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Arbeiten. Euripides. Der Geisterseher.

Dieser stille Fleiß übte sich mit Lust und Wärme an der Übersetzung des Euripides, mit einiger Winterkälte am Geisterseher, dem er, noch im Dezember, „kein großes Interesse abgewonnen hatte.“ „Mein Euripides gibt mir noch viel Vergnügen“, spricht er, „und ein großer Teil davon kommt auch auf sein Altertum. Den Menschen sich so ewig selbst gleich zu finden, dieselben Leidenschaften, dieselben Kollisionen der Leidenschaften, dieselbe Sprache der Leidenschaften! Bei dieser unendlichen Mannigfaltigkeit immer doch diese Ähnlichkeit, diese Einheit derselben Menschenform! Oft ist die Ausführung so, dass kein anderer Dichter sie besser machen könnte; zuweilen aber verbittert er mir Genuss und Mühe durch viele Langeweile. Im Lesen ginge sie noch an; aber sie übersetzen zu müssen, und zwar gewissenhaft! Oft macht mir das Schlechtere die meiste Mühe. Im nächsten Monat werden Sie wohl die Früchte meines jetzigen Fleißes zu lesen bekommen. Wieland gebe ich eine Übersetzung vom Agamemnon des Äschylus in den Merkur; das ist aber erst gegen den März. Auf den will ich alle Mühe verwenden, weil dieses Stück eines der schönsten ist, die je aus einem Dichterkopf gegangen sind.“ (4. Dez.)

Seine Arbeit am Geisterseher führte ihn auf allgemeine Gedanken über den Roman und das Drama: „Der Vorzug der Wahrheit, den die Geschichte vor dem Roman voraushat, könnte sie schon allein über ihn erheben. Es fragt sich nur, ob die innere Wahrheit, die ich die philosophische und Kunstwahrheit nennen will, und welche in ihrer ganzen Fülle im Roman oder in einer andern poetischen Darstellung herrschen muss, nicht ebenso viel Wert hat, als die historische. Dass ein Mensch in solchen Lagen so empfindet, handelt und sich ausdrückt, ist ein großes wichtiges Faktum für den Menschen, und das muss der dramatische oder Romandichter leisten. Die innere Übereinstimmung, die Wahrheit wird gefühlt und eingestanden, ohne dass die Begebenheit wirklich vorgefallen sein muss. Man lernt auf diesem Weg die Menschen und nicht den Menschen kennen, die Gattung, und nicht das sich so leicht verlierende Individuum. In diesem großen Feld ist der Dichter Herr und Meister; aber gerade der Geschichtsschreiber ist oft in den Fall gesetzt, diese wichtigere Art von Wahrheit seiner historischen Richtigkeit nachzusetzen, oder ihr mit einer gewissen Unbehilflichkeit anzupassen, welches noch schlimmer ist. Ihm fehlt die Freiheit, mit der sich der Künstler mit schöner Leichtigkeit und Grazie bewegt, und am Ende hat er weder die eine noch die andere befriedigt.“

Wie viele Gedanken musste Schiller erobern, welche die Erben seines Nachdenkens jetzt längst besitzen und genießen!

Gegen Mitte Januars 1789 wich die grausame Kälte, und Schiller schrieb am 26. dieses Monats: „Endlich habe ich mich doch wieder mit der Natur zusammengefügt, und, nach einem lebendigen Begräbnis auf meinem Zimmer von fast vierzehn Tagen, wieder im Freien geatmet. Mein Herz war leer und mein Kopf zusammengedrückt – ich hatte diese Stärkung höchst nötig.“ Die liebliche Luft und der geöffnete Boden versetzte ihn in den Rudolstädter Sommer zurück, und jetzt erschien ihm selbst die Beschäftigung mit dem Geisterseher, die früher sein Inneres nur oberflächlich berührt hatte, wenigstens momentan als eine angenehme. Da entstand jenes ganz in Kant getauchte philosophische Gespräch, welches er damals nötig zu haben glaubte, um die freigeisterische Periode, die er seinen Prinzen durchwandern ließ, dem Leser vor Augen zu stellen. „Bei dieser Gelegenheit habe ich nun selbst einige Ideen bei mir entwickelt, die Sie darin wohl erraten werden (denn Gott bewahre mich, dass ich ganz so denken sollte, wie der Prinz in der Verfinsterung seines Gemüts); auch glaube ich, wird Ihnen die Darstellung durch die Klarheit gefallen. Jetzt bin ich eben bei der schönen Griechin; und um mir ein Ideal zu holen, werde ich die nächste Redoute nicht versäumen. Ich möchte gern ein recht romantisches Ideal von einer liebenswürdigen Schönheit schildern; aber dies muss zugleich so beschaffen sein, dass es – eine eingelernte Rolle ist, denn meine liebenswürdige Griechin ist eine abgefeimte Betrügerin. Schicken Sie mir doch in Ihrem nächsten Brief ein Porträt, wie Sie wünschen, dass sie sein soll, wie sie Ihnen recht wohl gefiele, und auch Sie betrügen könnte. Auch Lottchen bitte ich darum! Ich erfahre dann bei dieser Gelegenheit Ihre Ideale von weiblicher Vortrefflichkeit (nicht von der stillen nämlich, sondern von der erobernden) … Sie sehen, dass ich alles anwende, um mir meine gegenwärtige Beschäftigung lieb zu machen.“

