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Familienverluste. Philosophische und religiöse Stimmung des Dichters.

In diesem Jahr wurde das häusliche Leben Schillers durch mancherlei Trübsale heimgesucht. Von der Solitude bei Stuttgart, wo die Familie seiner Eltern fortwährend lebte, kamen ihm im Frühjahr 1796 beängstigende Nachrichten zu. Ein epidemisches Fieber, in dem während der Kriegszeit dort befindlichen österreichischen Lazarett wütend, hatte, wie uns Frau von Wolzogen erzählt, die jüngste Tochter Nanette ergriffen, und in der Blüte der Jugend hingerafft. „Sie war“, sagt die Freundin, „ein holdes Mädchen, voll Verstand und glühender Phantasie. Der Wunsch, ihres Bruders Trauerspiele darzustellen, hatte sie so leidenschaftlich ergriffen, dass ich selbst Schiller bat, diesem nachzugeben, ihr Talent zu prüfen, und, wenn es wirklich etwas Außerordentliches verspräche, sie diese Laufbahn ergreifen zu lassen. Obgleich er dem Schauspielerleben sehr abgeneigt war, so konnte doch, bei den damaligen Verhältnissen in Weimar, manche Klippe dieses Standes vermieden werden. Er versprach mir, die Sache zu bedenken; und so hatte ich die Freude, die letzten Lebensmonate dieses guten Kindes mit freundlicher Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche zu erheitern.“ Am 21. März 1796 schrieb Schiller über sie an den Vater, der seitdem auch erkrankt war: „So tröstlich es mir war, liebster Vater, von Ihrer zunehmenden Besserung zu hören, so herzlich betrüben mich die Nachrichten von dem Zustand meiner guten Nanette. Ach, vielleicht haben wir sie schon verloren, indem ich dies schreibe! Ich gestehe, dass ich das Schlimmste fürchte, weil sie schon vor dem Anfall dieser Krankheit nicht ganz gesund gewesen ist. Wie schmerzt es mich, so entfernt von Ihnen zu leben, und so ganz außerstande zu sein, Ihre Beschwerden und Leiden mit Ihnen, mit der lieben Mama und den armen Schwestern zu teilen und so viel möglich zu erleichtern. Hier kann ich nichts als wünschen und bitten, dass der Himmel noch alles gut lenken möge. Wie dauert mich unsere gute, liebe Mutter, auf die alles Leiden so zusammenstürmen muss! Aber was für eine Wohltat von Gott ist es auch wieder, dass die gute liebe Mutter noch Stärke des Körpers genug hat, um unter diesen Umständen nicht zu erliegen und Ihnen noch so viel Beistand leisten zu können. Wer hätte es vor sechs und sieben Jahren gedacht, dass sie, die so ganz hingefallen und erschöpft war, Ihnen allen jetzt noch zur Stütze und Pflege dienen würde. In solchen Zügen erkenne ich eine gute Vorsicht, die über uns waltet, und mein Herz ist aufs Innigste davon gerührt. Wie ängstlich sehe ich Ihrem nächsten Brief entgegen, liebster Vater, der mir von Nanettes Zustand wahrscheinlich die entscheidende Nachricht bringt. Wie werde ich es ertragen, eine so liebe und so hoffnungsvolle Schwester zu verlieren, zu deren künftigen Aussichten ich gerade jetzt einige Vorkehrungen treffen wollte, die ihr Glück vielleicht gründeten1). Ich wiederhole meine Bitte nochmals auf das Nachdrücklichste, liebster Vater! Tun Sie alles, was Sie können, zu Wiederherstellung Ihrer eigenen Gesundheit und zu Stärkung unserer guten Mutter und Schwestern. Schenkt uns der Himmel die Freude, dass es sich mit Nanette wieder bessert, so verändern Sie, sobald es nur die Kräfte der Kranken und ihre eigenen es zulassen, den Wohnort, und besuchen auf eine zeitlang mit der ganzen Familie ein gesundes Bad, sowohl um sich zu zerstreuen, als sich körperlich zu stärken. Der Himmel erhalte Sie und mache es mit uns allen besser, als wir gegenwärtig hoffen können. Meine Frau ist herzlich bekümmert um die liebe Nanette, und grüßt Sie voll Teilnahme und Liebe. Der kleine Karl ist gottlob recht wohl und auch mit mir geht es jetzt recht leidlich2).“

