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Schillers Aufsätze für die Horen

Übrigens verdankte Deutschland dieser Zeitschrift die gediegensten Aufsätze Schillers, die seinen Übergang von der Philosophie durch die Ästhetik zur Poesie bezeichnen. In der neuen Thalia waren (1792 und 1793) schon die Abhandlungen „über verschiedene ästhetische Gegenstände“, „über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“, „über die tragische Kunst“, „über Anmut und Würde“, „über das Pathetische“, erschienen. In den Horen fuhr er auf diesem Wege fort. Dieselben brachten nacheinander die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes“ und „über schmelzende Schönheit“ (dritte Abteilung der Briefe), die Abhandlung „von den notwendigen Grenzen des Schönen“, über „die Gefahr ästhetischer Sitten“, „über das Naive“, „die sentimentalischen Dichter“, (beides zusammen später „über naive und sentimentalische Dichtung“ betitelt), „über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten“. Die Beurteilungen von Goethes Egmont und Matthissons Gedichten, sowie die Gedanken „über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst“, erschienen teils früher, teils später in der allgemeinen Literaturzeitung.

Hoffmeister hat diese Schriften in ihrem Zusammenhang durch einen gründlichen Überblick beleuchtet, und insbesondere die ästhetischen Briefe sorgfältig zergliedert1). Er glaubt mit Recht, dass unsere ganze deutsche Literatur nichts aufzuweisen habe, was mit den neun ersten jener Briefe verglichen werden könnte. Diesen Eindruck machten sie, wie er bemerkt, auch auf Goethe. „Das mir übersandte Manuskript“, sagt sein Brief an Schiller vom 26. Okt. 1794, „habe ich sogleich mit großem Vergnügen gelesen; ich schlürfte es auf einen Zug hinunter. Wie uns ein köstlicher, unsrer Natur analoger Trank willig hinunter schleicht, und auf der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohltätig; und wie sollte es anders sein, da ich das, was ich für Recht seit langer Zeit erkannte, was ich teils lobte, teils zu loben wünschte, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand!“ Er behielt sie noch einige Tage, um sie mit einem Freund nochmals zu genießen. Ja, er fühlte sich eigentlich von nun an eins mit Schiller. „Wir wollen“, sagt er, „getrost und unverrückt so fort leben und wirken, uns in unserm Sein und Wollen als ein Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen.“ Als er sie zum zweiten Mal las, fand er nicht nur, wie das erste Mal, völlige Übereinstimmung mit seiner Denkweise, sondern er beobachtete, sie auch in praktischem Sinn genau, ob er nicht etwas fände, was ihn als handelnden Menschen von seinem Weg ableiten könnte; aber auch da fand er sich nur gestärkt und gefördert.

Da wir somit diese Briefe als den Lebenscodex eines großen Geisterpaars ansehen dürfen, so können wir nur mit Mühe der Versuchung widerstehen, unsern Zeitgenossen einige weitere Züge dieses „Trankes“, von dem wir ihnen schon im zweiten Buch einen Vorgeschmack gegeben haben, zuzutrinken, um sie zum Genuss eines lange nicht genug besuchten Heilquelles einzuladen. Aber der Umfang dieser Schrift erlaubt es nicht, und wir verweisen die Leser auf die Quelle selbst, oder doch auf des genannten Biografen übersichtliche Auszüge. Von ihm entlehnen wir auch die Bemerkung, dass diese Briefe überhaupt, so vortrefflich sie sind, von allem eher handeln als von der Erziehung des Menschengeschlechtes. Die Einleitung enthält ein Gemälde der Verwilderung der niedern, der Erschlaffung der zivilisierten Klassen der menschlichen Gesellschaft, und lässt dann die moderne Zeit vor unsern Augen entstehen, in welcher nur die Gattung gewinnt, der Einzelne aber ihr Sklave und Opfer ist. Schiller tritt in ihnen als Rechtsanwalt der lebendigen Triebe der Willenskräfte gegen die einseitige Begriffsmäßigkeit der Vernunft auf, und verficht, was er in „Anmut und Würde“ gegen Kants Rigorismus geltend gemacht, gegen die Tendenz des Jahrhunderts. Das zureichende Mittel zur Veredlung jener vorhandenen Triebe, Gefühle und Willenskräfte sucht er dann, freilich mit einer Einseitigkeit anderer Art, in der Schönheit und Kunst, und bei dieser Gelegenheit porträtierte er den Künstler in Goethe. In der zweiten und dritten Abteilung der Briefe stellte er sofort seine eigene in „Anmut und Würde“ versprochene Metaphysik des Schönen auf, und suchte namentlich im dritten Abschnitt der Schönheit eine feste Grundlage im menschlichen Gemüt zu geben.

Den größten Mangel in der ganzen Darstellung findet Hoffmeister, mit vollem Recht, wie uns deucht, in der Übergehung des religiösen Momentes, und eben deswegen diese ästhetischen Ansichten, so ausgezeichnet sie in anderer Beziehung sein mögen, im Mittelpunkt ihres Wesens doch nur kalt und tot.

