„Viel kratzfüßelnde Bücklinge macht dem gewaltigen Goethe
Schiller; dem schwächlichen nicht Goethes olympisches Haupt.“
                                                                           A. W. v. Schlegel.

Es verdient, dem Verfasser zu Ehren, nicht vergessen zu werden. ­
6) Briefw. zw. S. u. G. IV, S. 9 f.
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7) III, 359-360 und aus ihm Boas III, 448.
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8) Briefw. zw. S. u. G. IV, S. 168 ff, 175, 178, 187.
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