Die Schwester starb, und die Krankheit, die den Vater, dessen körperlicher Zustand auch schon bedenklich schien, ergriffen hatte, war dasselbe bösartige Fieber, an welchem bald auch die zweite Tochter Louise erkrankte, so dass die Mutter allein stand. „Verschlimmert es sich mit der Louise“, schreibt der betrübte Bruder am 25. April der Schwester in Meiningen, „oder gar auch noch mit dem lieben Vater, so wäre die arme Mutter ganz und gar verlassen. Der Jammer ist unaussprechlich. Kannst Du es möglich machen, glaubst Du, dass Deine Kräfte es aushalten, so mache doch ja die Reise dorthin. Was sie kostet, bezahle ich mit Freuden. Reinwald könnte Dich ja begleiten, und wenn er es nicht wollte, solange hierher zu mir kommen, wo ich brüderlich für ihn sorgen würde. Überlege, meine liebe Schwester, dass Eltern in solchen Extremitäten den gerechtesten Anspruch auf kindliche Hilfe haben. Gott – warum bin ich jetzt nicht gesund – und so gesund, als ich es bei der Reise vor drei Jahren war! Ich hätte mich durch nichts abhalten lassen, hinzueilen! Aber dass ich über ein Jahr fast nicht aus dem Haus gekommen, macht mich so schwächlich, dass ich entweder die Reise nicht aushalten, oder doch selbst krank bei den guten Eltern hinfallen würde. Ich kann leider nichts für sie tun, als mit Geld helfen, und Gott weiß, dass ich das mit Freuden tue.“

Auf diesen Brief brach die gute Schwester von Meiningen nach Schwaben auf. „Der Himmel segne Dich für diesen Beweis Deiner kindlichen Liebe“, rief ihr Schiller am 6. Mai nach. „Seitdem ich Dich dort weiß, bin ich um vieles ruhiger; bisher konnte ich nicht anders als mit Schrecken an die traurige Lage der lieben Eltern und Schwester denken… Nur um das Einzige bitte ich Dich: Verhindere, dass die lieben Eltern nicht aus ängstlicher Sparsamkeit eine heilsame Maßregel zu ihrer Gesundheit versäumen. Ich habe einmal für allemal erklärt, dass ich die Kosten davon mit Freuden tragen will. Was also etwa an Geld nötig, kannst Du Dir von Cotta in Tübingen auszahlen lassen.“ Dem Schwager Reinwald dankte er noch besonders für die Bereitwilligkeit, seine Frau nach der Solitude reisen zu lassen, wodurch ihm eine schwere Last von der Seele genommen wurde. An die Mutter hatte er wiederholt geschrieben, und der Schwester schrieb er wieder am 9. Mai: „Was hat unsre gute Mutter nicht an unsern Großeltern getan, und wie sehr hat sie ein Gleiches von uns verdient! Du wirst sie trösten, liebe Schwester, und mich wirst Du herzlich bereit finden zu allem, wozu Du mich auffordern wirst.“ Von seiner Frau schreibt er: „Sie ist seit einiger Zeit selbst nicht wohl, und erst heute haben wir Gewissheit, dass sie sich in andern Umständen befindet; sie ist schon am Ende des siebenten Monats der Schwangerschaft.“ Von seinem Knaben: „Karl ist gesund und fröhlich. Täglich macht das liebe Kind uns mehr Freude. Was gäbe ich darum, wenn ich ihn unsrer lieben Mutter nur auf einen Tag bringen könnte! Gewiss würde das ihren Kummer in etwas lindern. Grüße die lieben Eltern aufs herzlichste, und sag’ ihnen, dass Ihr Sohn Ihre Leiden fühlt. Der guten Louise schenke Gott bald Ihre Gesundheit wieder.“

