Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Studien und Arbeiten

Die reizende Lage Dresdens am großen Elbstrom und die anmutige Umgebung kann nicht ohne Einfluss auf Schillers Dichtergeist geblieben sein. Auch wissen wir, dass er die meiste Zeit dort im Umgang mit der Natur zugebracht. Am Ufer der Elbe, bei Loschwitz, in einem von Reben umschlossenen Tal besaß Körner einen Weinberg mit einem angenehmen Wohnhaus, in welchem der Dichter in der Familie seines Freundes lebte. Ein Gartensaal auf der Anhöhe, wo die Weinpflanzung an ein Fichtenwäldchen grenzt, war ihm eingeräumt. Hier arbeitete er an seinem Don Carlos und gab dem schon gedichteten Teil des Dramas eine ganz neue Gestalt. Der Entwurf zu dem Fragment gebliebenen Schauspiel, der Menschenfeind, die Materialien zum Abfall der Niederlande, der Band von Geschichten der merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen, die Idee zum unvollendeten Geisterseher, durch Cagliostros abenteuerliche Gaukelspiele hervorgerufen – das alles, nebst einigen lyrischen Gedichten, entstand und sammelte sich hier und in Dresden. War nun der Dichter des Sinnens und Schaffens müde, so wandte er sich an die Natur. Eine seiner liebsten Erholungen war dann, auf einer Gondel den Strom hinab zu fahren, und charakteristisch ist, dass, wie einst der Knabe zu Lorch in einem Lindenwipfel die Wolkenwerkstatt der Blitze belauschte, so jetzt der Mann am liebsten seine Wasserfahrt bei Gewittern anstellte, wenn der Strom sich schäumend erhob und die ganze Natur im Kampf lag. Ein schmetternder Donnerschlag soll ihm hier ein „Bravo!“ an die Natur abgelockt haben, das in den Räubern von Effekt gewesen wäre. Weniger scheint ihn das gesellige Leben, in welches Fremde aus allen Weltgegenden Bewegung brachten, berührt zu haben, und die Kunstsammlungen und wissenschaftlichen Anstalten, der Umgang mit Künstlern und Künstlerinnen der Hauptstadt warfen ihm keinen bedeutenden Gewinn ab. Ja, messen wir einem strengen Worte Schillers selbst Glauben bei, so fehlte ihm das Interesse und der Sinn für die bildenden Künste1). Überhaupt scheute jetzt sein nach Innen gekehrtes Auge alle Zerstreuung und Zersplitterung, die von Außen drohte, und recht launig machte er, als schon an den ersten Akten des Don Carlos bei Göschen in Leipzig gedruckt wurde und dem Dichter die Vollendung des Werkes drängte, seinem Unmut über eine verdrießliche Unterbrechung in komischen Versen Luft. Die Körnersche Familie hatte eine Herbstfahrt gemacht, und die Appellationsrätin, unter der Voraussetzung, dass Schiller mitfahre, den Keller und alle Schränke verschlossen. So saß der Zurückgebliebene über seinem Trauerspiel ohne Speise und Trank und unter seinen Fenstern plätscherte eine große Hauswäsche. Da dichtete er in lustiger Verzweiflung „die Bittschrift eines niedergeschlagenen Trauerspieldichters an die Körnersche Waschdeputation“, welche mit dem Humor, der im Schwabenland und unter seinen Sängern noch auf den heutigen Tag zuhause ist, so verwandt klingt, dass man einem Schwaben, der seines Landsmanns Leben schreibt, es verzeihen wird, wenn er es hersetzt2):

Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
Die Tabaksdose ledig,
Mein Magen leer – der Himmel sei
Dem Trauerspiel gnädig!

Ich kratze mit dem Federkiel
Auf den gewalkten Lumpen;
Wer kann Empfindung, wer Gefühl
Aus vollem Herzen pumpen?

Feu’r soll ich gießen aufs Papier
Mit angefrornem Finger –
O Phöbus, hassest du Geschmier,
So wärm’ auch deinen Jünger!

Die Wäsche klatscht vor meiner Tür,
Es plärrt die Küchenzofe,
Und mich, mich führt das Flügeltier
Nach König Philipps Hofe.

Ich steige mutig auf das Ross,
In wenigen Sekunden
Seh’ ich Madrid; am Königsschloss
Hab’ ich es angebunden.

Ich eile durch die Galerie
Mit schnellem Schritt, belausche
Dort die Prinzessin Eboli
Im süßen Liebesrausche.

Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust
Mit wonnevollem Schauer,
In ihrem Augen Götterlust
Und in dem seinen Trauer.

Schon ruft das schöne Weib: Triumph!
Schön hör’ ich – – Tod und Hölle!
Was hör’ ich? – Einen nassen Strumpf
Geworfen in die Welle.

Und weg ist Traum und Feerei,
Prinzessin, Gott befohlen!
Der Henker mag die Dichterei
Beim Hemdenwaschen holen.

Schiller, Haus- und Wirtschaftsdichter.3)

Ü   Þ


1) Schillers Briefwechsel mit Humboldt, S. 449. Hoffmeister I, 280. ­
2) Aus Dörings älterem Leben Schillers, S. 112 ff. und Boas I, 66.
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3) Eine andere Version dieser ganzen Geschichte und ganz anders lautende Verse des Gedichtes finden sich in der „Skizze, Friedr. Schiller“, Leipzig bei Tauchnitz 1805 (S. 35), aus der sie wahrscheinlich Hinrichs (II, 158) hat. Dies muss einigen Zweifel gegen das Ganze erregen.
                                                                                             S., Febr. 1840.
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