Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
               Buch 2
                  Leipzig, Dresden
                  Studien
                  Philosophie
                  Freundschaft
                  Lyrik Schillers
                  In Weimar
                  Rudolstadt
                  Rückkehr Weimar
                  Don Carlos
                  Aufe. in Volkstädt
                  Bek. Griechen
                  Schiller u. Goethe
                  Rück. nach Weimar
                  Arbeiten
                  Professur
                  Phil. Fortbildung
                  Häusliches Leben
                  Hist. Schriften
                  Krankheit
                  Kantianismus
                  Rückfall
                  Erholung
                  Todesfeier Hellebeck
                  Brief an Schiller
                  Antwort
                  Ästhet. Studien
                  Besuche
                  Reise nach Schwaben
                  Rückblick
               Buch 3
               Urkunden

Die Professur in Jena. Verlobung. Heirat.

Schon in Rudolstadt im Freundesumgang, war unter den verschiedenen Zukunftsplänen Schillers auch eine Professur der Geschichte zur Sprache gekommen; sie passte zu seinen schriftstellerischen Arbeiten (seine Geschichte des Abfalls der Niederlande war im Erscheinen) wie zu seinen Vorsätzen, und die äußern Umstände waren der Aussicht, eine solche zu erhalten, nicht ungünstig. Jetzt führte der Abgang Eichhorns von Jena nach Göttingen die Möglichkeit näher herbei, und Schiller gab (28. Dez.) seinen Freundinnen eine Nachricht, welche leider eine seiner schönsten Hoffnungen, die Rückkehr zu ihnen, für eine zeitlang zugrunde richten sollte. „So sehr es im Ganzen mit meinen Wünschen übereinstimmt, so wenig bin ich von der Geschwindigkeit erbaut, womit es betrieben wird. Ich selbst habe keinen Schritt in der Sache getan, habe mich aber übertölpeln lassen; und jetzt, da es zu spät ist, möchte ich nicht gerne zurücktreten. Man hatte mich vorher sondiert, und gleich den Tag darauf wurde es an unsern Herzog nach Gotha geschrieben, der es an dem dortigen Hof gleich einleitete. Jetzt liegt es schon in Coburg, Meiningen und Hildburghausen, und ist vielleicht in drei Wochen entschieden.“ Schon vor einigen Tagen hatte ihm der nachmalige Geheimrat von Voigt die schriftliche Erklärung der Regierung mitgeteilt, dass Schiller seine Einrichtung machen möchte, weil alles so gut als im Reinen sei. „Also die schönen paar Jahre von Unabhängigkeit, die ich mir träumte, sind dahin; mein schöner künftiger Sommer ist auch fort; und dies alles soll mir ein heilloser Katheder ersetzen! … Ich rechne darauf, dass Sie mir in diesem Sommer eine himmlische Erscheinung in Jena sein werden, weil ich das erste Jahr zu viel zu tun und zu lesen habe, um noch etwas Zeit für die Wünsche meines Herzens übrig zu behalten. Dafür verspreche ich, die folgenden Jahre Ihnen diesen Liebesdienst wett zu machen. Ist für mich nur erst ein Jahr überstanden, so liest sich’s alsdann im Schlaf, und ich habe meine Seele wieder frei.“

Goethe war in dieser Sache überaus gütig gewesen, und zeigte viel Teilnahme an dem, wovon er glaubte, dass es zu Schillers Glück beitragen würde. Von Knebel, der unsern Dichter nicht sonderlich anzuziehen schien, meldet er, „dass derselbe vermutlich just, als er es von Goethe erfuhr, in seiner teilnehmenden Laune gewesen;“ – „denn ich höre, dass es ihn sehr freuen soll. Ob es mich glücklich macht, wird sich erst in ein paar Jahren ausweisen. Doch habe ich keine üblen Hoffnungen. Werden Sie mir nun auch gut bleiben, wenn ich ein so pedantischer Mensch werde, und am Joch des gemeinen Besten ziehe? Ich lobe mir doch die goldne Freiheit! In dieser neuen Lage werde ich mir selbst lächerlich vorkommen. Mancher Student weiß vielleicht schon mehr Geschichte, als der Herr Professor. Indessen denke ich hier, wie Sancho Pansa über seine Statthalterschaft: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand; und habe ich erst meine Insel, so will ich sie regieren wie ein Daus! Wie ich mit meinen Herren Kollegen, den Professoren, zurecht komme, ist eine andere Frage.“ Doch – „mit den dortigen Menschen“, schreibt Schiller am 4. Januar 1789, „denke ich schon leidlich auszukommen. Eigentlich gerate ich auch mit keinem in Kollision, weil ich nicht hingehe um Geld zu verdienen, und höchstens zwei Kollegien lese.“