Die Krankheit des Vaters dauerte monatelang; seine Auflösung kam nicht unerwartet, ja sie musste endlich gewünscht werden; aber wie tief sein Tod den guten Sohn betrübte, zeigen die Briefe Schillers an die Mutter und den Schwager. „Daran zu denken“, schreibt er der ersteren, ohne Datum, etwa Mitte September (der Vater war am 7. gestorben), „dass etwas, das uns so teuer war, und woran wir mit den Empfindungen der frühen Kindheit gehangen und auch im späten Alter mit Liebe geheftet waren – dass so etwas aus der Welt ist, dass wir mit allem unserm Bestreben es nicht mehr zurückbringen können, daran zu denken ist immer etwas Schreckliches3).“ … „Vor fünf und sechs Jahren hat es nicht geschienen, dass Ihr, meine Lieben, nach einem solchen Verlust noch einen Freund an einem Bruder finden, dass ich den lieben Vater überleben würde. Gott hat es anders gefügt, und er gönnt mir noch die Freude, Euch etwas sein zu können. Wie bereit ich dazu bin, darf ich Euch wohl nicht mehr versichern. Wir kennen einander alle auf diesen Punkt und sind des lieben Vaters nicht unwürdige Kinder.“ Mit der größten Sorgfalt unterhält er sich nun mit der Mutter über ihren künftigen Aufenthalt, und rät ihr, die Wintermonate in dem der Solitude benachbarten Städtchen Leonberg zuzubringen, aufs Frühjahr aber nach Meiningen mit der jüngern Schwester zu kommen, dort jedoch (mit einer leisen Anspielung auf Reinwalds Hypochondrie) „eine eigene Wirtschaft zu treiben.“ … Gibt der Herzog keine Pension, so könnte sie vielleicht auf der Stelle kommen. „Alles, was Sie zu einem gemächlichen Leben brauchen, muss Ihnen werden, beste Mutter, und es ist nun hinfort meine Sache, dass keine Sorge Sie mehr drückt. Nach so viel schwerem Leiden muss der Abend Ihres Lebens heiter oder doch ruhig sein, und ich hoffe, Sie sollen im Schoß Ihrer Kinder und Enkel noch manchen frohen Tag genießen.“

Bei des Vaters Lebzeiten hatte sich der berühmte Sohn mit kindlicher Liebe zu dessen Schriftstellerei und der Unterbringung seiner Gartenbücher4) an den jungen Verleger des ersten Musenalmanachs herbeigelassen, hatte ihm 24 Carolin Honorar verschafft, und nicht geruht, bis Ende November 1794 der erste Band gedruckt war5); auch jetzt verlangte er alles, was der teure Vater an Briefschaften und Manuskripten hinterlassen; er wollte suchen, seinen letzten Wunsch zu erfüllen, was auch der lieben Mutter Nutzen bringen sollte.

Dem Schwager schreibt er am 14. September, um von ihm die Erlaubnis eines verlängerten Aufenthalts bei der Mutter für Christophine auszuwirken, was umso nötiger sei, da die Post noch immer stocke und die Kriegsereignisse auf der fränkischen, schwäbischen und pfälzischen Grenze abgewartet werden müssen. „Wie sehr diese Abwesenheit Deiner Frau Dich drücken muss, fühle ich mit Dir; aber wer kann gegen eine solche Kette unvermeidlicher Schicksale! Leider verflicht sich die allgemeine und öffentliche Unordnung auch in unsre Privatbegebenheiten auf die fatalste Weise.“ –

Von dieser trefflichen Schwester war das Mögliche für die Seinen geschehen; den Vater hatte sie bis zum letzten Atemzug treu und besonnen gepflegt; gegen einen Überfall der Franzosen ihn und das Haus mit ungewöhnlicher Geistesgegenwart geschützt. Schiller fühlte sich nicht nur durch brüderliche Liebe, sondern durch innige Dankbarkeit und Achtung an sie gebunden.

