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Die Lyrik der Horenzeit. Lebens- und Arbeitsweise des Dichters.

Wer sich mit Schiller in diesen gedoppelten Schacht der Philosophie und der Ästhetik vertieft hat, dem wird bange für seine Schöpfungskraft und seine Poesie. Von einem geistreichen Zeitgenossen, dessen attische Erscheinung die Jetztwelt noch mit Liebe unter den Lebendigen sucht und findet, ist ganz neulich unser Dichter mit Pindar verglichen und Quintilians Schilderung des letztern auf ihn angewendet worden1). Auch das Bild, unter welchem uns Horaz den griechischen Hymnendichter malt, ist auf Schiller anwendbar. Seine Natur- und Dichterkraft gleicht, in den Werken seiner frühen Jugend vornämlich, nicht weniger jenem Bergstrom, der von Regengüssen über das gewohnte Ufer genährt, schäumend von den Höhen herabstürzt und mit tiefem Fall aus der Schlucht hervorbricht. Aber im Gebiet der Wissenschaft angelangt scheint auf einmal der Strom bis auf die Spur verloren. Zur Beängstigung der Augen, die jenem stolzen Dichterlauf gefolgt sind, verschlingt seinen Strudel, wie den Alphéus, der Boden und sein suchender Trieb gräbt sich ein Bett unter der Erde. Schon scheint er ganz dem Abgrund anzugehören, als auf einmal das melodische Brausen sich wieder vernehmen lässt, und sein Wasserstrahl in einem Silberblick von Liedern wieder aus der Tiefe emporsprudelt.

Mit einem Freudenruf begrüßt der Leser die ersten Gedichte Schillers in den Horen, und mit einer fast ängstlichen Neugierde verfolgt er ihre Entstehungsgeschichte in den Briefwechseln des Dichters mit Humboldt und Goethe. Ehe wir jedoch dieser Entwicklung in angemessener Kürze folgen, mag die Lebens- und Arbeitsweise des Dichters hier an der schicklichsten Stelle beobachtet werden.

Ein von Goethe hochgehaltener und vielleicht von ihm ausgerüsteter Berichterstatter erzählt uns von England herüber2): „In Schillers Lebensweise zu Jena waren Einförmigkeit und Einfachheit die hervorstechendsten Eigenschaften; die einzige Ausschweifung, die er sich erlaubte, war sein Eifer für die Wissenschaften, eine Sünde, die er sich sein ganzes Leben lang am ersten zu Schulden kommen ließ. Viel hatte seine Gesundheit von seiner Gewohnheit, des Nachts zu arbeiten, gelitten; aber noch immer war der Reiz dieser Gewohnheit zu groß für seine Selbstverleugnung; und er konnte dieselbe nicht anders unterlassen, als bei heftigen Krankheitsanfällen. Das höchste Entzücken war für ihn jene schaffende Glut der Begeisterung, jener schöne Wahnsinn, welcher den Dichter zu einem neuen, edleren Geschöpfe macht, ihn in lichtere, mit Pracht und Schönheit geschmückte Regionen empor trägt, und alle seine Fähigkeiten durch das volle Bewusstsein ihrer geübten Kraft ergötzt. Um dies Vergnügen in seinem ganzen Umfang zu genießen, war Schiller zuletzt die Stelle der Nacht, die einen gleich feierlichen Einfluss über die Gedanken wie über den Erd- und Luftkreis ausübt3), unerlässlich geworden. Deshalb pflegte er auch jetzt, wie in früherer Zeit, die gewöhnliche Ordnung der Dinge zu verkehren; bei Tag las er, erquickte sich an dem Anblick der Natur, unterhielt sich mündlich oder schriftlich mit Freunden; doch bei Nacht studierte er. Und da nur zu oft sein Körper ermattet und erschöpft war, gewöhnte er sich, ungeduldig über solche niedre Hindernisse, an schädliche Reizmittel, die wohl für den Augenblick Kraft verliehen, aber nur, um dieselbe schneller und sicherer aufzureiben.“

