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Ausflug nach Rudolstadt. Die Familie von Lengefeld1).

Zu Rudolstadt, am Ufer der sanft gekrümmten Saale, in einem reizenden dreifachen Tal mit seinen groß gezeichneten blauen Gebirgen und nahen waldumkränzten Anhöhen, lebte eine Frau von Lengefeld mit ihrer ältern Tochter Karoline, damals Gattin des Rudolstadtischen Hofrats Freiherrn von Beulwitz, und ihrer jüngeren Tochter Charlotte, in der kleinen, in jener Zeit toten und einförmigen Residenz, fern von den Reizen und Wechseln des geselligen Lebens. Der Vater, ein rühmlichst bekannter Forstmann, einst, zu Ende des siebenjährigen Krieges zu Leipzig einer Unterredung mit Friedrich dem Großen und vorteilhafter Anträge von diesem gewürdigt, hatte, am linken Bein und rechten Arm seit dem zwanzigsten Jahr gelähmt, diesem Ruf nicht folgen zu dürfen geglaubt, und in dieser Einsamkeit der edleren Erziehung seiner zwei Töchter gelebt. Er fand bei seiner Gattin, die gleichfalls besser erzogen und empfänglich für alles Schöne war, in diesem heiligen Geschäft die gewünschte Unterstützung. Während die Töchter ihr Herz und Gemüt durch ansprechende Bücher zu bilden bemüht waren, so dass Schiller späterhin oft scherzend gegen sie behauptete, man werde es ihnen noch immer anmerken, dass sie mit dem Grandison aufgewachsen seien, machte der Vater auf zweierlei Weise ihr Leben in der Phantasie unschädlich: Durch sorgsame Ausbildung ihres Körpers in muntern Spielen und durch die Entwicklung ihres Verstandes, in den seine klare und weite Weltansicht nicht auf dem Weg des Unterrichts, sondern in heitern Tischgesprächen anregend überging. „Sie lernten den Geist erkennen und schätzen, der alle Erscheinungen auf ihren Ursprung, auf ihren Grund zurückführt. Die Welt, die sie sich hinter ihren blauen Bergen dichteten, gewann im Lichtblick seines Verstandes feste Umrisse. Sie lernten zeitig ahnen, was sie suchen sollten. Ein Gefühl des wahren Wertes der Menschen, der männlichen Würde insbesondere, fasste Wurzel in ihnen, denn die verehrte Gestalt des Vaters, welche Festigkeit in Grundsätzen der Ehre und schönen Sitte ausdrückte, war ihr reines Abbild.“

Diesen Vater hatte den Töchtern der Tod entrissen, als Karoline dreizehn und Charlotte zehn Jahre alt war. Der älteren Tochter bot sich schon im sechzehnten Jahr ein Heiratsantrag dar; die jüngere war zu einer Hofdamenstelle in Weimar bestimmt. Damit sie sich Fertigkeit in der französischen Sprache und den nötigen Weltton aneignen könnte, hatte die Mutter eine Zeit lang in der welschen Schweiz gelebt2). Die Familie war mit den Wolzogen zu Bauerbach verwandt, und als sie im Mai 1784 aus dem Alpenland zurückkehrten und auf der Solitude mit Frau v. Wolzogen einen Besuch bei Schillers Eltern abgestattet, erschien dieser selbst bei ihnen in Mannheim, wie sie eben abreisen wollten. „Seine hohe, edle Gestalt“, erzählt die ältere Tochter3), seitdem Schillers Schwägerin und in ganz Deutschland als geistreiche Schriftstellerin geehrt, „frappierte uns; aber es fiel kein Wort, was lebhafteren Anteil erregte. Die mannigfachen und großen Gegenstände, von denen wir soeben geschieden waren, füllten unsere Seele… So sahen wir Schiller zum ersten Mal, wie aus einer Wolke wehmütiger Sehnsucht, die uns nur schwankende Formen erblicken ließ.“

Nach der Heimkehr aus der Schweiz lebte die Mutter mit den Töchtern in dem kleinen Saaletal, in welchem die ältere durch Verheiratung zu bleiben bestimmt war. Die jüngere Tochter, Charlotte v. Lengefeld, hatte, nach der Schilderung ihrer Schwester, „eine sehr anmutige Gestalt und Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge, und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich für alles Gute und Schöne im Leben und in der Kunst, hatte ihr ganzes Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie hatte Talent zum Landschaftszeichnen, einen feinen und tiefen Sinn für die Natur, und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Auch sprach sich jedes erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung sind.“

