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Kritik der Urteilskraft. Entschiedener Kantianismus.

Genauere Zeitangaben fehlen uns über diese Krankheit. Schon vor seiner Erkrankung hatte sich Schiller von der Geschichte als einem Ziel seiner Tätigkeit verabschiedet, und philosophisch-ästhetischen Betrachtungen zugewendet, wie denn aus seinen Vorlesungen über den Ödipus auf Kolonos die beiden (1792) gedruckten Aufsätze „über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“, und „über die tragische Kunst“ hervorgegangen sind, das erste, was er über philosophische Ästhetik bekannt machte. Auffallend war es, dass er den Freund, der ihn zuerst zu Jena durch seine Gespräche näher an das Heiligtum des Königsberger Weisen hingeführt, seitdem durch schmerzende Kälte zurückstieß, worüber Reinhold in vertraulichen Briefen sich bitter beklagte1), ja endlich sich selber (28. März 1792) sagen musste: „Ich weiß nun, dass mich Schiller zwar nicht hasst, aber auch nicht lieben kann; zwar nicht verachtet, aber auch nicht schätzt. Seien Einsilbigkeit und Kälte hat mir zu wehe getan, als dass ich mich derselben länger hätte aussetzen können, und ich komme nun seit einigen Monaten nicht mehr zu ihm.“ Und so blieb das Verhältnis, bis Reinhold 1794 nach Kiel abging. Wir grübeln umsonst über die Ursache dieser Abstoßung, die nicht allein in Reinholds Mangel an ästhetischer Bildung liegen kann. Konnte Schiller schon gegen einen alten und, wie wir bald sehen werden, so verdienten Freund so sein, so war er gegen Unbekannte und fremde, besonders in späterer Zeit, wenn sie ihn nicht interessierten, ganz verschlossen, und Personen, die er gering schätzte, behandelte er sogar mit einer schneidenden Kälte. Niemand darf ihm solches verargen, wer einem berühmten Mann, der noch dazu kränkelt, nicht zumuten will, sich von der Liebe und Verehrung anderer umbringen zu lassen.

Jene Krankheit schreibt Wieland der anhaltenden Winterarbeit an der Fortsetzung des dreißigjährigen Krieges zu2). Genesen beschäftigte Schiller sich hauptsächlich mit der Übersetzung aus Virgils Äneide, und als er sich erstarkt fühlte, warf er sich mit unermüdlichem Eifer auf das Studium Kants, und zwar auf die erst vor Jahresfrist (1790) erschienene Kritik der Urteilskraft. „Du errätst wohl nicht, was ich jetzt lese und studiere?“, schreibt er am 3. März 1791 an seinen Körner. „Nichts Schlechteres – als Kant. Seine Kritik der Urteilskraft, die ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch ihren neuen, lichtvollen, geistreichen Inhalt, und hat mir das größte Verlangen beigebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hineinzuarbeiten. Bei meiner wenigen Bekanntschaft mit philosophischen Systemen würde mir die Kritik der Vernunft und selbst einige Reinholdsche Schriften für jetzt noch zu schwer sein und zu viel Zeit wegnehmen. Weil ich aber über Ästhetik schon selbst viel gedacht habe, und empirisch noch mehr darin bewandert bin, so komme ich in der Kritik der Urteilskraft weit leichter fort und lerne gelegentlich viele Kantsche Vorstellungsarten kennen, weil er sich in diesem Werke darauf bezieht und viele Ideen aus der Kritik der Vernunft in der Kritik der Urteilskraft anwendet. Kurz ich ahne, dass Kant für mich kein so unübersteigbarer Berg ist, und ich werde mich gewiss noch genauer mit ihm einlassen3).“

Und am 1. Januar 1792 war sein Entschluss unwiderruflich gefasst, die Kantsche Philosophie nicht eher zu verlassen, bis er sie ergründet habe, wenn ihn dies auch drei Jahre kosten könnte. „Übrigens habe ich mir schon sehr vieles daraus genommen und in mein Eigentum verwandelt. Nur möchte ich zu gleicher Zeit gerne Locke, Hume und Leibnitz studieren.“ Noch am 15. Okt. 1792 „steckte er bis über die Ohren“ in Kants Kritik der Urteilskraft. „Ich werde nicht ruhen, bis ich diese Materie durchdrungen habe, und sie unter meinen Händen etwas geworden ist.“

Wäre Schiller kein geborner Dichter gewesen, so hätte dieser Eifer die Poesie auf immer bei ihm verdrängen müssen; nun aber förderte er sie zuletzt nur, wenn ihr gleich die Philosophie eine starke Legierung, jedoch eben dadurch den rechten Kurs bei der Nation gab.

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1) An Baggesen, die uns leider nicht zur Hand sind. Wir halten uns, was diese Quelle betrifft, ganz an Hoffmeister II, 253-256. ­
2) Hoffm. II, 239.
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3) Dieser Brief beweist freilich, dass Schiller bis dahin noch nichts von Kant gelesen hatte. Dass er aber genug von ihm gehört, zuerst von Körner, der offenbar selbst Kantianer war, dann von Reinhold, darf als erwiesen betrachtet werden. Wollte er doch seine Theodicee „nach Kantschen Prinzipien“ dichten!
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