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Häusliches Leben und Beruf in Jena

„Es lebt sich doch ganz anders“, schrieb Schiller an seinen Freund Körner in den ersten Monaten nach seiner Heirat, „an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein – auch im Sommer. Jetzt erst genieße ich die schöne Natur ganz und lebe in ihr. Es kleidet sich wieder um mich herum in dichterische Gestalten, und oft regt sich’s wieder in meiner Brust. Mein Dasein ist in eine harmonische Gleichheit gerückt; nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir diese Tage dahin… Ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend zurückkehren; ein inneres Dichterleben gibt mir sie zurück.“

Auch mit dem äußern Leben söhnte er sich aus. „Ich lebe die glücklichsten Tage“, sagt er seinem Vater (10. März 1790), „und noch nie war mir so wohl wie jetzt in meinem häuslichen Kreis. Unsere ökonomische Einrichtung ist über alle meine Wünsche gut ausgefallen, und die Ordnung, der Anstand, den ich um mich herum erblicke, dient sehr dazu, meinen Geist aufzuheitern… Meine Frau ist ganz eingerichtet zu mir gekommen, und alles, was zur Haushaltung gehört, hat meine Schwiegermutter gegeben1).“ In Jena gewährte dem jungen Paar das Griesbachsche und Paulussche Haus, das letztere auch durch den Gesang der Frau, eine anmutige Unterhaltung, und der musikalische Schiller wurde durch das Lied von Gluck: „Einen Bach, der fließt“, in die angenehmsten Phantasien versetzt. Auch mit Schütz und Hufeland stand er in freundlichem, mit Reinhold damals noch in genauem Verhältnis; der letztere brachte ihm Kant immer näher. Wanderungen in die liebliche Gegend und Reisen nach Rudolstadt brachten Wechsel und Heiterkeit in das Leben dieses glücklichen Jahres. Lottchen bereitete ihm den Tee, und hörte ihn dazu im anstoßenden Auditorium lesen, als er eben seine Vorlesung über die Tragödie (den Ödipus zu Kolonos) begann. „Ich finde gar viel Vergnügen an dieser Arbeit“, erzählt er der Schwägerin am 15. Mai 1790, „ich entdecke viele Erfahrungen, die die Ausübung der tragischen Kunst mir verschafft hat, und von denen ich selbst nicht wusste, dass ich sie hatte. Zu diesen suche ich den philosophischen Grund, und so ordnen sie sich unvermerkt in ein lichtvolles zusammenhängendes Ganze, das mir viel Freude verspricht.“ Die zu dem Ende gelesene Poetik des Aristoteles, statt ihn niederzuschlagen und einzuengen, stärkte und erleichterte ihn: „Er dringt mit Festigkeit und Bestimmtheit auf das Wesen, und über die äußern Dinge ist er so lax als man sein kann. Was er vom Dichter fordert, muss dieser von sich selbst fordern, wenn er irgend weiß, was er will… Man merkt ihm an, dass er aus einer sehr reichen Erfahrung und Anschauung heraus spricht, und eine ungeheure Menge tragischer Vorstellungen vor sich hatte. Auch ist in seinem Buch absolut nichts Spekulatives, keine Spur von irgendeiner Theorie; es ist alles empirisch; aber die große Anzahl der Fälle, und die glückliche Wahl der Muster, die er vor Augen hat, gibt seinen Aussprüchen einen allgemeinen Gehalt und die völlige Qualität von Gesetzen.“

Beim Lesen der Quellen zu seinem „dreißigjährigen Krieg“ stritten sich zwei Ideen, die zu einem Drama über Wallensteins Abfall und Tod, und die zu einem Epos Gustav Adolph in des Dichters Seele. Den späten aber herrlichen Sieg des ersteren fährt die Welt noch fort zu feiern. Wäre Schiller gesund geblieben, so würde die Ausführung wohl früher zustande kommen sein.

Die Liebe lies Schiller vergessen, dass mit der Hoheit seines Innern so manche literarische und amtliche Umgebungen in Jena, glänzende Ausnahmen, zu welchen auch er selbst gehörte, abgerechnet, sowie seine eigene ökonomische Lage in schneidendem Kontraste standen. Beides hat uns ein Landsmann, der damals einen jungen Adeligen zu Jena überwachte, ein scharfer Beobachter und geistvoller Darsteller, von dem nur nicht zu vergessen ist, dass er den Schatten vor dem Licht sah und schilderte, in sehr bestimmten Umrissen gezeichnet2).

