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Die Fortführung der Horen

Bei seiner Rückkehr nach Jena am Ende September, als er eben die Ideen zu entwirren sich Zeit nehmen wollte, die Goethe wieder in ihm angeregt hatte, und den Aufgang dieser Aussaat abwarten, fand er einen Brief ihres Verlegers aus Stuttgart, der voll Eifers und Entschlossenheit war, das große Werk der Horen bald zu beginnen. Schiller hatte ihm absichtlich noch einmal alle Schwierigkeiten und mögliche Gefahren dieses Unternehmens vorgestellt; Cotta fand aber, nach Erwägung aller Umstände, dass keine Unternehmung versprechender sein könne, und glaubte eine genaue Abrechnung mit seinen Kräften gehalten zu haben. Auf seine unermüdete Tätigkeit in Verbreitung des Journals, sowie auf seine Pünktlichkeit im Bezahlen durften die Freunde zählen. Er erbat sich für seinen Associé, einen jungen Gelehrten, „der sich Zahn nennt, und zu der Handelskompanie in Calw gehört1)“, eine konsultative Stimme im Ausschuss der Sozietät, welche Schiller im Interesse des Journals selbst für zugestehlich hielt, und auch Goethe einräumte.

Nach vierzehntägiger Konferenz fanden sich die beiden edeln Freunde, Schiller und Goethe, über die Prinzipien einig; die Kreise ihres Empfindens, Denkens und Wirkens koinzidierten teils, teils berührten sie sich; „daraus“, schreibt Goethe am 1. Okt., „wird sich für beide gar mancherlei Gutes ergeben.“ Er fuhr fort für die Horen zu denken, und hatte angefangen für sie zu arbeiten; besonders sann er auf Vehikel und Masken, wodurch und unter welchen sie dem Publikum manches zuschieben könnten. Zum Redakteur en Chef wurde Schiller dadurch erhoben, dass er alle Expeditionen allein zu unterschreiben hatte.

Dennoch hatten Herausgeber und Verleger die Rechnung, wie man sagt, ohne den Wirt gemacht. Schiller wusste nicht, wie viele Vorbereitungen und Vorräte zur immer gleichen lockenden Ausstattung einer Zeitschrift gehören; häufiger war Ebbe als Flut; man musste sich nicht selten zu Lückenbüßern, zu Aufsätzen entschließen, die in den öffentlich verkündigten Plan des Journals nicht ganz passten. Auch das Publikum zeigte sich weit kaltsinniger und unempfänglicher, als sie sich’s gedacht hatten, und bald klagte der Verleger über Mangel an Absatz. So mussten sich die Dichter mit dem Gebrauch von allerlei Mittelchen beflecken, welche zu ihrer sonstigen Würde, insbesondere zu Schillers streng sittlichen Grundsätzen, nicht recht passen wollten2). Es wurde mit Schütz, dem berühmten Herausgeber der allgemeinen Literaturzeitung, die Abrede getroffen, dass alle drei Monate, und vom ersten Stück des ersten Jahrgangs schon in der ersten Woche des Januars 1795, eine weitläufige Rezension der neuen Monatsschrift, bezahlt von Cotta und verfasst von Mitgliedern der Gesellschaft, erscheinen sollte. Die Anzeige sollte, nach Schillers brieflicher Verhandlung, so vorteilhaft, als mit einer strengen Gerechtigkeit bestehen kann, geschehen, und anfangs war es auf zwölf jährliche Beurteilungen dieser Art abgesehen. Nur sollte – so viel Schamgefühl hatte man noch – der Rezensent eines Stückes, an diesem bestimmten Stück nicht mitgearbeitet haben, und überhaupt sollte ein anständiges Verfahren beobachtet werden.

