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                  Todesfeier Hellebeck
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                  Antwort
                  Ästhet. Studien
                  Besuche
                  Reise nach Schwaben
                  Rückblick
               Buch 3
               Urkunden

Freundschaft. Neue Neigung, getäuscht.

In Körner hatte Schiller endlich den rechten Freund und Geistesgenossen erhalten, und man würde diesen viel zu niedrig anschlagen, wenn man ihn nur als an Streichers Stelle getreten betrachten wollte. Der letztere, zwar durch Mutterwitz und unverdorbene Naturanlage, wie durch unschätzbare sittliche Eigenschaften höchster Achtung wert, stand doch seiner ganzen Persönlichkeit nach, an Geistesgepräge und Bildung, so weit unter seinem bewunderten Freund, dass kein Bund zu gleichen Bedingungen möglich war, was wohl das erste Buch dieser Biografie ohne ausdrückliche Erläuterung anschaulich gemacht hat. Auch würden wir, wenn Streicher Schillers Freund nur halb in dem Sinne gewesen wäre, wie der angebetete junge Dichter das Ideal Streichers war, vom Band dieser Freundschaft nicht erst aus dem Mund dieses Letztern etwas vernommen haben. Vielmehr gehörte er Musikus zu den Naturen, deren Tribut sich auch das gutmütigste Genie doch gewissermaßen nur gefallen lässt, und die den Lohn ihrer Aufopferung mehr in ihrem eigenen Bewusstsein finden müssen, als in dem Herzen desjenigen, dem sie mit der größten Selbstverleugnung dienen. Unter den akademischen Freunden Schillers im engern Sinn fanden sich welche, deren Freundschaft, nach Wert und Wärme, die Probe gehalten hat; aber solange sie mit ihm zusammenlebten, war weder ihr noch sein Geist und Charakter formiert genug, dass ihr Einfluss auf sein inneres Leben ein wesentlicher hätte sein können. Reinwald endlich, so heilsam seine Verbindung mit Schiller für diesen letztern war, konnte doch als kränklicher Stubengelehrter nicht das Herz eines Dichters so ausfüllen, noch seine Phantasie so beschäftigen, wie von einer die Seele beherrschenden Freundschaft verlangt wird. Bei Körner dagegen waren alle Bedingungen zu einem solchen Geisterbund gegeben. Von seiner Seite war durch Schiller das überwiegende Gewicht seines Genius in die Waagschale gelegt worden; deswegen hatte sich auch Körner zuerst, und zwar zu seinen Füßen, eingestellt. Als sie sich aber zusammengefunden, da häufte sich auch von Seiten Körners so mancherlei in der andern Schale: Geburt und damit zusammenhängende Weltbildung und freie Bewegung, häusliches Glück als ein Asyl für den Freund, harmonische Ausbildung des Geistes, geregeltere Studien, endlich ein gemachter Charakter, an welchem Schiller selbst sich halten konnte – so dass sich fortan beide Waagschalen in ihrer Freundschaft das Gleichgewicht hielten. Wollen wir Schillers eigene Gedanken über die Freundschaft hierher ziehen, so hatte er endlich nicht die gleichtönende, aber die harmonische Seele gefunden, er hatte an einem Freund Vortrefflichkeiten entdeckt, auf welche er nach dem von ihm aufgestellten Gesetz der Liebe, ein Eigentumsrecht geltend machen durfte.

Als Schiller schon auf Jahre dieser erprobten Verbindung zurück zu blicken imstande war, schrieb er in einem spätern Brief an zwei Freundinnen (seine künftige Frau und Schwägerin) vom 20. November 1788: „dass Ihnen Körners Briefe sein Wesen vergegenwärtigt haben, freut mich sehr. Es ist kein imposanter Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Ich habe sein Herz noch nie auf einem falschen Klang überrascht; sein Verstand ist richtig, uneingenommen und kühn; in seinem ganzen Wesen ist eine schöne Mischung von Feuer und Kälte.“ Und in einem noch spätern Brief an seine Geliebte (Lotte von Lengefeld) vom 4. Dezember 1788: „Es ist mir gar lieb, zu hören, dass mein guter Körner Ihre Eroberung gemacht hat. Ich wollte, wir hätten ihn hier. Mein Herz und Geist würden sich an hm wärmen, und er scheint jetzt auch eine wohltätige Geistesfriktion nötig zu haben. Sie haben sehr recht, wenn Sie sagen, dass nichts über das Vergnügen gehe, jemand auf der Welt zu wissen, auf den man sich ganz verlassen kann. Und dies ist Körner für mich. Es ist selten, dass sich eine gewisse Freiheit in der Moralität und in Beurteilung fremder Handlungen oder Menschen mit dem zartesten moralischen Gefühl und mit einer instinktartigen Herzensgüte verbindet, wie bei ihm. Er hat ein freies, kühnes und philosophisch aufgeklärtes Gewissen für die Tugenden anderer, und ein ängstliches für sich selbst. Gerade das Gegenteil dessen, was man alle Tage sieht, wo sich die Menschen alles, und den Nebenmenschen nichts vergeben. Freier als er von Anmaßung ist niemand; aber er braucht einen Freund, der ihn seinen eigenen Wert kennen lehrt, um ihm diese so nötige Zuversicht zu sich selbst, das, was die Freude am Leben und die Kraft zum Handeln ausmacht, zu geben. Er ist dort in einer Wüste der Geister. Die Kursachsen sind nicht die liebenswürdigsten von unsern Landsleuten.“

