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Schiller schwankt zwischen Epos und Drama

Im Herbst 1795 sehen wir unsern Dichter sinnend an einem Scheideweg seines großen Berufs stehen. Als die Elegie, die er selbst für die größte poetische Tat dieses Jahres erklärte, fertig war, da gedachte er, einem langen Wunsch nachgebend, sich in einer neuen Gattung zu versuchen, und eine romantische Erzählung, wozu er den rohen Stoff schon hatte, in Versen zu machen. Den Stoff bewältigen zu können hoffte er, scheute jedoch den großen Zeitaufwand, als ein Opfer, das, möglicherweise für eine bloße Grille dargebracht, doch vielleicht zu groß wäre. Auf der andern Seite möchte er sogleich gern an seine „Malteser“ gehen, einen dramatischen Vorwurf, der sich ihm seit längerer Zeit neben dem Wallenstein dargeboten hatte. In den nächsten vier Monaten, vom Dezember an gerechnet, sei er bei den Horen nicht besonders nötig, könnte also sehr weit kommen, wo nicht ganz und gar mit jenem Trauerspiel fertig werden. Es sollte mit Chören verbunden sein, und so knüpfte es sich schon eher an seine jetzige lyrische Stimmung an. Eine einfache heroische Handlung sollte den Inhalt bilden; und eben solche Charaktere, die zugleich lauter männliche wären; dabei wäre es Darstellung einer erhabenen Idee, wie er sie liebt.

„Denken Sie, lieber Freund“, so schließt er seine Konsultation Humboldts vom 5. Oktober, „denken Sie noch einmal recht streng über mich nach, und schreiben mir dann Ihre Meinung. Poesie wird auf jeden Fall mein Geschäft sein; die Frage ist also bloß, ob episch (im weiten Sinne des Worts) oder dramatisch?“