In diesen schwarzen Tagen fiel ein Lichtstrahl auf das Trauerhaus. Ein braver Theologe des Vaterlandes, namens Frank6), damals wohl Vikar in der Nachbarschaft, hatte, durch sein edles Betragen an dem Krankenlager des alten Schiller, seine rechtschaffene Gesinnung gegen die Familie an den Tag gelegt, bewarb sich um die Hand der jüngern Tochter Louise, welche glücklich von der Krankheit genesen war, und wurde von Schiller schon im ersten Brief an die Mutter als der künftige Schwager begrüßt, den er im voraus seiner Freundschaft und herzlichen Ergebenheit versichern ließ. Die Heirat selbst verzog sich noch einige Jahre. Schiller aber war zwischen der Schwester und des Vaters Tod am 11. Juli 1796 sein zweiter Sohn, Ernst, geboren worden7).

Da sich Schillers treue Seele und sein liebevolles Gemüt in den glücklicherweise aus dieser Zeit uns reichlich erhaltenen Briefen so rührend hell abspiegelt, so wollten wir Auszüge nicht sparen und nicht unterbrechen.

Nun aber dürfen wir wohl die Geschichte seines Geistes betragen, welchen innern Trost er diesen Schlägen des Schicksals entgegen zu setzen hatte.

Seine Philosophie sprach damals ganz anders, als sein Herz in wiederholten, von uns hervorgehobenen Stellen seiner Briefe spricht. Mit dem tieferen Studium Kants schien er sich immer fester in die Skepsis und den Ekel an allem Positiven verrannt und auch den Glauben des genügsamsten Rationalismus aufgegeben zu haben. Im frühesten Jugendunterricht mit harten Dogmen, wie es scheint, gequält8), und deswegen bald vom Zweifel überfallen, hatte Schiller, höchst wahrscheinlich durch eine unzeitige Jugendbekanntschaft mit dem Wolffenbüttler Fragmentisten ein unvertilgbares Misstrauen gegen die Urkunden des Christentums zu seinen historischen Studien mitgebracht und in ihnen verstärkt. Je weniger er durch seine literarische Tätigkeit hier an den Quell geführt wurde, aus der ihm das himmlische Lebensbild unsres Religionsstifters hätte entgegenstrahlen können, desto hartnäckiger beharrte er bei seinem Unglauben, und sprach, während er die Erscheinung des Christentums für das wichtigste Faktum der Weltgeschichte erklärte, auf jene Jugendeindrücke ohne tiefere Prüfung gesteift, doch zugleich von den „untreuen Händen, durch welche sie uns überliefert worden.“ Ja, noch in späteren Jahren gestand er, „dass er in allem, was historisch ist, den Unglauben zu jenen Urkunden gleich so entschieden mitbringe, dass ihm Zweifel an einem einzelnen Faktum noch sehr raisonnabel vorkommen. Ihm sei die Bibel nur wahr, wo sie naiv ist; in allem andern, was mit einem eigenen Bewusstsein geschrieben sei, fürchte er einen Zweck und späteren Ursprung.“

