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Philosophische FortbildungEhe wir den dreißigjährigen Dichter ins häusliche Leben begleiten, sei abermals ein Blick in sein Inneres geworfen, wo die produktive, die eigentliche Dichterkraft in dieser Periode zu ruhen schien1), und das spekulative Denken in voller Tätigkeit war. Dass er ganz auf dem Weg nach der kritischen Philosophie sich befand, haben wir aus einzelnen seiner Äußerungen, aus Stellen seiner Werke hinlänglich gesehen. Hier und da, wo sich sein Geist selbst im Denken als Erfinder zeigte, übersprang wohl auch ein Ideenblitz die Stadien dieser Bildung, und die Ahnung des Schülers eilte selbst dem systematischen Gang des Meisters voraus. Solche Fulgurationen seines Geistes hat sowohl Hoffmeister in seinem Werk, als auch der Verfasser dieser Schrift herausgefunden und hervorgehoben. Wenn man aber darum den Dichter als Denker, nicht in der Potenz, sondern in der Wirklichkeit seiner Leistungen, zum Meister statt zum Lehrling machen, und Kant, dem Philosophen, als ebenbürtig zugesellen wollte, so würde man mit der Wahrheit zugleich seinem Genius Unrecht tun. Denn wenn ihn die Natur so ganz und entschieden zum Denker bestimmt gehabt hätte, so würde sie selbst es nimmermehr zugelassen haben, dass ihr Werk in einen ganzen Dichter umgeprägt worden wäre, der Denker hätte in ihm dem Poeten nicht dienen dürfen, er hätte geherrscht, und dieser wäre zum Halbdichter herabgesunken. Auch hätte, wie wir im ersten Buch dieser Biografie zu zeigen versucht haben, ein ganz anderer Bildungsgang dazu gehört, Schiller zum leitenden Denker seiner Zeit zu machen. Wie es nun steht, hat sein genialer Wille die herrlichste Poesie der bedrohlichen Denkkraft glücklich abgetrotzt. Überhaupt aber ist es offenbar, dass Schiller, seit er mit den Schriften Kants, dermalen nur durch Belehrung von Freunden, bekannt wurde, in seiner Vernunftbildung streng der zeitlichen und geschichtlichen Entwicklung dieses Systems gefolgt ist. Von allen jenen blendenden Ideen Raphaels, vom philosophischen Gespräche des Prinzen im Geisterseher, von den brieflichen Gedankenäußerungen über philosophische Gegenstände, von den spekulativen Episoden und Einkleidungen der historischen Arbeiten endlich – gehört die schöne und zweckmäßige Verarbeitung und der Glanz der Darstellung unsrem Dichter, der Ideengehalt aber, einige vorwitzige Blicke des Genies ausgenommen, dem Schöpfer der kritischen Philosophie. Diese Behauptung wird jeder kräftigen, der Kants drei Kritiken durchstudiert hat. Auch war jener lächerliche Hochmut, in welchem sich je der schwächere Schüler gebärdet, als wäre er der Erfinder des Systems, welches nachzudenken ihm endlich gelungen ist, von niemand ferner, als von dem bescheidenen und einsichtigen Schiller, selbst als er sich längst unmittelbar an Kants Schriften gewendet hatte. Man hat über den Nachteil, welchen Schillers Dichtergeist die Kantsche Philosophie gebracht, viel gesprochen, und Goethe hat ein offenes und wahres Wort darüber hinterlassen, auf das auch wir kommen müssen. Einen Vorteil aber hat, außer den unermesslichen Diensten, welche seinem Dichtergenius viel später die Kritik der Urteilskraft geleistet, schon die Kritik der reinen Vernunft, deren Inhalt auch ungelesen für ihn längst transpiriert hatte, seinem dichterischen Wirken gebracht: Die entfernte Kunde von derselben hat ihn von dem traurigen, Freiheit lähmenden Egoismus der spinozistischen Ansicht, wie wir oben gesehen, befreit, und er hätte ohne dieses Korrektiv sicherlich den Don Carlos zu dichten nicht vermocht, sein Geist hätte sich nie zur Begeisterung eines Posa entzündet, dessen Beredsamkeit an alle Nationen spricht, man mag ästhetische Skrupel wider ihn haben, welche man will. Nicht so glücklich wirkte die erste Bekanntschaft mit der kritischen