Unter solchen Hoffnungen und Sorgen kam das Frühjahr heran, und im April schickte der Dichter den Schwestern ein Exemplar von seinem philosophischen Doktordiplom, damit sie doch auch etwas zu lachen hätten, wenn sie ihn in einem so lateinischen Rock erblickten. „Übrigens ist es ein teurer Spaß, denn er kostet mir 50 Taler.“

In demselben Monat erschien Bürger auf einige Tage zu Weimar und Schiller war viel in seiner Gesellschaft. Sein erstes Urteil über diesen Dichter ist nicht ohne Vorurteil und legte, wie es scheint, den Grund zu seinem letzten. Er heißt ihn zwar einen geraden, guten Menschen, findet aber in seinem Äußern und in seinem Umgang nichts Anziehendes. Auch in dem letztern verliere sich, wie in seinen Gedichten, der Charakter der Popularität zuweilen ins Platte. „Das Feuer der Begeisterung scheint in ihm zu einer ruhigen Arbeitslampe herabgekommen zu sein. Der Frühling seines Geistes ist vorüber, und es ist leider bekannt genug, dass Dichter am frühesten verblühen.“ Doch verschmähte unser Dichter nicht, einen kleinen Wettkampf mit Bürger einzugehen, dem wir die Übersetzung der Stücke aus Virgils Äneide in freien Wielandschen Stanzen verdanken, und Bürgers Urteil über Stolbergs Schwachsinnigkeit in Betreff der Götter Griechenlands akzeptierte er mit Beifall. „Noch ein Fremder ist hier“, fügt Schiller in der Erzählung über Bürger hinzu, „aber ein unerträglicher, der Kapellmeister Reichardt aus Berlin. Er komponierte Goethes Claudine von Villabella, und wohnt auch bei ihm. Der Himmel hat mich ihm auch in den Weg geführt, und ich habe seine Bekanntschaft ausstehen müssen. Wie ich höre, muss man sehr gegen ihn mit Worten auf seiner Hut sein.“

Den letzten Brief an seine Freundinnen in Rudolstadt schrieb Schiller unter dem Rollen des Donners am 30. April; in der andern Woche reiste er ab mit schwerem Abschied von den schönen, freundlichen Musen, denen er auf zwei oder drei Jahre, um sich seines Faches zu bemächtigen, absterben zu müssen glaubte, und deren weiblich rachsüchtiges Gemüt – wie er scherzend sprach – ihm Sorgen machte.

Am 4. Mai hatte er schon eine Vorlesung in Jena gehalten1). Sein Lehramt begann unter günstigen Auspizien; über vierhundert Zuhörer strömten herbei und machten ihm Mut; seine Stimme hielt sich gut und füllte den Hörsaal ohne Anstrengung aus. Die ersten Briefe atmeten Zufriedenheit mit der neuen Lage und die Freunde in Rudolstadt hatten alle Ursache, sich der Stellung des teuren Mannes im äußern Leben zu erfreuen. Auch die Anerkennung von außen mussten ihn ermutigen: Hufeland brachte ihm von einer großen Reise Empfehlungen aus Berlin, ja selbst von Kant aus Königsberg; Gedike „der Universitätsbereiser“ gedachte sein; Engel schien ihm gewogener zu werden. – Mit dem Griesbachschen Haus kam er in genaue Verbindung. „Ich weiß nicht“, schreibt er, „wodurch ich mir den alten Kirchenrat gewogen gemacht habe; aber er scheint es mit mir recht sehr gut zu meinen, und über wissenschaftliche Dinge spreche ich gerne mit ihm.“ In den Häusern von Schütz und Reinhold lebte er, was in Beziehung auf den letztern wie eine Ahnung klingt, „noch in den Flitterwochen, und ließ sich schöne Dinge sagen.“ Nur das Frauenzimmer zu Jena schien ihm wenig zu taugen; das hübscheste Gesicht auf einem Ball war auch das leerste und seelenloseste.

Im Ganzen fühlte Schiller sein Leben hier anfangs behaglicher als zu Weimar, das Gefühl zu Hause zu sein machte ihm ein ungewohntes Vergnügen, und, weil zu einem Ganzen gehörend, hing er auch mit der umgebenden Welt mehr zusammen. Es las nur zwei Mal in der Woche, Dienstag und Mittwoch abends von 6 bis 7 Uhr, in Griesbachs Auditorium, und gewann zur Vorbereitung und zu schriftstellerischer Arbeit fünf unentbehrliche Tage.

