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Abschied von der Philosophie. Das Gartenhaus.

Neben der Spekulation ging indessen mit dem Dichter schon lange eine geheime Übersättigung an ihrer Weisheit herum. Schon am Schluss des Jahres 1795 beneidete er Goethe um seine poetische Stimmung, die ihm erlaubte, recht in seinem Wilhelm Meister zu leben. „Ich habe mich“, sagt er, „lange nicht so prosaisch gefühlt als in diesen Tagen, und es ist hohe Zeit, dass ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Das Herz schmachtet nach einem betastbaren Objekt1).“

Auch fühlte er vor den äußersten Konsequenzen des Idealismus, wie sie damals in Fichte hervortraten, dessen Persönlichkeit ihn überdies nicht anzuziehen schien2), einen unüberwindlichen Widerwillen, und Goethes realistischer Einfluss machte sich, zum Vorteil seiner Produktionskraft, überhaupt allmählich geltend. „Es ist erstaunlich“, schrieb er am 21. März 1796 an seinen Freund Humboldt, „wie viel Realistisches schon die zunehmenden Jahre mit sich bringen, wie viel der anhaltende Umgang mit Goethe und das Studium der Alten, die ich erst nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach und nach entwickelt hat.“ Goethe aber lag Fichtes Art zu philosophieren nicht nahe, und Schiller wollte keinen Schritt über Kant hinausgehen. Schon lange3) zwar, als er noch ganz in diesem System befangen war, hatte er anerkannt, „dass das Gesetz der Veränderung, vor welchem kein göttliches [?] und kein menschliches Werk Gnade findet, auch die Form dieser Philosophie, sowie jede andere zerstören werde“, aber für die Fundamente derselben fürchtete er nicht dasselbe Schicksal, „denn so alt das Menschengeschlecht ist, und solange es eine Vernunft gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt, und im Ganzen danach gehandelt.“ „Mit der Philosophie unseres Freundes Fichte“, fährt er sodann fort, „dürfte es nicht diese Bewandtnis haben. Schon regen sich starke Gegner in seiner eigenen Gemeine, die es nächstens laut sagen werden, dass alles auf einen subjektiven Spinozismus hinausläuft… Nach den mündlichen Äußerungen Fichtes ist das Ich auch durch seine Vorstellungen erschaffend, und alle Realität ist nur in dem Ich. Die Welt ist ihm nur ein Ball, den das Ich geworfen hat, und den es bei der Reflexion wieder fängt! Sonach hätte er seine Gottheit wirklich deklariert, wie wir neulich erwarteten.“

Auch auf dem Gebiet der Ästhetik entfernte er sich immer mehr von jeder unfruchtbaren Abstraktion. Im Beginn des Jahres 1796 (4. Jan.) war er mit Humboldt darüber einig, „dass die Ausbildung des Individuums nicht sowohl in dem vagen Anstreben zu einem absoluten und allgemeinen Ideal, als vielmehr in der möglichst reinen Darstellung und Entwicklung seiner Individualität bestehe, „ja“, fügte er hinzu, „jede Individualität ist in dem Grad idealistisch, als sie selbständig ist, das heißt, als sie innerhalb ihres Kreises ein unendliches Vermögen einschließt, und dem Gehalt nach alles zu leisten vermag, was der Gattung möglich ist.“ In diesen Kampf mit seiner Reflexion sehen wir den Dichter vertieft, während Goethe, der bei ihm war, neben ihm Lärm ins Haus machte, und ihm selbst der Kopf von einem Aderlass eingenommen war. Aber er hielt den Gedanken fest, und noch mehrere Wochen später drückt er gegen Humboldt seine Freude darüber aus, dass dieser in Beurteilung des Charakterwertes sich so ernstlich und nachdrücklich gegen das einförmige Allgemeine erklärt, und für die Individualität streitet. Diese Idee ist ihm „von einer unabsehbaren Konsequenz für alles Moralische und Ästhetische.“ Und so ging es vorwärts mit ihm.

Das Jahr 1797 eröffnete sich unter den günstigsten Auspizien und voll Produktionslust, obwohl „in diesen drückenden düsteren Wintertagen alles später reift und die rechte Gestalt sich schwerer findet4).“ Er sah auch seinen Freund Goethe, nachdem dieser eine analytische Periode der Teilung und Trennung durchgemacht, und seine mit sich selbst zerfallene Natur durch Kunst und Wissenschaft wiederherzustellen gesucht habe, ausgebildet und reif, zu einer zweiten Jugend zurückkehren, welche die Frucht mit der Blüte verbindet, welche die Jugend der Götter und unsterblich, wie diese, ist (17. Jan.).