Drei Dinge lehrt uns dieser Brief: Dass es zu viel behauptet ist, wenn man sagt, die Ansichten des Prinzen seine damals auch beinahe die Ansichten Schillers gewesen; dass das Ideal der schönen Betrügerin im Geisterseher nicht von der Fräulein Julie von A. in Dresden entlehnt war, wie vermutet wird; und dass dieser Geisterseher nicht Schillers volle Liebe hatte.

Das letztere erhellt noch deutlicher aus einer andern Briefstelle (12. Febr. 1789), in welcher zwischen „einem Roman oder einer Erzählung, wo man jedem Schritt, den der Dichter im menschlichen Herzen tut, ruhig und aufmerksam nachgeht“, und „dem Interesse einer Farce, wie der Geisterseher doch eigentlich nur ist“, unterschieden wird. „Der Leser des Geistersehers muss gleichsam einen stillschweigenden Vertrag mit dem Verfasser machen, wodurch der letztere sich anheischig macht, seine Imagination wunderbar in Bewegung zu setzen, der Leser aber wechselseitig verspricht, es in der Delikatesse und Wahrheit nicht so genau zu nehmen.“

Nach diesen Äußerungen wird man sich nicht mehr wundern, dass der Roman, der eine Art von psychologischem Rätsel war, das sich der Dichter aufgegeben, von Schiller nicht vollendet worden ist . Diese Dichtung schildert uns eine religiöse Verirrung auf einem Weg, den die Geschichte des menschlichen Herzens, wenn je, gewiss nur ausnahmsweise betreten hat, mit einem Hokuspokus, der uns jetzt, wo jeder Physikant viel glänzendere Kunststücke machen könnte, etwas armselig erscheint. Hoffmeister hat dieselbe sorgfältig zergliedert , und vergegenwärtigt sich, in dem Gemälde der Jugendzeit des Prinzen, Schillers eigenen, in früheren Jahren erduldeten Religionszwang und jene Erziehung, in welcher er auch den spanischen Prinzen aufwachsen lässt. Geistesunmündigkeit, Befreiung von der Autorität, Zweifelsucht, sittlich-religiöser Unglaube und endlich Aufgeben seiner selbst bei innerem Unfrieden und äußeren Bedrängnissen jeder Art sind die Perioden dieser tragischen Geschichte. Der Kritiker glaubt, dass Schiller insofern eine neue Gattung des Romans durch den Geisterseher aufgebracht, als das Wunderbare, Geheimnisvolle, Unbegreifliche, worin sich die Geschichte bewegt, als ein Symbol des Übersinnlichen behandelt ist. Auch hat dieser Roman nicht nur eine, keineswegs unbedeutende Fortsetzung (durch C. F. Follenius), sondern in einem Jugendwerk eines unsrer größten lebenden Dichter, dem William Lovell (1795), einen gattungsverwandten Nachfolger erlebt. Und Ludwig Tieck versichert uns, dass der Geisterseher der Torso eines vortrefflichen Romans sei. Mit diesen Zeugnissen möge er hier beruhen.

Ü   Þ


1) Derselbe Gott, den das System des Prinzen entbehren zu können glaubt: „Meine Moralität und Glückseligkeit bedürfen nicht des Glaubens an ein vernünftig geordnetes Ganze, an eine unendliche Gerechtigkeit und Güte, an eine persönliche Fortdauer – also keiner Religion.“ Schiller hat übrigens dieses System hauptsächlich dadurch verdammt, dass er seinen Bekenner verzweifeln und – katholisch werden lässt. ­
2) Er erschien zuerst Leipz. 1789.
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3) II, 18-34.
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