Das Glück dieser jüngern Schwester war die herzlichste Sorge, ja die einzige Lebenshoffnung der ältern, da diese sich in einer Stimmung befand, die sie ihr eigenes Glück ganz aufgeben hieß. In der Schweiz durch unvorsichtiges Baden in dem kalten Genfer See von einer Nervenkrankheit befallen, glaubte sie nur auf ein kurzes Leben rechnen zu dürfen. Dies Leben widmete sie ganz der Schwester, da das Gemüt dieser letzteren durch eine erwiderte Neigung, deren Hoffnungslosigkeit den Geliebten über die See nach einem andern Weltteil getrieben hatte, seit einiger Zeit wund und bewegt war.

Diese Schwester aber war von der Vorsehung unserm Schiller aufgehoben, und was in Bauerbach für seinen Charakter und seinen Genius zu früh war, sollte den gereifteren Mann hier im ebenso abgeschiedenen, aber lieblicheren Tal mit verjüngter Huld und Anmut überraschen und auf sein ganzes Leben hinaus dauernd beglücken. Jetzt endlich sollte auch an ihm in Erfüllung gehen, was der geistliche Dichter, der einer der Lieblinge seiner frommen Jugend war, in den rührend schlichten Worten singt, in welchen sein Geist die Paare sieht, die in des Himmels Rat einander bestimmt sind, hier ein trefflicher Sohn, dort eine edle Tochter, die getrennt und sich gegenseitig unbekannt einander zuwachsen.

Eines ist des andern Kron’,
Eines ist des andern Ruh’,
Eines ist des andern Licht,
Wissens aber beide nicht.

„Keine Kunststraße führte damals noch in das kleine Tal; ein Fremder“, erzählt Frau v. Wolzogen, „war ein Phänomen, hinter den grünen Bergen. Da kamen an einem trüben Novembertag des Jahres 1787 zwei Reiter die Straße herunter. Sie waren in Mäntel eingehüllt; wir erkannten unseren Vetter, Wilhelm v. Wolzogen, der sich scherzend das halbe Gesicht mit dem Mantel verbarg; der andere Reiter war uns unbekannt und erregte unsere Neugierde.“ Der Vetter nannte den berühmten Namen Schiller, erzählte, dass er von der Freundin in Bauerbach komme, und bat um die Erlaubnis, ihn abends in die Familie einführen zu dürfen.

In diesem Kreis fühlte sich Schiller bald wohl und frei; sein Herz schloss sich in dem Umgang mit Frauen, die unbefangen und voll Herzenswärme alles Geistige umfassten, schnell auf. Ohne schriftstellerische Eitelkeit verbarg er doch den Wunsch nicht, dass die neuen Freundinnen auch seinen Don Carlos kennen lernen möchten, und freute sich, als die Briefe von Julius und Raphael einen Anknüpfungspunkt für das Gespräch bildeten. Ihm wurde so heimatlich, dass noch an jenem Abend der Gedanke, sich dieser Familie anzuschließen, in ihm aufzudämmern schien, und er beim Abschied den Plan aussprach, den nächsten Sommer in diesem schönen Tal zu verleben.

Die beiden Freunde, die zusammen gekommen waren, sollten in der Folge zusammen hier das Glück ihres Lebens finden. Wilhelm v. Wolzogen (nachmals der zweite Gatte Karolines) hatte das Bild der holden Anverwandten schon in der Akademie in das Herz aufgenommen. Er bereitete sich jetzt zu einer Reise nach Paris vor, wo er Architektur studieren wollte, aber wünschte nichts sehnlicher, als einst in der Nähe der Freundinnen leben zu können, und der Dichter schied mit dem gleichen Verlangen.

Ü   Þ


1) A. a. O. I, 227 ff. ­
2) In der (goldkörnerreichen) Sammlung von Goethes Briefen an Lavater, herausgeg. v. Heinr. Hirzel (Leipz. Weidmann 1833), findet sich S. 156 folgendes Billet: „Frau von Langefeld [l. Lengefeld] mit ihren beiden Töchtern und Hrn. v. Beulwitz aus Rudolstadt werden dir, l. Bruder, kraft dieses empfohlen, und das Maß des Guten, was du ihnen geben willst und kannst, deinem Gefühle und den Umständen überlassen, in denen sie Dich antreffen werden.

Weimar den 7. Apr. 83.                                                               G.
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3) Frau v. Wolzogen a. a. O. S. 227.
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