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                  Reise nach Schwaben
                  Rückblick
               Buch 3
               Urkunden

Schillers erste Bekanntschaft mit den Griechen. Die Götter Griechenlands. Die Künstler.

Zu Weimar und in dem holden weiblichen Kreis zu Rudolstadt wurde Schiller auch, am letztern Ort als lernender Lehrer, seit seinen Schulstudien, die doch selbst in der Akademie nicht viel über die Elemente der griechischen Sprache hinausgegangen waren, wieder, und zwar zum ersten Mal, obwohl nur durch Übersetzungen, gründlicher in die Welt des hellenischen Altertums eingeführt, und „das Leben und Weben in diesen Urgebilden wurde auch ein Wendepunkt für seinen eigenen Geist.“

In dieser Zeit schrieb er an seinen Freund Körner: „Ich lese jetzt fast nichts als Homer; die Alten geben mir wahre Genüsse. Zugleich bedarf ich ihrer im höchsten Grad, um meinen eigenen Geschmack zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit, Künstlichkeit und Witzelei sehr von der wahren Simplizität zu entfernen anfing.“

Dieses Lesen im Homer geschah in Gesellschaft der Freundinnen, denen Schiller abends regelmäßig die Odyssee vorlas; „und es war ihnen als rieselte ein neuer Lebensquell um sie her.“ Darauf kamen die griechischen Tragiker freilich nur aus des Paters Brumoy französischer Übersetzung, an die Reihe. Aber auch so ergriff „diese große Darstellung der Menschheit in ihrer Allgemeinheit und ewigen Naturwahrheit“, sagt Schillers Schwägerin, „uns im tiefsten Innern, und entzückte uns so sehr, dass wir viele Stellen der Tragödien übersetzten, um nur diese Reden, Gefühle und Bilder vermittelst unserer Sprache inniger in Herz und Seele aufzunehmen.“ Schiller versprach ihnen, ihre Lieblingsstücke zu verdeutschen, und wahrscheinlich hat dieses Versprechen die deutsche Bearbeitung der Iphigenie in Aulis von Euripides veranlasst, welcher die Kritik etwas zu viel Ehre antut, wenn sie dieselbe ausführlich beurteilt. Sie ist aus einer wörtlichen lateinischen Übersetzung und zwei französischen Übertragungen entstanden, und erschien zuerst im sechsten und siebenten Heft der Thalia (1789); auch bei den etwas später übersetzten Szenen aus den Phönizierinnen desselben Dichters1) ließ sich, nach einer im Vaterland Schillers ziemlich verbreiteten und geglaubten Sage, Schiller den Text von einem Stuttgarter Freund und alten Lehrer, dem gelehrten Philologen Professor Nast2), in wörtliche Prosa übersetzen, und bearbeitete diese zu fünffüßigen Jamben.

Schiller wurde durch diese Studien ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen, anmutiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens, die er bis dahin nicht ganz hatte verbannen können, abgeneigter. Die oben angeführten Worte an Körner beweisen, wie gut er wusste, was ihm Not tat, und wie viel er von den Alten für die vom wahren Gehalt unzertrennliche Form seiner Poesie, vom Eindringen in Wesen und Gestalt derselben erwartete.

Dennoch wirkten diese zuallererst nicht so auf seinen Geist, wie er solches jetzt schon wünschte und wie es später geschah; sondern sie verbündeten sich zunächst mit der skeptischen Tendenz seiner bisherigen Philosophie, um das Material seiner Überzeugungen von dem anerzogenen Glauben, dessen göttlichen Gehalt leider sein Herz auf dem in seiner Zeit allein gebahnten Weg sich nicht anzueignen vermochte, vollends und mit etwas gewaltsamem Trotz loszureißen.

Einigen Anteil an dieser Stimmung des Dichters hatte ohne Zweifel Wielands Umgang, von welchem Schiller jetzt eben herkam, und den er den Tempel der Venus Amathusia in verführerischen Reimen schon längst hatte bekränzen sehen. Am 2. Juni hatte ihm dieser Priester der griechischen Musen und Grazien nach Volkstädt geschrieben: „Sie sind also in Ihrem selbst gewählten Patmos glücklich angelangt, mein liebster Schiller! und gefallen sich da? Quod felix faustumque sit! und mögen Ihnen auch, wie dem heiligen Johannes Theologus – nur nicht ganz in seiner Manier – hohe Offenbarungen daselbst zuteil werden.“

Jene Offenbarung ließ nicht auf sich warten; wahrscheinlich noch in demselben Jahr wanderten von Volkstädts schöner Höhe die Künstler zu Wieland, und erschienen in seinem Merkur im März 1789.

