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Die Gründung der Horen. Der Bund mit Goethe geschlossen.Diese Worte Goethes haben uns von selbst auf die Horen geführt, und wir müssen nun ein paar Schritte rückwärts machen, und die Genesis unsres Dioskurenbundes auch von Schillerscher Seite feststellen. Schiller war, wie wir aus der Erzählung seiner Schwägerin wissen, aus Schwaben nach Jena zurückgekehrt, voll von dem entworfenen und nun reif gewordenen Plan, die besten Schriftsteller Deutschlands zu einer Zeitschrift zu vereinigen, die alles übertreffen sollte, was jemals von dieser Gattung existiert hatte. Die Thalia war mit dem Jahrgang 1793 geendet worden, für das neue Journal in Cotta ein unternehmender Verleger gefunden. Während abends vertraute Freundschaft, in lebendigem Ideenwechsel, ihm das Leben anmutig und reich an mannigfaltigen Blüten des Geistes machte, und die Zeit oft bis spät in die Nacht den Freunden – Wilhelm v. Humboldt mit seiner Frau hielt sich jetzt eben in Jena auf – unter philosophischen und ästhetischen Gesprächen verstrich, wurden den Tag über nach allen Weltgegenden von ihm Briefe auf Werbung für die Horen ausgesandt. Diese Zeitschrift sollte laut ihrer Ankündigung eine literarische Assoziation der vorzüglichsten Schriftsteller der Nation bilden1) und das bisher geteilte Publikum vereinigen, sie sollte sich über alles verbreiten, was mit Geschmack und wissenschaftlichem Geist behandelt werden kann, und also sowohl philosophischen Untersuchungen, als poetischen und historischen Darstellungen offen stehen. Nur strenge Gelehrsamkeit, Staatsreligion und Politik sollten ausgeschlossen sein. Das Blatt wollte sich der schönen Welt zum Unterricht und zur Bildung, der gelehrten zu einer freien Forschung der Wahrheit und zu einem fruchtbaren Umtausche der Ideen widmen. Bemüht, die Wissenschaft selbst durch den innern Gehalt zu bereichern, hoffte man zugleich den Kreis der Leser durch die Form erweitert zu sehen. Mit solcher Ankündigung nun wagte der Unternehmer sich auch in der nächsten Nähe, nachdem er sich vorläufig mit Fichte, Humboldt und Woltmann zur Herausgabe vereinigt hatte, an den großen Goethe und schrieb ihm am 13. Juni 1794: „Beiliegendes Blatt enthält den Wunsch einer Sie unbegrenzt hochschätzenden Gesellschaft, die Zeitschrift, von der die Rede ist, mit Ihren Beiträgen zu beehren, über deren Rang und Wert nur eine Stimme unter uns sein kann. Der Entschluss, diese Unternehmung durch Ihren Beitritt zu unterstützen, wird für den glücklichen Erfolg derselben entscheidend sein, und mit großer Bereitwilligkeit unterwerfen wir uns allen Bedingungen, unter welchen Sie uns denselben zusagen wollen… Je größer und näher der Anteil ist, dessen Sie unsre Unternehmungen würdigen, desto mehr wird der Wert derselben bei demjenigen Publikum steigen, dessen Beifall uns der wichtigste ist.“ Auf diese, auch in der Form sehr ehrerbietig vorgebrachte Einladung erwiderte Goethe unterm 24. Juni ruhig, aber freundlich: „Euer Wohlgeboren eröffnen mir eine doppelt angenehme Aussicht, sowohl auf die Zeitschrift, welche Sie herauszugeben gedenken, als auf die Teilnahme, zu der Sie mich einladen. Ich werde mit Freuden und mit ganzem Herzen von der Gesellschaft sein.“ Was er Zweckmäßiges ungedruckt besitzt, teilt er gerne mit; manches ins Stocken Geratene, hofft er, „wird eine nähere Verbindung mit so wackern Männern wieder in einen lebhaften Gang bringen.