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Aufenthalt in Volkstädt

Nach diesen schwierigen, doch für den poetischen Lebenslauf des Dichters unentbehrlichen Untersuchungen, begleitet der Leser gewiss von dem Ambos der Dichtung hinweg, die kein so leichtes und anmutiges Geschäft ist, als die Wirkungen ihrer schönsten Resultate glauben machen, den Poeten gern in die Zurückgezogenheit des ländlichen Tales, wo seine Neigung wohnt.

Eine halbe Stunde von Rudolstadt, frei vor dem Dorf Volkstädt gelegen, steht das kleine Haus, in welchem Schiller im Maimonat 1788 seine Frühlingswohnung bezog. Aus seinem Zimmer, so lautet die Beschreibung der Schwägerin1), übersah er die Ufer der Saale, die sich in einem sanften Bogen durch die Wiesen krümmt und im Schatten uralter Bäume dahin fließt. Die gegenüber am jenseitigen Ufer des Flusses sich erhebenden waldigen Berge, an deren Fuß freundliche Dörfer liegen, und das hoch und schön gelegene Schloss von Rudolstadt an der andern Seite geben diesem Platz den Reiz der Mannigfaltigkeit, zugleich einer Einsamkeit, aus der man nur anmutige Gegenstände überschaut. Auf einer kleinen Anhöhe, dem Haus gegenüber, die ein Wäldchen krönt, hat ein Kunst liebender Verehrer Schillers2) ein Monument für ihn errichtet, wozu Dannecker seine kolossale Büste zu einem Bronzeabguss verehrte. Hier, wo das ehemals Unbehaun’sche Wohnhaus, Schillers einstige Mietwohnung, steht, erkaufte jener von den Besitzern der am Fuß des Berges gelegenen schönen Porzellanfabrik im Juli 1828 ein Stück Berglandes und arrondierte es durch weitere Käufe; bald entstanden Wege zwischen Felsen, Erhöhungen, Einebnungen; schöne Gesträuche, Rosen und andre Blumen erblühten, ein Schilfhaus wurde errichtet, Ruheplätzchen erhoben sich; in die schöne Felsengruppe wurde die Inschrift, „Schiller 1788“, eingehauen, und in einer natürlichen, nur wenig erweiterten Nische des Gesteins am 9. Mai 1830, Schillers viel begangenem Todestag, die Bronzebüste des Dichters beim Gesang der Rudolstädter Liedertafel im Angesicht von mehr als 2000 Zuschauern aus der Stadt und Umgegend aufgestellt und enthüllt. Das Gestein ist mit Gesträuchen und Grasblumen bewachsen, und neu angepflanzte, in die Felsenrisse und in die Nische hineingezogene Efeuranken geben dem Ganzen einen Anstrich, als wenn die Natur selbst diesen Platz zu dem bestimmten Zweck vorbereitet hätte. Über der Nische zieht sich ein Felssturz von sechs Fuß Höhe mit ebener Stirn hin, an welcher eine goldne Lyra, aus Sternen gebildet, weit in die Gegend hinaus leuchtet.

„Oft wird dieser schöne Platz3) denen, die Schiller noch persönlich gekannt, und den jüngern, seinem Geist befreundeten Bewohnern zum Vereinigungsplatz dienen, und Goethes sinnvolle Worte bewähren:

Die Stelle, die ein guter Mensch betrat,
Sie bleibt geweiht für alle Zeiten.“

Wir müssen für die vorliegende Periode Schillers meist die treue Beobachterin seines neuen Glücks sprechen lassen: „In unserem Haus“, fährt Frau von Wolzogen fort, „begann für Schiller ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umganges entbehrt; uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde, harmonische Gemütsstimmung. Sein Gespräch floss über in heitrer Laune. – Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte auf uns zukommend erblickten, da erschloss sich ein heiteres ideales Leben unserem innern Sinn. Hoher Ernst und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offenen, reinen Gemüts, waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen...“