Aber in den Göttern Griechenlands, welche er, noch vor jenen ernsteren klassischen Studien, unter Wielands Augen in Weimar gedichtet, hatten die überwältigenden Eindrücke des reizendsten, lebendigsten Polytheismus über den erstarrten Theismus seines Zeitalters, der neben seinem bornierten Gott nur eine von diesem geschiedene tote Natur erkannte, einen jauchzenden und dithyrambischem Triumph gefeiert3). Zu ihnen hatte Wieland schon im März des Jahres 1788, nach der Meinung und zum Schrecken orthodoxer Zeloten, aber auch zum Schmerz redlicher Frommen, eine wahre Apokalypse des Satanas von demselben Dichter publiziert. Noch ist dieses Gedicht der Anstoß vieler Christen, wie es auf der andern Seite für gar manchen, der dem Gott seines Katechismus sich entwachsen meint, und doch über das verneinende Ergebnis nicht weiter hinaus zu philosophieren vermag, das äußerste Ziel für ihn erreichbaren Unglaubens oder Glaubens bildet, an welchem er höchlich zufrieden ausruht. Und so kommt es, dass die rohesten Stellen dieses Gedichts4), die Schiller selbst später ausgemerzt hat, vielleicht ein ebenso großes, nur teilweise anderes Publikum finden, als die edelsten Kunstleistungen des Dichters, und gewiss ein größeres, als sein esoterischer, heiliger Schönheitslehrhymnus auf die Künstler. Als Stimmführer des gekränkten Glaubens erhob sich ein Dichter, der schon vor Schiller einen nicht leise ausgesprochenen, durch das Echo eines Dichterbundes noch verstärkten Namen hatte, Friedrich Leopold Graf zu Stolberg. Aber er tat es nicht auf die rechte Sängerweise, dass er Lied mit Lied bekämpft hätte, sondern durch einen Journal-Artikel im Augustheft des deutschen Museums von 1788, welcher „Gedanken über Schillers Gedicht: Die Götter Griechenlands“ überschrieben war.

Die bittersten Stellen dieses selten gewordenen Aktenstückes, das nahezu neun große Oktavseiten füllt, lauten wie folgt:

„Poesie, welche die Wahrheit anfeindet, mag als Dichtkunst bewundern, wer da will; ich habe immerzu groß von der Poesie gedacht, um sie für Tausendkünstelei zu halten, um zu glauben, dass sie nach einer Bewunderung streben könne, zu welcher sich Verachtung und Abscheu gesellen…

Die Philosophen, welche sich rühmen, dass sie das Schwarze weiß, und das Weiße schwarz machen könnten, nannten sich Sophisten. Ihr Name ist ein Schimpfwort geworden. Wie sollen wir Dichter nennen, welche, wie Schiller, des göttlichen Feuers teilhaftig wurden und es so anwenden?

Ein solcher Missbrauch betrübt mich ebenso sehr, als mich ihr wahrer Gebrauch entzückt. Bis zu Wonnetränen hat mich Schillers Rundgesang [an] die Freude gerührt. Bei zwei andern lyrischen Gedichten5) dieses Mannes empfand ich, was ich bei diesem Lob der Götter Griechenlands empfinde. Hat der Dichter zwei Seelen, wie jener junge Meder beim Xenophon zu haben wähnte? Bläst er aus einem Mund Kalt und warm, wie der Wanderer in der Höhle des ehrlichen Faunus?

Ich möchte lieber der Gegenstand des allgemeinen Hohnes sein, als nur ein solches Lied gemacht haben, wenn auch ein solches Lied mir den Ruhm des großen und lieben Homers zu geben vermöchte. Wenn ein unmündiges Publikum mich für das Gift, welches ich ihm im Becher der Musen gereicht hätte, vergötterte, so würde ich mir selber ein mutwilliger Knabe scheinen, welcher seinen Pfeil gegen die Sonne losschnellt, weil sie sich von ihm nicht greifen lässt.

