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Buch 3

Schiller, Humboldt und Goethe

Bis hierher hat es dem Biografen unseres großen Dichters an äußeren Begebenheiten seines Lebens nicht gefehlt, und der Stoff selbst sorgte für die Unterhaltung des Lesers. Mit der dritten Periode seiner Bildung, welche die Vollendung durch die Kunst in sich begreift, wird es von außen allmählich stiller, aber im Innern drängt sich nun bald Tat an Tat, und kommt als leuchtende Dichtung zum Vorschein. Und doch ging dieser Prozess nicht so schnell vor sich, als uns der Schluss des zweiten Buches, der uns Schiller schon ganz vertieft in seinen Wallenstein zeigte, erwarten ließ. Seine Durchbildung durch die Philosophie war noch nicht vollendet. Sieben Jahre, seit dem ersten Gedanken an Don Carlos bis zur aufgedämmerten Idee des Wallenstein, hatte Schiller um das hohe Himmelskind, um die echte Poesie geworben; aber als er nach dem langen Labansdienst die Braut endlich heimgeführt glaubte, da war es nicht die holde strahlende Rahel, es war die blöde, unschöne Lea, die Reflexion, die ihm beigesellt worden war. Sieben neue Jahre begann er, seit 1791 den mühseligen Dienst um die Geliebte des Herzens aufs Neue; aber die untergeschobene Genossin hielt ihn fest mit den Armen umstrickt: Er vertiefte sich von Jahr zu Jahr in neue Forschungen auf dem Gebiet der Ästhetik selbst, und erst im Jahr 1798 betrat der Wallenstein, das Kind der lautern Poesie, die Bühne, und von nun an war seine Lebensgefährtin, ohne dass er dem Gedanken treulos geworden wäre, die Schönheit selber, die heilige Kunst.

Diese schwierige Bahn musste Schiller durchlaufen, weil er zum Nationaldichter bestimmt war, zum Dichter eines Volkes, das den Durchgang durch reflexive und ideale Einseitigkeit von dem Poeten, der nach seinem Herzen sein, den es bewundern und lieben sollte, recht eigentlich verlangte; ein Bildungsgang, den der große Genius unbedingter Poesie, Goethe, zwar zum Guten und Schönen zu lenken bestimmt war, aber nicht zu früh abbrechen durfte. Deswegen hatte auch das Geschick dem philosophierenden Hang Schillers auf seinem Pfad zur Poesie einen Dämon beigegeben, der ihn in dieser Richtung so lange erhalten sollte, als es nötig war, den Denkerdichter, wie man ihn wohl genannt hat, in ihm auszubrüten. Dieser Geist der Reflexion und Reflexionspoesie war Wilhelm v. Humboldt, abgesehen von seinen Verdiensten um Sprachwissenschaft und Philologie, ein höchst geistvoller, aber abstrakter Idealist und entschiedener Kantianer.

Bald nach Schillers Rückkehr nach Jena im Mai 1794, mit dem September desselben Jahres, entspann sich der, anderthalb Jahre hindurch nie unterbrochene, Briefwechsel mit diesem Freund, mit welchem der Dichter vorher nur vereinzelte Schreiben gewechselt hatte, und der somit die vollständigste und ausführlichste Nachricht von dessen innerem Leben während dieser achtzehn Monate gibt. Die überwiegende Mehrzahl der Briefe ist von Humboldt; aber man erfährt auch so unendlich viel und Wesentliches über den Poeten, über sein Forschen und Dichten, weil der Spiegel, in welchem er sich beschaut hat, und in welchem wir ihn hier erblicken dürfen, Humboldts nicht nur hoch gebildeter, sondern auch seinem dichtenden Freund verwandter, in die philosophischen Tiefen der Poesie eindringender, den Dichter, den er bewundert, studierender Geist ist.

Humboldt selbst bezeichnet den Hauptzeitraum dieses Briefwechsels als ohne Zweifel den bedeutendsten in der geistigen Entwicklung Schillers. „Er beschloss“, sagt seine Einleitung, „den langen Abschnitt, wo Schiller seit dem Erscheinen des Don Carlos von aller dramatischen Tätigkeit gefeiert hatte, und ging unmittelbar der Periode voraus, wo er, von der Vollendung des Wallenstein an, wie im Vorgefühl seiner nahen Auflösung, die letzten Jahre seines Lebens fast mit ebenso vielen Meisterwerken bezeichnete. Es war ein Wendepunkt, aber vielleicht der seltenste, den je ein Mensch in seinem geistigen Leben erfahren hat. Das angeborene schöpferische Dichtergenie durchbrach, gleich einem angeschwollenen Strom, die Hindernisse, welche ihm eine zu mächtig angewachsene Ideenbeschäftigung und zu deutlich gewordenes Bewusstsein entgegensetzten. Den glücklichen Erfolg dieser Krise verdankte Schiller der Gediegenheit seiner Natur und der rastlosen Arbeit, mit der er auf den verschiedensten Wegen der einzigen Aufgabe nachstrebte, die reichste Lebendigkeit des Stoffes in die reinste Gesetzmäßigkeit der Kunst zu binden.“