Der kleine Aufsatz über das Erhabene (1797) ist eine Fortsetzung dieser Briefe, und erst nach der Horenzeit entstanden; er zeigt, wie die ästhetische Erziehung erst durch den Hinzutritt des Erhabenen zur Schönheit vervollständigt werde, und welches Gewicht demselben, sowohl dem mathematisch als dem dynamisch Erhabenen, in Beziehung auf die Veredlung der Menschheit beizulegen sei. Auch er gehört zu dem Klarsten, was Schiller geschrieben2). „jedes Wort ist gewählt, jeder Satz hat einen wissenschaftlichen Hintergrund, und doch fließt der Vortrag leicht und frei von Anfang bis zu Ende.“ Eine ganz neue Zugabe ist, wie der genannte Beurteiler sie charakterisiert, die „tiefe und ergiebige“ Ansicht, dass auch die Verwirrung in der äußern Natur und die Widersprüche in der Menschenwelt eine Quelle des Erhabenen für uns seien. Freilich wird Schillers durch und durch Kantische Ansicht von der Unbegreiflichkeit der Weltgeschichte weder dem Philosophen unserer Zeit, noch dem Christen zusagen; der Ästhetiker verbaut sich hier den Gesichtskreis ganz auf dieselbe Weise, wie früher der Historiker getan hat.

Die Zergliederung der übrigen Aufsätze, welche der Theorie des Schönen angehören, überlassen wir, gedrängt durch den Raum, Schillers kritischem Biografen. Nur bei dem großen Denkmal seines dichterischen Forschergeistes „über naive und sentimentalische Dichtung“ (vollendet im November 1795), sei es erlaubt, an der Hand dieses guten Führers, noch einen Augenblick zu verweilen3). In dem Briefwechsel mit Humboldt sehen wir diese Schrift gleichsam aus der Seelentiefe des Dichters allmählich auftauchen. Ihren ersten Ursprung weist Hoffmeister in den Zweifeln Schillers über die Zulässigkeit seiner eigenen ganzen Dichtungsweise nach. Dichten, wie die Griechen und Goethe, war ihm unmöglich. Ist nun seine Poesie dennoch eine echte? Ist sein Bewusstsein innerer Verwandtschaft mit den Griechen eine Lüge? Oder wie, wenn die alte Dichtung nicht die ausschließlich und einzig echte Form wäre? Wenn es möglich wäre, seiner Dichtung eine rechtmäßige Stellung neben der griechischen zu verschaffen? Weicht doch nicht nur er, weichen doch alle modernen Dichter von den Griechen ab! Es ist in ihnen etwas, das sie miteinander gemein haben, was ganz und gar nicht griechischer Art ist, und wodurch sie große Dinge ausrichten. Und dieses etwas ist ein Vorzug, eine Realität und keine Schranke. Immerhin mögen manche, wie Goethe, eine Portion Griechenheit beigemischt haben; diese Annäherung an den griechischen Geist wird doch nie Erreichung, sie nimmt vielmehr immer etwas von jenem modernen Wesen an. Gerade herausgesagt, ein Produkt ist immer ärmer an Geist, je mehr es Natur ist. Wie nun? Sollten die modernen Dichter ihr eigentümliches Gebiet, das Gebiet des Geistes nicht behaupten dürfen, nicht das Ideal bearbeiten dürfen, anstatt der Wirklichkeit?

Aus diesen Gedanken erwuchs jene berühmte Abhandlung, die in der Ästhetik Epoche machte, und von der auch Goethe zeugt: „Der Begriff von klassischer und romantischer Poesie, der jetzt über die ganze Welt geht und so viel Streit und Spaltungen verursacht, ist ursprünglich von mir und Schiller ausgegangen. Ich hatte in der Poesie die Maxime des objektiven Verfahrens, und wollte nur dieses gelten lassen. Schiller aber, der ganz subjektiv wirkte, hielt seine Art für die rechte, und, um sich gegen mich zu wehren, schrieb er den Aufsatz über naive und sentimentalische Dichtung. Er bewies mir, dass ich selber, wider Willen, romantisch sei, und meine Iphigenie, durch das Vorwalten der Empfindung, keineswegs so klassisch und im antiken Sinn sei, als man vielleicht glauben möchte. Die Schlegel ergriffen die Idee und trieben sie weiter, so dass sie sich denn jetzt über die ganze Welt ausgedehnt hat, und nun jedermann von Klassizismus und Romantizismus redet, woran vor fünfzig Jahren niemand dachte4).“

Soviel über jene Schrift mag für unsern Zweck in dieser Biografie genügen. Leser, die sich genauer unterrichten möchten, finden nicht nur das ganze Baugerüst, sondern auch eine unparteiische und sogar strenge Kritik derselben, sowie der verwandten Abhandlungen, in Hoffmeisters gründlichem Werke.

Ü   Þ


1) III, 21-46, 65-98, 98-123. ­
2) Über Schillers Stil als Prosaiker lese man Hoffmeister III, S. 98 ff., insbesondere S. 121 ff. „Wenn man ihn recht genießen will, muss man ihn laut lesen.“
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3) Vergl. Hoffm. III, 61-93.
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4) Goethe zu Eckermann am 21. März 1830. II, 203 f. Bei Hoffm. III, 63 f. Vergl. unsere Schrift Buch II, S. 458.
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