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Reise nach SchwabenIn der Mitte des Jahres 1793 schrieb Schiller an seinen Freund Körner: „Die Liebe zum Vaterland ist sehr lebhaft in mir geworden.“ Im August brach er in einem eigens für die ganze Reise gemieteten Wagen1) mit seiner Gattin auf und eilte Württemberg zu. Der Weg wurde über Heidelberg, nach einer andern Angabe auch über Mannheim genommen, das Schiller aber als eine, wegen der kriegerischen Ereignisse jenseits des Rheins bedrohte Festung, bald wieder verlassen habe. Da ihm der Besuch seines alten Vaterlandes noch nicht gesichert war, wandte er sich in Schwaben zuerst nach der damaligen Reichsstadt Heilbronn2) und stieg im Gasthof zur Sonne ab, wo er sich die ersten Tage leidend und fast immer zu Bett befand. Kaum hatte er sich ein wenig erholt, so schrieb er am 20. August 1793 an den regierenden Bürgermeister der Stadt Heilbronn, Gottlob Moriz Christian v. Wacks, einen erst ganz kürzlich im Heilbronner Archiv wieder aufgefundenen Brief. „Es kann euer Hochwohlgeboren“, heißt es in diesem Schreiben, „nicht Unerwartetes sein, wenn eine Stadt, die unter dem Einfluss einer aufgeklärten Regierung und im Genuss einer anständigen Freiheit blüht, und mit den Reizen einer schönen, fruchtbaren Gegend viele Kultur der Sitten vereinigt, Fremde herbeizieht und ihnen den Wunsch einflößt, dieser Wohltaten eine zeitlang teilhaftig zu werden. Da ich mich gegenwärtig in diesem Fall befinde und Willens bin, meinen Aufenthalt allhier bis über den Winter zu verlängern, so habe ich es für meine Schuldigkeit gehalten, Ew. Hochwohlgeboren gehorsamst davon zu benachrichtigen und mich und die Meinigen dem landesherrlichen Schutz eines hochachtbaren Magistrats zu empfehlen.“ Zum Schluss verspricht der Briefsteller, sobald seine Gesundheit es erlaube, dem Herrn Amtsbürgermeister persönlich seinen Respekt zu bezeugen. Dieser, damals ein Greis von 73 Jahren, auch in Schubarts Selbstbiografie seiner Humanität wegen gerühmt, entzog, obgleich von dem Herzog Karl von Württemberg mit dem Titel eines württembergischen Regimentsrates beehrt, seinen Schutz dem edeln Verbannten doch nicht, und nahm sich Schillers sehr freundlich an. Die Ratsherren von Heilbronn wussten die Ankunft eines solchen Gastes zu schätzen, und in das Ratsprotokoll findet sich, jenes Gesuch betreffend, unter dem 20. August 1793 der Beschluss eingetragen: „Wird willfahrt, und soll dem Herrn Hofrat durch eine Kanzleiperson [d. h. einen Senator] vergnügter Aufenthalt gewünscht werden.“ Bald verlegte Schiller, des unruhigen Quartiers im Gasthof müde, seine Wohnung in das Haus des Assessors und Kaufmanns Rueff am Sulmertor. Sein Gesundheitszustand besserte sich sichtlich, er bestieg zu wiederholten Malen den schönen Wartberg und freute sich hier der herrlichen Aussicht auf sein heimatliches Schwaben. Eltern, Schwester und Jugendfreunde umarmte er zum ersten Mal in Heilbronn; auch seine Schwägerin Caroline, die, nach aufgelöster erster Ehe, sich damals in der Nähe von Stuttgart bei einer Freundin aufhielt, eilte herbei. So verlebte der Dichter die angenehmsten Tage in der schwäbischen Reichsstadt, und seine Schwägerin erinnert sich namentlich merkwürdiger Gespräche, die er mit dem berühmten Arzt Eberhard Gmelin über tierischen Magnetismus daselbst pflog. Von Heilbronn aus schrieb er dem Herzog Karl von Württemberg im Sinn des dankbaren ehemaligen Zöglings, den widrige Verhältnisse aus seinem Vaterland entfernt. Der Herzog, gichtkrank und schon vom herannahenden Tod geschreckt, weswegen sein Schweigen nicht so übel ausgelegt werden darf, antwortete nicht; aber er äußerte öffentlich: „Schiller werde nach Stuttgart kommen und von mir ignoriert werden.