Damals dichtete Schiller am Wallenstein, was wir absichtlich noch übergehen. Die erste Bedingung eines glücklichen Fortgangs dieser Arbeit war eine leichtere Luft und Bewegung. Er war daher entschlossen, mit den ersten Regungen des Frühjahrs den Ort zu verändern und sich womöglich in Weimar ein Gartenhaus, wo heizbare Zimmer sind, auszusuchen. „Das ist mir“, schreibt er an Goethe den 11. Januar, „jetzt ein dringendes Bedürfnis und kann ich diesen Zweck zugleich mit einer größeren und leichtern Kommunikation mit Ihnen vereinigen, so sind vor der Hand meine Wünsche erfüllt.“

Goethe, dessen Briefe immer zutraulicher und herzlicher wurden5), nahm sich auch dieser Angelegenheit aufs wärmste und tätigste an. Schiller arbeitete indessen fort, sah aber klar, dass er dem Freund nicht eher etwas zeigen könne, bis er über alles mit sich selbst im Reinen sei. „Mit mir selbst“, sagt er am 24. Jan., „können Sie mich nicht einig machen, aber mein Selbst sollen Sie mir helfen mit dem Objekt einstimmig zu machen. Was ich Ihnen also vorlege, muss schon mein Ganzes sein, ich meine just nicht mein ganzes Stück, sondern meine ganze Idee davon. Der radikale Unterschied unserer Naturen lässt überhaupt keine andre, recht wohltätige Mitteilung zu, als wenn das Ganze dem Ganzen sich gegenüberstellt; im Einzelnen werde ich Sie zwar nicht irre machen können, weil Sie fester auf sich selbst ruhen als ich, aber Sie werden mich nicht über den Haufen werfen können.“

Das Gartenprojekt führte sich inzwischen nicht in Weimar, sondern in Jena aus6), nachdem Schillers Verlangen danach immer größer geworden war. „Jetzt wird meine Sehnsucht, Luft und Lebensart zu verändern, so laut und so dringend, dass ich es kaum mehr aushalten kann“, schreibt er an Goethe den 17. Februar. „Wenn ich mein Gartenhaus einmal besitze, und keine große Kälte mehr nachkommt, so mache ich mich in vier Wochen hinaus. Eher komme ich auch mit meiner Arbeit nicht recht vorwärts, denn es ist mir, als könnte ich in diesen verwünschten vier Wänden gar nichts hervorbringen.“

Wenige Tage später war von ihm der Schmidtsche Garten mitsamt dem Haus, wie es scheint, um 1200 Rtlr., erkauft worden. „Es ist vor der Hand nur ein leichtes Sommerhaus, und wird wohl auch noch einhundert Taler kosten, um nur im Sommer bewohnbar zu sein; aber diese Verbesserung meiner Existenz ist mir alles wert.“ Der Garten liegt vom Jenaischen Marktplatz an gerechnet, südwestlich vor der Stadt, zwischen dem Engelgatter und dem Neutor, an einer Schlucht, durch welche sich der Leutrabach um die Stadt schlängelt. Das Gartenhaus, vor welchem auch der Verfasser dieser Biografie an der Seite Ernsts von Schiller, zehn Jahre nach des Dichters Tod, in schmerzlichen Gedanken gestanden ist, war bald wohnlicher gemacht, freundlich und anspruchslos. Das Haus hatte im obern Stock eine weite herrliche Aussicht7). Auf der Höhe des Berges, an dem sich der Garten hinaufzieht, wo man das Saaletal und die Tannengebirge des nahen Forstes überblickt, erbaute sich Schiller, der „die Hauswirtschaft sehr liebte, aber das Knarren der Räder nicht hören mochte“, ein seitdem wieder abgebrochenes zweites Häuschen mit einem einzigen Zimmer. Es war sein Lieblingsaufenthalt, und ein großer Teil seiner Dichtungen wurde fortan dort geschaffen.

„Da schmückt’ er sich die schöne Gartenzinne,
Von wannen er der Sterne Wort vernahm,
Das dem gleich ew’gen, gleich lebend’gen Sinne
Geheimnisvoll und klar entgegen kam.
Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne,
Verwechselt’ er die Zeiten wundersam.
Nun sank der Mond und zu erneuter Wonne
Vom klaren Berg herüber schien die Sonne8).“

Auf der, diesem Gartenhäuschen gegenüber liegenden Anhöhe wurde er hier wohl nicht selten durch die erleuchteten Fenster von den Jenensern in der nächtlichen Arbeit belauscht. Neben sich hatte er, um sich munter zu erhalten, eine Tasse Kaffe oder Weinschokolade, zuweilen auch eine Flasche alten Rheinweins oder Champagner stehen. Da hörte man ihn denn oft durch die Nachtstille sich die eben geschaffenen Verse rezitieren, sah ihn bald in lautem Selbstgespräch in der Stube auf und niedergehen, bald sich wieder in den Sessel werfen und schrieben, zuweilen aus dem neben ihm stehenden Pokal einen flüchtigen Zug tun9).