Ihm erwiderte der poetische Gewissensrat am 15. Oktober: „Es ist eine schwierige Aufgabe, liebster Freund, bei sich selbst zu entschieden, ob der eigentümliche Charakter Ihres Dichtungsvermögens mehr der dramatischen oder mehr der epischen Poesie angemessen ist. Zu allen Schwierigkeiten, die der Beantwortung jeder Frage dieser Art im Weg stehen, gesellt sich bei Ihnen noch die reiche Mannigfaltigkeit Ihres Genies, dem alles in so eminentem Grad zu gelingen scheint, und der zufällige Umstand, dass Ihre dramatischen Produkte aus einer so viel früheren und verschiedenen Periode Ihres Lebens sind. Da Sie es indes verlangen, so will ich dreist ein Urteil auszusprechen versuchen. Nur müssen Sie es mir zugute halten, wenn ich mehr einer gewissen Divinationsgabe, als einem sicheren Raisonnement folge.“ Dieses Urteil weitläufig motiviert, gibt er endlich in nachstehender Weise ab: „Nehme ich die dramatische (hier doch eigentlich die tragische oder besser heroische) Poesie nach dem Begriff, der mir neuerlich durch die Goetheschen Ideen am geläufigsten geworden ist, als die lebendige Darstellung einer Handlung und eines Charakters, als eine Schilderung des Menschen in einem einzelnen Kampf mit dem Schicksal; so finde ich die Eigentümlichkeit, die Sie charakterisiert, hier in ihrem wahren Gebiet, da hier die Hauptwirkung durch das Gefühl des Erhabenen geschieht. Alles drängt sich hier dem Moment der Entscheidung entgegen, die Kraft des Geistes und des Charakters muss sich bis zur höchsten Anspannung sammeln, um die Macht des Schicksals zu überwinden, und sich ganz in sich selbst zurückziehen, um ihr nicht zu unterliegen. Diesen Zustand in seiner ganzen Größe zu schildern, fordert die höchste und reinste Energie des Genies. Das Verhältnis des Menschen zum Schicksal darzustellen, ist eigentlich die Darstellung einer Idee; je selbsttätiger und freier hier das Genie wirkt, je größeren Ideengehalt es in das Gefühl zu verweben weiß, desto größer ist die Wirkung. Diese hervorzubringen, halte ich Sie geschaffen; wenn Sie Ihren Gegenstand glücklich wählen, so wird Sie hier keiner erreichen.“ Er zeigt ihm dann, dass die lyrische Stimmung ihm nur förderlich sein könne. „Auf der andern Seite aber“, fährt er weiter fort, „setzt auch das Dramatische gerade Ihnen große Schwierigkeiten entgegen. Neben dem Erhabenen beruht seine Wirkung auch größtenteils auf dem Rührenden; es fordert mannigfaltig bewegte Leidenschaften und fein nuancierte Empfindungen. Wie viel Sie auch hier durchaus vermögen, haben Sie zur Genüge gezeigt [im Carlos]. Nur ist aber hier die Frage, nicht sowohl ob Sie hier der Natur wirklich treu sind, sondern mehr, ob Sie ihr treu zu sein scheinen? Denn darin, dünkt mich, liegt gerade der Unterschied. Ich habe im vergangenen Winter einmal die weiblichen Charaktere des Don Carlos sehr genau untersucht, und bin nirgends auf etwas gestoßen, was ich nicht wahr nennen möchte (?!); aber es bleibt ihnen ein schwer zu bestimmendes etwas, ein gewisser Glanz, der sie von eigentlichen Naturwesen unterscheidet… Charaktere, die Goethe unglaublich gelingen, Goetzes Frau, Götz selbst, Klärchen, Gretchen, würden Ihnen große Schwierigkeiten machen. Dennoch aber, so fest ich auch glaube, dass Ihre Stärke nicht in dieser Gattung der Tragödien, sondern nur in jenen einfachen und heroischen ganz sichtbar sein würde, so sehr wünschte ich doch, dass es ihnen möglich wäre, den Versuch durch alle Gattungen durchzumachen. Es ist das anziehendste Schauspiel, das ich mir denken kann, zu sehen, wie sich die Welt in einer Seele, wie die Ihrige ist, spiegelt; zu sehen, wie Sie Ihre Charaktere aus einem idealistischen Kreis herbeiführen, und ihnen doch eine so lebendige Wirklichkeit geben. Indes gestehe ich gern, dass dieser Reiz fremdartig ist, und nicht eigentlich als ein Vorzug der Kunst angesehen werden kann… Verglichen mit der dramatischen halte ich die epische Poesie nicht so fähig, Ihre ganze Stärke zu entwickeln. An sich braucht das eigentlich Epische überhaupt (nicht aber die große Epopöe) eine leichtere, lachendere, mehr malende Phantasie, als Ihnen, in Vergleichung mit der Tiefe der Ihrigen, eigen scheint. Gewiss würden Sie auch hier mit großer Würde auftreten, aber Sie würden eine Ihnen selbst nachteilige Wahl treffen.“ Endlich erkennt Humboldt in den „Göttern Griechenlands“ und ähnlichen Gedichten eine episch-didaktische Gattung, die Schiller geschaffen hat, und ahnt die episch-lyrische, die er in seinen (freilich nur so genannten) Balladen schaffen wird.

Dieses ganze Konsilium ist ein Meisterstück; es enthält in seiner ersten Hälfte den herrlichsten Kommentar zu dem aristotelischen Ausspruch: „Durch Furcht und Mitleid“ und verschleiert in seiner zweiten, nachdem es Schillers wahre, tragische Größe ins Licht gestellt, seine Mängel so, dass sie doch kenntlich genug durchschimmern. Der alte Goethe hat freilich unumwundener davon gesprochen, zu einer Zeit, wo es nicht mehr kränken konnte1).

Die Überzeugung, dass Schiller für die einfach heroische Gattung bestimmt sei, ließ seinen Freund Humboldt für die Malteser gegen den Wallenstein sprechen, der allerdings an sich bei weitem größer und tragischer und auch gewiss in demjenigen Kreis sei, für welchen Schiller die Bestimmung habe. Und auch Goethe versichert, dass, wenn Schiller ihn vor seinem Wallenstein gefragt hätte, ob er ihn schreiben solle, er ihm sicherlich abgeraten hätte: „denn“, sagte er, „ich hätte nie denken können, dass aus solchem Gegenstand überall ein so treffliches Theaterstück wäre zu machen gewesen. Man soll daher nie jemanden fragen, wenn man etwas schrieben will2).“

Ehe Schiller antworten konnte, warnte ihn Humboldt noch in einem zweiten Brief, nicht einer Rüge Körners nachzugeben und aus seiner Eigentümlichkeit einen Übergang in die allgemeine klassische Bahn zu versuchen. Sein Dichtercharakter sei gerade Erweiterung des Dichtercharakters überhaupt.