„Auf diesem milden Lichtpfad geistiger Freundschaft“ sollte Schiller das Herz Charlottes gewinnen. Die ältere Schwester, damals Gattin des Herrn von Beulwitz4), begegnete mit ihrem immerwährenden Bedürfnis eines Lebens in Ideen der ganzen Stimmung des Dichters. Die nächsten Umgebungen förderten diese Neigung; ihr Gemahl hatte viele Kenntnisse und wissenschaftliche Ausbildung. Zu ihrer beinahe täglichen Gesellschaft gehörte der Baron Gleichen mit seiner Braut, nach Karolines Zeugnis einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen5). „Ausbildung des Geistes war sein innigstes Bedürfnis, und die reinste wohlwollendste Gesinnung stellte sich in seinem ganzen Leben wie in seiner ausgezeichnet schönen Gestalt dar. Er hatte viel Sinn für bildende Kunst; wir zeichneten und malten zusammen… Sein ganzes Wesen war Religion, Achtung vor dem Gewissen, Abweisung alles Unrechts und zarte Schonung jedes Verhältnisses. Dennoch konnte dieser treffliche Mensch nicht zur Einigkeit mit sich selbst kommen. Er studierte alle philosophische Systeme, um über die ewigen Fragen der Menschheit Antwort zu finden. Sein Glaube wurde von seinem Scharfsinn gestört; er lebte immer im Zweifel. Unsere Gespräche betrafen meistens Gegenstände der Metaphysik, ich wünschte Überzeugung für meinen Freund.“ So wurde Schiller von der bei ihm sich eben jetzt recht festsetzende Spekulation, selbst wider Willen, im Atem gehalten; er musste sich ergeben, sooft er auch, im Augenblick nach andern Richtungen sterbend, bat, die Metaphysik nur einige Tage ruhen zu lassen.

Gleichen fand in der Kantischen Philosophie späterhin, wie Schiller selbst, Beruhigung, und die Erziehung der Söhne seines Freundes, des Fürsten von Rudolstadt, entzog ihn seinem überwiegenden Hang zur Spekulation.

Der Fürst und sein Bruder, Prinz Karl, lebten, als liebenswürdige Jünglinge, viel im Lengefeldschen Kreis, und bewahrten immer eine herzliche Freundschaft für Schiller. Ob der Dichter selbst je dem großen und in Deutschland in seiner Art einzigen Volksfest, dem so genannten Rudolstadter Vogelschießen, beigewohnt, auf des Fürsten Veranstaltung daselbst Schütze wurde, und als er den ihm dargereichten, mit altem Rheinwein gefüllten Becher, der Sitte gemäß, leerte, und Kanonenschüsse zu Ehren des neuen Schützen fielen, zum Fürsten gewandt, die Worte sprach: „Gnädigster Herr! Ich wünsche Ihnen alle Kronen der Erde, denn ich sehe, Ihre Untertanen sind sehr glücklich!“ – diese ganze Erzählung muss beruhen bleiben, da die Nachricht an chronologischen Widersprüchen6) leidet, und Schillers Lebensbeschreiberin derselben nicht erwähnt.