Auch in seiner Winterwohnung, abgesondert vom Gewühl der Menschen, im Griesbachschen Haus am Stadtgraben, hinten hinaus, fand man ihn zuweilen bis früh um vier, auch fünf Uhr am Schreibtisch; im Sommer bis gegen drei Uhr. Aber hier zu verweilen wurde ihm, bei peinigender Kränklichkeit und herankommendem Frühling, jetzt ganz unerträglich.

Am 2. Mai 1797 kann er endlich an Goethe schreiben: „Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.“

Schillers geselliges Leben hatte sich in der letzten Zeit auch recht angenehm gestaltet. Besuche seines Schwagers Reinwald und seines Freundes Körner erfreuten ihn. „Bringe immer das ganze Gerät Deiner Launen mit, lieber Reinwald“, schreibt er, ohne Datum, dem Schwager10), „ein Hypochonder wird mit dem andern Geduld haben. Doch ist bei mir, das sei zu Eurem Trost gesagt, die Hypochondrie mehr im Unterleib und in der Brust, als im Gemüt, welches bei allen Unfällen, die über mich ergingen, dank sei dem guten Gott, noch leidlich frei geblieben ist.“ Oft erheiterte sich seine trübe Stimmung im Umgang mit den geistreichen Männern, welche die Universitätsstadt Jena damals in ihren Mauern vereinigte. Mit Fichte zwar kam er erst in nähere Berührung, als es galt, sich des Bedrängten anzunehmen, was der hohe und edle aber unfügsame Charakter dieses Philosophen nicht eben erleichterte. Schellings, des neuen Ankömmlings, tiefer Geist und offenes Gemüt machte ihm diesen bald sehr wert; mit ihm und dem vieljährigen philosophischen Freund Niethammer verbrachte er alle Wochen einen heiteren Abend bei einer L’hombre-Partie. Die ältern Freunde blieben immer treu gesinnt. Schon im Jahr 1796 war der Jugendfreund Schillers und seiner Schwägerin Karoline, Wilhelm von Wolzogen, der in Paris manchem Sturm der Revolution getrotzt hatte, und nach Stuttgart zurückgekehrt war, der zweite Gatte dieser aus früher Jugend ihm teuren Anverwandten geworden. Sie waren zusammen nach Bauerbach gereist, als das französische Heer, Schwaben überschwemmend, nach Franken vordrang, und hatten sich endlich vor dem Gewitter nach Rudolstadt und Jena geflüchtet. Wolzogen wurde als Kammerrat und Kammerherr vom Herzog von Weimar angestellt, und so lebte das Freundespaar seit dem August 1796 wieder in des Dichters Nähe. Auch Wilhelm von Humboldt mit seiner Gemahlin kehrte im Herbste dieses Jahres von Berlin nach Jena zurück, und sein Bruder Alexander, „dessen lebhafter Geist die Riesenschritte, die er in der Erkenntnis der Natur machen würde“, schon damals andeutete, hatte sich ihnen zugestellt.

Im Sommer des Jahrs 1797 verließ die Humboldtsche Familie Jena und trat eine Reise nach Italien an, so dass selbst der Briefwechsel zwischen den beiden Freunden Schiller und W. v. Humboldt nur in großen Unterbrechungen sich fortsetzte.

Der Genius der Reflexion war von unserem Helden geschieden, der Schutzgeist der Produktion ergriff ihn mächtig bei der Hand und zog ihn aus der Tiefe der Spekulation ins lichte Gebiet der Erscheinungswelt und der Dichtung empor.

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1) S. an G. d. 17. Dez. 1795. ­
2) Briefw. mit G. I, S. 174 f. Vergl. Hoffm. III, 79 ff., wo aber bei einigen Tatsachen durch einen Irrtum Fichte mit Weishuhn verwechselt wird.
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3) S. an G. vom 28. Okt. 1794.
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4) S. an G. 11. Jan. 1797.
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5) Er erweist Schiller jetzt auch eine Aufmerksamkeit, wie sie nur unter vertrauten Freunden stattfinden kann. „Hier ein Naturprodukt“, schreibt er am 20. Juli 1796, „das in dieser Jahreszeit geschwind verzehrt werden muss. Ich wünsche, dass es wohl schmecken und bekommen möge.“ Es war ein Fisch, der Schiller, seiner Schwiegermutter und Schlegels, die dazu geladen waren, „ganz vortrefflich geschmeckt hat.“
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6) Vergl. den Briefw. mit Goethe; Fr. v. Wolz. II, 174. Dörings neues Leben Schillers S. 216. Carlyle S. 184. Im letztern finden sich einige Zeitverstöße. Namentlich war die Benennung „Xeniengasse“ ein Anachronismus der akademischen Jugend.
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7) Der Garten heißt jetzt, wegen des daselbst eingerichteten Observatoriums, der Garten der Sternwarte. Hoffm. III, 275.
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8) Goethes Prolog zu Schillers Glocke.
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9) Nach der Schwägerin Versicherung trank er beim Schreiben nie Wein, oft Kaffee, der ermunternd auf ihn wirkte. Fr. v. Wolz. II, 294.
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10) Boas II, 482.
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