An diese Schilderung mag sich die mündliche, ganz entsprechende Mitteilung von einem noch lebenden Augenzeugen anreihen. Ein Geschäft, das unsrem Schiller nicht weniger als Herzen lag, führte den Erzähler im Sommer 1795 nach Jena zu dem Dichter. Ehe er diesen noch aufgesucht, begegnet er auf dem Markt einem langen, langhalsigen Mann mit gesenktem4) Kopf, die Füße in Stulpenstiefel gesteckt, den Leib mit einem grauen Oberrock mehr behangen als bekleidet5). Es war Schiller. Der Beruf des Fremden und sein Unternehmen hatten ihn bald in dessen Haus eingeführt und ihm den freundlichsten Empfang bereitet. Ihm erschien Schillers Organisation damals schon im Innersten angegriffen, und seine Lebensweise, die wenigstens nicht gründlich durch Goethes oben erwähnten wohltätigen Einfluss geordnet worden war, nichts weniger als natürlich. Er stand sehr spät, oft erst gegen Mittag, zuweilen sogar erst nachmittags vom Schlaf auf. Dann trank er, anstatt zu speisen, eine Tasse Schokolade, und arbeitete bis zum Abend, und, wenn er allein war, bis tief in die Nacht. Nicht selten aber empfing er auch abends Gesellschaft bei sich zu Hause, und zwar die auserlesenste. Diese blieb beim einfachen Tee und Butterbrot, im lebendigsten Gespräch, oft bis gegen Mitternacht beisammen. Schiller nahm am geistigen Verkehr hier den lebhaftesten, aber immer höchst bescheidenen Anteil. Wenn dann die Gäste sich in sinkender Nacht verloren hatten, setzte er sich erst mit seiner Frau zu Tisch und aß auf gut Schwäbisch zu Abend. Manchmal aber überfiel seine Natur auch mitten im Gespräch der Schlaf, und zwar ohne alle Vorboten von Schläfrigkeit; er sank im Stuhl plötzlich zusammen und musste von den Seinigen schlafend zu Bett getragen werden.

Ein solcher Abend ist dem Gries, der dies aus den Erinnerungen junger Jahre berichtet, noch in besonderem Gedächtnis. Es wurde an demselben in Schillers Abendzirkel gerade eine neue Erscheinung der Literatur lebhaft debattiert. Das waren Fichtes „Beiträge zur Berichtigung der Urteile über die französische Revolution“, ein Buch, dessen Anonymität der Verfasser so streng respektiert wissen wollte, dass er einen Bücherverleiher, welcher der Schrift in seinem Katalog Fichtes Namen beigesetzt hatte, sogar vor Gericht belangte. Diese Schrift erregte an Schillers Teetisch großen Streit, um welchen sich der Dichter, der keinen Stuhl genommen hatte, sondern bald da, bald dort in einer Ecke des Zimmers lehnte, nicht viel zu bekümmern schien. Unser Gewährsmann für diese Szene, damals ein junger Mann von 27 Jahren, stritt sich mit andern notabeln Schriftstellern Jenas besonders über das merkwürdige Kapitel des Buchs vom Recht eines Volkes zu einer Revolution. Er erlaubte sich gegen diejenigen, welche diese Überschrift und den ganzen Abschnitt in Schutz nahmen, die bescheidene Exzeption: Ihm komme es lächerlich vor, hier von einem Recht sprechen zu wollen. Eine Revolution sei einem Gewitter zu vergleichen; wenn dies einmal sich zusammengezogen, werde niemand fragen, ob dasselbe ein Recht gehabt habe, in ein Haus einzuschlagen, auf welchem sich kein Blitzableiter befand. Dieser aber sei bei heitrem Himmel anzubringen. Wer das Dach erst während des Wetters besteigen wollte, der könne sich nicht beklagen, wenn ihn der Blitz während der Ausführung dieser verspäteten Vorsichtsmaßregel treffe.

Bei diesen Worten fühlte der Sprecher einen leichten Schlag auf der Schulter. Schiller war aus seiner Ecke hinzugetreten und sprach: „Der junge Mann da dürfte wohl so Unrecht nicht haben. Ich will mit Freund Fichte wirklich über jenes Kapitel expostulieren!“

Ein andermal, und dies war im Laufe des Tages und nicht in größerer Gesellschaft, trat Schiller mit einem bunt durchkorrigierten Konzept ins Zimmer. „Ich habe da etwas gemacht, es ist aber noch nichts Ganzes – ich weiß nicht, ob es etwas ist“, sprach er zu den Anwesenden. Und nun fing er an zu lesen:

„Ein Regenstrom aus Felsenrissen,
Er kommt mit Donners Ungestüm,
Bergtrümmer folgen seinen Güssen,
Und Eichen stürzen unter ihm –“

Es waren die begeistertsten Strophen aus der „Macht des Gesanges“.

