Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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               Buch 3
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Verlauf der Tage zu Rudolstadt. Schiller Goethe gegenüber.

„Man glaubt hier“, fährt Wieland aus Weimar in seinem Brief fort, „sie amüsierten sich sehr gut in Ihrer Retraite, und legt einen Teil des Verdienstes, Ihnen diesen secessum angenehm gemacht zu haben, auf die schönen oder doch auf eine schöne Rudolstädterin. Desto besser.“

Inzwischen war die Stimmung des Dichters in seiner Einsamkeit doch oft auch eine trübe, er fürchtete zuweilen einen Zirkel von Fröhlichen durch seinen schwerfälligen Humor zu stören, und schrieb an seine Freundin Karoline von B. „Die Wandelbarkeit der Laune ist leider ein Fluch, der auf allen Musensöhnen ruht.“ Aber er erwartete von seinem neuen Verhältnis auch Erlösung von diesem Fluch: „Rudolstadt und diese Gegend überhaupt soll, wie ich hoffe, der Hain der Diana für mich werden; denn seit geraumer Zeit geht mirs, wie dem Orest in Goethes Iphigenia, den die Eumeniden herumtreiben; den Muttermord freilich abgerechnet, und statt der Eumeniden etwas anderes gesetzt, das am Ende nicht viel besser ist. Sie werden die Stelle der wohltätigen Göttinnen bei mir vertreten, und mich vor den bösen Unterirdischen beschützen.“

Einen großen Schmerz erfuhr Schiller in diesem Sommer durch den Tod seiner mütterlichen Freundin Frau von Wolzogen zu Bauerbach. Die treffliche Frau hatte im Frühjahr eine schmerzhafte Operation mit vieler Standhaftigkeit und glücklich überstanden, ihr Alter aber scheint die Folgen nicht ausgehalten zu haben. Wilhelm von Wolzogen, ihr Sohn, hatte die Rudolstädter noch vor seiner nahen Abreise nach Paris besucht; er hatte die größte Hoffnung, seine damals noch kränkelnde Mutter werde vollkommen genesen. Nach vier Wochen kam die Nachricht ihres Todes. „Noch ganz betäubt, liebster Freund“, so schreibt Schiller den 10. Aug. 1788 an den trauernden Sohn, „setze ich mich Ihnen zu schreiben. Ja gewiss, eine teure Freundin, eine vortreffliche Mutter haben Sie und ich in ihr verloren. Ich darf die vielen Augenblicke der Vergangenheit, wo ich ihre schöne, liebevolle Seele habe kennen lernen, nicht lebendig in mir werden lassen, wenn ich die ruhige Fassung nicht verlieren will, in der ich Ihnen schreiben möchte. Aber ihr Andenken wird ewig und unvergesslich in meiner Seele leben; und alle Liebe, die ich ihr schuldig war, und alle herzliche Achtung, die ich für sie hegte, soll ihr ewig gewidmet bleiben. Mein und unser aller Trost ist dieser, dass sie durch diesen sanften und geschwinden Tod vielem Leiden entgangen ist, das ihr unausbleiblich bevorstand. Ihrer Kinder und ihrer Freunde Herz würde weit mehr dabei gelitten haben, wenn sie ein hoffnungsloses und martervolles Leben hätte fortleben müssen… Lassen Sie uns das ein Trost sein, da wir beide fühlen, dass ein schmerzvolles halbes Dasein ein traurigers Los ist, als der Tod… Alle Liebe, die mein Herz ihr gewidmet hatte, will ich ihr in ihrem Sohn aufbewahren und es als eine Schuld ansehen, die ich ihr noch im Grab abzutragen habe.“ Dann erwähnt er auch noch derjenigen, die er früher sooft seine gute Lotte genannt hatte: „Beruhigen Sie Charlotte; dieser Schlag wird sie sehr hart getroffen haben.“

Warum soll es verschwiegen bleiben, was dem aufmerksamen Leser sich doch aufdringt, dass dieser Brief von dem süßesten Trost an den Gräbern der Unsrigen, von der Fortdauer nach dem Tod und dem wieder Finden der Geliebten in einem andern Leben, schwiegt? Vielleicht war Schiller nie so ferne von jenem Gedanken, als in diesen Augenblicken, in welchen er mit Geist und Empfindung ganz in das Diesseits der griechischen Welt vertieft war. Aber die starken Geister unserer Zeit, welche nicht nur besser wirken, sondern am Ende gar besser lieben zu können glauben, wenn sie den Ausblick in eine jenseitige Welt sich und andern verrammeln, dürfen kein Siegesgeschrei beim Anblick dieses Bundesgenossen erheben. Wir werden ihm in entscheidenderen Momenten seines Lebens begegnen, wo er den Anker seiner Hoffnung so gut in die Ewigkeit versenkt, als jeder andre – Christ, in Augenblicken, wo er sich dieser Überzeugung vergebens zu erwehren strebt , und selbst in solchen, wo er sie mit den Waffen seines Tiefsinns zu verteidigen bemüht ist. –