Der Wunsch, die Zeitschrift empor zu bringen, hatte Schillers sonst so gehorsames Gewissen ganz übertäubt. „Cotta wird die Kosten der Rezensionen tragen, und die Rezensenten werden Mitglieder unserer Sozietät sein“, schreibt er, quasi re bene gesta, an Goethe am 6. Dezember, „wir können also so weitläufig sein als wir wollen, und loben wollen wir uns nicht für die Langeweile, da man dem Publikum doch alles vormachen muss.“ Von einer solchen bestellten Anzeige sagt dann Schiller zu Goethe, der Augur zum Augur, lachend (28. Jan. 1795): „Endlich habe ich die merkwürdige Rezension der Horen von J. im Manuskript gelesen. Für unseren Zweck ist sie ganz gut, und um vieles besser, als für unsern Geschmack… Gegen mich hatte er einiges auf dem Herzen, was er mir nicht zeigen wollte, um keiner Kollision sich schuldig zu machen. Es soll mir lieb sein, wenn er dadurch auf eine geschickte Art den Ruf der Unparteilichkeit behauptet.“ Bald ging Schiller noch weiter. Nicht nur die entschiedensten Mitarbeiter, wie z. B. der jüngere Schlegel, rezensierten die Horen, sondern er selbst arbeitete einiges an der großen Hauptausposaunung, die zu Ende des Jahres 1795 veranstaltet wurde, eine Rezension, die er lachend „eine rechte Harlekinsjacke“ nannte.

Wenn das Journal nicht, wie gehofft worden war, gedieh und aufgenommen wurde, wenn wir den Seufzer hören müssen, dass die Horen in Berlin kein besonderes Glück machen, so kann man sich bei solchen Umtrieben einigermaßen über das Misslingen trösten, und man empfindet neben dem Bedauern eine gerechte Schadenfreude, dass auf den fröhlichen „Advent der Horen“, welche am 24. Januar 1795 im ersten gedruckten Heft zu Jena einliefen3), sich bald mehr als eine Leidenswoche einstellte, und dass Goethe noch dreißig Jahre später seufzte: „Was habe ich mit Schiller an den Horen und Musenalmanachen nicht für Zeit verschwendet! Ich kann nicht ohne Verdruss an jene Unternehmungen zurückdenken, wobei die Welt uns missbrauchte4)“, – und wir die Welt, hätte er hinzusetzen dürfen. Die Nemesis stellte sich gar zeitig ein. Anfangs waren so viele Bestellungen gemacht worden, dass Cotta sich einen recht großen Absatz versprach; aber im dritten Jahr hatte er kaum die Kosten wieder, und wollte sie zwar auch noch das Jahr 1798 über vegetieren lassen, Schiller jedoch sah „keine entfernte Möglichkeit“, sie fortzusetzen, weil es ganz und gar an Mitarbeitern fehlte, auf die man sich verlassen konnte. Er hatte, nach seinem eigenen Geständnis ohne eigentlichen reellen Geldgewinn ewige Sorge und kleinliche Geschäfte bei dieser Redaktion gehabt, und musste sich endlich durch einen entschlossenen Schritt davon befreien. „Eben habe ich“, schreibt er daher mit Laune an seinen Freund Goethe am 26. Januar 1798, „das Todesurteil der drei Göttinnen Eunomia, Dike und Irene förmlich unterschrieben. Weihen Sie diesen edeln Toten eine fromme, christliche Träne. Die Kondolenz aber wird verbeten.“ Die Freunde beschlossen beim Aufhören keinen Eklat zu machen, sondern, da sich die Erscheinung des zwölften Stücks 1797 in langsamen Todeskampf ohnehin bis in den März verzögerte, die Guten von selbst einschlafen zu lassen. „Sonst hätten wir“, setzt Schiller scherzend bei, „in dieses zwölfte Stück einen tollen politisch-religiösen Aufsatz können setzen lassen, der ein Verbot der Horen veranlasst hätte, und wenn Sie mir einen solchen wüssten, so ist noch Platz dafür.“

Ü   Þ


1) S. Buch II, S. 478 f. ­
2) Das folgende aus „Chr. Gottfr. Schütz, Darstellung seines Lebens etc.“ II, 419; bei Hoffmeister.
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3) Schiller an Goethe I, 101.
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4) Bei Eckermann I, 172 f.
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