Hier ist die letzte 25ste Strophe: „Dessen Strahlen mich darnieder schlagen usw.“ Diese Strophe erinnert an jene Zeile von Blumauer, welche als besonders freimütig, so übermäßig gepriesen worden:

Nimm mir den Glauben oder den Verstand!

Es tut mir weh, einen Mann zu sehen, dem sich nur diese schreckliche Alternative6) zeigt, aber die Äußerung dieses Gedankens kann ich so wenig freimütig finden, als die Ausfälle, welche einige Wiener’schen Dichter jetzt gegen den Papst tun.

Wenn ich auch Schillers Rundgesang auf die Freude nie gelesen hätte, so würde ich doch gewiss sein, dass ein Mann von seiner glühenden Empfindung Momente müsse gehabt haben, sel’ge Momente, in welchen seine Seele dahin schmolz bei der Empfindung des Allgegenwärtigen, Allliebenden.

Die Vorstellungen, welche unsere Religion sich von dem Gott macht, der sich Vater nennt…, vom Sohn Gottes, welcher unser Bruder ward…, für die Menschen lebt und für die Menschen stirbt, uns eine Sittenlehre schenkt, gegen welche alle Sittenlehren nichts sind…, die Lehre der Unsterblichkeit ans Licht bringt, sie durch seine Auferstehung, welche uns den Zweck seines Lebens und Todes entsiegelt, bestätigt; diese Vorstellungen, sage ich, … müssten ihm, auch wenn er das Unglück hätte, nicht daran zu glauben, doch wohl edler und wohltätiger schienen, als die Spiele der griechischen Phantasie, deren Götterlehre die größte Abgötterei mit dem traurigsten Atheismus verband…

Jenes Unding, was die Alten Schicksal nannten, trat an die Stelle Gottes, den wir Vater nennen.

Dieser Kindschaft entsagen zu wollen, um, wenn das möglich wäre, wieder zu glauben, dass Bacchus mit frechen Mänaden schwärme, und Venus mit Gnade auf den Dienst ihrer unzüchtigen Priesterinnen herabschaue, ist der abenteuerlichste Wunsch, dem sich ein Mensch überlassen kann, ein Wunsch, dessen Äußerung sich nicht von dem Begriffe der Lästerung trennen lässt. Die Entschuldigung des Scherzes findet in Absicht auf das Heilige nicht statt, am wenigsten eines solchen Scherzes, welcher nicht etwa bunte Seifenblasen in die Luft bläst, sondern Maulwurfshaufen mit blinder Wut aufwirft, gleich jenen göttlichen Kindern der Erde, welche den Ossa auf den Olymp, auf den Ossa den Pelion türmten, um – den Himmel zu stürmen7).

Fr. Leop. Graf zu Stolberg.“

„Stolbergs Fehdebrief gegen die Götter Griechenlands“, berichtet Frau von Wolzogen, „tat uns sehr weh; umso mehr, da seine Gedichte zu denen gehörten, die unsere Jugend verschönert hatten. Es war hart von dem so edeln Mann, eine poetische Ansicht und momentane Dichterlauen vor das strenge Forum der Orthodoxie zu ziehen, wo er gewiss war, Plattheit und Beschränktheit als Mitarbeiter zu finden, und unserm Freund auch in der Meinung gutmütiger Schwachheit zu schaden. Er ließ sich wahrscheinlich von momentaner Empfindung, die die Folgen nicht ermaß, hinreißen. Was kann man einem Menschen Schrecklicheres Schuld geben, als ein Gottesleugner zu sein? Es zerstört seine ganze Menschheit in Vernunft und Empfindungen. Die letzte Strophe dieses Gedichts dünkte uns gerade sehr rührend durch die Sehnsucht nach dem Höchsten und Ewigen, die sie ausspricht:

Dessen Strahlen mich darnieder schlagen
Werk und Schöpfer des Verstandes! Dir
Nachzuringen, gib mir Flügel, Wagen
Dich zu wägen – oder nimm von mir,
Nimm die ernste, strenge Göttin wieder,
Die den Spiegel blendend vor mich hält!
Ihre sanftre Schwester sende nieder,
Spare jene für die andre Welt.“