“ Am 24. Oktober starb der Herzog. Schiller brach (ob jetzt erst oder schon im September ist noch zweifelhaft) von Heilbronn auf und zog ins eigentliche Vaterland, wo er dem Vater näher war, der auf der Solitude, jetzt als Major3), noch immer die Oberaufsicht über die fürstlichen Gärten und Pflanzschulen führte. Vorzüglich zog ihn dorthin sein Jugendfreund v. Hoven, in dessen Umgang und Pflege er Beruhigung und Unterhaltung in reichem Maß fand. Hoven4) aber erblickte in seinem Freund erstaunt „einen ganz andern Mann. Sein jugendliches Feuer war gemildert; er hatte weit mehr Anstand in seinem Betragen, an die Stelle der vormaligen Nachlässigkeit war eine anständige Eleganz getreten, und seine hagere Gestalt, sein blasses, kränkliches Aussehen vollendete das Interessante seines Anblicks. Leider war der Genuss seines Umgangs häufig, fast täglich, durch seine Krankheitsanfälle gestört; aber in den Stunden des Besserbefindens – in welcher Fülle ergoss sich da der Reichtum seines Geistes! Wie liebevoll zeigte sich sein weiches, teilnehmendes Herz! Wie sichtbar drückte sich in allen seinen Reden und Handlungen sein edler Charakter aus! Wie anständig war jetzt seine sonst etwas ausgelassene Jovialität, wie würdig waren selbst seine Scherze5)! Kurz, er war ein vollendeter Mann geworden.“ Trotz seiner Kränklichkeit studierte und arbeitete er auch während dieser Zeit. Kants Kritik der Urteilskraft lag, wenn er auch wegen Unpässlichkeit das Bett hüten musste, oder gar, wie er oft scherzen konnte, von Arzneigläsern sich umlagert sah, immer nicht unweit jenes Belagerungsgeschützes, und lächelnd erzählte er einmal seinem Freund v. Hoven bei einem Morgenbesuch, sein Bedienter, der bei ihm die Nacht über habe zu wachen gehabt, hätte, um sich auf seinem Posten munter zu erhalten, beinahe die ganze Kritik der Urteilskraft in einem Zuge durchgelesen6). Fast täglich, meist in der Nacht, schrieb er einige Stunden an seinem Wallenstein, der anfangs in Prosa verfasst war; wenn er sich weniger aufgelegt fühlte, an den ästhetischen Briefen, die hier, wie uns Conz versichert, im ersten Entwurf niedergeschrieben und auch abgesendet wurden. Sie erschienen in der Folge, unter Fichtes Einflüssen umgearbeitet, in den Horen. Mehrere, die das erste Manuskript mit dem Abdruck vergleichen konnten, worunter Conz selbst war, wollten behaupten, die einfachere Darstellung im ersten Entwurf sei ansprechender gewesen. Eine andre Frucht seiner Ludwigsburger Herbstmuße war seine geistreiche Rezension über Matthissons Gedichte, deren Verfasser, eben durch Ludwigsburg gekommen, Schillers Bekanntschaft gemacht hatte. Die Ansichten über malerische Poesie darin dankten ihre Entstehung einer Unterredung mit einem seiner Stuttgarter Freunde, dem kunstsinnigen Rapp7), der selbst ausübender Liebhaber der Landschaftsmalerei war. Ausgearbeitet scheint übrigens dieselbe erst später zu sein. Bei allen diesen Arbeiten fand Schiller noch Zeit, eine Handlung herablassender Liebe zu vollbringen. Aus herzlicher Dankbarkeit gegen seinen alten Jugendlehrer, den Präceptor Jahn, dessen Stab die Ludwigsburger Schule noch immer regierte, verschmähte der große Dichter, der berühmte Mann es nicht, hier und da von ihm eine Lehrstunde im gewöhnlichen Schulzimmer zu übernehmen, und vierzehnjährige Knaben sahen den Dichter des Don Carlos vor und neben sich im Schulstaub auf der Bank sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt und ein Bein übers andre geschlagen. Da lehrte er bald Logik und Rhetorik, bald Geschichte, und bei dem letztern Vortrag – nach Schröckhs Abriss – konnte der seltene Lehrer, sonst still und ruhig, sich oft plötzlich bewegt und lebendig in die Höhe richten8). Ungern verließ Schiller Ludwigsburg, um das benachbarte Stuttgart zu besuchen und eine Familienangelegenheit dort ins Reine zu bringen. Der alte Widerwille erwachte vorübergehend in ihm: „Ich hasse Stuttgart, Stuttgart soll mich nicht bei Tag erblicken!