Unsre Erzählung naht sich einem Augenblick, der entscheidend für das Leben des Dichters hätte werden können, aber doch nicht geworden ist. Goethe kam, von seiner italienischen Reise zurückkehrend, durch Rudolstadt, und Schiller sah ihn im Lengefeldschen Haus. „Wie alle rein fühlenden Herzen“, sagt Frau v. Wolzogen, „hatten uns dieses Dichters Schöpfungen mit Enthusiasmus erfüllt. Alle unsere erhöhteren, echt menschlichen Empfindungen fanden durch ihn ihre eigentümliche Sprache: Goethe und Rousseau waren unsre Hausgötter. Auch floss des ersteren so liebenswürdige Persönlichkeit, die wir bei unsrer Freundin Frau v. Stein [zu Weimar] kennen gelernt, mit dem Dichter in unsrem Gemüt in eins zusammen, und wir liebten ihn, wie einen guten Genius, von dem man nur Heil erwartet. Wir hatten Schiller die Rezension des Egmont fast nicht verzeihen können.“

Diese Beurteilung des Egmont aber, die i. J. 1788 in der Allgemeinen Literaturzeitung erschienen ist, war gerade eine glänzende Probe von dem kritischen Talent Schillers, und lieferte den Bewies, wie tief sein schöpferischer Geist zugleich mit dem Urteil in die Geisteswerke anderer, und zwar der größten Genien, einzudringen vermochte. Ein großer Teil des dort ausgesprochenen Tadels ist nicht widerlegt und wohl unwiderleglich .

Die Freundinnen, die hier also ganz auf der Seite Goethes waren, sahen der Zusammenkunft beider Dichter mit der höchsten Spannung entgegen. Sie wünschten nichts mehr als eine Annäherung, die aber nicht erfolgte. Bei seinem entschiedenen Ruhm und seiner äußern Stellung hatten sie von Seiten Goethes ein Entgegenkommen, von ihrem Freund Schiller hatten sie mehr Wärme in seinen Äußerungen erwartet. Sie schoben Goethes Kälte auf seine schmerzliche Sehnsucht nach Italien; aber sie hatte wohl einen andern Grund, und Goethe hat irgendwo auch offen gestanden, dass ihm Schillers damalige Tendenz, wie sie in seinen Hauptwerken und besonders in seinen frühern Dramen sich dargelegt, nicht behagen konnte, ja, dass sie ihn abstoßen musste, ihn, der auf seiner letzten Reise vollends bemüht gewesen war, alle ästhetischen und sozialen Paradoxien abzulegen und das Große und Schöne nur in dem Wahren und Natürlichen zu suchen .

So standen sich also die beiden Genien das erste Mal kalt und unzugänglich einander gegenüber. Den Freundinnen Schillers mochte das Atmen dabei vergehen. Endlich gab Goethe doch einiges Zeichen von Interesse. Er ergriff das Heft des Merkur, welches die Götter Griechenlands enthält, und das von ungefähr auf dem Tisch lag, steckte es, nachdem er einige Minuten hineingesehen, ein, und bat es mitnehmen zu dürfen.

Schillers Äußerungen gegen seine Rudolstädter Freunde stimmten ganz mit dem überein, was er seinem Körner über diese Zusammenkunft schrieb: „Im Ganzen genommen, ist meine in der Tat große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessanter ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungsarten schienen wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das weitere lehren.“

An diese illustre Bekanntschaft reiht sich eine bescheidenere, welche indessen Schillers Lebensbeschreiberin zu melden nicht verschmäht. Auch den Volksfreund Rudolph Zacharias Becker, den Verfasser des Not- und Hilfsbüchleins und Herausgebers des allgemeinen Anzeigers der Deutschen, der als Rudolstädtischer Hofrat zu Gotha lebte und dort eine Buchhandlung besaß, lernte Schiller im Lengefeldschen Haus kennen. Der merkwürdige und um Deutschland verdiente Mann fasste eine herzliche Zuneigung zu Schiller, die er der Familie durch die tätigste Teilnahme noch nach dem Tod des Dichters bewies. Der Volksschriftsteller und der Dichter begegneten sich in Seelenstärke, höherem Interesse an der Menschheit, echter Freiheitsliebe und in ihrer wiewohl höchst verschiedenen Wirksamkeit für die deutsche Nation.

Ü   Þ


1) Ein solcher ist schon oben hervorgehoben worden, mit der engl. Bibel. ­
2) S. auch Hoffmeister II, 292-294.
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3) Wir müssen hier aus dem Gedächtnis zitieren. Die Stelle findet sich entweder in Kunst und Altertum oder in der Morphologie. Man vergleiche übrigens, um die gegenseitige Abstoßung beider Individualitäten bei ihrem ersten Zusammentreffen recht begreiflich zu finden, Hinrichs vortreffliche und erschöpfende Parallele zwischen beiden Dichtern a. a. O. I, XV-LIII.
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