Hatte Stolberg, vier Jahre nachher Kryptokatholik8), auf eine pfäffische Weise, wie ihm vorgeworfen wird, angegriffen, so äußerte sich dagegen Wieland, der offenkundige Satyr, auf eine etwas bestialische, nachdem der empfindlich bewegte Schiller den Gedanken einer Erwiderung gegen ihn hatte laut werden lassen. „Mir ist lieb“, schriebt ihm Wieland vom 15. Sept., „dass Sie dem platten Grafen Leopold für seine selbst eines Dorfpfarrers im Lande Hadeln unwürdige Querelen über Ihre griechischen Götter ein wenig heimschicken wollen. Ich hatte gehofft, der Mann würde sich seines Herrgotts in einer tüchtigen Ode, oder doch in einem archilochischen Jamben annehmen; aber er wird, wie es scheint, immer prosaischer, und es ist wirklich erbärmlich zu sehen, was er für Schlüsse macht, Aber so rächt sich die Philosophie an den Poeten, die von Jugend an ohne sie auszukommen sich gewöhnt haben.“

Das Gedicht fand auch, was die edlere und vernünftigere Waffengattung war, einige poetische Erwiderungen, von welchen „das Lob des einzigen Gottes“ den Namen Kleist an der Stirn trägt, und von Franz von Kleist, dem wenigst berühmten der drei Dichter dieses Geschlechtsnamens, herrührt. Diesem Gegenstück gönnte Wieland selbst, wahrscheinlich aus Gründen der Klugheit, einen Platz im Augustheft des Merkur von 1789.

Dass Schiller in der spätern Sammlung der Gedichte die anstößige Stelle umgestaltete, zeugt, wie sehr ihm daran lag, die bessere Überzeugung und das Heilige in keinem Menschenherzen zu beleidigen. Schon während des Rudolstädter Lebens vermied er dies sorgsam. Frau von Lengefeld die Mutter gehörte der alten, frommen Zeit an, „sie band den Glauben ihres liebenden Herzens an strenge dogmatische Formeln und Vorstellungsarten; und so gab es oft kleine Streitigkeiten; aber auf dem Boden allgemeiner Güte und Liebe fand man sich immer wieder zusammen.“ Einer englischen Bibel, mit welcher Schiller seine künftige Schwiegermutter damals beschenkte, schrieb der Dichter die Zeilen ein, die gegen diejenigen zeugen, welche sich, so oft sie einen Grundstein christlicher Überzeugung weiter dem Glaubensgebäude der jetzigen Menschheit zu entziehen bemüht sind, sich mit triumphierender Miene auf Schiller, als das Orakel des Volkes, berufen. Obgleich sie einem seiner ältesten Gedichte (aus der Anthologie) angehören, und dem neuen Zweck, dem sie dienen sollten, nur angepasst worden sind, so sprach er eben durch ihre Wiederholung doch eine fortdauernde Überzeugung aus:

Nicht in Welten, wie die Weisen träumen
Auch nicht in des Pöbels Paradies;
Nicht in Himmeln, wie die Dichter reimen,
Aber wir begegnen uns gewiss.
– – – – –

So schrieb Schiller, die Bibel in der Hand. Wer will behaupten, dass sein Bruch mit dem Schöpfer unwiderruflich gewesen?

