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RückblickDas Leben des herrlichen Dichters liegt in seinem zweiten Abschnitt von dreien hinter uns. Im ersten Buch hatten wir es mit der Kindheit seines Genius zu tun; im zweiten überschauen wir die Bahn, die seine Jugend durchlaufen hat; wir begleiten ihn auf die Ringschule, zum Kampf mit Form und Stoff, zur Entstehung des Don Carlos; dann sehen wir den schon erstarkten, noch nicht zufrieden mit der halb gebildeten Kraft, demütig bei der Geschichte, bei der Philosophie in die Schule gehen. Es sind Meisters Lehrjahre, in welchen sein Geist, geärgert durch das Bewusstsein, bisher selbst in seinen glänzendsten Proben doch oft nur geredet zu haben, wie ein Kind, und klug gewesen zu sein wie ein Kind, und kindische Anschläge durchgeführt zu haben, mit künstlerischem Kraftwillen still an sich arbeitete, und abtat, was kindisch war, bis er, zum Mann geworden, mit jenen Meisterwerken hervortreten konnte, welche fast jeden Schritt in der dritten Periode seines Dichterlebens bezeichnen. Die Vorsehung, von ihm selbst mit dem Gemüt auch in der Zeit erkannt und dankbar angebetet, in welcher seine Forschung an ihr zu zweifeln schien, die Vorsehung hatte, für die beiden Hauptgeschäfte dieses Lebensabschnittes, sowohl für das Ausbrüten seines letzten und imposantesten Jugendwerkes, des Don Carlos, als für die tiefsinnigen Vorarbeiten zu seinem vollendeteren männlichen Wirken, alles nötige bestimmt und angeordnet. Aus dem für seinen Geist nahrungslos und unfruchtbar gewordenen Mannheimer Boden mit der Wurzel herausgerissen, war der Dichter nach Leipzig, in das Gewühl einer größeren Welt, und doch wieder in einen engen Kreis verwandter Seelen verpflanzt worden, und hatte im begonnenen Don Carlos nichts als seine Jugendideale mitgebracht, vermehrt um das Bild einer hohen königlichen Frau, zu welchem das Geschick ein Urbild in der Wirklichkeit seinem Geist und Herzen nahe gestellt hatte1). In Dresden musste ihm die sorgenfreie Zurückgezogenheit des Landlebens Zeit zu den historischen Studien, die sein ihm unter der Hand sich umgestaltender Stoff fortwährend erforderte, wie Muße zur Ausführung und Vollendung des Ganzen gewähren; die große und feine Welt der Residenz musste dem Stücke das Kolorit seiner höheren Sphäre und den würdigen, gehaltenen Stil, durch welchen es sich auszeichnet, verleihen helfen; endlich musste selbst eine vorübergehende, aber brennende Leidenschaft seine Seele in die Stimmung setzen, die hoffnungslose Liebe des Infanten mit jener lebendigen Glut darzustellen, welche volle Wahrheit in ihr atmet. Wir haben den Don Carlos entstehen sehen mit seinen Ungleichheiten, Mängeln und Inkohärenzen, die niemand besser gekannt und geschildert hat, als der Dichter selbst, aber auch mit seinen blendenden Schönheiten, mit der in ihm konzentrierten Beredsamkeit des freiheitsdurstigen Jahrhunderts, mit der Macht seiner Effekte, mit dem schimmernden Firniss einer herrlichen, vom stolzesten Jamben getragenen Diktion. Mag dieser Überzeug von Redeglanz ein Fehler sein, er ist ein so nationaler Fehler, dass das Stück – wie Schillers Dramen überhaupt – in Deutschland ohne diesen Glanz nicht so allgemein gefallen könnte; er ist ein Fehler, wenn Shakespeares nationaler Witz ein Fehler ist, der sich auch hindrängt, wo er nicht hingehört, und doch ihm im In- und Auslande vielleicht mehr Bewunderer verschafft hat, als der geniale Kern seiner Weltpoesie selbst. Was die Charaktere betrifft, so halten wir zwar für die eigentliche Bürgschaft des dramatischen Genius im Stück und für die größte künstlerische Gestalt, in welcher sich schon die Mäßigung, Besonnenheit und Selbstverleugnung eines ganz großen Meisters verherrlicht hat, den König Philipp. Aber für den Eindruck, den das Drama macht, wie für die Absicht des Dichters, ist er doch nur die Folie zum Don Carlos und Posa. Und mag man diese Charaktere noch so sehr tadeln, mag man jenen einen Schwächling und diesen einen Schwärmer schelten: Zusammengenommen sind sie doch so lebendig und gewaltig, und, zwar nicht spanisch – aber so durch und durch deutsch, dass der Dichter auch in ihnen eine vollkommen nationale Wahrheit und Wirklichkeit, in Schwachheit und Größe dargestellt, und dadurch im Vaterland und außerhalb desselben, bei allen Nachbarn, die etwas vom germanischen Blut in den Adern haben, die mächtigste Wirkung getan hat. Oder war nicht etwa die Nation, im Stand ihrer Erniedrigung, als Napoleon die Deutschen so verächtlich als Ideologen behandelte, dem Don Carlos am Hof Philipps gleich? Und als der geschlagene Eroberer fluchend dem Rhein zueilte und im Grimm ausrief: „Die Deutschen haben das Fieber!