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Ästhetische Studien und SchriftenVon der Überraschung geheilt, wurde Schiller sichtlich heiterer und gesunder; nur Erkältung bei einer Schlittenfahrt verursachte ihm abermals Unterleibskrämpfe. Das Geheimnis der Pension seinen Eltern, seinem Körner und dem Herzog von Weimar zu verbergen, war ihm unmöglich. So verbreitete es sich, selbst durch die Zeitungen, was ihm, der Bescheidenheit seiner großmütigen Freunde wegen, leid tat. Mit dieser Zeit beginnt Schillers neue geniale Tätigkeit, vorerst in selbständiger Bearbeitung Kantischer Ideen und deren Anwendung auf Kunsttheorie, ja sogar auf politisches und geselliges Leben, sichtbar. Durch die Schriften dieses Faches ist er, obwohl mehr mittelbar, als unmittelbar, hauptsächlich ein Lehrer seiner Nation und der Menschheit geworden. Dennoch glaubte er selbst, da sein Geist ihn schon jetzt zur Ausführung des Wallensteins drängte, sich mehr zur Schöpfung als zur Forschung berufen. „Eigentlich ist es doch nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle“, schreibt er an Körner im Laufe des Jahres 1792, „in der Theorie muss ich mich immer mit Prinzipien plagen; da bin ich bloß Dilettant. Aber um der Ausübung selbst willen philosophiere ich gern über Theorie. Die Kritik muss mir jetzt selbst den Schaden ersetzen, den sie mir zugefügt hat. Und geschadet hat sie mir in der Tat; denn die Kühnheit, die lebendige Glut, die ich hatte, ehe mir noch eine Regel bekannt war, vermisse ich schon seit mehreren Jahren. Ich sehe mich jetzt erschaffen und bilden, ich beobachte das Spiel der Begeisterung, und meine Einbildungskraft verträgt sich mit minderer Freiheit, seitdem sie sich nicht mehr ohne Zeugen weiß. Bin ich aber erst so weit, dass mir Kunstmäßigkeit zur Natur wird, wie einem wohlgesitteten Menschen die Erziehung, so erhält auch die Phantasie ihre vorige Freiheit wieder zurück, und setzt sich keine andere, als freiwillige Schranken.“ Schon im März 1792 hatte er, wie ein Brief an Körner bezeugt, mit diesem den Plan zu den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen verabredet, in der Art, dass sie wirklich einen Briefwechsel zwischen beiden bilden, dass beide auf denselben Zweck hinarbeiten und eine gleichförmige Sprache führen sollten. Im Frühjahr 1792, als er seinen Freund, von Professor Fischenich begleitet, in Dresden besuchte, eine Freude, die auch wieder durch Krankheitsanfälle getrübt wurde, besprach er mit diesem ohne Zweifel die Materie des breitern, und im Oktober hoffte er bald den Anfang machen und ihn mit seinen Untersuchungen und Entdeckungen unterhalten zu können, und wollte die verabredete Korrespondenz einleiten. Wir dürfen also wohl annehmen, dass die Ideen zu diesen Briefen eben jetzt in Schillers Geist verarbeitet wurden. Diesen fünfjährigen philosophischen Studien Schillers verdanken wir alle jene tiefsinnigen Aufsätze, welche teils in der neuen Thalia, teils später in den Horen zuerst bekannt gemacht wurden und der Sammlung seiner Schriften großenteils einverleibt sind1). Schiller selbst urteilte in späterer Zeit sehr streng über diese Produkte der „metaphysisch kritischen Zeitperiode, welche besonders in Jena herrschte und auch ihn damals ergriffen habe“, er dürfe und wolle diesen Versuchen keinen höheren Wert geben, als dass sie eine Stufe seines Nachdenkens und Forschens bezeichnen und eine vielleicht notwendige Entladung der metaphysischen Materie, die wie das Blatterngift in uns allen steckt und heraus muss2). Er war bei diesem Urteil vielleicht von Goethe influenziert. Dieser versichert wenigstens in seiner Morphologie, dass sie sich über diese Materie immer entgegengestanden: „Schiller predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen. Aus freundschaftlicher Neigung gegen mich, vielleicht mehr als aus eigener Überzeugung, behandelte er in den ästhetischen Briefen die gute Mutter nicht mit jenen harten Ausdrücken, die mir den Aufsatz über Anmut und Würde so verhasst gemacht hatten. Weil ich aber, von meiner Seite hartnäckig und eigensinnig, die Vorzüge der griechischen Dichtungsart, der darauf gegründeten und von dort herkömmlichen Poesie nicht allein hervorhob, sondern sogar ausschließlich diese Weise für die einzig rechte und wünschenswerte gelten ließ, so wurde er zu schärferem Nachdenken genötigt, und eben diesem Konflikt verdanken wir die Aufsätze über naive und sentimentale Poesie. Beide Dichtungsweisen sollten sich bequemen, einander gegenüber stehend, sich wechselweise gleichen Raum zu vergönnen. – Schiller legte hierdurch den ersten Grund zur ganzen neuen Ästhetik. Denn hellenisch und romantisch, und was sonst noch für Synonymen möchten aufgefunden werden, lassen sich alle dorthin zurückführen, wo man Übergewicht reeller oder ideeller Behandlung die Rede war3).