Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Erholung. Karlsbad. Erfurt. Heimkehr.

Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
   Dass williger mein Herz, vom süßen
      Spiele gesättiget, dann mir sterbe!

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
   Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
      Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
   Mich nicht hinab begleitet; einmal
      Lebt’ ich, wie Götter, und mehr bedarf’s nicht.

Dies Lied, das den Parzen ein Dichter zu singt, der als Schillers Schüler begann und als Meister längst abgeschlossen hat1), ist ohne Zweifel auch für die Stimmung unsres Dichters auf seinem Krankenlager der rechte Ausdruck. Und wenn ihm auch kein Herbst gegönnt war, so sollte doch die Welt um seinen Sommer nicht kommen, und das Heilige, das ihm am Herzen und im Geist lag, sollte ihm gelingen, wie es wenigen gelungen ist.

Der Arzt hatte die Hoffnung nie verloren; die Krämpfe ließen auf seine Mittel nach, und Schiller sagte, mit sehr heitrem Blicke, zu seiner Frau und ihrer Schwester: „Es wäre doch schön, wenn wir noch länger zusammen blieben.“ Er glaubte wieder an ein längeres Leben, machte Pläne zu Arbeiten, las viel in den schlaflosen Nächten, unter anderem den Tasso in Heinses Übersetzung, und, wie einst in der Kindheit, so wanderte er in seinen Gesprächen mit den Schwestern über die ganze bekannte Erde, durch alle Zonen.

Damals fing bei ihm zuerst die Unordnung in Schlaf und Wachen an; er behauptete eher einschlafen zu können, wenn er unter leichtem Geschäfte sich vom Schlummer übermannen ließ. Damit die Pflegenden, Gattin und andre Hausbewohner, die Nacht über ausruhen konnten, opferten die Hausjungfern gern ein paar Stunden Schlaf, und unterhielten den wachen Kranken mit Kartenspiel.

Ende Julius ging der langsam Genesende, um seine geschwächten Verdauungswerkzeuge zu stärken, ins Karlsbad, wo er seinen Verleger Göschen traf, und an österreichischen Kriegern als Motiven für seinen Wallenstein studierte, und von wo aus er in Eger das Rathaus, mit einem Bild Wallensteins, und das Haus in Augenschein nahm, wo dieser sein Ende fand. Den September verlebte er in Erfurt und besprach mit Dalberg eifrig jenes Drama.

Nach Jena zurückgekehrt setzte er, trotz Wielands zärtlicher Abmahnung, seine Arbeiten am dreißigjährigen Krieg, seine Übersetzungen aus der Äneide und seine ästhetischen Studien fort. Ein geistreicher Kreis von Hausfreunden trug viel zur Erheiterung bei. Professor Fischenich (als Geh. Oberjustizrat 1831 zu Berlin gestorben), Niethammer, Hr. v. Stein, der Sohn der Weimaraner Freundin, v. Fischart und sein Hofmeister Göritz, waren die tägliche Tischgesellschaft.

Ein Brief Schillers an seinen Vater vom 26.-28. Oktober 1791 (bei Boas II, 463) beweist, mit welch zärtlichen Gedanken er an den Seinen hing. „Eben, liebster Vater, komme ich mit meiner lieben Lotte von Rudolstadt zurück, wo ich einen Teil der Ferien zubrachte, und finde Ihren Brief. Herzlichen Dank für die fröhlichen Nachrichten, die Sie mir darin von der zunehmenden Gesundheit unsrer l. Mutter geben, und von Ihrem allseitigen Wohlbefinden. Die Überzeugung, dass es ihnen wohl geht, und dass von den liebsten Meinigen keines leidet, erhöht mir die Glückseligkeit, die ich an der Seite meiner teuren Lotte genieße.“

Von seiner eignen schweren Krankheit schweigt der gute Sohn. Er erzählt nur das Erfreuliche, und, indem er Mutter und Schwester den Damenkalender mit dem Anfang des dreißigjährigen Krieges zuschickt, berichtet er, dass ihm dieser in vier Monaten neben seinen Vorlesungen ausgearbeitete Aufsatz mit 80 Louisd’ors bezahlt worden ist, dass der Verleger (Göschen) aber auch auf einen Absatz von 7000 Exemplaren rechne.

„Den 28., heute, ist Ihr Geburtstag, liebster Vater“, sagt das Ende des Briefs, „den wir beide mit innigster Freude feiern, dass uns der Himmel Sie gesund und glücklich bis hierher erhalten hat. Möge er ferner über Ihr teures Leben und Ihre Gesundheit wachen, und Ihre Tage bis in das späteste Alter verlängern, dass Ihr dankbarer Sohn es ausführen könne, Freude und Zufriedenheit über den Abend Ihres Lebens zu verbreiten, und die Schulden der kindlichen Pflicht an Sie abzutragen.“

Die wiederkehrende Gesundheit Schillers wurde von den Freunden auf mancherlei Weise gefeiert. Ja, bei einem Abendessen, das Göritz und sein Eleve der Gesellschaft gab, wurde diese so heiter, dass alle Brüderschaft miteinander tranken, und Frau v. Wolzogen, Schillers Frau, Herr v. Stein2), Fischenich, Schiller, Göritz und sein Zögling sich den ganzen Abend untereinander duzten, so dass man am andern Tag Mühe hatte, die Vertraulichkeit wieder in Vergessenheit zu bringen3).

Schiller selbst geriet, in der Muße der Genesung, auf allerlei spaßhafte Einfälle, und selbst eine Reminiszenz des akademischen Lebens zu Stuttgart schien in ihm auf eine seltsame Weise zu erwachen. Er verfiel darauf – dass sich die sämtlichen männlichen Freunde eine Uniform machen lassen sollten, deren Farbe wenigstens aus der Akademie stammte. Es musste ein blauer Frack mit himmelblauem Futter und silbernen Knöpfen sein. Gesagt, getan: Schiller, Fischenich und Göritz trugen das abgeschmackte Habit, und der letztere brachte es noch mit ins Württemberger Land. Nur Stein hatte sich mit der Hofuniform, die er zu tragen hatte, entschuldigt.

Ü   Þ


1) Friedrich Hölderlin. Gedichte, S. 82. ­
2) Im Morgenblatt, a. a. O., heißt es zwar „Madame Stein“, muss aber notwendig heißen: „Madame Schiller und Hr. v. Stein“, die Zwischenworte scheint der Setzer ausgelassen zu haben, der auch aus Professor Fischenich hartnäckig einen Fischreich machte.
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3) „Die Studentenbrüderschaft von Göritz ist ganz unwahr.“ Briefliche Mitteilung der Frau v. Wolzogen an den Verfasser vom 25. Januar 1840.
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