Philosophie auf seine religiösen Überzeugungen2). Hier trat an die Stelle der Mystik des Unglaubens, welcher sich die idealeren Anhänger Spinozas von jeder in die Arme geworfen haben, eine nüchterne Spekulation des Zweifels, welche die höchsten Bedürfnisse unsres Wesens bald mit Begierde ergriff, bald, und noch öfter mit Widerwillen zurückstieß. Aus einer solchen Richtung erklären sich seine widersprechenden Äußerungen über Gott und Unsterblichkeit. Dieser Widerspruch ist hauptsächlich an Kants Kritik der reinen Vernunft, oder vielmehr an der Ahnung davon, großgezogen worden; ihr Widerhall lässt sich in der Antwort Raphaels an Julius, im Gespräch des Prinzen, in den Göttern Griechenlands, in einigen Stellen der Künstler, und in einzelnen vertraulichen Äußerungen des Privatlebens vernehmen. Der Zweifel mildert sich, ja er verschwindet teilweise, so wie Schiller, wieder anfangs nur durch andere, mit der Kritik der praktischen Vernunft bekannt wird, in welcher der große Vernunftzauberer, wie schon oft bemerkt worden, durch eine Hintertüre den alten Glauben wieder hereinlockte, den er durch das Haupttor seines Systems hinausgewiesen hatte. Die Kritik der reinen Vernunft war im Jahr 1781 erschienen und zu Schillers entfernterer Kenntnis etwa im Jahr 1785 gekommen. Mit ihr nahm der Materialismus, sowie das System der absoluten Immanenz, Abschied von seinem Geist. Hoffnung, vom Zweifel geschlagen, beherrschte seitdem seine Seele; aber mit der andern Kritik, die 1787 erschien und 1789 ganz gewiss von Schiller dem Inhalt nach gekannt war, gewann die Hoffnung wieder die Oberhand. Und als, ohne Zweifel in den ersten Monaten dieses letztern Jahrs, eine junge Frau zu Weimar, die in den Kreis seiner näheren Bekannten gehört haben muss, ihren Gatten im ersten Jahr einer glücklichen Ehe durch den Tod verloren, sprach Schiller in einem zu ihrem Trost verfassten Gedicht, das dessen ästhetischer Gehalt von der Sammlung seiner lyrischen Gedichte ausschloss, das uns aber für den Gang seiner Überzeugung von unschätzbarem Wert ist, in glühenden Worten, wie folgt3):
Alsdann flucht der Dichter dem Tag, wo ein schadenfrohes Wesen ihn auf die Welt, den Schauplatz des Jammers, rief, wo dem Weisen
Wir dürfen glauben, dass, wenn dieses Lied wirklich von Schiller herrührt4), wofür besonders die vierte und fünfte Strophe samt der sechsten zu sprechen scheinen, von welchen die eine ihren Ursprung aus Raphaels Briefen, und die andre ihn aus Kants praktischer Vernunft zu verraten scheint, es auch den Ausdruck seiner Überzeugung, wie sie sich damals gebildet hatte, enthält. Es war noch nicht die Zeit, wo ein ehrlicher Mann von „verschiedenen Standpunkten aus“ heute so und morgen anders sprechen konnte: Dies hieß damals noch heucheln; nicht die Zeit, wo man andre trösten zu dürfen meinte mit Gründen, an die man selbst nicht glaubte: Dies hieß täuschen. Dem Lehrdichter haftete in jener Zeit noch für die subjektive Wahrheit dessen, was er singend predigte. – So hätte denn dem Dichter seinen Schöpfer und seine Unsterblichkeit, die ihm Spinoza ganz genommen und die Kritik der reinen Vernunft nur gezeigt hatte, damit er wieder daran zweifelte, der moralische Beweis der praktischen Vernunft für diese Periode seines Denkens ganz zurückgegeben. Die Kritik der Urteilskraft, die den Denker zwar erst ganz zu Kant, aber auch zuerst wieder, wenngleich sehr langsam, auf die Bahnen des Dichters leitete, war im Jahr 1789 noch nicht erschienen. 1)
Wie wenige Gedichte seit dem Don Carlos bis 1789 entstanden, ist gesagt
worden. Von 1790 bis 1794 wurde vollends kein einziges Originalgedicht
fertig, und nur die Übersetzungen aus Virgil fallen in diese Zeit. Vergl.
Körners Nachrichten von Schillers Leben. In Schillers Werken, Ausg. Von
1830, S. 1296, a.
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