“ Er erwartet eine interessante Unterhaltung davon, sich über die Grundsätze zu vereinigen, nach welchen man die eingesendeten Schriften zu beurteilen hat, sowie über Gehalt und Form zu wachen, um diese Zeitschrift vor andern auszuzeichnen, und sie bei ihren Vorzügen wenigstens eine Reihe von Jahren zu erhalten. Endlich schließt er mit der Hoffnung, bald mündlich darüber sprechen zu können. An demselben Tag, an dem er sich Goethe genähert, wagte sich Schiller mit einem Brief auch an den hohen Meister Kant. Hier fügte er der Einladung zur Teilnahme und der Bitte, sich in einer freien Stunde der Herausgeber zu erinnern, seinen Dank für die Aufmerksamkeit bei, die der Philosoph seiner Abhandlung über Anmut und Würde geschenkt, und für die Nachsicht, mit der er ihn über seine Zweifel zurecht gewiesen. Er versichert ihn, dass nur die Lebhaftigkeit seines Verlangens, die Resultate der Kantschen Sittenlehre einem noch scheuen Publikum annehmlich zu machen, ihm auf einen Augenblick das Ansehen eines Gegners geben konnte, wozu er in der Tat sehr wenig Geschicklichkeit und noch weniger Neigung habe. Schließlich bittet er Kant, die Versicherung seines lebhaftesten Dankes für das wohltätige Licht anzunehmen, das er seinem Geist angezündet, eines Dankes, der, wie das Geschenk, auf das er sich gründet, ohne Grenzen und unvergänglich sei. Kant antwortete nicht so prompt wie Goethe; seine Erwiderung ließ bis zum 30. März des folgenden Jahres auf sich warten, sie war aber auch umso herzlicher. „Hoch zu verehrender Herr“, schrieb er, „die Bekanntschaft und das literarische Verkehr mit einem gelehrten und talentvollen Mann, wie Sie, teuerster Freund, anzutreten und zu kultivieren, kann mir nicht anders als sehr erwünscht sein. Ihr im vorigen Sommer mitgeteilter Plan zu einer Zeitschrift ist mir, wie auch nur kürzlich die zwei ersten Monatsstücke, richtig zu Händen gekommen. Die Briefe über die ästhetische Menschenerziehung finde ich vortrefflich und werde sie studieren, um Ihnen meine Gedanken hierüber dereinst mitteilen zu können.“ Für seinen eigenen „geringen“ Beitrag erbat sich aber Kant einen etwas langen Aufschub, „weil“, fügte er hinzu, „da Staats- und Religionsmaterien jetzt einer gewissen Handelssperre unterworfen sind, es aber außer diesen kaum noch, wenigstens in diesem Zeitpunkt, andere, die große Lesewelt interessierende Artikel gibt, man diesen Wetterwechsel noch eine zeitlang beobachten muss, um sich klüglich in die Zeit zu schicken… Und nun, teuerster Mann, wünsche ich Ihren Talenten und guten Absichten angemessene Kräfte, Gesundheit und Lebensdauer, die Freundschaft mit eingerechnet, mit der Sie den beehren wollen, der jederzeit mit vollkommener Hochachtung ist Ihr ergebenster treuer Diener – I. Kant.“ Goethe, der kälter geantwortet, hielt umso reichlicher Wort. Vier Wochen nach seinem ersten Brief ließ er schon eine nützliche und angenehme Sendung an die „Jenaischen Freunde“ abgehen, bat um Schillers freundschaftliches Andenken, und versicherte ihn, dass er sich auf eine öftere Auswechslung der Ideen mit ihm recht lebhaft freue. Unmittelbar vor oder nach diesen Zeilen war jenem auch ein Besuch Goethes in Jena zuteil geworden. Sie besprachen sich, wie Schillers Äußerung gegen Körner lautet, „ein Langes und Breites über Kunst und Kunsttheorie, und teilten einander die Hauptideen mit, zu denen sie auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die umso interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Goethe Wurzel gefasst, und er fühlt jetzt ein Bedürfnis, sich an mich anzuschließen, und den Weg, den er bisher allein und ohne Aufmunterung betrat, mit mir fortzusetzen. Ich freue mich sehr auf einen für mich so fruchtbaren Ideenwechsel.“ Solche Hoffnungen gründeten sich hauptsächlich auf einen herzlichen Brief von Goethe, den Schiller nach einer kleinen Sommerreise zu seinem Freund Körner nach Dresden in Jena antraf, und in welchem der ältere Dichter dem jüngern mit Vertrauen entgegenkam. Schiller hatte sich nämlich dem von ihm bewunderten Genius kaum genähert, als er auch das Senkblei philosophischer Forschung in die Tiefen dieses Geistes warf. So hieß es denn in dem ersten, etwas keckeren Schreiben an Goethe vom 23. August: „Die neulichen Unterhaltungen mit Ihnen2) haben meine ganze Ideenmasse in Bewegung gebracht, denn sie betrafen einen Gegenstand, der