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Besuche aus Schwaben; Abschied eines Freundes.Viele Männer unseres Schwabenlandes von mittlerem Alter erinnern sich von ihren Tübinger Studentenjahren her recht wohl eines mit Fett gepolsterten Kopfes, dem die Wangen zu Mund und Augen kaum Platz ließen. Der ganze dicke Leib rührte sich nur schwerfällig, und die Lippen brachten, in Gesellschaft oder auf dem Katheder, Töne hervor, die mit Mühe sich zum Artikulierten steigerten. Aber wenn der Mann ins Feuer kam und die blauen Augen freundlich zu leuchten begannen, so lösten sich die Worte allmählich verständlicher von der sich überschlagenden Zunge: Feine Bemerkungen, gewürzte Scherze, sprühende Funken Geistes, selbst tiefere Gedanken und gelehrte Untersuchungen ließen sich unterscheiden, und man konnte dem stammelnden Lehrer der Beredsamkeit das Zeugnis des alten Poeten nicht versagen:
Es war der Professor der Poesie und Eloquenz zu Tübingen, der schwäbische Dichter Carl Philipp Conz1). Dieser, mit Schiller schon in seinen Jugendjahren und selbst von Lorch her bekannt, stattete im Jahr 1792 dem berühmten Landsmann, als ein damals wohl besser proportionierter Mann von dreißig Jahren, einen Besuch in Jena ab, und hat nach andern dreißig Jahren schätzbare Mitteilungen darüber gemacht2). Nachdem er einige Züge aus Schillers Stuttgarter Leben in seinem Gedächtnis aufgefrischt, zeigt er uns den Dichter zu Jena in seinem Haus, an seinem Tisch, auf Spaziergängen. „Er war“, erzählt uns Conz, dessen Bericht wir ins Kurze ziehen wollen, „die Humanität selbst, sowie seine treffliche Gattin ein Muster edler Gefälligkeit und Bescheidenheit. Sie führten damals keine eigene Haushaltung, sondern ließen sich mit dem (längst berühmten) Niethammer, damals Dr. Legens, Göriz und seinem Zöglinge von einem ältern Frauenzimmer des Hauses, das sie bewohnten, die Kost reichen. Die Tafel war einfach frugal, und durch Schillers sokratischen Ernst und Scherz gewann sie die beste Würze. Er sprach nicht viel, aber, was er sprach, gediegen, mit Würde, mit Anmut; er liebte den gemäßigten Scherz. Ein Feind des Leeren, gleichförmig und heiter, wenn ihn Anfälle seiner Kränklichkeit nicht verstimmten, wie er war – hörte man nur selten einen Ausdruck von ihm, der an den glühenden, brausenden Schiller, wie er sich in seinen früheren Schriften oft darstellte, jetzt erinnert hätte. Einmal nur konnte er, über die niederträchtige Tat eines damals in Jena angesehenen Mannes, die während des Essens erzählt wurde, lebhaft entrüstet, aber doch noch mit edler Haltung, und selbst lächelnd sagen: „Es ist zu verwundern, dass solche Menschen nicht im Gefühl ihrer Nichtswürdigkeit augenblicklich verwesen!“ – „Seine Brust ist verschlossen wie ein Archiv“, sagte er von des Kirchenrats Griesbach Verschwiegenheit in Geschäftssachen. Ein milder Ernst und die Sehnsucht nach dem Ideellen begleitete ihn selbst zum Anteil an harmlosen Ergötzlichkeiten, zum Billard, zum Tarock, selbst zum Kegelschub. So hob er einmal, vom Kegelspiel sich weg wendend, die Augen zum schönen Abendhimmel empor und entgegnete wehmütig auf die Bemerkung: „Ein trefflicher Abend!“ die ein Mitspieler machte: „Ach, man muss doch das Schöne in die Natur erst hineintragen3)!