Und hiermit wären wir wieder in der lyrischen Werkstätte des Dichters angelangt, und wollen einen Teil der Gespräche, die er mit seinen Geistesvertrauten über der Arbeit führte, belauschen. „Im ersten Jahr seiner Rückkehr nach Jena“, sagt W. v. Humboldt6), „beschäftigten ihn noch ausschließlich die ästhetischen Briefe und gelegentliche historische Arbeiten. Dann blühte die Poesie, zuerst nur in kleineren lyrischen und erzählenden Gedichten, ihm auf.“ Die Horen und die fast gleichzeitige Unternehmung des Musenalmanachs, von dessen Herausgabe schon im Oktober 1794 zwischen Goethe und Schiller die Rede ist, spornten zu solcher frischen Äußerung seiner Produktionskraft. Er hatte diese Kraft nach seiner reflektierenden Weise genau ins Auge gefasst. Er fühlte, wie wir in einer Herzensergießung an seinen neuen Freund Goethe schon vom 31. August 1794 lesen, dass sein Verstand eigentlich mehr symbolisierend als intuitiv wirke, und glaubte so, als eine Zwitterart zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie zu schweben. „Dies ist es“, sagt er, „was mir, besonders in früheren Jahren, sowohl auf dem Feld der Spekulation als der Dichtkunst ein ziemlich linkisches Aussehen gegeben; denn gewöhnlich übereilte mich der Poet, wo ich philosophieren sollte, und der philosophische Geist, wo ich dichten wollte… Kann ich dieser beiden Kräfte in so weit Meister werden, dass ich einer jeden durch meine Freiheit ihre Grenzen bestimmen kann, so erwartet mich noch ein schönes Los; leider aber, nachdem ich meine moralischen Kräfte recht zu kennen und zu brauchen angefangen, droht eine Krankheit meine physischen zu untergraben. Eine große und allgemeine Geistesrevolution werde ich schwerlich Zeit haben, in mir zu vollenden, aber ich werde tun, was ich kann, und wenn endlich das Gebäude zusammenfällt, so habe ich doch vielleicht das Erhaltenswerte aus dem Brand geflüchtet.“

Mit so ernsten und leider gerechtfertigten Todesgedanken ging er an das lebensvollste Geschäft des Dichters, an die Liederpoesie. Den „ersten Ausritt ins Gebiet der Dichtkunst, nach einer so langen Pause“, wie Goethe sich ausdrückt7), unternahm Schiller im Sommer 1795, nachdem sich Humboldt ungemein neugierig gezeigt, wie er den Übergang von der Metaphysik zur Poesie gemacht habe; das wunderbare Phänomen, dass seinem Kopf beide Richtungen in einem so eminenten Grad eigentümlich erscheinen, sei ohnehin schon an sich nicht leicht zu fassen.

Die lyrischen Erstlinge dieser reifern Zeit waren „die Macht des Gesanges“, „der Tanz“, „der Pegasus“, „die Antike“, „der Weltverbesserer“ und andere Epigramme8), endlich „das Reich der Schatten“, in der Sammlung seiner Gedichte „das Ideal und das Leben“ genannt. Schiller selbst übersandte das letztere Gedicht diesem Freund mit einer gewissen lächelnden Feierlichkeit und im vollen Bewusstsein des Wertes. „Wenn Sie diesen Brief (vom 9. August) erhalten, liebster Freund, so entfernen Sie alles, was profan ist, und lesen in geweihter Stille dieses Gedicht. Haben Sie es gelesen, so schließen Sie sich mit Ihrer Frau ein, und lesen es Ihr vor… Ich gestehe, dass ich nicht wenig mit mir zufrieden bin, und habe ich je die gute Meinung verdient, die Sie von mir haben, so ist es durch diese Arbeit.“ Für den jetzt schon im Gang befindlichen Almanach war es ihm zu gewichtig. Doch wollte er auch für diesen, da er im Zuge sei, noch einiges hinwerfen; „überhaupt bin ich“, schreibt er, „entschlossen, die nächsten zehn Monate nichts als Poeterei zu treiben.“