“, sagte er zu seinem Jugendfreund Elwert, mit welchem er einst den Katechismus gesprochen9). Und wirklich soll er das erste Mal bei Nacht nach Stuttgart gefahren und in wenigen Stunden wieder zurückgekommen sein. Doch verlebte er, wie wir von seiner Schwägerin und sonst wissen, einige Tage in jener Residenz. Damals modellierte der berühmte Dannecker die herrliche Büste seines Jugendfreundes, welche das Atelier des reisen Künstlers noch immer ziert, und die er bei seinen Lebzeiten sich nicht entschließen kann aus den Händen zu lassen. Der anhaltende und frohe Umgang mit diesem werten Freund erweckte in Schiller großes Interesse für die bildende Kunst. In diese Zeit fällt zu Tübingen, wo er seinen lieben Lehrer Abel besuchte, auch Schillers Bekanntschaft mit den damaligen Besitzern der Johann Georg Cottaschen Buchhandlung, Johann Friedrich Cotta und Christ. Jakob Zahn, welche zu einem dauernden Freundschafts- und Geschäftsverhältnis mit dem ersteren führte. Cotta zeigte sich großsinnig für die deutsche Literatur, und seine Anerbietungen übertrafen alles, was bis jetzt für deutsche Schriftsteller geschehen war. Schiller schätzte seinen Verstand, seine Umsicht, seine außerordentliche Tätigkeit, und vertraute seinem Charakter. Er wurde in seinen Hoffnungen nicht getäuscht. Der Dichter verdankte den Verträgen mit der Cottaschen Buchhandlung seine Unabhängigkeit, und seine Erben danken ihnen den festen Grund ihres Wohlstandes. Zahn, gleichfalls ein vielseitig gebildeter Mann und geistreicher Gelehrter, dessen Name mit dem Namen des Freiherrn v. Cotta auch unter dem württembergischen Verfassungsvertrag steht, sowie beide Männer nacheinander den Vizepräsidentenstuhl der zweiten Kammer lange Zeit eingenommen, hat später seinen Beitrag zur Popularisierung Schillers durch die köstliche Melodie des Reiterliedes geliefert. Mit Cotta wurde der Plan zu den Horen entworfen, und das Ideal einer deutschen Zeitung besprochen, zu deren Redaktion Schiller jedoch später vom Verleger vergeblich eingeladen wurde. Seine Tübinger und Stuttgarter Freunde hätten ihn gar zu gerne dem Vaterland wiedergegeben, und spätere entschiedene Anträge beiwesen, wie ernstlich sie gewirkt hatten. Dankbarkeit, und Liebe zur Gattin hielten ihn in Jena fest. In Tübingen machte Schiller auch die erste Bekanntschaft Fichtes, der aus der Schweiz nach Jena reiste, um dort den Katheder zu besteigen. „Von dem französischen Freiheitswesen“, erzählt des Dichters Schwägerin „welches auch in Württemberg damals einigen Anhang hatte, war Schiller kein Freund. Er hielt die französische Revolution für eine Wirkung der Leidenschaften… Die eigentlichen Prinzipien, sagte er, die einer wahrhaft glücklichen, bürgerlichen Verfassung zugrunde gelegt werden müssen, sind noch nicht so gemein unter den Menschen; sie sind (indem er auf Kants Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tisch lag, hinwies) noch nirgends anders, als hier. Die französische Republik wird ebenso schnell aufhören, als sie entstanden ist; die republikanische Verfassung zugrunde gelegt werden müssen, sind noch nicht so gemein unter den Menschen; sie sind (indem er auf Kants Kritik der Vernunft, die eben auf dem Tisch lag, hinwies) noch nirgends anders, als hier. Die französische Republik wird ebenso schnell aufhören, als sie entstanden ist; die republikanische Verfassung wird in einen Zustand der Anarchie übergehen, und früher oder später wird ein geistvoller, kräftiger Mann erscheinen, er mag kommen woher er will, der sich nicht nur zum Herrn von Frankreich, sondern auch vielleicht von einem großen Teil Europas machen wird.