Einen Augenblick blitzte ihn der Geist unsres Glaubens in einem andern Licht an, aber nicht aus der Sonne desselben unmittelbar, sondern nur aus einem Spiegel; nicht aus der Bibel, sondern nur – aus Goethes Bekenntnissen einer schönen Seele im Wilhelm Meister. Nachdem er sich künstlerisch an diesem fünften Buch des Romans, wie vor und nach an den andern Büchern9), geweidet und erlabt hatte, spricht er zu Goethe (17. August 1795): „Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß deswegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentlichen Charakterzug des Christentums, der es von allen Monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts anderem, als in der Aufhebung des Gesetzes, des Kantschen Imperativs, an dessen Stelle das Christentum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also, in seiner reinen Form, Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinn die höchste ästhetische Religion; daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück gemacht, und nur bei Weibern noch in einer erträglichen Form angetroffen wird.“ Das bewundernde Nachdenken über die Darstellung des Heiligen durch Goethe hatte ihn wirklich der heiligen Wahrheit ganz nahe gebracht, so nahe, dass er sogar einige Stellen anzustreichen wagte, „an denen, wie er fürchtete, ein christliches Gemüt eine zu leichtsinnige Behandlung tadeln könnte“, und dass er „den Übergang von der Religion überhaupt zu der christlichen, durch die Erfahrung der Sünde, meisterhaft gedacht“ fand.

Aber eben diese Erfahrung hatte seine Philosophie ja schon längst abgeschworen und verleugnet; ihm war durch sie „der so genannte Sündenfall vielmehr das glücklichste Ereignis geworden, denn von diesem Abfall vom Instinkt datiere sich die Freiheit des Menschen, also auch die Möglichkeit der Moralität.“ Auch in der Geschichte sah seine philosophische Weltansicht nichts weniger als ein kommendes Reich Gottes, und während er in seinen historischen Studien die Anerkennung eines höheren, ordnenden Waltens, wo sie sich ihm aufdrang, immerhin, wenn auch nicht aufsuchte, doch noch nicht verschmähte, ja eine teleologische Verknüpfung der Dinge, die erhabene Ordnung eines gütigen Willens ahnte, und selbst zu erkennen schien; so gab er doch, immer tiefer in den kritischen Idealismus hineingezogen, auch dieses Bewusstsein später wieder auf, und in der Abhandlung „über das Erhabene“ sagt er: „Wer die große Haushaltung der Natur mit der dürftigen Fackel des Verstandes beleuchtet und immer nur darauf ausgeht, ihre kühne Unordnung in Harmonie aufzulösen, der kann sich in einer Welt nicht gefallen, wo mehr der tolle Zufall als ein weiser Plan zu regieren schient, und bei weitem in den meisten Fällen Verdienst und Glück miteinander im Widerspruch stehen. Er will haben, dass in dem großen Weltlauf alles wie in einer guten Wirtschaft geordnet sei, und vermisst er, wie es nicht wohl anders sein kann, diese Gesetzmäßigkeit, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als von einer künftigen Existenz und von einer andern Natur Befriedigung zu erwarten, die ihm die gegenwärtige und vergangene schuldig bleibt. Wenn er hingegen gutwillig aufgibt, dieses gesetzlose Chaos von Erscheinungen unter eine Einheit der Erkenntnis bringen zu wollen, so gewinnt er von einer andern Seite reichlich, was er von dieser verloren gibt.“ Dieser Gewinn ist die Idee der Freiheit, welche die Vernunft aus eigenen Mitteln nimmt, und unter der sie „in eine Einheit des Gedankens zusammenfasst, was der Verstand in keine Einheit der Erkenntnis verbinden kann;“ durch diese „ihnen dargebotene Idee der Freiheit können sich Menschen von erhabener Gemütsstimmung für allen Fehlschlag der Erkenntnis für entschädigt halten10).“

So schien die Philosophie mit einem Hauch den letzten Glauben an eine prästabilierte Harmonie zwischen Natur und Geist, an Vorsehung und Jenseits aus seiner Seele weggeblasen zu haben, wie er denn auch schon früher die Idee der Unsterblichkeit nur „als einen Beruhigungsgrund für unsern Trieb nach Fortdauer, also für unsre Sinnlichkeit“ dargestellt hatte. Und noch am 9. Juli 1796 gibt er in einem Brief an Goethe zu verstehen, dass „eine gesunde und schöne Natur keine Gottheit und keine Unsterblichkeit brauche11).“