Im Julius sahen den Dichter die geliebten Freundinnen von Rudolstadt auf der Durchreise nach Lauchstädt eines Abends zu Jena in Griesbachs Garten. Aber es war für ihn nur ein Traum und kein ganz fröhlicher, denn nie hatte er der Schwester Karolines so viel sagen wollen und weniger gesagt. Er schickte ihr deswegen nach Lauchstädt (24. Juli) eine unterdrückte Stelle seines Don Carlos nach:

– Schlimm, dass der Gedanke
Erst in der Worte tote Elemente
Zersplittern muss, die Seele sich im Schalle
Verkörpern muss, der Seele zu erscheinen.
Den treuen Spiegel halte mir vor Augen,
Der meine Seele ganz empfängt, und ganz
Sie wiedergibt: dann, dann hast du genug,
Das Rätsel meines Lebens aufzuklären!2)

Nach der Entfernung der Geliebten erschien ihm auch auf einmal sein Dasein in Jena als ein freudenloses, zu dessen Ertragung unglaublich viel Mut gehörte: „Hier ist auch gar kein Mensch, an den ich mich als Freund anschließen könnte. Ich bin wie einer, der an eine fremde Küste verschlagen worden und die Sprache des Landes nicht versteht. Meinem Herzen fehlt es ganz und gar an einer beseelenden Berührung, und, durch keinen Gegenstand um mich her geübt, der mir teuer wäre, verzehrt sich mein Gefühl an wesenlosen Idealen.“

Ein halbverabredeter Besuch Schillers in Lauchstädt, wohin die Schwestern eine Freundin zur Badekur begleitet hatten, fand unmittelbar nach Ankunft dieses Briefes Statt. Der Plan mit seinem Freund Körner in Leipzig zusammenzutreffen, gab den Schein der Absichtslosigkeit. Ohne Zweifel war Karoline v. Beulwitz der gute Genius, der wirksam war, den Augenblick herbeizuführen, der den liebenden Herzen das Geständnis ablockte. Ein langes, schmerzhaftes Stillschwiegen brach endlich. Charlotte v. Lengefeld bekannte dem Dichter ihre Liebe, und versprach ihm ihre Hand.

Der Schritt war ohne Wissen von Lottchens Mutter geschehen; um ihr nicht unnötige Sorge zu machen, sollte sie es nicht eher erfahren, als bis ein kleiner, fixer Gehalt Schillers Existenz in Jena gesichert hätte; diesen aber erwarteten die Liebenden mit Zuversicht vom Herzog von Weimar. „Meine Schwester“, – so rechtfertigt Schillers Schwägerin den Schritt – „fühlte die Unmöglichkeit ohne Schiller zu leben. Einem andern Verhältnis, das sich ankündigte, war sie durchaus abgeneigt. Schillers ganzes Herz, alle seine Hoffnungen für das Leben hingen an dieser Aussicht. Bei unsern einfachen Gewohnheiten, entfernt von Ansprüchen an äußern Glanz, sah ich eine sorgenlose Zukunft für meine Schwester, und freute mich lebhaft der Hoffnung auf ein öfteres Zusammenleben mit meinem Freund, in einem so nahen Verhältnis.“

Ein Ausflug nach Leipzig, um wirklich mit Schillers Freunde Körner zusammenzukommen, wurde von den Verlobten, mit der dritten im Bunde, Karoline v. B., ausgeführt. Sie fühlten bei diesem flüchtigen Zusammensein, wie würdig dieser Mann war, des Dichters Freund zu sein, und wurden auch ihm sehr wert.

Zu Leipzig scheint in Schillers Ohr die erste Kunde von den lauteren und erschütternden Ereignissen der französischen Revolution gedrungen zu sein. Ein Bekannter las den Freunden mit Enthusiasmus den Sturm auf die Bastille vor. In jenem Augenblick erschien „diese Zertrümmerung eines Monuments finsterer Despotie als ein Vorbote des Sieges der Freiheit über die Tyrannei.“ Die Frauen überließen sich dem Ausdruck der Freude, und das eben geschlossene Herzensbündnis des Dichters schien ein Strahl der Morgenröte zu erhellen, die, eine Sonne von Licht und Heil versprechend, wie auf die Beschwörungsformel Posas, am Horizont des Völkerlebens zu leuchten begann. Nur Schiller selbst blieb ernst, und seine Ansicht dieser Begebenheiten war freudlos und ahnungsvoll. Er hielt die Franzosen für kein Volk, dem echt republikanische Gesinnungen eigen werden könnten, und auch später, wenn sich seine Freundinnen des Geistes und der schönen Reden der Nationalversammlung erfreuten, äußerte er, es sei unmöglich, dass von einer Gesellschaft von sechshundert Menschen etwas vernünftiges beschlossen werde3).