„Eine größere Verschiedenheit“, bemerkt dieser, „in Manier, Kleidung, wissenschaftlicher und sittlicher Kultur wird schwerlich in London und Paris angetroffen werden, als [damals] in Jena. Vom Wilden in Sitte und Unreinlichkeit bis zur widerlichen Überfeinerung in Sitten und Kleidung, von der beschränktesten Ansicht der Wissenschaften bis zur edelsten Übersicht und zur heitersten Ansicht traf man alle Mittelstufen, gleichsam als ewige Formen, als Repräsentanten in Jena an.“

Dann malt er uns einige Porträts von Kollegen, welche um Schiller auf dieser Universität herumliefen: Der ausgehungerte Doktor Legens der Mathematik a Gerstenbergh, in unreinlichen Lumpen auf seinem Adel als Steckenpferd reitend, dann von den Studenten aus Barmherzigkeit in ein Gallakleid gesteckt, das ihm wieder vom Leib faulte, bis die weißseidenen Strümpfe mit schwarzen wollenen zerlöcherten vertauscht waren, und er im Federhut und betressten Scharlachrock, einen schwarzen Strumpf um den Hals, und ein zerrissenes schmutziges Hemd auf dem Leib, einherging; – der Adjunkt der philosophischen Fakultät, Haller, der orientalische Sprachen dozierte und an eine Aufwärterin verheiratet war, der gedrückteste Knirps unter der Sonne, von unerschöpflicher Hiobsgeduld, im abgeschabenen, weißen alt geschnittenen Rock, wo das Hemd im Nacken hervorsah; die schwarzrote Weste den bedenklichen Zustand der schwarzzeugenden Beinkleider und die kurzen Schenkel zur Hälfte bedeckend; das schwarze Borstenhaar in eine Vergette geschnitten und zur Höhe gekehrt, hinten in den Haarbeutel gefasst; ein Quastenstock, der, in der Mitte mit der Hand gefasst, ihm bis über die Nase ging; in Schuhen, die, um einen Zoll zu lang, mit den Zehen gehalten, spazieren rutschend, und, wenn er grüßte, den Hut an sich hinunterziehend, dass er auf den Bauch zu liegen kam; – ein anderer Professor, ein Titular-Geheimrat und gelehrter Arzt, von der Frau aus Eifersucht auf Haus und Garten konfiniert, selbst von der Kirche abgehalten und in die Bibliothek, die zugleich Speisekammer und schmutzige Kinderstube war, eingesperrt; – wieder ein Dozent, der sich erbot, Vorlesungen über Kants Kritik zu halten, wenn ihm jemand das Buch leihen wolle; – ein anderer, der ankündigen wollte gratis leget und schrieb: frustra leget. –

Aus allen Teilen Deutschlands, fährt er fort, waren Professoren mit ihren Frauen in Jena versammelt, und auf diese Weise allerlei Provinzialsitten mit dem feinen Ton verschmolzen. Der Landsmann Schillers hatte des Morgens erwachsene Töchter mit großen Stücken Brot in der Hand angetroffen, da wo er abends von einem Bedienten mit kreuzweise gelegten Wachslichtern die Treppe hinunter begleitet wurde.

Wir können es nur bedauern, dass der Schilderer, bei seiner genauen und feinen Beobachtungsgabe, uns nicht auch die edlen Persönlichkeiten eines Griesbach, Hufeland, Paulus, Gros und anderer, unsrem Schiller befreundeten oder verwandten Naturen vorgeführt hat.

Indessen macht er uns von Schillers amtlicher Haltung die würdigste Beschreibung. Die wenige Zeit, in welcher dieser öffentliche Vorlesungen über die Geschichte hielt, wurde er von den Studenten, die, selbst die roheren, ein tieferes Gefühl für das Bessere hatten, als man gewöhnlich glaubt – „weil viele Menschen erst in der bürgerlichen Gesellschaft schlecht und gemein werden“ – vorteilhaft ausgezeichnet. Während sonst die böotische Sitte herrschte, den Professor beim Anfang eines Kursus mit allgemeinem Stampfen zu empfangen und zu entlassen, unterblieb dieses pöbelhafte Zeichen des Beifalls bei seinem Ein- und Austritte ganz. Und diese Achtung hatte sich Schiller nicht durch servile Nachgiebigkeit gegen die Studiosen erworben. Als über einen Kuss, den sich ein angetrunkener Student vor einem Gasthof von einer jungen liebenswürdigen Gräfin, die auf ihren Gatten im Wagen wartete, ziemlich graziös erbat, ohne ihn zu erhalten, dieser relegiert wurde, und darüber bei der nächsten Gelegenheit ein wilder Burschenaufruhr losbrach, stürmte eine trunkene und exaltierte Schar das Haus des Prorektors Ulrich. Es erschienen Fußjäger und Husaren zu Jena, und die Burschen zogen in corpore aus. Als sie darauf um Amnestie und Erlaubnis zur Rückkehr baten, wurde im akademischen Senat darüber deliberiert, ob man den Studenten entgegengehen und sie empfangen solle. Dagegen war Schiller durchaus, wollte das Ansehen und die Würde des akademischen Senats streng behauptet und nichts den Studenten nachgegeben wissen. Aber der Eigennutz der Professoren, deren Collegia stark besucht wurden, siegte: Der ehrwürdige Dr. Döderlein, an der Spitze mehrerer Professoren, ging den Burschen entgegen, und sämtliche Bürgerschaft holte sie zu Ross und zu Fuß ein3).