Die letzten Worte dieses spätern Briefes gehören auch hierher, sofern sie beweisen, dass Schiller, abgesehen vom Umgang mit seinen Freunden, sich in Dresden nicht heimisch fühlte. Inzwischen hatte auf das Urteil über die Kursachsen vielleicht auch ein besonderes Missgeschick Einfluss, das seinem Herzen in dieser Hauptstadt begegnen musste1).

Schiller, der so lange auf dem Land nur der Natur, dem Studium und der Poesie gelebt, scheint sich in der spätern Zeit seines Dresdener Aufenthaltes der großen Gesellschaft wieder hingegeben zu haben. Er lebte Tage über in der Zerstreuung, und benützte oft erst die Nächte zu literarischen Arbeiten, wodurch er, schon früher angegriffen, vielleicht den Grund zu seiner späteren Kränklichkeit legte. Auch schöne Mädchen zogen jetzt die Augen des entfesselten Dichters wieder auf sich. Schon in einem Brief vom 1. Juni 1786 schreibt er an einen Schauspieldirektor Koch in Berlin: „Als wir uns hier trennten, ist mir von einem Mädchen, das Sie gesehen haben, der Kopf so warm geworden, dass ich Ihre Adresse in Berlin darüber vergessen habe. Wir sind ja allzumal Sünder, und Sie werden ja wohl auch an die Zeiten zurückdenken, wo sie von ein paar Augen aus dem Konzept gebracht wurden.“

Aber eine ernstlichere, ja glühende Leidenschaft sollte sich des Dichters in dem letzten Jahr, das er in Dresden zubrachte, bemächtigen. Unsere Leser erinnern sich aus dem ersten Buch des herzlichen, freundschaftlichen Verhältnisses, das sich im Mai 1784 zwischen Schiller und dem Albrechtschen Ehepaar, während der erstere in Frankfurt zu Besuch war, entsponnen hatte. Sophie Albrecht, die Schiller damals mit aller Gewalt von der Bühne abhalten wollte, hatte dem besorgten Freund zum Trotz diese Laufbahn doch betreten, und nun, nach dreieinhalb Jahren, war sie eine gefeierte Künstlerin, und eine der ersten Zierden des Dresdner Theaters. Schiller, der alte Hausfreund, hatte sich auch jetzt wieder bei ihr eingestellt und sich in ihren schmucken Appartements wie häuslich niedergelassen. Seine Freundin pflegte zahlreiche Besuche von der eleganten Welt beiderlei Geschlechts zu empfangen. Eines Abends, als Schiller eben sich bei der Künstlerin eingefunden, erschien dort, nach der Aufführung der Ariadne auf Naxos, die Witwe eines pensionierten sächsischen Offiziers2), begleitet von ihren beiden erwachsenen Töchtern. Die ältere von diesen, Julie, eine hohe blauäugige Blondine, machte einen plötzlichen, tiefen Eindruck auf den Dichter. „Er stand vor ihr“, sagt Döring, „mit einer wortlosen Andacht des Gefühls und wehrte nicht der Flamme, die heimlich und verzehrend in seiner Brust aufloderte.“