“ Wenn diese Worte nicht unwillkürlich einigermaßen dem Erfolg angepasst worden sind, so hat Schiller auch in ihnen seinen Prophetenberuf beurkundet. In Ludwigsburg änderte der Dichter seine Götter Griechenlands, als fast alle Abende aus Voßes Homer vor und zeigte große Verehrung für den Übersetzer. Goethes Iphigenia erklärte er für das einzige Stück, das er, im Gefühl kein ähnliches machen zu können, beneide. Von seinen Räubern und den frühern Dramen fing er zu schweigen an; es schien, als wünschte er sie ungedruckt. Während er im Vaterland war, starb, wie oben gemeldet worden, der Herzog Carl, und wurde von ihm wie ein Freund betrauert. Schiller konnte sich trotz der Bitte des Vaters zu keinem Glückwünschungsschreiben an den Nachfolger entschließen, so viel man von dessen Herzensgüte erwartete. Er wollte auch den Schein vermeiden, als freue er sich über Carls Tod. „Da ruht er also“, sagte er, bei der Gruft zu Stuttgart mit seinem Freund Hoven vorübergehend, „dieser rastlos tätig gewesene Mann! Er hatte große Fehler als Regent, noch größere als Mensch; aber die ersten wurden von seinen großen Eigenschaften überwogen10), und das Andenken an die letzteren muss mit dem Toten begraben werden. Darum sage ich dir, wenn du, da er nun dort liegt, jetzt noch jemand nachteilig von ihm sprechen hörst, traue diesem Menschen nicht; es ist kein guter, wenigstens kein edler Mensch11).“ Was das Wichtigste von Schillers Aufenthalt im Vaterland war und nicht ohne entschiedenen Einfluss auf seine Individualität bleiben konnte, war das süße Glück der ersten Vaterfreude, das ihm am 14. Sept. 179312) zu Teil wurde. Bei der schwer und lange dauernden Niederkunft leistete Hoven tröstliche und hilfreiche Dienste. Schillers Freude über die endlich erfolgte glückliche Entbindung, erzählte jener, war die des gefühlvollen Mannes über die Rettung einer zärtlich geliebten Frau, und das Entzücken des Vaters über seinen erstgebornen Sohn13). „Es war ein erhebender Anblick“, sagt Conz, „den hohen Mann in den einfach wahren Ausdrücken väterlicher Lust an seinem Goldsohn, wie er ihn oft nannte, zu beobachten, und, wie ich öfter das Glück hatte, Zeuge davon zu sein.“ Zufällig oder absichtlich war ihm in jener Zeit Quintilian in die Hände gekommen. Er studierte aufmerksam des Römers herrliche Grundsätze über Erziehung und versicherte, den Sohn nach diesen Maximen aufziehen zu wollen. Ja, er versprach dem Landsmann in sein neu begründetes Museum für römische und griechische Literatur einen Aufsatz über Quintilian, der jedoch nie geschrieben wurde. Da der Sohn ein Wasserkind war, machte er den Eltern anfangs nicht wenig Sorge, aber am 8. November meldet Schiller dem Großvater, dass ihm an Pflege und Wartung nichts abgehe, und er, trotz kleiner Unpässlichkeiten und ein bisschen Magerkeit abgerechnet, sehr munter sei und sich eines guten Appetits erfreue14). Von sich selbst meldet der Dichter in demselben Schreiben, dass er die ganze Woche über fleißig gewesen, und es ihm von der Hand gegangen. „Es ist mir immer himmlisch wohl, wenn ich beschäftigt bin und meine Arbeit mir gedeiht.“ Und in diesem himmlischen Gefühle geistigen Wohlseins kehrte der kränkelnde, hinfällige Dichter, froh, dass ihm „die Vorsehung“ gegönnt, die Eltern eine Weile zu haben und in ihrer Nähe zu leben, zuerst in sein schwäbisches Hauptquartier nach Heilbronn, und endlich im Mai 1794 nach Jena zurück, um die dritte Periode seines Daseins, die Periode des vollendeten dichterischen Kunstlebens im hellen, geistigen Bewusstsein der geläuterten Erkenntnis und erhöhten Kraft zu durchlaufen. 1)
Boas II, 462.
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