Im Jahr 1791 hielt Schiller auch Vorträge über die Geschichte der europäischen Staaten und der Kreuzzüge, und hatte hier den berühmten Creuzer zum Schüler. Seine Vorlesungen zeichneten sich durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen aus, aber das rhetorische Pathos vermochte nicht ganz, die Lücken der Kenntnisse zu verhüllen.

Von des Dichters Privatleben entwirft uns der Berichterstatter aus Schwaben ein sehr bescheidenes Bild. Die Unbefangenheit und Frugalität in Hinsicht auf Essen und Trinken ging in seinen Augen oft sehr weit. Einst hatte der Dichter Besuch von dem nachmaligen General und Adjutanten des Königs von Sachsen, dem damaligen Gardehauptmann v. Funck (dem Geschichtsschreiber Kaisers Friedrich II.). Schiller lud im Garten des Erzählers, wo eben Kegelschieben war, den Fremden zum Abendessen ein. Der Hofmeister und sein Eleve hatten die Kost bei Schiller, wussten aber von der Einladung nichts. Da wurden ein paar ungleiche alte Tische zusammengestellt, ein Tischtuch darüber geworfen, und es erschien ein Stück Fleisch mit ein wenig Salat als die ganze Gastmahlzeit, und dabei war jedermann ganz unbefangen, unerachtet es sogar an hinlänglichem Geschirr und an Servietten fehlte.

Wem sollte der größte Dramendichter, wem der Lehrer Deutschlands bei diesem Mahl nicht so ehrwürdig erschienen, als der Diktator Curius Dentatus bei seinen Rüben? Er bildet freilich einen Kontrast gegen unsre neueste Zeit, wo nicht selten ein junger Mann einen Rang unter den literarischen Notabilitäten einzunehmen glaubt, sobald er sich auch nur dem Rock nach als Fashionable herausgeputzt hat.

Das scharfe Auge dieses Beobachters haftete auf unsrem Schiller mit einem sehr nüchternen Blick, und derselbe erzählt ohne Schonung von den in Wahrheit unbedeutenden Schwächen des jungen Ehepaares. „Eine sinnliche und nach sinnlichen Freuden haschende, Zerstreuung liebende Gattin“, sagt der Haus- und Tischgenosse aus jener Zeit, „hätte nicht für Schiller getaugt. Er schien mir oft ein zu strenger und unbilliger Richter ihrer Handlungen zu sein.“ Aber selbst die von ihm so sanft und demütig geschilderte Hausfrau entgeht der bittern Lauge seiner Bemerkungen nicht ganz. Da wir im Leben unsres Dichters, der Natur der Sache nach, fast immer, wo er nicht selbst unser Gewährsmann ist, aus begeisterten Lobrednern oder doch aus den Quellen befreundeter Zeugen, deren Liebe alles zu glauben, zu dulden und zu vertragen geneigt sein muss, zu schöpfen haben, so dürfte uns der Blick des Luchses als Zuschauer und der kühle Verstand als Referent auch einmal willkommen sein. Dennoch können wir uns nicht entschließen, von seinen Mitteilungen in der vorliegenden Beziehung Gebrauch zu machen, obwohl andre Biografen es getan haben. Teils betreffen jene Anekdoten gar zu nichtige Dinge, teils lassen sich die einzelnen Angaben gerade da, wo die Zeitbestimmung von Wichtigkeit wäre, nirgends mit Sicherheit einreihen, da Göritz sechs Jahre lang in Jena war; teils endlich wird ihre Genauigkeit von gewichtigen Augenzeugen, deren Briefe an den Erzähler dieses Lebens gerichtet, vor ihm liegen, sehr entschieden angefochten.