Hatte schon die andern Gedichte Wilhelm v. Humboldt mit Bewunderung und Jubel aufgenommen, „die Macht des Gesanges“ mit dem tiefsten Eindruck; so schrieb er beim Empfang des Reichs der Schatten am 21. August: „Wie soll ich Ihnen für den unbeschreiblich hohen Genuss danken, den mir Ihr Gedicht gegeben hat. Es hat mich seit dem Tag, an dem ich es empfing, ganz besessen, und ich fühle lebhaft, dass es mich noch sehr lang und anhaltend beschäftigen wird: Solch einen Umfang und solch eine Tiefe der Ideen enthält es, und so fruchtbar ist es, woran ich vorzüglich das Gepräge des Genies erkenne, selbst wieder neue Ideen zu wecken. Es zeichnet jeden Gedanken mit einer unübertrefflichen Klarheit hin, in dem Umriss eines jeden Bildes verrät sich die Meisterhand, und die Phantasie wird unwiderstehlich hingerissen, selbst aus ihrem Innern hervor zu schaffen, was Sie ihr vorzeichnen.“ Hierauf verbreitet er sich in einer ausführlichen, bis ins Einzelnste gehenden Kritik über das Gedicht und seine Schönheiten. Auf den Koadjutor Dalberg, der auch den Tanz und andre „schöne Blumen seiner Dichtkunst“ in diesen neuen Lieferungen bewunderte, machte das hohe Lehrgedicht denselben Eindruck: „in Ihrem Reich der Schatten“, schrieb er ihm9), „wohnen die guten Menschen in den besten Augenblicken des Lebens; aber Schillers hoher Genius ist der erste, der dieses Reich mit ätherischen Farben malte.“ Die Masse verstand übrigens das Gedicht nicht; sie hielt es für eine Schilderung des Totenreiches. Und noch immer ist es, der Natur der Sache nach, nur das geistige Eigentum weniger. Von Goethe besitzen wir keine Äußerung über dasselbe.

Fast jeden andern Dichter hätte Humboldts Lob wo nicht berauscht, doch im schon gewonnenen Selbstgefühl bestärkt. Aber der unbestechliche Schiller antwortet (21. August) nur so viel: „Ihre Briefe, lieber Freund, sind mir ein rechter Trost, und ob ich gleich von dem liebevollen Begriff, den Sie sich von mir bilden, den Anteil abziehen muss, den Ihre Freundschaft daran hat, so dienten sie mir doch zu einer fröhlichen Ermunterung, deren ich weit öfter bedarf, als entraten kann. Der Wunsch und die Hoffnung, es Ihnen recht zu machen, hat mich auch bei diesen poetischen Arbeiten belebt und gestärkt, und wird es auch künftig tun. Übrigens kenne ich nun bald meine Stärke sowohl, als meine Schranken im poetischen Felde. Diese letzteren werden mir wohl das Dramatische verbieten, aber auf das Epische werde ich dafür ernstlicher losgehen, nicht auf die große Epopöe, versteht sich.“

Mit solcher Demut stand der größte deutsche Dramatiker – schon damals verhältnismäßig nächst Goethe der größte – vor der gewaltigen Aufgabe, die jetzt seine Kunsterkenntnis an ihn stellte. Die Räuber, Kabale und Liebe, Fiesko, Don Carlos selbst – alles betrachtete er als einen abgeschlagenen Sturm auf die Zinnen der dramatischen Poesie. Schon war der Wallenstein konzipiert; die Sturmleiter in der Hand, stand der Krieger aufs Neue vor der Bastion, warf einen Blick hinauf und wollte verzagen.