mich seit etlichen Jahren lebhaft beschäftigt. Über so Manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden konnte, hat die Anschauung ihres Geistes (denn so muss ich den Totaleindruck Ihrer Ideen auf mich nennen) ein unerwartetes Licht in mir angesteckt. Mir fehlte das Objekt, der Körper, zu mehreren spekulativen Ideen, und Sie brachten mich auf die Spur davon. Ihr beobachtender Blick, der so still und rein auf den dingen ruht, setzt Sie nie in die Gefahr, auf den Abweg zu geraten, in den sowohl die Spekulation als die willkürliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt. In Ihrer richtigen Intuition liegt alles und weit vollständiger, was die Analysis mühsam sucht… Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige in der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Weg, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen… Von der einfachen Organisation stiegen Sie, Schritt vor Schritt, zu der mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee… Sie können niemals gehofft haben, dass Ihr Leben zu einem solchen Ziel zureichen werde, aber einen solchen Weg auch nur einzuschlagen, ist mehr wert, als jeden andern zu endigen.“… Schiller zeigt ihm dann, wie sehr ihm der Weg verkürzt wäre, wenn er als Grieche oder nur als Italiener von der Wiege an mit einer auserlesenen Natur und idealisierenden Kunst umgeben gewesen wäre; in eine nordische Schöpfung mit griechischem Geist geworfen musste Goethe die seiner Einbildungskraft schon aufgedrungene schlechtere Natur nach dem besseren Muster, das sein leitenden Begriffen gemäß bildender Geist sich erschuf, korrigieren. „So ungefähr“, fährt Schiller in seinem Brief fort, „beurteile ich den Gang Ihres Geistes; ob ich Recht habe, werden Sie selbst am besten wissen. Was Sie aber schwerlich wissen können (weil das Genie sich immer selbst das größte Geheimnis bleibt), ist die schöne Übereinstimmung Ihres philosophischen Instinktes mit dem reinsten Resultat der spekulierenden Vernunft. Beim ersten Anblick zwar scheint es, als könne es keine größeren Opposita geben als den spekulativen Geist, der von der Einheit, und den intuitiven, der von der Mannigfaltigkeit ausgeht. Sucht aber der erste mit keuschem und treuem Sinn die Erfahrung und sucht der letzte mit selbsttätiger freier Denkkraft das Gesetz, so kann es gar nicht fehlen, dass nicht beide einander auf halbem Weg begegnen werden.“ Dieses philosophische Horoskop, das die Reflexion dem Genie stellte, erhielt Goethe gerade zu seinem Geburtstag. An dem Sonnenstrahl der liebevollsten Kritik schmolz das Eis des verschlossenen Weltmannes und verhärteten Realisten. Seine Antwort war eben jener herzliche Brief, der unsern Schiller so sehr erquickte. „Zu meinem Geburtstag“, schreibt Goethe am 27. August zurück, „hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz ziehen und mich durch Ihre Teilnahme zu einem emsigern und lebhaftern Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern. Reiner Genuss und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig sein, und ich freue mich, Ihnen gelegentlich zu entwickeln, was mir ihre Unterhaltung gewährt hat, wie ich von jenen Tagen an auch eine Epoche rechne, und wie zufrieden ich bin, ohne sonderliche Aufmunterung auf meinem Weg fort gegangen zu sein, da es nun scheint, als wenn wir, nach einem so unvermuteten Begegnen, miteinander fortwandern müssten. Ich habe den redlichen und so seltenen Ernst, der in allem erscheint, was Sie geschrieben und getan haben, immer zu schätzen gewusst, und ich darf nunmehr Anspruch machen, durch Sie selbst mit dem Gang Ihres Geistes, besonders in den letzten Jahren, bekannt zu werden. Haben wir uns wechselseitig die Punkte klar gemacht, wohin wir gegenwärtig gelangt sind, so werden wir desto ununterbrochener gemeinschaftlich arbeiten können. Alles, was an und in mir ist, werde ich mit Freuden mitteilen. Denn da ich sehr lebhaft fühle, dass mein Unternehmen das Maß der menschlichen Kräfte und ihre irdische Dauer weit übersteigt, so möchte ich manches bei Ihnen deponieren, und dadurch nicht allein unterhalten, sondern auch beleben.