Wie glücklich im Wesentlichen Schillers innere Lage war, haben wir oben gesehen4); auch die äußere gestaltete sich durch erwünschte Ereignisse noch besser, als die Seinigen zu hoffen gewagt hatten. Die Herausgabe der „Memoiren“ und die Fortsetzung der Thalia sicherten ihm eine für seine Bedürfnisse hinlängliche Einnahme. Dabei blieb ihm Zeit zu Rezensionen für die Allg. Lit. Zeitung, zu der er seit 1787 Beiträge lieferte. Dann hatte ihn der Buchhändler Göschen, ein edler und uneigennütziger Mann, aufgefordert, eine Geschichte des dreißigjährigen Krieges für einen historischen Almanach zu schreiben; einen deutschen Plutarch, der jedoch nie verwirklicht wurde, behielt er den folgenden Jahren auf.

In einem gar traulichen Brief an seinen Vater gibt Schiller diesem Rechenschaft von seiner schriftstellerischen Tätigkeit (29. Dez. 1790): „Ich habe, schreibt er, freilich viel Arbeit, aber es fehlt mir dazu nicht an freudigem Mut, und der Himmel segnet sie. Die Niederländische Geschichte kann so schnell nicht fortgesetzt werden, weil andere Arbeiten dazwischen kamen, aber so viel später sie erscheint, so viel reifer und vollendeter soll sie werden.

Es ist mir überaus lieb, dass mein historischer Kalender in Schwaben sehr verbreitet wird. Eine Reputation im historischen Fach ist mir des Herzogs wegen nicht gleichgültig. Auch vor seine Ohren muss es endlich kommen, dass ich ihm im Ausland keine Schande mache, und wenn er dadurch zu einer bessern Gesinnung von mir wird vorbereitet sein, dann ist es Zeit, dass ich mich selbst an ihn wende.“

Seine Einnahmen waren in dieser Zeit ansehnlich, denn seit 1789 erhielt er, wie ein früherer Brief vom 4. Febr. 1790 dem Vater gelegentlich meldet, für wichtige Arbeiten nicht unter drei Louisd’or vom Bogen.

Im September des Jahrs 1790 richtete sich Schiller in reinen Geistesangelegenheiten an den Coadjutor und erhielt (Mainz vom 11. Sept.) die Antwort: „Ich wage es nicht zu bestimmen, was Schillers allumfassender, allbelebender Genius unternehmen soll. Nur sei mir erlaubt der stille Wunsch, dass Geister, mit Riesenkräften ausgerüstet, sich selbst fragen möchten: „Wie kann ich der Menschheit am nützlichsten sein? Dies Forschen, dünkt mich, führt am sichersten auf den Weg zur Unsterblichkeit und lohnt mit himmlischem Bewusstsein.“

Schiller war über die äußerlich teleologische Wirksamkeit, wie wir gesehen haben, damals schon vermöge seines philosophischen Systems als Dichter und Schriftsteller so hinaus, die Kunst war ihm schon so sehr Selbstzweck geworden, dass ihm eine so vage Antwort, voll der edelsten Absicht, unmöglich genügen konnte. Er wiederholte also seine Frage, wie es scheint, bestimmter, und erhielt von dem Gönner (Erfurt 2. Nov.) Andeutungen über den Beruf des Geschichtsschreibers, soweit er mit dem dramatischen Dichter zusammenfällt oder von ihm divergiert. Dem ersteren wird darin der aufmerkende, prüfende, sammelnde Forschungsgeist, dem letztern der Genius der höchsten lebendigen Darstellung vindiziert. „Nur darin treffen beide mit allen Geisteswerkmeistern überein, dass jeder seinen eigenen Brennpunkt haben muss, durch den er seinem Werke Einheit gibt und die Teile in ein Ganzes schmelzt.“ Schiller vereinigt nach Dalbergs Überzeugung beides, Bildungskraft und die Ausdauer des Fleißes. Doch wünschte er, dass derselbe „in ganzer Fülle dasjenige leiste und wirke, was nur Er leisten kann, und das ist das Drama5).“

Ü   Þ


1) Boas II, 455 f. ­
2) Morgenbl 1837, Nr. 84 ff. Der Verf. ist unzweifelhaft Ludw. Fried. Göritz, geb. zu Stuttgart den 29. März 1764, gest. um 1825 als Dekan und Stadtpfarrer zu Aalen.
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3) Relata refero. Vielleicht veranlasst die Aufnahme dieser Erzählung in unser Buch eine erwünschte Reklamation. Dass Schiller als außerordentlicher Professor (er erhielt das Ordinariat erst im März 1798) im Senat gesessen haben soll, ist etwas verdächtig.
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4) Über das Glück seiner Gattin höre man diese selbst bei Boas II, 459.
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5) Fr. von Wolz. II, 54-57.
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