“ Schiller lebte und webte damals, erzählt Conz, ganz in Kants Schriften. In den abendlichen, geselligen Unterhaltungen, zu welchen sich mehrere jüngere Lehrer der Hochschule einfanden, war jene Philosophie der Gegenstand, über den immer am lebhaftesten gesprochen und gestritten wurde, und Schiller wusste mit seinem feurigen Geist und eindringenden Scharfsinn dem Gespräch oft das größeste Interesse zu geben. Von dichterischen Arbeiten fand der Landsmann seinen Freund nur mit Übersetzungen beschäftigt, und bei seinem ersten Besuch las er ihm, noch frisch von der Freude über das Gelungene, von den fast nassen Druckbogen eines Thaliaheftes die ersten Proben seiner Verdeutschung aus Virgil vor. Er betrachtete damals, an seine Borussiade denkend, diesen Versuch zugleich als Studium, um der Kunstgriffe im Technischen voraus schon mehr Meister zu sein. Indessen lag ihm der Entschluss, die dramatische Laufbahn wieder zu betreten, doch noch näher, und er sprach mit Begeisterung davon. „Es brenne ihn recht in der Seele – waren seine Worte – bald wieder mit einem neuen Drama aufzutreten, und er sei selbst begierig darauf; es müsse sich, ahne er, nach Form und Gestalt ganz unterschieden von seinen vorigen. Seit er die Griechen studiert, schwebe ihm ein ganz neues Ideal von Trauerspiel vor.“ So rüstete er sich in seinem Innern zu einer neuen schriftstellerischen Epoche, die nach seiner Rückkehr aus dem Vaterland (1794) und seit seiner engen Verbindung mit Goethe ihren Anfang nahm. – Bis hierher der Württemberger Conz. Seine Erzählung verwischt bei unserem Leser vielleicht die trüben und zum Teil schiefen Eindrücke, welche die Beobachtungen eines andern Landsmanns in seiner Seele zurückgelassen haben könnten. In demselben Jahr, in welchem Schiller diesen Besuch aus dem Vaterland erhielt, erwartete er einen für ihn selbst noch wichtigern und willkommeneren. „Heute“, schrieb er – wir kennen das nähere Datum nicht4) – an seine Schwägerin, „heute habe ich einen Brief von Hause erhalten, worin die angenehme Nachricht steht, dass meine Mutter sich anfängt zu erholen. Herzlich hat sie mich erfreut. Ich hoffe noch einmal sie wieder zu sehen und ihr einige frohe Tage zu schenken. Auch dich und Lottchen muss sie noch sehen, und mein Vater euch seine Artigkeiten ins Gesicht sagen.“ Diese Hoffnungen wurde jetzt, im Sommer 1792, teilweise erfüllt. Die Mutter, von der schweren Krankheit genesen, erfreute den geliebten Sohn aufs innigste durch ihren und seiner fünfzehnjährigen Schwester Nanette5) Besuch. Die letztere hatte die schönsten Geistesanlagen. Stellen aus des Bruders Gedichten zu deklamieren war ihre größte Freude, und ihren norddeutschen neuen Anverwandten machte sie mit der schwäbischen Naivität große Freude. Wurde Schiller auf diese Weise durch Besuche aus der Heimat erfreut, so musste er dafür einen seiner werteren Jenaer Freunde, seinen philosophischen Glaubensgenossen Fischenich, verlieren, der in diesem Jahr als Professor der Rechte nach Bonn abging6). Am 11. Februar berichtete ihm unser Dichter, oder diesmal eigentlich, wie oft, unser Denker, ausführlich aus Jena, und erfreute sich der guten Aufnahme, welche die Kantsche Philosophie durch ihn bei Lehrern und Lernenden finde. „Bei der studierenden Jugend wundert es mich übrigens nicht sehr; denn diese Philosophie hat keine andere Gegner zu fürchten, als Vorurteile, die in jungen Köpfen doch nicht zu besorgen sind… Die völlige Neuheit Ihres Evangeliums in Bonn muss sehr begeisternd für Sie sein. Hier hört man auf allen Straßen Form und Stoff erschallen, man kann fast nichts Neues mehr auf dem Katheder sagen, als wenn man sich vornimmt, nicht Kantisch zu sein. So schwer dieses unsereinem ist, so habe ich es doch wirklich versucht. Meine Vorlesungen über Ästhetik7) haben mich ziemlich tief in diese verwickelte Materie hineingeführt, und mich genötigt, mit Kants Theorie so genau bekannt zu werden, als man sein muss, um nicht mehr bloß Nachbeter zu sein. Wirklich bin ich auf dem Weg, ihn durch die Tat zu widerlegen, und seine Behauptung, dass kein objektives Prinzip des Geschmackes möglich sei, dadurch anzugreifen, dass ich ein solches aufstelle. Ich bin, seitdem Sie weg sind, der Philosophie sehr treu geblieben, ja, weil alle andere Zerstreuungen durch schriftstellerische Arbeiten aufgehört haben, so habe ich mich der Theorie des Geschmackes ausschließlich gewidmet. Ich habe Kant studiert und die wichtigsten andern Ästhetiker noch dazu gelesen. Dieses anhaltende Studium hat mich auf einige wichtige Resultate geführt, von denen ich hoffe, dass sie die Probe der Kritik aushalten werden.