“ – war es nicht die erhabene Gestalt Posas, die begeistert hinter ihm die Geißel schwang? Und kehren nicht auch in unserer ernsten Zeit in den edleren Charakteren unseres öffentlichen Lebens die Figuren eines Carlos und Posa in unzähligen Mischungen immer wieder, werden wir nicht durch Worte brütenden Edelsinns oft genug an jenen, und durch Werke begeisterter Aufopferung von Zeit zu Zeit an diesen erinnert? Ja, haben nicht alle liebenswürdigeren Persönlichkeiten unseres deutschen Vaterlandes etwas von den Zügen der beiden Freunde in ihrer geistigen Physiognomie? So ist es der deutsche Gehalt des Stückes, der ihm die Liebe des Inlands, die Bewunderung des Auslands erworben hat und sichert, der die Widersprüche, der das komische Walten des Zufalls in diesem Trauerspiel, welcher den Infanten in das Zimmer der Prinzessin Eboli, wie in die Laube des Figaro einführt, der dies und noch vieles andere in Vergessenheit senkt; es ist sein deutsches Wesen, das ihm nach fünfzig Jahren den lauten Zuruf auf der Bühne erhält, und das ihm in Frankreich an Benjamin Constant einen Nachbildner, in England an Lord John Russel, dem Wigh, einen Nacheiferer, und an John Bruce, dem Hochtory, einen Dolmetscher seines Geistes gewonnen hat. Als der Don Carlos vollendet war, und Schiller im gewaltigen Bewusstsein dastand, einen mächtigen Schritt über dieses Stück im Stücke selbst hinaus getan zu haben; und als gerade dieses Bewusstsein ihm die Notwendigkeit vorhielt, weiter in den Tiefen der Geschichte und der Philosophie zu forschen; als zugleich ein dunkles Gefühl ihn nach größerer Selbstbeschränkung durch die Form verlangen ließ: Da musste eine verunglückte Neigung ihn von Dresden wegtreiben und Freundeshand lenkte seine Schritte nach dem Hafen, wo er sich zu neuen und kühneren Geistesfahrten ausrüsten sollte, nach Weimar, an die Stätte hellenischer Bildung, unter den Schutz eines Kunst pflegenden und Dichter liebenden Fürsten, in den Kreis der ersten Geister seiner Nation. Und weil er jetzt sich auf dem rechten Boden befand, auf dem sein Genius endlich gedeihen und reife Früchte tragen konnte, so sorgte das Schicksal dafür, dass der umgetriebene Dichter endlich auch ein festes Hauswesen gründen könnte; er empfing von seinem Fürsten eine Stellung, und aus der Hand einer geistreichen und begeisternden Freundin die geliebte, sanfte, seelenvolle Lebensgefährtin, die sein von mannigfacher Sorge beschwertes Gemüt aufrecht erhielt, und seinen am Geist erkrankten Körper pflegte. Nicht in Bauerbach durfte einseitige Neigung an ein gleichgültiges Herz, nicht in Mannheim unreife Ruhmsucht an eine schöngeistige Männin, nicht in Dresden blinde Leidenschaft an eine gefallsüchtige Schönheit ihn fesseln. Aus dem Schoß der Natur, der Frömmigkeit, der Freundschaft und des edelsten Familienlebens empfing er im lieblichen und stillen Rudolstadt zur Gattin „das zarte Weib“, das nicht im fremden Kreis der Gelehrsamkeit, sondern „in stiller Tätigkeit, in Übung ihres hohen, heiligen Berufs, in liebender Brust“ ihr ganzes Lebensglück an seiner Seite fand und das seinige schuf. „Selig der Mann“, rief Schiller aus, als dieser Bund schon ein alter war, „selig der Mann, der ein solches Kleinod zu schätzen weiß, und die Freundin seines Herzens bei Arbeiten und häuslichen Beschäftigungen sucht, um sich an ihren anspruchslosen Talenten von seinem mühevollen Streben zu erheitern2).“ Ebener und leichter deuchte ihm jetzt, seit dieser Stern ihm leuchtete, der Pfad seines Denkerlebens durchs Dunkel und Dickicht der Geschichtsforschung und der Reflexion, durch die finstern Schluchten des Zweifels, durch die Nächte tiefsinniger Dichtungen, noch ehe er in dem Äther der heitern Kunst, im frischen, freien Feld des Schaffens wieder zutage kam. Und als eine schwere Krankheit noch vor dem Abschluss, ja vor dem rechten beginn des kurzen Tagewerks, das ihm auf Erden vergönnt war, das Glück seines Lebens und Dichtens vernichten zu wollen schien, da zeigte sich’s, dass sie nur gesendet war, großmütige Freunde zu erwecken, ihn durch sie von nagenden Sorgen zu befreien, und seinem Geist in einem kränkelnden Körper das Wirken, solange es Tag war, wenigstens möglich zu machen. Hoffend und an der Seele gestärkt besucht er sein Vaterland Schwaben, umarmt die alten Eltern, atmet Jugendluft, erquickt sich an Freundesumgang, und kehrt am Schluss dieser zweiten Lebensperiode, den Erstgebornen auf dem Arm, die Gattin an der Hand und seinen Wallenstein im Busen, an den häuslichen Herd der Liebe, und in die Werkstatt unsterblicher Schöpfungen zurück. 1)
Frau v. Kalb soll dem Dichter bei seiner Königin im Don Carlos
vorgeschwebt haben.
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