Die Liebenden schieden unter Schillers Versprechen, die Ferien in Rudolstadt zubringen zu wollen. In den glücklichen Briefen des Dichters an Charlotte herrscht jetzt das zutrauliche Du, und gibt ihnen eine Farbe wohltuender Sicherheit. „In einer neuen, schönern Welt schwebt meine Seele“, schreibt er (25. Aug.), „seitdem ich weiß, dass Du mein bist, teure, liebe Lotte, seitdem Du Deine Seele mir entgegen trugst. Mit bangen Zweifeln ließest Du mich ringen, und ich weiß nicht, welche seltsame Kälte ich oft in Dir zu bemerken glaubte, die meine glühenden Geständnisse in mein Herz zurück zwang. Ein wohltätiger Engel war mir Karoline, die meinem furchtsamen Geheimnis so schön entgegenkam. Ich habe Dir unrecht getan, teure Lotte. Die stille Ruhe Deiner Empfindung habe ich verkannt und einem abgemessenen Betragen zugeschrieben, das meine Wünsche von Dir entfernen sollte. O Du musst sie mir noch erzählen, die Geschichte unserer werdenden Liebe. Aber aus Deinem Munde will ich sie hören. Es war ein schneller und doch so sanfter Übergang!“

Lottchen sah, mit der Genügsamkeit weiblicher Seelen, ruhig der Zukunft entgegen; das aber vermochte der glühende Schiller nicht. In ungebornen Fernen blühten seine Freuden, die Gegenwart um ihn her war leer und traurig, und nur der glückliche Wahnsinn der Dichtkunst vermochte ihn ihr zu entreißen4). Aber selbst die Liebe konnte aus der Seele des Dichters die Spekulation nicht verscheuchen, die ihm nicht selten, seit er Kantianer geworden, selbst den Naturgenuss störte, obgleich „Lottchens Liebe, wie eine Glorie um ihn schwebend, wie ein schöner Duft ihm die ganze Natur überkleidet hat.“ „Ich komme von einem Spaziergang zurück“, sagt er am Abend des 12. Septembers. „Nie hab’ ich es noch so sehr empfunden, wie frei unsere Seele mit der ganzen Schöpfung schaltet – wie wenig sie doch für sich selbst zu geben imstande ist, und alles, alles von der Seele empfängt. Nur durch das, was wir ihr leihen, reizt und entzückt uns die Natur.“ Wir wissen, wie stehend dieser Gedanke in Schillers Seele geworden ist5). Diesmal aber entzückte er ihn, während er den Leser vielleicht niederschlägt; denn er sagte sich: „Wie oft ging mir die Sonne unter, und wie oft hat meine Phantasie ihr Sprache und Seele geliehen! Aber nie, nie als jetzt hab’ ich in ihr meine Liebe gelesen.“ Aber auch der Natur gibt er wieder ihre Ehre. „Bewundernswert ist mir doch immer die erhabene Einfachheit und dann wieder die reiche Fülle der Natur. Ein einziger und immer derselbe Feuerball hängt über uns – und er wird millionenfach verschieden gesehen von Millionen Geschöpfen, und von demselben Geschöpf wieder tausendfach anders. Er darf ruhen, weil der menschliche Geist sich statt seiner bewegt – und so liegt alles in toter Ruhe um uns herum, und nichts lebt als unsere Seele. Und wie wohltätig ist uns doch wieder diese Identität, dieses gleichförmige Beharren in der Natur! Wenn uns Leidenschaft, innerer und äußerer Tumult lange genug hin und her geworfen, wenn wir uns selbst verloren haben, so finden wir sie immer als die nämliche wieder, und uns in ihr. Auf unserer Flucht durch das Leben legen wir jede genossene Lust, jede Gestalt unsers wandelbaren Wesens in ihre treue Hand nieder, und wohlbehalten gibt sie uns die anvertrauten Güter zurück, wenn wir kommen und sie wieder fordern. – Unsre ganz Persönlichkeit haben wir ihr zu danken; denn würde sie morgen umgeschaffen vor uns stehen, so würden wir umsonst unser gestriges Selbst wieder suchen.“

Wie wenig sentimental war die wahre Liebe in der starken Seele des Denkers und Dichters! Sie störte ihn nicht in den grübelnden Forschungen seines Idealismus; sie führte ihn nur noch tiefer hinein, und die Unterhaltung über die Resultate seiner Spekulation bietet er in den ersten Liebesbriefen vertrauensvoll der Braut statt Kuss und Umarmung!