Schiller dankte dem Freund für sein gründliches Gutachten, als Antwort auf jene Gewissensfrage, ohne sich vorerst entschieden zu erklären; vielmehr vertiefte er sich mit ihm, wie wir schon oben gesehen, in jene Prolegomenen zu der Schrift über naive und sentimentalische Dichtung.

Mit dem 5. November 1795 kam Goethe nach Jena und blieb dort, um Schillers Geburtstag begehen zu helfen. Sie saßen, nach Gewohnheit, von abends um fünf Uhr bis nachts zwölf, auch ein Uhr beisammen und plauderten unter anderem auch viel über griechische Literatur und Kunst. Bei dieser Gelegenheit entschloss Schiller sich ernstlich, das Griechische, von dem er nur noch die Wörter ohne die Regeln kannte, zu treiben, sah sich nach einer guten Grammatik und einem solchen Wörterbuch, auch einer Schrift über die Methode um, gedachte auf der Stelle den Homer vorzunehmen, und damit den Xenophon zu verbinden. „Langsam freilich wird diese Arbeit gehen“, sagt er dem Freund in Tegel, „da ich nur wenige Zeit darauf verwenden kann; aber ich will sie so wenig als möglich unterbrechen, und ausharren.“ An die Malteser hatte er noch nicht kommen können, da ihn der Aufsatz über das Naive und sein Gegenstück bisher beschäftigte, auch zweiundvierzig Bogen der Horen mit eignen und fremden Beiträgen auszufüllen, keine kleine Mühe machte.

Eine Unpässlichkeit des immer kränkelnden Dichters unterbrach zuerst diese ernsthaften Gedanken, und als die Heiterkeit der Stimmung und seine unbegreifliche Tätigkeit zurückgekehrt waren, lenkte eine Kleinigkeit die Freunde auf andres ab und gab Veranlassung, ein großes, mutwilliges Feuer anzuzünden. Ohne diesen Einfall, über den wir sogleich berichten wollen, hätte Schiller, nachdem er im Geist das ganze Feld der Poesie in naive und sentimentalische, und diese letztere wieder in Satire, Elegie und Idylle geteilt, sich schaffend an die Idylle gewagt, zu der er in seinem „Reich der Schatten“ nur die Regeln erkannte. Er hatte ernstlich im Sinn, da fortzufahren, wo dieses Gedicht aufhört, aber darstellend und nicht lehrend. Herkules ist in den Olymp eingetreten; hier endigt letzteres Gedicht. Die Vermählung des Herkules mit der Hebe würde der Inhalt der Idylle sein; eine solche wäre eigentlich das Gegenstück der hohen Komödie, deren Stoff auch das Pathos ausschließt, aber die Wirklichkeit ist. Der Stoff dieser Idylle wäre das Ideal. „Denken Sie sich den Genuss, lieber Freund“, schließt er begeistert diese Mitteilung an Humboldt, „in einer poetischen Darstellung alles Sterbliche ausgelöscht, lauter Licht, lauter Freiheit, lauter Vermögen – keinen Schatten, keine Schranke, nichts von dem allem mehr zu sehen. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich an diese Aufgabe, wenn ich an die Möglichkeit ihrer Auflösung denke. Eine Szene im Olymp darzustellen, wenn mein Gemüt nur erst ganz frei und von allem Unrat der Wirklichkeit recht rein gewaschen ist; ich nehme dann meine ganze Kraft und den ganzen ätherischen Teil meiner Natur noch auf einmal zusammen, wenn er auch bei dieser Gelegenheit rein sollte aufgebraucht werden. Fragen Sie mich aber nichts. Ich habe bloß noch ganze schwankende Bilder davon.“

Aber hinter dem trunkenen Monolog der erwachenden Dichterkraft lauschte schon Mephistopheles. Unvermerkt lenkte der schadenfrohe Geist den Poeten von seinen Entschlüssen ab und durch einen leichtfertigen Gedanken vom Gebiet der Idylle hinüber auf das der Satire.

Ü   Þ


1) Bei Eckermann I, 88 f., 197, 308, 381, II, 88, 315, 347. ­
2) Bei dems. I, 303.
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