“ Auch von Schillers geselligem Leben erfahren wir einiges aus diesem Brief. „Für meinen Umgang“, sagt er, „habe ich an meinem neuen Landsmann M. Gros8), der bei dem Prinzen von Württemberg Hofmeister gewesen ist, eine sehr gute Eroberung gemacht. Es ist ein sehr heller Kopf, der besonders in der Kantschen Philosophie vortrefflich zu Hause ist. Von den hiesigen Schwaben, Paulus selbst mit eingeschlossen, kommt ihm an Sagazität keiner gleich. Von Reinhold hält er nicht viel, besucht auch seine Collegien nicht. Er studiert Jurisprudenz und wird nächsten Sommer nach Göttingen gehen.“ Mit seiner Gesundheit war es nach diesem Brief noch immer das Alte, weder besser noch schlimmer; doch schien die Fieberperiode glücklich vorüber. Tätigkeit söhnte ihn mit der traurigen Existenz aus, wozu sein kranker Körper ihn verurteilte. Mitten unter seinen philosophischen Studien flammte das politische Interesse noch einmal bei Schiller auf, als der Prozess des unglücklichen Ludwigs XVI. verhandelt wurde. Der Verfasser der Räuber und Fieskos wollte noch einmal, und zwar unmittelbar, der Sache der bürgerlichen Freiheit dienen, indem er den König verteidigte. „Weißt Du“, schreibt er an Körner im Dezember 1792, „niemand, der gut ins Französische übersetzte, wenn ich etwa in den Fall käme, ihn zu brauchen? Kaum kann ich der Versuchung widerstehen, mich in die Streitsache wegen des Königs einzumischen, und ein Memoire darüber zu schreiben. Mir scheint diese Unternehmung wichtig genug, um die Feder eines Vernünftigen zu beschäftigen, und ein deutscher Schriftsteller, der sich mit Freiheit und Beredsamkeit über diese Streitfrage erklärt, dürfte wahrscheinlich auf diese richtungslosen Köpfe einen Eindruck machen. Wenn ein einziger aus einer ganzen Nation ein öffentliches Urteil sagt, so ist man wenigstens auf den ersten Eindruck geneigt, ihn als Wortführer seiner Klasse, wo nicht seiner Nation, anzusehen, und ich glaube, dass die Franzosen gerade in dieser Sache gegen fremdes Urteil nicht ganz unempfindlich sind. Außerdem ist gerade dieser Stoff sehr geschickt dazu, eine solche Verteidigung der guten Sache zuzulassen, die keinem Missbrauch ausgesetzt ist. der Schriftsteller, der für die Sache des Königs öffentlich streitet, darf bei dieser Gelegenheit schon einige wichtige Wahrheiten mehr sagen, als ein anderer, und hat auch schon etwas mehr Kredit. Vielleicht rätst du mir an, zu schweigen; aber ich glaube, dass man bei solchen Anlässen nicht indolent und untätig bleiben darf… Es gibt Zeiten, wo man öffentlich sprechen muss, weil Empfänglichkeit dafür da ist, und eine solche Zeit scheint mir die jetzige zu sein.“ Die Ereignisse eilten diesem edeln Gedanken des Dichters, der vielleicht im Zusammenhang mit diesen Plänen noch im Dezember 1792 an eine Reise nach Paris dachte, zuvor. Der Kopf des Königs fiel, und Schiller behielt keine persönliche Erinnerung aus dieser Schreckenszeit, als das französische Bürgerdiplom, das, wie er aus den Zeitungen erfuhr, unterzeichnet von Roland9) und zwei andern Mitgliedern des Nationalkonvents, ihm zugesendet, erst nach fünf Jahren durch Campe10) in seine Hände kam. 1)
Am 27. Sept. 1825, als eben Conz am Geburtstag unseres Königs seine letzte
Festrede auf dem Katheder herauswürgte, trat auf der Durchreise ein
namhafter Künstler mit dem Verfasser in den Hörsaal der Tübinger Aula,
hörte verwundert zu und fragte endlich, wer der Mann mit den stolpernden
Lippen sei. Auf den Namen Conz rief der Maler erschrocken: „Was? Doch
nicht etwa ein Bruder von dem berühmten Dichter Conz?“
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