Kleinere Stücke, „Natur und Schule“, „das verschleierte Bild“, „die Teilung der Erde“ und Ähnliches, auch viele Distichen, von Humboldt, Dalberg und Goethe fortwährend mit Liebe begrüßt, entstanden jetzt teils für die Horen, teils für den Almanach. Humboldt, den jene Äußerungen ängstigen mochten, wünscht seinem Freund eine lebendigere, große Stadt an der Stelle von Jena zum Aufenthalt, er würde ihn gern unabhängiger sehen. Selbst die Horen ärgern ihn manchmal; dabei muss er ihn bewundern, dass er mitten in seiner Krankheit, die ihn von Zeit zu Zeit heimsuchte, eine so schöne und fruchtbare Geistesstimmung, wie sie seine Gedichte beweisen, sich bewahren kann!

Bald darauf kam ihm Schillers bekanntes Lied „die Ideale“ (So willst du treulos von mir scheiden –), zu Gesichte. So blind war doch der Freund nicht, dass er auch hier, wo die Poesie im Namen der Prosa sang und der „Beschäftigung“ die Palme reichte, unbedingt gelobt hätte. „Das Gedicht hat nicht ganz den Effekt auf mich gemacht, als Ihre übrigen Stücke, und meine Frau hat mir dasselbe von sich gesagt.“ Sonderbarer Weise behagte das Gedicht Goethe, wie denn er, Humboldt, Körner und Herder, jeder einen andern Liebling unter Schillers neuen Stücken hatte. Die Ideale verteidigte Schiller gegen Humboldt ziemlich lebhaft, doch gestand er, dass das Lied zu subjektiv, zu individuell wahr sei, um als eigentliche Poesie beurteilt werden zu können.

Darauf entstanden im September, „die Würde der Frauen“, „der Abend“, „Schlussgedicht“, sämtlich von Humboldt bewundert und charakterisiert. Sie alle aber verdunkelte die im Oktober gedichtete „Elegie“ (jetzt „der Spaziergang“) die auch auf Goethe, dem sie Schiller vorgelesen hatte, „sehr wirkte.“ „Wohin man sich wendet“, sagt Humboldt, „wird man durch den Geist überrascht, der in diesem Stück herrscht, aber vorzüglich stark wirkt das Leben, das dies unbegreiflich schön organisierte Ganze beseelt. Ich gestehe offenherzig, dass unter allen Ihren Gedichten, ohne Ausnahme, dies mich am meisten anzieht, und mein Inneres am lebendigsten und höchsten bewegt. Es stellt die unveränderliche Strebsamkeit der Menschen, der sicheren Unveränderlichkeit der Natur zur Seite, führt auf den wahren Gesichtspunkt, beide zu übersehen, und verknüpft somit alles Höchste, was ein Mensch zu denken vermag. Den ganzen großen Inhalt der Weltgeschichte, die Summe und den Gang alles menschlichen Beginnens, seine Erfolge, seine Gesetze und sein letztes Ziel, alles umschließt es in wenigen, leicht zu übersehenden, und doch so wahren und erschöpfenden Bildern. Fast in keinem Ihrer übrigen Gedichte sind Stoff und Form so miteinander amalgamiert, erscheint alles so durchaus als das freie Werk der Phantasie.“

Goethe in seinem Briefwechsel mit Schiller lässt sich, bei seiner lakonischen Manier, nicht über das Einzelne heraus, über die Gesamtheit der neuern Produktionen Schillers fällt er jedoch ein sehr günstiges Urteil. Nach einem Besuch bei Schiller und ohne Zweifel, nachdem er dessen Elegie angehört, schreibt er ihm (zwischen dem 3. und 10. Oktober): „Ihren Gedichten hab’ ich auf meiner Rückkehr hauptsächlich nachgedacht; sie haben besondere Vorzüge, und ich möchte sagen, sie sind nun, wie ich sie vormals von Ihnen hoffte. Diese sonderbare Mischung von Anschauen und Abstraktion, die in Ihrer Natur ist, zeigt sich nun in vollkommenem Gleichgewicht, und alle übrigen poetischen Tugenden treten in schöner Ordnung auf. Mit Vergnügen werde ich sie gedruckt wieder finden, sie selbst wiederholt genießen, und den Genuss mit andern teilen.“