Derselbe Freund Schillers sagt auch nur die Wahrheit, wenn er nachweist, dass der Genius desselben aufs engste an das Denken in allen seinen Tiefen und Höhen geknüpft war, dass er recht eigentlich auf dem Grund einer Intellektualität hervortritt, die alles, ergründend, halten, und alles, verknüpfend, zu einem Ganzen vereinigen möchte. Und sicherlich ist es auch „dieser tiefe Anteil des Gedankens“, der ihn zum Liebling der denkendsten Nation der Erde stempelt. Die große Mehrzahl der Deutschen liebt Schiller gerade um der in seiner Poesie überwiegenden Reflexion willen; unsere Landsleute entbehren die reinste, bewusstlose Schönheit gern über dem wunderbaren Reiz, den für sie der Anblick jener unermüdlichen Tätigkeit hat, die bald als ein Spiel, bald als ein Ringen erscheint; der Deutsche hat nicht den Dichter am liebsten, der ihm die Poesie als leicht gewonnene Geliebte entgegenführt, sondern den, der nach tiefem Sinnen die Formel findet, mit deren Hilfe die in einen Drachen verzauberte erlöst wird und vor dem staunenden Auge sich in Schönheit verwandelt. Ja, der Aufwand von Kraft, der bei diesem Wagstück fühlbar wird, ist ihm oft sogar lieber, als die Poesie, die daraus entspringt. So – während Schiller mit übermenschlicher Anstrengung den steilen Pfad hinanklimmt, auf dessen Gipfel ihm als Ziel die künstlerische Schönheit winkt, zu welcher auf der entgegengesetzten Seite ein müheloser Weg über die Hochebene führt, den freilich nur wenigen glücklichen Wanderern jener höchste Instinkt zeigt, der auch in der Poesie die seltenste Himmelsgabe ist – so blickt der staunende Zuschauer weniger auf jenes Ziel, als auf die Riesenschritte dessen, der es auf dem schwierigsten Weg erstrebt; der Wanderer selbst ist der Gegenstand seines Interesses, und sein Anblick macht den Eindruck des Erhabenen, über welchem man das Schöne wo nicht vergisst, doch, wenn es von dem Dichter auch nicht als Ziel erfasst würde, eher entbehren könnte1).

So rüstig nun Wilhelm v. Humboldt mit Schiller nach jenem höchsten Ziel der Kunst empor klimmt, so macht es doch manchmal den Eindruck, als stände auch er still unter jener bewundernden Schar, welche sich mit dem Anblick des herrlichen Strebens begnügt und um seinetwillen ihren ringenden Liebling vergöttert. Dies ist besonders dann der Fall, wenn er schon frühere Produktionen seines Freundes übermäßig hoch stellt und z. B. bereits in der „Resignation“ das eigentümlichste Gepräge Schillers in der unmittelbaren Verknüpfung einfach ausgedrückter, großer und tiefer Wahrheiten und unermesslicher Bilder, wie in der ganz originellen, die kühnsten Zusammenstellungen begünstigenden Sprache findet.

Am sichtbarsten lähmte dieser, unserem Dichter nicht nur innerlich vom Schöpfer, sondern jetzt auch äußerlich vom Schicksal beigegebene Reflexionsgeist seine Produktionskraft, durch die unaufhörliche Wiederholung und Anwendung der idealistischen Formel Kants, dass der Idee keine Erfahrung und keine Natur jemals angemessen sei.

Schon lange seitwärts stehend, die Arme verschränkt, und mit unmutigem Blick sah deswegen auch der andere Lebensbegleiter, den das Geschick unserem großen Dichter aufgespart hatte, sah Goethe, welcher, durch eine seltene Vereinigung geistiger Anlagen, zugleich der gesunde Menschenverstand und der poetische Naturgeist unserer Literatur war, diesem transzendentalen Treiben zu.

Wir müssen ihn selbst erzählen hören2). „Die Kantsche Philosophie“, sagt Goethe, „welche das Subjekt so hoch erhebt, indem sie es einzuengen scheint, hatte Schiller mit Freuden in sich aufgenommen; sie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur ins ein Wesen gelegt; und er, im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiss nicht stiefmütterlich behandelte. Anstatt sie selbständig, lebendig vom tiefsten bis zum Höchsten gesetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er sie von der Seite einiger empirischen menschlichen Natürlichkeiten. Gewisse harte Stellen [in „Anmut und Würde“] sogar konnte ich direkt auf mich deuten; sie zeigten mein Glaubensbekenntnis in einem falschen Licht; dabei fühlte ich, es sei noch schlimmer, wenn es ohne Beziehung auf mich gesagt worden; denn die ungeheure Kluft zwischen unsern Denkweisen klaffte nur desto entschiedener.