Traurige Prahlerei der Spekulation! Während sein System so dachte und schrieb, klammerte sich Schillers eigene, gewiss geistig gesunde und schöne Natur, sooft das Schicksal einen Schlag gegen ihn führte, an den alten Glauben an, und berief sich, in Augenblicken, wo niemand heuchelt oder Phrasen macht, auf den „Himmel“, auf die „gütige Vorsicht“, auf „Gott“ und seine „Fügung“, ja beim Tod der Mutter, wie wir sehen werden12), auf „Ewigkeit und Vergeltung“.

Nicht lange nach des Vaters Tod stieg die erste Idee zur „Glocke“ in Schillers Geist auf. In diesem Gedicht aber fanden die Worte eine Stelle, die sein Herz und sein Glaube ihm, seinem Systeme zum Trotz, eingegeben hat:

Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß,
Und hoffen, dass er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerem Los.

Diese Zeilen, die dem Dichter in und außer Deutschland hunderttausende von Herzen gewonnen haben, können nicht eine Eingebung der Akkommodation, der Mitleidslüge sein. Vielmehr sind in Schillers populärster Poesie die Überbleibsel der christlichen Überzeugungen niedergelegt, die sich aus dem Glaubensschiffbruch des achtzehnten Jahrhunderts in der Masse der Nation erhalten hatten. Konnte er, der strenge Idealist und Zweifler, sich so wenig dieser Gedanken erwehren, dass er sie, die er in den Momenten der Spekulation von sich stieß, in der Begeisterung des dichterischen Schaffens seinem Volk unaufgefordert immer wieder darbot: Wie tief müssen jene Hoffnungen und Trostgründe der Religion in den Bedürfnissen und im Wesen der Menschennatur gegründet sein!

Ü   Þ


1) Vergl. Buch I, S. 12. Dies bezieht sich wahrscheinlich auf die Theaterplan mit der Schwester. ­
2) Boas II, 466 ff. Die folgenden Briefe teils aus Boas a. a. O. teils bei Frau v. Wolz. II, 160-168.
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3) Weiteres s. B. I, S. 8.
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4) Schillers eigene Ideen über schöne Gartenkunst findet man zusammengestellt bei Hoffmeister III, 94-97.
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5) Boas II, 465.
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6) M. Johann Gottlieb Frank, geboren zu Stuttgart 20. Dezember 1760; Pfarrer zu Cleversulzbach 1799; Stadtpfarrer zu Möckmühl bei Neuenstadt an der Linde 1805; im letzten Decennium gestorben.
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7) S. und G. Briefwechsel II, S. 139. Ernst v. Schiller ist jetzt K. Preuß. Appellationsrat zu Köln.
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8) Briefliche Mitteilung von Fr. v. Wolzogen an den Verfasser vom 25. Januar 1840. – Der religiöse Jugendunterricht in Schillers Vaterland stützte sich damals ganz auf den Anthropomorphismus des alten Testaments, die Person des Erlösers aber war ein doketischer Schemen, der erst am Kreuz Fleisch und Blut erhielt. Nur so lernte ihn Schiller in den Schul- und Konfirmationsstunden kennen. S.
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9) Sehr zweckmäßig findet man Schillers sämtliche Urteile über Goethes Meister gesammelt bei Boas III, 456 ff.
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10) Vergl. Rudolph Binders treffliche Zusammenstellung in seiner Schrift „Schiller im Verhältnis zum Christentum“ II, 65-78.
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11) Was jedoch nicht so ganz ernstlich gemeint war. Vergl. meine Rezension der Binderschen Schrift in den theologischen Studien und Kritiken. 1840, III, 632 f.
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12) Vergl. Buch I, S. 11.
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