Seine Vorlesungen aber durcheilte er auf den Fittigen der Liebe, je näher es der Vakanz zuging. „Meine Studenten freuen sich ordentlich wie schnell es geht. Ganze Jahrhunderte fliegen hinter uns zurück. Morgen bin ich schon mit dem Alcibiades fertig, und es geht mit schnellen Schritten dem Alexander zu, mit dem ich aufhöre.“

Die Antrittsrede über das Studium der Universalgeschichte, womit Schiller seine historischen Vorlesungen in Jena eröffnet hatte, erschien im Novemberheft des Deutschen Merkurs.

Die Ferien führten ihn endlich der heimlichen Braut in die Arme nach Rudolstadt; er bezog seine Wohnung in Volkstädt wieder, brachte Morgen und Nachmittag im Lengefeld’schen Haus zu, arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia, am Geisterseher, und durchschweifte in Erinnerung und Hoffnung die herbstliche Gegend6), nicht selten von den Schwestern und ebenso oft von poetischen Stimmungen und Plänen begleitet.

Das Ende des Oktobers rief ihn nach Jena zurück, und „Briefe, der Trost getrennter Liebe, flogen wieder hin und her.“ Sein Kopf war heiter; er spürte den Mut in sich um auszudauern. Aber allmählich fühlte er, in Beziehung auf die alles andere verschlingende Hoffnung, auf seine Vereinigung mit Lotte, doch immer drückender das Aussichtslose seiner Lage. „Welcher böse Genius gab mir ein, hier in Jena mich zu binden“, ruft er der Geliebten am 10. Nov. 1789 zu, „ich habe nichts, gar nichts dadurch gewonnen, aber unendlich viel verloren, mir heillose Bekanntschaften aufgebürdet, Verhältnisse, die mir zuwider sind! Meine einzige Hoffnung ist auf dem Coadjutor gesetzt. Versichert er bestimmt und nachdrücklich, dass er für mich handeln will, so lege ich bei dem nächsten Anlass meine jenasche Professur nieder.“ Der Coadjutor, der berühmte Karl Theodor v. Dalberg, nachmals Primas und in der Napoleonischen Zeit Großherzog von Frankfurt, Bruder von Wolfgang Heribert, der edle Mäzen deutscher Talente, scheint damals nur erst unbestimmt von Schillers Unterstützung gesprochen zu haben. Schiller dachte darum auch daran, im Preußischen etwas anzuspinnen, oder nach Wien zu gehen, mit der Absicht, dort etwas durchzusetzen. „Wie traurig, dass man von Dingen außer sich abhängt! Wenn ich mir denke, dass wir an mehr als einem Platz mit dem, was ich durch meine Schriftstellerei erwerbe, vortrefflich leben könnten!“ Der Coadjutor, meint er, könnte ihm in Mannheim, bei der dortigen Akademie, oder in Heidelberg, ein Etablissement verschaffen. „In Mannheim“, sagt er zu beiden Schwestern gewendet, „würde ich Sie auch recht gern sehen, es ist ein lieblicher Himmel und eine freundlichere Erde – die ich alsdann erst mit Freude betreten würde. Aber bei diesem Mannheim fällt mir ein, dass Sie mir doch manche Torheit zu verzeihen haben, die ich zwar vor der Zeit, eh’ wir uns kannten, beging, aber doch beging! Nicht ohne Beschämung würde ich Sie auf dem Schauplatz herumwandeln sehen, wo ich als ein armer Tor, mit einer miserabeln Leidenschaft im Busen, herumgewandelt bin.“

Das letzte Wort in dieser Stelle macht uns stutzen. Die ruhige Neigung zu Margaretha Schwan, die heiße, aber schuldlose Jugendliebe zu Lotte v. Wolzogen kann er doch nicht mit jenem ehrenrührigen Namen brandmarken. Welche Torheiten hätte ihn auch diese oder jene Liebe begehen lassen? Offenbar spielt Schiller hier auf Verirrungen an, die uns unbekannt sind, die der Welt verschwiegen geblieben sind, und nur er selbst, der sittliche Mensch voll Wahrhaftigkeit, der Braut nicht verschweigen wollte.