An keine Vereinigung war zu denken, selbst das milde Zureden eines Dalberg, der Schiller nach Würden zu ehren verstand, blieb fruchtlos, ja, meine Gründe, die ich jeder Vereinigung entgegensetzte, waren schwer zu widerlegen. Niemand konnte leugnen, dass zwischen zwei Geistesantipoden mehr als ein Erddiameter die Scheidung mache, da sie denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben deswegen nicht in eins zusammenfallen können.“

So dachte Goethe schon seit 1788. auch als Schiller nach Jena gezogen war, hatte er ihn dort lange Zeit nicht gesehen. Erst in den periodischen Sitzungen einer naturforschenden Gesellschaft, welche Batsch gegründet, fand er einstmals Schillern, und der Zufall wollte, dass beide zugleich herausgingen.

„Ein Gespräch knüpfte sich an“, fährt Goethe fort, „er schien an dem Vorgetragenen teilzunehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig, und mir sehr willkommen, wie eine so zerstückelte Art die Natur zu behandeln, dem Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne.

Ich erwiderte darauf, dass sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bleibe, und dass es doch wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend darzustellen. Er wünschte hierüber aufgeklärt zu sein, verbarg aber seine Zweifel nicht; er konnte nicht eingestehen, dass ein solches, wie ich behauptete, schon aus der Erfahrung hervorgehe.

Wir gelangten zu seinem Haus, das Gespräch lockte mich hinein, da trug ich die Metamorphose der Pflanzen [Goethe meint seine physiologisch-botanische Theorie] lebhaft vor, und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er nahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee! Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen: Denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmut und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: Das kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen und sie sogar mit Augen sehe.

Schiller, der viel mehr Lebensklugheit und Lebensart hatte, als ich [??], und mich auch wegen der Horen, die er herauszugeben im Begriff stand, mehr anzuziehen als abzustoßen gedachte, erwiderte darauf als ein gebildeter Kantianer, und als aus meinem hartnäckigen Realismus mancher Anlass zu lebhaftem Widerspruch entstand, so wurde viel gekämpft und dann Stillstand gemacht; keiner von beiden konnte sich für den Sieger halten, beide hielten sich für unüberwindlich.“

Noch im späten Alter nannte Goethe die Zeit, wo Schiller mit Humboldt Briefe wechselte, wo „ein so außerordentlich begabter Mensch sich mit philosophischen Denkweisen herumquälte, die ihm nichts helfen konnten“, eine unselige3).

Indessen war der erste Schritt getan. „Schillers Anziehungskraft war groß“, fährt Goethe in jener ersten Erzählung fort, „er hielt alle fest, die sich ihm näherten; ich nahm Teil an seinen Absichten und versprach zu den Horen manches, was bei mir verborgen lag, herauszugeben; seine Gattin, die ich von Kindheit auf zu lieben und zu schätzen gewohnt war, trug das Ihrige bei zu einem dauernden Verständnis; alle beiderseitigen Freunde waren froh: Und so besiegelten wir durch den größten, vielleicht nie ganz zu schlichtenden Wettkampf zwischen Objekt und Subjekt, einen Bund, der ununterbrochen gedauert und für uns und andere manches Gute gewirkt hat.“

Wie oft Schiller diesen Bund pries und segnete, werden wir in der Folge sehen. Aber auch Goethe sah, lange nach Schillers Tod, mit Rührung und Dankbarkeit darauf zurück. „ich weiß wirklich nicht“, schreibt er an einen Freund4), „was ohne die Schillersche Anregung aus mir geworden wäre. Der Briefwechsel gibt davon merkwürdiges Zeugnis. Meyer war schon wieder nach Italien gegangen, und meine Absicht war, ihm 1797 zu folgen. Aber die Freundschaft zu Schiller, die Teilnahme an seinem Dichten, Trachten und Unternehmen hielt mich, oder ließ mich vielmehr freudiger zurückkehren, als ich, bis in die Schweiz gelangt, das Kriegsgetümmel bis über die Alpen näher gewahr wurde. Hätte es ihm nicht an dem Manuskript zu den Horen und Musenalmanachen gefehlt, ich hätte die Unterhaltungen der Ausgewanderten nicht geschrieben, den Cellini nicht übersetzt, ich hätte die sämtlichen Lieder und Balladen, wie sie die Musenalmanache geben, nicht verfasst; die Elegien wären wenigstens damals nicht gedruckt worden, die Xenien hätten nicht gesummt, und im allgemeinen wie im besonderen wäre gar manches anders geblieben.“

Ü   Þ


1) Da der Verfasser die Briefwechsel Schillers mit Humboldt und Goethe zur zeit ihres Erscheinens öffentlich beurteilt hat, so kann mancher Leser hier auf Bekanntes stoßen, wobei zu bemerken ist, dass der Biograf es nur von sich selbst entlehnt hat. ­
2) Morphologie, Bd. I, Heft 1, S. 90-96.
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3) Eckermann I, 88.
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4) Briefwechsel zwischen Goethe und Schultz, Bonn 1836, S. 26.
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