“ Kaum drei Tage später sandte Goethe Blätter, „die er nur einem Freunde schicken darf, von dem er hoffen kann, dass er ihm entgegenkomme“, und nachdem ihm Schiller durch eine neue Parallele, die er zwischen ihren beiden Köpfen sehr zu Gunsten seines genialen Freundes zieht, gedankt, und „dem Königreich, das jener zu regieren hat, seine nur etwas zahlreiche Familie von Begriffen“ gegenüberstellt, „die er herzlich gern zu einer kleine Welt erweitern möchte“, wird er von Goethe am 4. September schon ganz herzlich nach Weimar eingeladen. „Nächste Woche geht der Hof nach Eisenach, und ich werde vierzehn Tage so allein und unabhängig sein, als ich sobald nicht wieder vor mir sehe. Wollten Sie mich nicht in dieser Zeit besuchen? Bei mir wohnen und bleiben? Sie würden jede Art von Arbeit ruhig vornehmen können. Wir besprächen uns in bequemen Stunden, sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden nicht ohne Nutzen scheiden. Sie sollten ganz nach Ihrer Art und Weise leben, und sich wie zu Hause möglichst einrichten… Vom 14. an würden Sie mich zu Ihrer Aufnahme bereit und ledig finden.“ Die Antwort Schillers, in welcher er mit Freuden die gütige Einladung nach Weimar annahm, lässt uns einen traurigen Blick auf seinen zerrütteten Gesundheitszustand tun, den wir über der wachsenden Blüte seines Geistes zu vergessen pflegen. Er bittet, in keinem Stück der häuslichen Ordnung auf ihn zu rechnen, da ihn leider seine Krämpfe gewöhnlich nötigen, den ganzen Morgen dem Schlaf zu widmen, weil sie ihm nachts keine Ruhe lassen, und es ihm überhaupt nie so gut wird, auch den Tag über auf eine bestimmte Stunde sicher zählen zu dürfen. Goethe soll ihm deswegen erlauben, ihn in seinem Haus als einen völlig Fremden zu betrachten, auf den nicht geachtet wird; er soll dadurch, dass Schiller sich ganz isoliert, diesen der Verlegenheit entziehen, jemand anders von seinem Befinden abhängen zu lassen. „Die Ordnung“, schreibt er, „die jedem andern Menschen wohl macht, ist mein gefährlichster Feind, denn ich darf nur in einer bestimmten Zeit etwas Bestimmtes vornehmen müssen, so bin ich sicher, dass es mir nicht möglich sein wird.“ Wirklich war sein Körper damals hinfällig und einem Schatten ähnlich. Als Goethe und Heinrich Meyer einst im so genannten Paradies bei Jena dem Spazierenden begegneten, schien ihnen sein Gesicht dem Bild des gekreuzigten zu gleichen, und der Geheimrat äußerte nachher, er glaube, dass Schiller keine vierzehn Tage mehr leben werde3). Goethes freundlichem und liebenswürdigem Einfluss auf unsers Dichters Lebensweise verdankten, nach der Versicherung seiner Biografin4), seine Familie und seine Freunde es wirklich, dass dieser wieder mehr Vertrauen zu seiner Gesundheit gewann, und sich regelmäßiger dem Schlaf und der gewöhnlichen Ordnung des Tages, gegen welche wir ihn soeben protestieren hörten, überließ. Die Freude an der Unterhaltung mit Goethe bewog ihn jetzt öfter zu einem wohltätigen Ausflug nach Weimar, und die anmutige scherzhafte Weise, mit welcher der Freund den Eigenheiten des krankhaften Zustandes bald auswich, bald nachgab, diente oft, diesen zu beseitigen oder zu mildern. Zu dem ersten Besuch in Weimar wurde der Dichter von Humboldt begleitet. Er las hier Goethe seine Abhandlung vom Erhabenen und die Rezension über Matthisson vor. Goethe zeigte seine Sammlungen. Schiller vertiefte sich in die Anschauung des außerordentlichen Mannes. 1)
An Kant, Garve, Klopstock, Goethe, Herder, Engel, Gotter, J. H. Jakobi,
Matthisson wurde gleichzeitig geschrieben; Fichte und Woltmann hatten sich
mit dem Herausgeber aufs genaueste verbunden.
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