An seinem Geburtstag, d. h. dem 10. November7), wo er alles dieses schrieb, hatte er sein erstes Kollegiengeld eingenommen, von einem Bernburger Studenten, was ihm „doch lächerlich vorkam. Zum Glück war der Mensch noch neu, und noch verlegener, als der junge Professor; er retirierte sich gleich wieder.“

Jenem drohten nun auch gar Händel mit dem akademischen Senat. Schiller war, ohne allen Gehalt, nicht als Professor der Geschichte, sondern nur der Philosophie berufen, was er bisher nicht gewusst hatte. Man hätte meinen sollen, er sei implicite auch jenes gewesen. Aber der Titular des ersteren Faches klagte, und der Pedell riss den Titel seiner Rede von dem Buchladen weg, wo er angeschlagen war. „Welche Erbärmlichkeiten!“, ruft Schiller entrüstet; aber er war doch entschlossen, so lächerlich ihm dies Verhältnis war, sich nicht zu viel geschehen zu lassen. Diese elende Zänkerei (die inzwischen beigelegt worden zu sein scheint) verdarb dem Dichter Lauen und Freude. Die stille, ruhige Seele seiner Braut wirkte übrigens wohltätig auf die stürmischen und wechselnden Vorstellungen von seiner Lage, „ein Hauch der Liebe und Freude beschwichtigte überhaupt in seinem Gemüte alle widrigen Gefühle bald“, und er hoffte das beste auch für seine äußere Lage, von Lottchens und der Mutter Reise nach Weimar.

Der Herzog sagte auch wirklich einen Jahresgehalt von 200 Reichstalern für eine außerordentliche Professur, so wie es die Umstände erlaubten, mit vieler Bereitwilligkeit und auf eine Weise, die den Dichter innig rührte, zu; und nun wandte sich Schiller mit einer edeln und offenen Erklärung an Frau v. Lengefeld, aus Jena vom 18. Dezember 1789, und legte das ganze Glück seines Lebens in ihre Hände. „Ich habe“, sagt er, „nichts zu fürchten als die zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter; und glücklich wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen kann. Und dass dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.“

Bei dieser ganzen Verhandlung war eine edle Weimaranerin, Freundin beider Verlobten, Frau v. Stein, hilfreich. Durch sie erfuhr die Mutter, dass der Coadjutor, gutmachend, was sein Bruder an Schiller gesündigt hatte, dem Dichter, sobald er Kurfürst würde, einen Gehalt von 4000 fl. zudachte und ihm den ganz freien Gebrauch seiner Zeit dabei überlassen wollte.

Die also beruhigte Mutter sagte zu, und der Vereinigung der Liebenden stand nichts mehr im Wege.

Die letzten Monate flossen dem Dichter in heiterer, hoffnungsvoller Sehnsucht dahin. Während des Weimarschen Aufenthalts seiner Braut machte Schiller auch die erste, sogleich freundliche, doch vorerst nur vorübergehende Bekanntschaft Wilhelms v. Humboldt, an dessen zweite Begegnung im Jahr 1792 sich eins der innigsten Lebensverhältnisse knüpfte8). Humboldt führte Karoline v. D. heim, die Freundin der Lengefeldschen Schwestern, welche sie nach Lauchstädt ins Bad begleitet hatten. Auch diese Verbindung hatte sich in Weimar entschieden. Durch die neue Freundin hatte Schiller zuerst die große Zuneigung des Coadjutors zu ihm erfahren, auf welche wir ihn schon früher und jetzt am meisten bauen sehen. Schiller nennt sie Lottchens zweite Schwester.

Von literarischen Arbeiten legte unser Freund damals großes Gewicht auf die Abhandlung vor den Memoiren über Völkerwanderung usw., eine Arbeit, die ihm anfangs nichts versprach, unter der Feder aber sich in einer glücklichen Stimmung des Geistes so veredelte, dass er noch nichts von diesem Wert gemacht, noch nie so viel Gehalt des Gedankens in einer so glücklichen Form vereinigt und nie dem Verstand so schön durch die Einbildungskraft geholfen zu haben glaubte9).

Die Freunde waren in Hoffnung glückselig und dachten sich schon bei ihrem edeln Beschützer Karl v. Dalberg in der schönen Gegend von Mainz ein herrliches Leben. Wilhelm v. Humboldt wollte sich auch in der Nähe festsetzen und Karoline v. B. sich oft mit den Freunden in Besuchen vereinigen. Dalberg (Kam er nach Weimar? War es in Erfurt?) hörte diesen Träumen oft lächelnd zu, dann sprach er mit verfinsterten Zügen: „Kinder, denkt Euch nichts Gewisses! Ein Sturm kann das alles umstürzen!“ Der Staatsmann ahnte die Zerstörung des Friedens und seiner Aussichten10).