“ Der Tadel Goethes endet in ein Lob, das die Höhe dieser Untersuchungen Schillers, mögen sie noch so viele Phasen durchlaufen haben, hinlänglich bezeichnet. Auch sind diese Schriften für die Welt eine Fundgrube der tiefsinnigsten Theoreme im Gebiet der Ästhetik, und der reichsten Gedanken in dem des übrigen wissenschaftlichen und selbst des sozialen Lebens geworden. Eine Andeutung davon, im Auszug seines Auszugs, hat der Verfasser am 8. Mai unter Schillers Statue versucht, und da der Raum jede weitere Analyse verbietet und dieselbe durch Hoffmeisters erschöpfende Auszüge und geistreiche Beurteilungen überflüssig wird, so mögen jene Worte hier deren Stelle vertreten. „Dieses tiefe und doch heitere Auge“, sprach der Redner im Angesicht der enthüllten Statue, „sah nur, und verlangte darum auch unerbittlich die Schönheit, die lebende Gestalt; die Form, aber die Form, bei der auch der Inhalt zählt; es sah in der Schönheit jene Freiheit, die eine Harmonie von Gesetzen ist; deswegen lehrte auch sein Wink die Stürmischen, dass man nur durch die Schönheit zur Freiheit wandre, dass das Gemeine durch Sittlichkeit ausgelöscht, und durch Schönheit veredelt werden muss; denn er erblickte das Schöne nur im Zusammenhang mit dem moralischen Adel unseres Wesens. Die Natur erschien diesem aufgeschlossenen Blick als „eine beständige Göttererscheinung, die uns erquickend umgibt“, der Mensch in seiner mannigfaltigen Verkehrung als eine gewesene Natur, die auf dem Weg der Vernunft und Freiheit durch echte Gesittung zur Natur zurückgeführt werden soll. – Und o ihr beredten Lippen, welche Fülle von Wahrheiten, in ewiger Frische jeder Gegenwart Nahrung und Heilkraft bietend, senkte sich auf euch von dieser Denkerstirne, aus diesem Dichterauge! Welche Scheu zügelte euch, auch wenn ihr die Lehre mit der Dichtung vertauschtet, durch den Missbrauch schulgerechter Formen euch am guten Geschmack zu versündigen! In wie klaren Worten rechtetet ihr mit dem Jahrhundert, ohne seinem Bedürfnis und seinen Neigungen die Stimme streitig zu machen, ja mitten im Kampf bekennend, dass, der durch euch spreche, nicht gern in einem andern Jahrhundert leben, und für ein anderes gearbeitet haben möchte. Dieser Mund ermutigte eine Jugend, die seitdem zum Teil in öffentlichen Geschäften ergraut ist, ihr Zeitbürgertum über dem Staatsbürgertum nicht zu vergessen, und wiederum verlangte er von dem Menschen in der Zeit, sich zum Menschen in der Idee zu veredeln, vom Individuum, sich zur Gattung zu steigern, vom Staat aber, den zeitlichen Menschen zu seinen Idealen empor zu bilden. Er warnte eine tobende Mitwelt, die physische Möglichkeit der Freiheit zu verschmähen, wo die moralische fehlte. – Ein Seufzer, der noch nicht verhallen darf, wurde ihm durch die Zeit abgepresst, in der die Kunst, die Tochter der Freiheit, von der Notdurft der Materie ihr Gesetz empfangen soll, von dem herrschenden Bedürfnis, das die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch beugt, von dem Nutzen, dem Idol der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen. Aber wenn auch der Gesang dieses Mundes uns ins Reich des Ideales flüchten hieß, so wollte doch sein Wort nicht dulden, dass der denkende Geist, indem er im Ideenreich nach unverlierbaren Besitzungen strebe, ein Fremdling in der Sinnenwelt werde, und über der Form die Materie verliere. Das unvertilgbare Gefühl sollte neben dem unbestechlichen Bewusstsein gelten; vom alles trennenden Verstand rief er zurück zur alles vereinenden Natur. Zu dem jungen Freunde der Wahrheit und Schönheit, der, das edle Streben in seiner Brust, gegen den Widerstand der Zeit ringen will, spricht er: „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, was sie bedürfen, nicht was sie loben; gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten: So wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen. Diese Richtung hast du ihr gegeben, wenn du, lehrend, ihre Gedanken zum Notwendigen und Ewigen erhebst, wenn du, handelnd oder bildend, das Notwendige und ewige in einen Gegenstand Deiner Triebe verwandelst4).“ 1)
Döring, älteres Leben S. 140 f. Hoffmeister II, 292 ff. III, 21 ff. 55 ff.
98 ff. Wir werden sie im dritten Buch aufzählen.
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