Das Aufflammen seiner Leidenschaft war der Freundin nicht entgangen. Als der Besuch sich entfernt, überließ sie sich der kleinen weiblichen Freude, den Verzückten über seinen Zustand zu necken. Schiller leugnete hartnäckig; aber so wie er auf einer öffentlichen Redoute, im Winter von 1786 auf 1787 Gelegenheit fand, näherte er sich dem Fräulein. Der Mutter, erzählt Frau von Wolzogen, schien die Eroberung eines schon damals als ausgezeichnet anerkannten Dichters zu schmeicheln, und die Gewalt der Reize ihrer Tochter zu verbürgen. Nach den ergänzenden Nachrichten soll die Pension der Witwe zu ihrem Luxus nicht hingereicht, und die gewissenlose Mutter die Schönheit ihrer Töchter zu unerlaubtem Gewinn benützt haben. Männer aus allen Ständen wurden angelockt, und wertvolle Geschenke wurden ihnen auf ziemlich unverschämte Weise abgepresst. Auch der unerfahrene leidenschaftliche Jüngling wurde von diesem Zaubernetz umstrickt. Das arme Mädchen folgte in ihrer Handlungsweise den Eingebungen der Mutter. Ob Julie je wirklich etwas für den Dichter empfunden, bliebt ungewiss. Sinnlichen Augen konnte die damalige Erscheinung des Dichters nicht behagen. „Schillers gewöhnliche Kleidung“, so schildert ihn Sophie Albrecht, „bestand in einem dürftigen, grauen Rock, und der Zubehör entsprach in Stoff und Anordnung keineswegs auch nur den bescheidensten Anforderungen des Schönheitssinnes. Neben diesen Mängeln der Toilette machte seine reizlose Gestalt und der häufige Gebrauch des Spanioltabaks einen ungünstigen Eindruck3), den das tief gesenkte, immer sinnende Haupt noch vermehrte. Nur auf seiner schönen Stirn und in dem glänzenden Auge sprachen erhebende Zeichen von den großen Gedanken, die eben damals in den stillen Nächten das Manuskript seines Don Carlos füllten.

Wenigstens quälte Julie den entbrannten Dichter durch berechnete Sprödigkeit, auch als er längst Erlaubnis erhalten hatte, ihr Haus zu besuchen, und während er durch wertvoll Geschenke, selbst in baren Summen, die seiner Garderobe sehr widersprachen, und von Göschen durch Vorschüsse auf den Don Carlos herbeigeschafft wurden, ihre Neigung zu gewinnen suchte, spottete sie heimlich seiner. Ja, die falsche Geliebte hatte ihrem Verehrer „die Weisung gegeben, dass, wenn er Licht in einem gewissen Zimmer sehe, er nicht ins Haus kommen dürfe, weil sie da in Familiengesellschaft sei. Seine Freunde wussten, dass sie dann von der Mutter begünstigtere Anbeter empfing. Der Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft begann; aber ein Zauberblick der Liebe riss ihn wieder hin.“

Endlich drangen die Freunde auf seine Entfernung, und Schiller ging, mit dem halben Gefühl der Einsicht in eine Verirrung, der erfahrenen Täuschung und Enttäuschung, im Sommer 1787 nach Weimar4).“ Die Trennung soll dem Mädchen viele Tränen gekostet haben, denn wahrscheinlich war sie nicht ganz freiwillige Betrügerin.

Schiller selbst schied von der Geliebten mit einer Art von Stammbuchblatt5), welches nicht ganz geeignet ist, uns glauben zu machen, dass er den Betrug, der mit ihm gespielt worden, durchschaut habe, das aber für uns den Übergang zu einem Wort über die fernere Gestaltung seiner Liederpoesie machen soll.

Am 2. Mai 1787

Ein treffend Bild von diesem Leben,
Ein Maskenball, hat dich zur Freundin mir gegeben.
Mein erster Anblick war – Betrug.
Doch unsern Bund, geschlossen unter Scherzen,
Bestätigte die Sympathie der Herzen.

Ein Blick war uns genug:
Und durch die Larve, die ich trug,
Las dieser Blick in meinem Herzen,
Das warm in meinem Busen schlug.
Der Anfang unsrer Freundschaft war nur – Schein,
Die Fortsetzung soll Wahrheit sein.

In diesen Lebens buntem Lottospiele
sind es so oft nur Nieten, die wir ziehn.
Der Freundschaft stolzes Siegel tragen viele,
Die in der Prüfungsstunde treulos fliehn.
Oft sehen wir das Bild, das unsre Träume malen,
Aus Menschenaugen uns entgegenstrahlen:
Der, rufen wir, der muss es sein!
Wir hoffen es, – und es ist Stein!