Schiller selbst leugnete gegen Humboldt (29. Nov.) nicht, dass er sich auf die Elegie (den Spaziergang) am meisten zu gut tue. Das sicherste empirische Kriterium von der wahren poetischen Güte eines Produkts deucht ihm dieses zu sein, dass es die Stimmung, worin es gefällt, nicht erst abwartet, sondern hervorbringt, also in jeder Gemütslage gefällt. „Und das ist mir“, sagt er, „noch mit keinem meiner Stücke begegnet, außer mit diesem. Ich muss oft den Gedanken an das Reich der Schatten, die Götter Griechenlands, die Würde der Frauen usw. fliehen; auf die Elegie besinne ich mich immer mit Vergnügen, und mit keinem müßigen, sondern wirklich schöpferischen, denn sie bewegt meine Seele zum hervorbringen und Bildern. Der gleichförmige und ziemlich allgemein gute Eindruck dieses Gedichts auf die ungleichsten Gemüter ist ein zweiter Beweis. Personen sogar, deren Phantasie in den Bildern, die darin vorzüglich herrschen, keine Übung hat, wie z. B. meine Schwiegermutter, sind auf eine ganz überraschende Weise davon bewegt worden. Herder, Goethe, Meyer, die Kalb, hier in Jena Hederich, den Sie auch kennen, sind alle ganz ungewöhnlich davon ergriffen worden. Rechne ich Sie und Körner und Ihre Frau dazu, so bringe ich eine beinahe vollständige Repräsentation des Publikums heraus. Ich glaube deswegen, dass, wenn es diesem Stück an einem allgemeinen Beifall fehlt, bloß zufällige, selbst in den Personen, die es ungerührt lässt, zufällige Ursachen daran schuld sind. Mein eigenes Dichtertalent hat sich, wie Sie gewiss gefunden haben werden, in diesem Gedicht erweitert: Noch in keinem ist der Gedanke selbst so poetisch gewesen und geblieben, in keinem hat das Gemüt so sehr al seien Kraft gewirkt.“

Ins Einzelne des Baues übergehend, erklärt er sodann seinen Entschluss, für den Versbau so viel als möglich zu tun. „Ich bin hierin der roheste Empiriker, denn außer Moritz’ kleiner Schrift über Prosodie erinnere ich mich auch gar nichts, selbst nicht auf Schulen, darüber gelesen zu haben. Besonders sind mir die Hexameter und Pentameter, die mich nie genug interessiert hatten, ganz fremd in Rücksicht auf Theorie und Kritik10). Indessen glaube ich doch, dass die Empirie zuweilen gegen die Regel Recht hat.“

Ü   Þ


1) Fr. Jakobs in seinem Jubelprogramm auf seinen Kollegen Fr. Kreis (Gotha 2. Febr. 1839, p. 39), wo es im zierlichsten Latein heißt: „Auf Schiller möchte ich anwenden, was Quintilian von Pindar rühmt, der die Hoheit seines Dichterschwunges, und die üppigste Fülle der Gedanken und Worte an ihm bewundert.“ ­
2) Thomas Carlyle, Leben Schillers, aus dem Englischen, eingeleitet von Goethe, Frankf. 1830. S. 183 f.
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3) Schon der Knabe Schiller hatte das Lied: „Nun ruhen alle Wälder“, in welchem der oben ausgesprochene Gedanke so malerisch ausgedrückt ist, besonders lieb gewonnen. S. Buch I, S. 28.
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4) Hier also wieder ein Zeugnis für die Neigung des Hauptes.
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5) Folge seiner Krankheit. Dass Schiller sich damals nicht mehr nachlässig trug, wissen wir aus dem Mund v. Hovens und seiner Schwägerin.
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6) Briefwechsel, Vorerinnerung S. 73.
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7) Briefw. Nr. 98. I, S. 210.
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8) Eine Charakterisierung der Schillerschen Epigrammenpoesie unternimmt Hoffmeister III, 179 ff., bes. 228 ff.
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9) Fr. v. Wolz. II, 138 f. Aber das Datum „Erfurt 5. April 1795“ kann nicht richtig sein.
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10) Deswegen erschien auch auf die Xenien damals folgendes Antixenion, das der Verfasser dieses Buchs nur aus mündlicher Tradition kennt:

I’n Weimár und Jená macht mán Hexameter wíe dér,
   Aber die Péntametér sind noch viel éxcellentér.
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