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Schillers Todesfeier zu HellebeckWährend so Schiller und seine Freunde sich in ihres Herzens Freude gebärdeten, wie Kinder (spielten doch auch Scipio, Lälius und Lucilius der Dichter vor Tisch Plumpsack mit den Servietten1)! – gelangte ins ferne Ausland, durch seine wiederholten Krankheitsanfälle veranlasst, die Nachricht von Schillers Tod, und dieser Irrtum führte einen höchst tröstlichen Wendepunkt in des Dichters ökonomischer Lage herbei. Eine Hauptrolle bei diesem Zwischenspiel übernahm ein begeisterter Verehrer Schillers und später selbst namhafter Dichter. Wie es vor zwölf Jahren noch Göthokoraxe oder Götheselstern gab, so konnte man vor fünfzig Jahren und später in Deutschland und selbst über der Grenze Schillerpapageien genug zählen. Von diesen wohl zu unterschieden sind aber jene edleren Enthusiasten für beide Männer, denen es an wahrem Gefühl und an Einsicht in ihre Größe keineswegs fehlte, und deren Urteil nur die zur Leidenschaft gewordene Liebe für den Genius bis zu einem Übermaße von Bewunderung steigerte, das, an Anbetung grenzend, zuweilen ins Lächerliche fiel. Unter die letzteren gehört, was Schiller betrifft, der Däne Jens Baggesen2). Sein phantastischer Enthusiasmus für den Dichter wird nicht mehr belächelt werden, sobald man sich vergegenwärtigt, welche edle Tat durch ihn herbeigeführt worden ist. Baggesen hatte im Jahr 1790, mit seiner jungen Frau aus der Schweiz, einem Land, das er später in seiner Parthenais so begeistert schilderte, zurückkehrend, einige Tage in Weimar und Jena verweilt, mit Reinhold einen Bund fürs Leben geschlossen, und auch Schillers Persönlichkeit hatte einen unvertilgbaren Eindruck auf sein Herz zurückgelassen. In Kopenhagen angekommen, teilte er seine Begeisterung für Schillers Werke dem Minister, Grafen Ernst v. Schimmelmann, dem Herzog Christian Friederich von Holstein-Augustenburg und deren Gemahlinnen, seinen Wohltätern und Freunden, mit. „Wenn dieser Prinz uns nicht gewiss ist“, schrieb er über den Herzog an Reinhold, „so können alle jetzige und künftige Posas sich mit ihren Plänen nach dem Tollhaus begeben.“ Im Juni 1791 war zwischen diesen Verehrern Schillers eine kleine Reise nach Hellebeck verabredet, wo „am donnernden Weltmeer“ des Dichters Lied an die Freude an dem entzückenden Ort gesungen werden sollte, und wohin Baggesen die Schillerschen Werke schon vorausgeschickt hatte. Alles war bereit; der junge Däne mit seiner Gattin wollte die Schimmelmannsche Familie in Seelust abholen, als ein Billet der Gräfin ankam, das die Reise abstellte –: Schiller sei gestorben. Baggesen stürzte wie vom Blitz getroffen in die Arme seiner Sophie. „Ihm war, als hätte die Menschheit einen ihrer ersten Erzieher verloren.“ „Trösten Sie mich über den Verlust von Mirabeau und über den noch empfindlicheren von Schiller“, schrieb er auf der Stelle an Reinhold, … „o warum musste dieser Raphael vor seiner Transfiguration sterben!“ Dann setzte er sich mit seiner Frau in den Wagen und fuhr im Sturm und Regen nach Seelust zum Grafen Schimmelmann. „Wir haben nach Hellebeck gehen wollen“, sprach der Graf, „ um in aller Munterkeit Schillers Ode an die Freude zu singen – jetzt wollen wir trotz dem schlechten Wetter hingehen und sie in aller Wehmut von Ihnen vorlesen hören.“ Es wurde angespannt und man fuhr fort. Der Minister Schubert im Haag mit seiner Gemahlin, die diesem Kreise angehörten, waren mit von der Gesellschaft. In Hellebeck, sechseinhalb Meilen nördlich von Kopenhagen, am „naturgrößesten Ort“, am Meeresufer, dem Kullen, dem höchsten Felsen Schwedens gegenüber, saßen bei aufgeklärtem Himmel sechs sich liebende, fürs Gute begeisterte Menschen und Baggesen fing an in tiefer Trauer zu lesen: „Freude, schöner Götterfunken!“ Klarinetten, Hörner und Flöten, von ihm und dem Grafen heimlich bestellt, fielen ein, und hingerissen sang die ganze Gesellschaft im Chor mit. Als alles fertig schien, fuhr Baggesen fort:
Aller Augen schwammen in Tränen; vier Knaben und ebenso viel Mädchen erschienen, weiß als Hirten und Hirtinnen gekleidet, mit Blumenkränzen, und führten einen Reigentanz auf. So blieben die, recht im Künstlersinn Schillers, Leidtragenden drei Tage beisammen. Lieblingsszenen seines Don Carlos, die Götter Griechenlands, Stücke aus dem Abfall der Niederlande, die Künstler, wurden gelesen, und der herbe Schmerz löste sich in sanfte Rührung auf. – Als nun der Todgeglaubte von Karlsbad und Erfurt nach Jena zurückgekehrt war, machte Reinhold es sich zum ersten Geschäft, dem Dichter Baggesens Brief mitzuteilen; „und ich zweifle“, schreibt er seinem Freund, „ob irgendeine Arznei heilsamer auf ihn gewirkt habe.“ Die Nachricht von der Hellebecker Todesfeier war nach Jena gekommen, als eben in Schillers Haus Club war. Schillers Frau zog Reinhold beiseite. „Wenn Sie Baggesen schreiben“, sagte sie, „so sagen Sie ihm, – sagen Sie ihm – schreiben Sie ihm –“ ein Tränenfluss erstickte ihre Stimme. „Ich kann ihm nichts Rührenderes schreiben“, erwiderte Reinhold, „als was ich jetzt sehe und höre.“ Baggesen, „von des unsterblichen und ungestorbenen Schillers Auferstehung“ durch den Jenaer Freund benachrichtigt, war doch nicht ruhig, solange er ihn nicht vollkommen hergestellt wusste. „Wenn das Gebet das wäre“, schreibt er, „wofür es unser wahnsinniger Engel Lavater ausgibt, alle Kranken in Karlsbad und in der Umgegend würden dann gesund geworden sein, so viel Segen hätte ich vom Himmel auf diesen heruntergebetet.“ Dem Prinzen von Augustenburg las er einen Brief Reinholds vor, worin stand, dass sich Schiller vielleicht ganz erholen könnte, wenn er nicht, wie auch dieser selbst, im Fall einer Krankheit unschlüssig wäre, ob er seinen fixen Gehalt von 200 Talern in die Apotheke oder in die Küche schicken sollte. Und auf der Stelle wurde das nachfolgende Schreiben an Reinhold nach Jena eingeschlossen. 1)
Scholien beim Cruquius zu Horazes erster Satire des zweiten Buches. Es
geschah auf dem Land, und Cicero sagt von ihnen (vom Redner 2, 6), dass
sie dort „unglaubliche Kindereien zu treiben gewohnt gewesen seien.“ So
setzten sie sich z. B. zusammen ans Meeresufer, lasen Muscheln und
Schnecken und spielten damit – die größten Staatsmänner und der größte
Dichter des damaligen Roms.
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