Glaublicher ist, was weiter gemeldet wird, dass Schiller die Natur der Umgegend liebend genossen, und das Stammhaus der Grafen zu Schwarzburg, wie die benachbarte hohe byzantinische Ruine des Klosters Paulinzelle wiederholt besucht habe7), und er soll jedem, der in jenen Gegenden reiste, noch in Weimar den Rat gegeben haben: „Die Natur auf Schwarzburgs hohen Bergen zu belauschen!“ Der Weg dahin ist, wie alle Wege durch das Saaletal, auch von Rudolstadt aus sehr malerisch; ein enges düsteres Tal windet sich dann, nachdem man an Stadt und Ruine Blankenburg8) vorüber ist, in Kreisformen durch das Gebirge; in seiner Mitte rauscht tosend die Schwarza, bald über hellen kiesigen Boden, bald über Felsenmassen und Erdschollen hinweg, die sich wie ein verfallenes Menschenwerk in ihrem kleinen Bett empor türmen. Düstre Fichten und Tannen, nackte, Einsturz drohende Felsen, Schlünde und Haiden beschäftigen vier Stunden lang das Auge. Nicht fern vom Eingang des Tals hebt sich eine Felsenpyramide, von der Schiller gesagt haben soll, „dass sie ein Denkmal abgeben könne und er auch hier den Fürsten verewigt wissen möchte.“ Die Schwarzburg liegt „wie eine Königin in sich faltenden Gewändern von verschiedenem Grün“ auf einem hohen Berg am Ende des Tales, an der forellenreichen Schwarza. Von diesem Standpunkt gesehen erscheint reizend und einladend in der Übersicht, was im Einzelnen finster und abschreckend aussah. Nicht weit vom Schloss findet sich der Gasthof, in dessen Fremdenbuch Schiller die berühmten Worte schrieb:

„Auf diesen Höhen sah auch ich
Dich, freundliche Natur – ja dich!“

Von diesem Ausflug kehren wir nach Volkstädt zurück, in das Studierzimmer des Dichters. Dieser arbeitete dort an seiner Geschichte des Abfalls der Niederlande, und las den Schwestern die einzelnen Abschnitte vor, wie sie vollendet waren. Zu jenem Gegenstand hatten ihn die Studien über den Don Carlos geführt. Auch der Geisterseher beschäftigte ihn, und das philosophische Gespräch in diesem Roman, das Schiller später unterdrückte, und in welchem als Grundgedanke erscheint, dass Zweck und Mittel nur Begriffe menschlicher Tätigkeit und Besterbungen seien, dass alle Teleologie der Natur ein täuschendes Spiel unserer Einbildungskraft, und deswegen der Mensch durch die theoretische Beschränktheit seiner Vernunft, sowie durch die Unzuverlässigkeit des Glückes, ganz teils auf das Wirken im Augenblick, teils auf das Genießen desselben hingewiesen sei9) – dieses ganz in Kantische Ideen getauchte Gespräch hält Karoline v. Wolzogen „vielleicht für einen Nachklang ihrer spekulativen Unterhaltungen.“

Ü   Þ


1) Fr. v. Wolzogen I, 262 ff., für den ganzen Abschnitt. ­
2) Geheimer Kammerrat Werlich von Rudolstadt. Vgl. „die Büste Schillers auf Schillershöhe“. Rudolstadt 1833.
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3) Dass Schiller hier seinen „Spaziergang“ gedichtet ist irrig. Er entstand 1795 in Jena, im Okt., s. Schiller an Humboldt (Brfw. S. 227).
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4) Er starb als Rudolstädtscher Geheimer Rat.
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5) Sein Sohn ist Gatte von Schillers jüngstem Kind, Emilie.
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6) Die jedoch vielleicht zu lösen wären, wenn die Begebenheit in einen Vakanzaufenthalt Schillers von Jena aus fiel. Februar 1840.
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7) In der dritten Sektion von Georg Wigands „malerischem und romantischem Deutschland“, welche Thüringen umfasst, findet man in A. v. Bechsteins blühendem und belehrendem Text außer den Abbildungen von Meiningen (Text S. 22-34), Weimar (S. 189-196) und Jena (S. 146-151) auch Rudolstadt (S. 134-140), Paulinzelle (S. 121-124), Schloss Schwarzburg (S. 128 ff.) und das Schwarzatal (S. 124-134).
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8) Bei Wigand abgebildet und beschrieben S. 116-120.
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9) Vergl. Hoffmeister II. 45 ff. „Schiller ordnete also, wie alle Edelsten unseres Geschlechts, das Handeln dem Erkennen über.“
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