Den edeln trieb, der weich geschaffne Seelen,
Magnetisch aneinander hängt,
Der uns bei fremden Leiden uns zu quälen,
Bei fremdem Glück zu jauchzen drängt –
Der uns des Lebens schwere Lasten tragen,
Des Todes Schrecken selbst besiegen lehrt,
Durch den wir uns der Gottheit näher wagen,
Und leichter sich6) das Paradies entbehrt –
Den edeln Trieb, du hast ihn ganz empfunden,
Der Freundschaft seltnes, schönes Los ist dein.
Den höchsten Schatz, der Tausenden verschwunden,
Hast du gesucht – hast du gefunden,
Die Freundin eines Freunds zu sein.

Auch mir bewahre diesen stolzen Namen,
Ein Platz in deinem Herzen bleibe mein.
Spät führte das Verhängnis uns zusammen,
Doch ewig soll das Bündnis sein.
Ich kann dir nichts als treue Freundschaft geben,
Mein Herz allein ist mein Verdienst;
Dich zu verdienen will ich streben –
Dein Herz bleibt mir, wenn du das meine kennst.

Ü   Þ


1) Die erste Nachricht von dieser Neigung und ihrem Schicksal verdanken wir der Frau von Wolzogen (I, 22). Vollständiger hat uns jetzt Dr. Heinrich Döring aus K. A. Böttigers Nachlass und den öffentlichen Mitteilungen der im Jahr 1839 noch lebenden Künstlerin, Frau Sophie Albrecht, über das ganze Verhältnis unterrichtet, und wir bedienen uns zum Teil seiner Worte. ­
2) Der Name ist seitdem genannt worden. Bei den nachfolgenden Einzelheiten aber bleibt er besser weg.
­
3) Wer am 8. Mai 1839 unter Schillers Statue stand, über sich des Dichters verklärte Riesengestalt, dem wird es schwer, durch obige Worte seinen Heros „in den Rauch des irdischen Wesens“ zu hüllen und der menschlichen Richtigkeit einen so schweren Tribut zu bezahlen.
   Inzwischen erinnert die Schilderung der alten Freundin lebhaft an das Gemälde, das Horaz von einem Mann entwirft, dessen Äußeres auch vernachlässigt war,

– – – –nicht ganz für die feinen
Nasen der heutigen Welt; man kann sein lachen, dass Staffeln
Bäurisch entstellen das Haar, dass das Kleid ihm schlottert, und klappend
Hängt am Fuß der Schuh. Doch ist es ein Trefflicher: bessern
Mann nicht findest du wo. Doch birgt ein erhabener Geist sich
Hinter dem lässig behandelten Leib!
(Satir. I, 3.)

Und nach der Versicherung eines Scholiasten war der so Geschilderte – der größte römische Dichter; es war Virgil!
   Auch erschien nicht jedermann Schillers Gestalt und äußerliches Wesen damals so unangenehm. Wir verweisen in dieser Hinsicht auf die unten anzuführende Schilderung seiner Schwägerin. Wer ihn wahrhaft liebte und bewunderte, der gewann an dem Herrlichen alles lieb. „An dem Mann ist alles liebenswürdig“, pflegte ein Jenaer Schüler von ihm zu sagen, „selbst sein Schnupftabaksfleckchen unter der Nase kleidet ihn hold.“ (Bei Heinrich Voß, Briefe II, 59.)
   Die in unserm Text unterstrichenen Worte scheinen die Auffassung Thorwaldsens von dem Bild des Dichters zu rechtfertigen; aber ein klassischer Zeuge schreibt dem Verfasser (28. Nov. 1839): „Nie habe ich an Schiller, er mochte gehen, stehen oder sitzen, solche kopfhängerische Senkung des Hauptes, solch verdrießliches Gesicht erblickt. Huic Deus os sublime dedit coelumque tueri Jussit et erectos ad sidera tollere vultus. Aber hierin fehlen fast alle Bildnisse Schillers; nur Danneckers kolossale Büste hat ihn mir so vergegenwärtigt, wie er leibte und lebte.“
   Der Wahrheit die Ehre vor allem.
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4) Leben Schillers von Frau von Wolzogen I, 220 ff. sie gibt den Frühling an. Machte Schiller vielleicht einen Umweg?
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5) Wenn das Datum richtig ist. Das Gedicht ist echt und stammt von der, an die es gerichtet ist. Vergl. Dörings älteres Leben Schillers S. 120.
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6) In Dörings Abdruck steht hier „selbst“, was aber die Konstruktion ganz stört. Das Obige ist Konjektur.
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