Auf eine keineswegs feindselige Weise sprach der Dichter seine durch die Koalition des Altertums mit der kritischen Philosophie in seinem Geist gebildete Ansicht, von der Erziehung des Menschengeschlechts durch die Kunst, in dem tiefsinnigen Lehrgesang die Künstler aus, welches in Rudolstadt im Herbst 1788 begonnen und in Weimar im Februar 1789 vollendet wurde. Zwei selten zusammen gehende Kritiker, Hoffmeister und Hinrichs9), stimmen in der gleichen und diesmal auf ziemlich gleiche Ansicht gestützten Bewunderung dieses herrlichen Gedichtes, das, wie der Raum eines Tempels, immer größer vor unsern Augen wird, je länger wir uns darin umschauen, überein. Jener bemerkt, dass, wenn die Götter Griechenlands noch rückwärts schauen, eine polemische Ideenrichtung abschließend, die Künstler dagegen das Gesicht vorwärts gewandt haben, indem sie die Keime beinahe aller Grundansichten über das Schöne und die Kunst entfalten, welche Schiller später in seinen ästhetischen Abhandlungen auseinander setzte. Dann verfolgt Hoffmeister den kulturhistorischen Gang des Gedichtes, und die Stadien, die es, doch ohne streng verstandesmäßige Anlage, in ihren Übergängen leise verwischt, befolge. Hinrichs aber sucht, ohne diesmal die schroffe Seite seines Systems herauszukehren, die allgemeinste Vernunftidee des Gedichtes auf. „Die Künstler“, sagt er, „sind die Glücklichen, die das Sein zum Schein, zum Schönen erheben und verklären. Sie sind, indem sie das Äußerliche dem Gedanken versöhnen, die wahren Befreier von der Sinnlichkeit, die sie nicht ertöten, sondern mit dem Geist befreunden. Der Gedanke ist im Schönen mit dem sinnlichen Stoff vermählt. Das Schöne und die Kunst ist daher die Morgenröte des Geistes, weil der Gedanke das Element desselben ist. Die Kunst zeigt früher als die Erkenntnis und Wissenschaft, was die Wahrheit ist. Im Schönen ist die Idee sinnlich da; das Schöne ist nicht ein bloßes Bild, ein Bild des Sinnlichen, sondern ein Sinnbild, sein Inhalt ist der Gedanke. Urania, die Himmlische, lässt sich zum Irdischen herab, und versöhnt dem Menschen, was ihm widerwärtig scheint. Sie erhebt ihn durch die schöne Einheit und Harmonie über den Zwiespalt des sinnlichen Verstandes. Die Künstler sind auch die Erstgeborenen des Geistes. Sie ringen den Geist von der Natur los, und machen sie ihm gemäß. Daran zündet sich die Erkenntnis, das Wissen an; die Wissenschaft geht von der Kunst aus, und kehrt in ihrer Vollendung wieder zu derselben zurück. In dieser höchsten Darstellung wird die Wissenschaft selbst zur Kunst:

Der Schätze, die der Denker aufgehäufet,
Wird er in euren Armen erst sich freu’n,
Wenn seine Wissenschaft der Schönheit zugereifet,
Zum Kunstwerk wird geadelt sein.“

Soweit kann man mit der spekulativen Ansicht ganz einverstanden sein: Nur werde nicht vergessen, dass Schiller, über allen diesen Entwicklungen des Geistes in der Zeit, einen über Raum und Zeit schwebenden lebendigen Gedanken und einen heiligen Willen geglaubt und festgehalten hat, das heißt einen persönlichen Gott, von dem er, selbst in der Zeit seiner tiefsten Skepsis, nicht ganz lassen konnte. Wie hätte er sonst diesem ernsten, wahrhaften Glaubensbekenntnisse die Worte einverleibt:

„Als der Erschaffende von seinem Angesichte
Den Menschen in die Sterblichkeit verwies,
Und eine späte Wiederkehr zum Lichte
Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß –“?

Bei aller Herzlichkeit dieses Gedichtes blieb es indes ein bloßer Lehrgesang, und Schiller selbst betrachtete später diese und ähnliche Poesien nur als Baurisse, nach denen er künftige freie Dichtungen ausführen wollte. Aber diese Risse stammten aus seinem Innersten. Gewiss sind es Fragmente der Künstler und ähnliches, von welchen Schiller an Lottchen von Lengefeld damals nach Kochberg, einem Landgut in der Nähe von Rudolstadt, schrieb: Es freut mich, wenn Sie diejenigen Stücke von mir, die mir selbst lieb sind, lieb gewinnen und sich gleichsam zu eigen machen; dadurch werden unsre Seelen immer mehr und mehr aneinander gebunden werden. Ich sehe diese Stücke als die Garants unserer Freundschaft an; es sind abgerissene Stücke meines Wesens, und es ist ein entzückender Gedanke für mich, sie in das Ihrige übergegangen zu sehen, sie in Ihnen wieder anzuschauen und als Blumen, die ich pflanzte, wieder zu erkennen.“ Und beiden Schwestern sagt er: „Dass ich mich in meiner Vermutung nicht betrogen habe, das gestrige Gedicht (die Künstler) würde Sie interessieren, freut mich ungemein; es beweist mir, dass Ihre Seele Empfindungen und Vorstellungsarten zugänglich und offen ist, die aus dem Innersten meines Wesens gegriffen sind. Dies ist eine starke Gewährleistung unserer wechselseitigen Harmonie, und jede Erfahrung, die ich über diesen Punkt mache, ist mir heilig und wert.“ Und Karoline versicherte er, „dass er mit diesem Gedicht vollkommen zufrieden sei und sich selbst loben müsse.“ Er gestand damals, noch nichts so vollendet gemacht, aber auch zu nichts sich so viel Zeit genommen zu haben10). Diese Äußerungen stammen meist aus dem Anfang des Novembers.

