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Beginn der zweiten Lyrik Schillers.Dies Gedicht beweist, wie edel und rein, von Seiten Schillers selbst, jenes Verhältnis immer war und geblieben ist. Sonst rühren aus dieser Periode, außer einigen minder bedeutenden Reliquien, nur drei lyrische Gedichte her, das schon besprochene Lied an die Freude, die Freigeisterei der Leidenschaft, und die Resignation. Von allen drei zusammen urteilt eine Stimme, die wir achten, „dass sie zu dem Mächtigsten, Ergreifendsten gehören, was Schiller gedichtet hat, und dass die Gedichte der dritten Periode gegen diese immer grünen Zweige der unmittelbaren wahrsten Empfindung meistens minder frisch und blätterreich seien; dass in ihnen Denken und Fühlen in eins aufgehe.“ Mit dieser Ansicht ist der Verfasser gegenwärtiger Lebensbeschreibung, was insbesondere das zweite Gedicht betrifft, keineswegs einverstanden, und auf seiner Seite steht hier Schiller selbst, dessen Kunsturteil der spätern Periode doch gewiss angeschlagen werden darf. Wie hätte dieser die Freigeisterei der Leidenschaft um wenigstens neun rednerische Strophen verkürzen und in dem „Kampf“ überschriebenen Gedicht seiner Sammlung auf sechs reduzieren können, wenn der Gedanke in diesem Lied wirklich ganz ins Gefühl aufgegangen gewesen wäre? Der Ton desselben ist in der Tat von dem in den Liedern der Anthologie herrschenden wenig verschieden, und wenn Schiller in seiner Sammlung nicht selbst das Jahr 1786, in welchem es im Druck erschienen ist, beigesetzt hätte, so müsste man die fingierte Zeit, „als Laura vermählt war 1782“, zugleich für die wahre Entstehungszeit halten. Die eigentliche Veranlassung des Gedichtes kennt man nicht, und denkt daher bald an das Verhältnis mit Margarethe Schwan, bald an die Leidenschaft zu dem sächsischen Fräulein1). Aber nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt, eine poetische Opposition gegen die Ehe, führen viel mehr auf eine frühere Denk- und Empfindungsweise des Dichters zurück, und in die von einem Kritiker aufgestellte Parallele mit der Liebe des Don Carlos können wir uns auch nicht ganz finden. Schiller selbst leitete dies Gedicht und die „Resignation“ mit folgenden Worten im zweiten Heft der rheinischen Thalia ein, in welcher sie, sowie das Lied an die Freude, mit der anthologischen Chiffer Y unterzeichnet2) erschienen: „Ich habe umso weniger Anstand genommen, die zwei folgenden Gedichte hier aufzunehmen, da ich von jedem Leser erwarten kann, er werde so billig sein, eine Aufwallung der Leidenschaft nicht für ein philosophisches System und die Verzweiflung eines erdichteten Liebhabers nicht für das Glaubensbekenntnis des Dichters anzusehen.“ Wir beruhigen uns bei diesen Worten und glauben nicht, dass sie diesmal ihm von der Behutsamkeit, und seiner bürgerlichen Stellung als herzoglich Weimarscher Rat eingegeben sein können. Als er zwischen den Jahren 1800 und 1804 seine Gedichte sammelte, hatte er ja keine solche Rücksichten mehr zu nehmen und doch wurde die Freigeisterei der Leidenschaft fast um zwei Drittel verkürzt. Auch in Beziehung auf die Resignation messen wir daher der Versicherung Schillers, dass sie kein Glaubensbekenntnis des Dichters, also nicht die Gesamterfahrung eines bedrängten Lebens sei, sondern selbst auch nur eine Aufwallung der Leidenschaft, gern vollen Glauben bei. Das diese beiden Gedichte noch vor dem Druck in hundert Abschriften in Deutschland umhergingen, und man bald weder Abschrift noch Druck bedurfte, weil sie sich so tief in das Herz und Gedächtnis der deutschen Jungend geprägt hatten, dass man sie nicht mehr auf dem Papier zu suchen brauchte, und dass sie bald scheltende, bald seufzende Kritik nichts gegen die Flammen der Jünglinge vermochte, die alle für Schiller glühten3), beweist für die absolute Vortrefflichkeit jener Lieder so wenig, als die grenzenlose Bewunderung und der jubelnde Beifall, welcher die Erscheinung der Räuber auf dem Theater von Seiten der Jugend begleitete, für ein Urteil der Kunst gelten konnte. Es gibt keinen durch die modernen Zeit gebildeten und vor ihr nicht gewaltsam abgeschlossenen Menschengeist, dem nicht einmal in der Jugend der Streit der physischen Weltordnung mit der moralischen als ein unaufgelöstes, ja unlösbares Rätsel vorgeschwebt hätte. Diesen unausweichlichen Zweifeln hat Schiller in dem Gedicht „Resignation“ das Wort geredet, und darum erhält es bis auf den heutigen Tag fast von jedem Menschenleben unter dem Gebildeten in einer gewissen Periode eine mehr oder minder feierliche und begeisterte Beitrittserklärung. Die Beweggründe dieses Beifalls sind aber doch in der Tat der Poesie selbst ziemlich fremd. Die noch so allgemeine Zustimmung der Jugend möchte ebenso wenig für die poetische Mächtigkeit dieses Gedichtes beweisen, als der Abscheu, den hier und da das reifere Alter, mit ebenso dogmatischer Zuversicht, gegen dasselbe äußert4). Ein entschiedener Fortschritt dichterischen Lebens ist doch nur in dem Lied an die Freude wahrzunehmen, das insofern allein den entschiedenen Namen des Liedes verdient, als es von allen bisherigen Gedichten Schillers, mit Ausnahme des Räuberlieds, das einzige ist, das wahrhaft sangbar befunden, und mehrfach, unter andern von Zelter und Zumsteeg komponiert worden ist. Was der letztere sonst von frühern Gedichten Schillers als Jüngling in Musik zu setzen versuchte, darüber hat die Zeit den Stab gebrochen. Mit diesem Lied hat Schiller viele böse Angewöhnungen der Reflexion und Rhetorik abgelegt, ohne jedoch seine Lyrik jenen außerpoetischen Mächten ganz zu entziehen: Denn mit Recht wird auch diesem Gedicht vorgeworfen, dass es mit Ideen und abspringenden Bildern überladen sei, auch die ganze Moral des Dichters, ja noch mehr als diese, umfasse. Aber doch herrscht eine Begeisterung in demselben, die kein polemischer Hader mit eigenen oder fremden Vorurteilen lähmt und zerstört, und die sich jedem Singenden, er mag so kritisch gestimmt sein, als er will, zu Zeiten schon mitgeteilt hat. Und so ist denn nicht zu bezweifeln, dass Schiller in der lyrischen, so gut wie in der dramatischen Poesie einen bedeutenden Fortschritt an den neuen Herd seiner Dichterbildung mitgenommen habe. 1)
Wohl mit Unrecht; Hoffmeister II, 56 Note.
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