In diesem Winter wurde Kotzebues Menschenhass und Reue als Neuigkeit zuerst in Weimar gegeben. Schiller kannte das große Publikum und prophezeite dem neuen Poeten viel Glück. Zu derselben Zeit lernten die Freundinnen in Weimar auch den liebenswürdigen Dichter Salis kennen, dessen Persönlichkeit ganz mit seiner Poesie im Einklang stand. So hat der Verfasser dieser Biografie den hohen Greis auch noch an seinem Lebensabend gefunden (im Herbst 1825), ernst, gefühlvoll und doch kräftig, keine Spur von jener weibischen Schwäche und Charakterlosigkeit, welche Goethe von den Empfindsamen sagen machte, dass er nie etwas auf sie gehalten, und dass, kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen aus ihnen werden.

Salis brachte ein Schreiben Wolzogens aus Paris, das Schillers Ahnungen bestätigte. Die Gräuelszenen hatten begonnen; die Freude der Schwestern über den Sturm der Bastille wurde schrecklich niedergeschlagen, und sie mussten für die Existenz ihres Freundes zittern.

Was ihnen in der Nähe wehe tat, war, dass noch immer kein Verhältnis zwischen Schiller und Goethe entstehen wollte, so wohlwollend der letztere in allen „realen“ Beziehungen gegen jenen sich zeigte.

Goethe selbst hat sich lange Zeit nach Schillers Tod ohne Rückhalt über sein damaliges Verhältnis zu dem Dichter folgendermaßen ausgesprochen11): „Nach meiner Rückkehr aus Italien, wo ich mich zu größerer Bestimmtheit und Reinheit in allen Kunstfächern auszubilden gesucht hatte, unbekümmert, was während der Zeit in Deutschland vorgefallen, fand ich neuere und ältere Dichterwerke in großem Ansehen, von ausgebreiteter Wirkung, leider solche, die mich äußerst anwiderten, ich nenne nur Heinses Ardinghello und Schillers Räuber. Jener war mir verhasst, weil er Sinnlichkeit und abstruse Denkweisen durch bildende Kunst zu veredeln und aufzustutzen unternahm, dieser, weil ein kraftvolles, aber unreifes Talent gerade die ethischen und theatralischen Paradoxen, von denen ich mich zu reinigen gestrebt, recht im vollen hinreißenden Strom über das Vaterland ausgegossen hatte12). Beiden Männern von Talent verargte ich nicht, was sie unternommen und geleistet, denn der Mensch kann sich nicht versagen, nach seiner Art wirken zu wollen…; das Rumoren aber im Vaterland dadurch erregt, der Beifall, der jenen wunderlichen Ausgeburten allgemein, so von wilden Studenten als der gebildeten Hofdame gezollt wurde, der erschreckte mich, denn ich glaubte all mein Bemühen eitel verloren zu sehen; die Gegenstände zu welchen, die Art und Weise, wie ich mich gebildet hatte, schienen mir beseitigt und gelähmt… Die reinsten Anschauungen suchte ich zu nähren und mitzuteilen, und nun fand ich mich zwischen Ardinghello und Franz Moor eingeklemmt. Moritz bestärkte sich mit mir leidenschaftlich in diesen Gesinnungen. Ich vermied Schiller, der, sich in Weimar aufhaltend in meiner Nachbarschaft wohnte. Die Erscheinung des Don Carlos war nicht geeignet, mich ihm näher zu führen; alle Versuche von Personen, die ihm und mir nahe standen, lehnte ich ab.“

Sie kamen doch zusammen. Gut Ding brauchte lange Weile. –

Das neue Jahr, das dem Bräutigam den Hofratstitel aus Meiningen brachte, war erschienen, und am 20. Februar 179013) wurde Schiller ganz in der Stille mit Charlotte v. Lengefeld in der Kirche von Wenigenjena durch den Pastor Schmidt getraut. Die Mutter war von Rudolstadt gekommen und freute sich des Glückes ihrer Kinder von ganzer Seele. Ehe Schiller kopuliert wurde, fragte ihn der Prediger, welches Formular er bei der Trauung gebrauchen sollte. „Das alte, das gewöhnliche“ – erwiderte der Dichter – „mit dem Kraut und den Disteln auf dem Feld14). Meine Schwiegermutter wird dabei sein, und der ist unstreitig das alte Formular das liebst.“ Gewiss versteckte sich hinter diese zarte Aufmerksamkeit das eigene Gefühl des Dichters, das in einem der heiligsten Augenblicke des Lebens über alle Erwerbnisse der Philosophie den Sieg davon trug, und in Einfalt sich zum Glauben der Väter flüchtete. –

In dem Augenblick, wo Schiller mit seiner Braut an den Altar tritt, vergegenwärtigen wir uns seine Gestalt, geleitet von der vertrauten Freundin, welche die Promnestria dieses Bundes war und dem geliebten Schwager auch damals zur Seite stand. Sie schildert ihn am Schluss ihrer Biografie in folgenden Worten15):

