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Eindruck und AntwortDieser Brief, der für die Empfindung des Lesenden nicht altert, der, wieder und immer wieder gelesen, jedes Mal wie eine frische, überraschende Tat der lautersten Liebe an unserem Herzen anklopft – mit welchem Gefühl muss er von Schiller genossen worden sein1)! „In der ersten Wärme des Dankgefühls“, meldet uns die vortreffliche Frau, der wir vor zehn Jahren die erste Mitteilung dieses kostbaren Aktenstücks aus dem Archiv der Menschheit verdankten – in der ersten Aufwallung „glaubte sich Schiller stark genug, eine Reise nach Dänemark unternehmen zu können und versprechen zu dürfen.“ Der Herzog antwortete: „… Ihr Betragen in dieser Angelegenheit ist ganz Ihrer würdig und vermehrt die Hochachtung, welche ich schon bisher für Sie hegte. Nichts kommt jetzt meiner Sehnsucht bei, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und ich sehe dem Augenblick mit verdoppelter Ungeduld entgegen, in welchem ich Sie als Mitbürger meines Vaterlandes werde begrüßen zu können.“ Der Gesundheitszustand Schillers, für den Augenblick selbst durch die Rührung verschlimmert, erlaubte diese Versetzung, oder auch nur eine Reise in das nördliche Klima nicht. Der Prinz von Holstein wurde der Welt im kräftigsten Mannesalter entrissen; aber „vom Grab edler Verstorbenen geht ein lebendiger Hauch aus für die Nachwelt2).“ Schiller hatte ihm in den Horen seine „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ widmen dürfen. Ernst Heinrich Graf v. Schimmelmann, der Sohn eines von pommerschen Krämer zum Großhändler, dann in Dänemark zum Diplomaten emporgestiegenen und nach Struensees Tod in den Grafenstand erhobenen Vaters, geboren zu Dresden 1747 und als Minister des Auswärtigen ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Briefes (1831) im 84sten Lebensjahr verstorben, hat vierzig Jahre lang das Bewusstsein auch dieser guten Tat auf Erden genossen3). Ein fortgesetzter Briefwechsel mit der Gräfin Schimmelmann, in dem sich die herrliche Seele dieser ausgezeichneten Frau, sowie die ihres Gemahls darstellt, erhielt zwischen Schiller und seinen Wohltätern eine geistige Verbindung4). Die Antwort Schillers auf jenes großmütige Anerbieten, an Baggesen aus Jena vom 16. Dez. 1791 datiert, welche wir dem Briefwechsel Baggesens mit Reinhold verdanken, muss dort oder bei Hoffmeister gesucht werden5), denn sie füllt bei dem letzteren fünf große und enge Oktavseiten. Der Dichter schreibt „überrascht und betäubt“, nicht mit dem kranken Kopf, sondern ganz mit dem Herzen. „Ja, mein Freund“, sagt er, „ich nehme das Anerbieten mit dankbarem Herzen an, nicht weil die schöne Art, womit es getan wird, alle Nebenrücksichten bei mir überwindet, sondern darum, weil eine Verbindlichkeit, die über jede mögliche Rücksicht erhaben ist, es mir gebietet. Dasjenige zu leisten und sein kann, ist mir die höchste und unerlässlichste aller Pflichten… Der großmütige Beistand Ihrer erhabenen Freunde setzt mich auf einmal in die Lage, so viel aus mir zu entwickeln, als in mir liegt.“ „Von der Wiege meines Geistes an“, fährt er später fort, „bis jetzt, da ich dieses schreibe, habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu verurteilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes als schriftstellerische Wirksamkeit zu existieren. Ich hatte mir diesen Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten übersehen hatte. Die Notwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Dass ich dieses fühle, dass ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten nicht diejenigen engen Grenzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen war, erkenne ich für eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die Möglichkeit des höheren Fortschritts offen hielt; aber in meinen Umständen vermehrte sie nur mein Unglück. Unreif und tief unter dem Ideale, das in mir lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte; bei aller geahnten möglichen Vollkommenheit musste ich mit der unzeitigen Frucht vor die Augen des Publikums eilen, der Lehre selbst so bedürftig, mich wider meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so ungünstigen Umständen nur leidlich gelungene Produkt ließ mich nur desto empfindlicher fühlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrückte. Traurig machten mich die Meisterstücke anderer Schriftsteller, weil ich die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße teilhaftig zu werden, an der allein die Werke des Genius reifen. Was hätte ich nicht um zwei oder drei stille Jahre gegeben, die ich frei von schriftstellerischer Arbeit bloß allein dem Studieren, bloß der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner Ideale hätte widmen können! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu befriedigen und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die notwendige Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen literarischen Welt, wie ich endlich weiß, unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt, beides zu vereinigen; aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete mir meine Gesundheit. Das Interesse an meiner Wirksamkeit, einige schöne Blüten des Lebens, die das Schicksal mir in den Weg streute, verbargen mir diesen Verlust, bis ich zu Anfang dieses Jahres – Sie wissen wie? – aus meinem Traum geweckt wurde. Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen ganzen Wert zu zeigen, wo ich nahe dabei war, zwischen Vernunft und Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knüpfen, wo ich mich zu einem neuen Unternehmen im Gebiet der Kunst gürtete, nahte sich mir der Tod. Diese Gefahr ging zwar vorüber, aber ich erwachte nur zum andern Leben, um mit geschwächten Kräften und verminderten Hoffnungen den Kampf mit dem Schicksal zu erneuern. So fanden mich die Briefe, die ich aus Dänemark erhielt.“ Durch den edelmütigen Antrag der beiden Männer erhielt er endlich „die so lange und so heiß gewünschte Freiheit des Geistes und die vollkommene freie Wahl seiner Wirksamkeit.“ Wenn er auch die verlorene Gesundheit nicht wieder gewänne, „so wird künftig Trübsinn des Geistes seiner Krankheit nicht mehr neue Nahrung geben.“ „Ich sehe“, schreibt er, „heiter in die Zukunft – und, gesetzt es zeigte sich auch, dass meine Erwartungen von mir selbst nur liebliche Täuschungen waren, wodurch sich mein gedrückter Stolz an dem Schicksal rächte, so soll es wenigstens an meiner Beharrlichkeit nicht fehlen, die Hoffnungen zu rechtfertigen, die zwei vortreffliche Bürger unsers Jahrhunderts auf mich gegründet haben.“ Dann folgt der Reiseplan, und die Schilderung des Eindrucks, den der Vorgang von Hellebeck, welchen der Dichter erfahren, als er kaum anfing, sich wieder zu erholen, auf ihn hervorgebracht. „Es waren nektarische Blumen, die ein himmlischer Genius dem kaum Erstandenen vorhielt.“ Nie, solang er ist, will er Baggesen den freundlichen, wichtigen Dienst, den ihm dieser, „wiewohl ohne Absicht“, bei seinem Wiedereintritt ins Leben geleistet habe, vergessen. Dass jener reelle Dienst unmittelbar von Baggesen herrührte, scheint Schiller, bei der achtungswerten Selbstverleugnung des ersteren, nie erfahren zu haben6). 1)
Er kam am 9. Nov. 1791 bei Reinhold in Jena an. Ein chronol. Irrtum der
Fr. v. Wolz. Ist von Hoffmeister berichtigt worden II, 276, Note.
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