Nicht so leichtes Spiel, wie bei den Schwestern, hatte Schiller mit den Künstlern, später (im Febr. 1789) bei Wieland, mit welchem er über eine Stelle des Gedichts in eine kleine „Fehde“ geriet. Das Gespräch führte sie weit in gewisse Mysterien der Kunst. Aber kaum war Wieland eine halbe Stunde fort, so durchlas Schiller seine Künstler: Einige vorher sehr wert gehaltene Strophen ekelten ihn jetzt an, und er dichtete 14 neue dazu, die er nicht in sich gesucht hätte, d. h. deren Inhalt bisher nur in ihm geschlafen.“ Opponierte Wieland hier, so hatte ihn der junge Dichter umso entschiedener durch seine Briefe über Don Carlos, die zum Teil durch Wielands Rezension hervorgerufen waren, gewonnen. „Ich habe dieses Stück“, schreibt er, schon unterm 28. Julius 1788, „welches man eine kritische Geschichte der Genesis Ihres Don Carlos nennen könnte, mit unbeschreiblichem Vergnügen und neuer Bewunderung Ihres Geistes gelesen; sie ist zugleich ein Muster einer Apologie und Kritik, jene ohne irgendeinen geheimen Einfluss der Parteilichkeit gegen sich selbst, diese so scharfsinnig und tief gedacht, dass wenige Leser des Don Carlos sie lesen werden, ohne sich zugleich belehrt und beschämt zu finden.“

Ü   Þ


1) Übrigens trieb ihn das Herz zu dieser Arbeit. „Eine Szene aus den Phönizierinnen des Euripides hätte uns [ihm und Karoline] bald Tränen gekostet“, schrieb er an Lottchen. Fr. v. W. I, 301.
2) Joh. Jak. Heinrich Nast, geb. 1751, gest. 1822, Professor an der Hohen Karlsschule, später am Gymnasium zu Stuttgart, zuletzt Pfarrer in Plochingen, bekannt durch seine Römischen Kriegsaltertümer.
3) Vergl. Hoffmeisters treffliche Entwicklung II, 81 ff.
4) Wohin tret’ ich! diese traur’ge Stille
Kündigt sie mir meinen Schöpfer an?
Finster – wie er selbst, ist seine Hülle,
Mein Entsagen, was ihn feiern kann.

Nach der Geister schrecklichen Gesetzen
Richtete kein heiliger Barbar,
Dessen Augen Tränen nie benetzen,
Zarte Wesen, die ein Weib gebar…

Fremde, nie verstandene Entzücken
Schaudern mich aus jenen Welten an,
Und für Freuden, die mich jetzt beglücken,
Tausch’ ich neue, die ich missen kann!

Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen usw.

5) Ohne Zweifel ist das eine hier gemeinte Gedicht die Resignation, das andere die Freigeisterei aus Leidenschaft.
6) Im Text, durch offenbaren Druckfehler: „Alternation“.
7) Die schönste Apologie der „Götter Griechenlands“ hat Gustav Pfizer im Schilleralbum in den Worten gedichtet:

Du klagtest um die Götter Griechenlands
Und war denn Raum für sie in deinem Busen?
– – – – – – –
Sie sind dahin – es blieb manch edles Bild
Zurück von den verschwundenen Gestalten;
Da hast du kühn der Dichtung goldnen Schild
Den Götterleichen schirmend vorgehalten.
Um jene Wesen klaget dein Gedicht,
Die in der Schönheit Formen sichtbar waren;
Sie riefst du an – und wusstest selber nicht,
Wie ganz ein Priester du des Unsichtbaren.

8) Vgl. Voß und Stolberg von Dr. C. A. F. Schott, S. 188.
9) Jener II, 91 ff; dieser I, 120 ff.
10) Fr. v. Wolz. I, 300, 304. Hinrichs I, 123.
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