„Schillers große, in richtigem Verhältnis gebaute Gestalt, mit etwas militärischer Haltung, was ihm aus der Akademie geblieben war, gab seiner Erscheinung etwas Edles, dem selbst die Schüchternheit wohl anstand. Der wohl gerundete Kopf ruhte auf einem schlanken, etwas starken Hals; die hohe, weite Stirn trug das Gepräge des Genius; zwischen breiten Schultern wölbte sich die Brust; der Leib war schmal, und Füße und Arme standen zu dem Ganzen in gutem Verhältnis. Seine Hände waren mehr stark als schön und ihr Spiel mehr energisch als graziös. Die Farbe seiner Augen war unentschieden zwischen blau und lichtbraun. Der Blick unter dem hervorstehenden Stirnknochen und den blonden, ziemlich starken Augenbraunen, warf nur selten und im Gespräch belebt, Lichtfunken; sonst schien er, in ruhigem Schauen, mehr ins eigne Innere gekehrt, als auf die äußern Gegenstände gerichtet, doch drang er, wenn er auf andre fiel, tief ins Herz. Seine Nase war gebogen und ziemlich groß, ein etwas unsanfter Übergang an der Spitze sichtbar; sein Haar, lang und fein, fiel ins Rötliche; die Hautfarbe war weiß, das Rot der Wangen zart. Er errötete leicht; das Kinn hatte eine angenehme Form und trat etwas hervor. Die Unterlippe, stärker als die obere, zeigte besonders das Spiel seiner momentanen Empfindung. Sein Lächeln war sehr anmutig, wenn es ganz aus der Seele kam, und in seinem lauten Lachen, das sich verbergen zu wollen schien, lag etwas rein Kindliches. Schillers Stimme war nicht hell noch voll klingend, doch ergriff sie, wenn er selbst gerührt war oder überzeugen wollte. Etwas vom schwäbischen Dialekt hat er immer beibehalten. Sein Gang hatte gewöhnlich etwas Nachlässiges, aber bei innerer Bewegung wurde der Schritt fester. Seine Kleider waren einfach, aber gewählt, besonders viel hielt er auf feine Wäsche. Aller Zynismus in Kleidung und Umgebung war ihm, seit er, was früh geschah, auf sich zu achten anfing, zuwider.“

Ü   Þ


1) Fr. v. Wolzogen II, 10. Wenn dies Datum richtig ist, woran kaum zu zweifeln, so irrt Hoffmeister II, 137, wenn er behauptet, dass Schiller seine Vorlesungen erst gegen Ende Mai eröffnet habe. ­
2) Fr. v. Wolz. II, 18. In einem Brief an Humboldt (1. Febr. 1796) zitiert Schiller dieses Apokryphon so:

– O schlimm, dass der Gedanke
Erst in der Sprache tote Elmente
Zerfallen muss, die Seele zum Gerippe
Absterben muss, der Seele zu erscheinen;
Den treuen Spiegel gib mir, Freund, der ganz
Mein Herz empfängt und Ganzes wieder scheint.
[l. und ganz es widerscheint.]
­

3) Fr. v. Wolz. II, 23, 61, 65. ­
4) A. a. O. II, 25.
­
5) Ein Jahr später äußerte er ganz dasselbe gegen seinen Landsmann Conz. S. Hoffm. II, 277.
­
6) Hoffmeister setzt die Besuche auf der Schwarzburg und in Paulinzelle in diese Zeit. es ist nicht zu entscheiden.
­
7) Schiller irrte mit jedermann. Wir werden urkundlich in den Nachträgen zu dieser Schrift nachweisen, dass der 11. November sein Geburtstag war, nicht der 10te.
­
8) Hiernach ist aus Humboldts Briefwechsel mit Schiller S. 3 die Angabe der Fr. v. Wolz. II, 58 zu beschränken.
­
9) Fr. v. Wolz. II, 39.
­
10) A. a. O. II, 60.
­
11) Morphologie I. Th., 1. Heft, S. 90 ff.
­
12) Hiernach ist das frühere Zitat aus dem Gedächtnis zu berichtigen.
­
13) Schiller selbst gibt den 22. Febr. an (Boas II, 455).
­
14) Zum fünften wollen wir auch hören das Kreuz, das Gott auf den ehelichen Stand gelegt hat. Also sprach Gott zum Weibe: … Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären… Und zu Adam sprach er: … Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dorn und Distel soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen.
                                                            Alte lutherische Agende.
­
15) Fr. v. Wolz. II, 290 ff.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de