Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
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                  Bei den Eltern
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                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
                  Lotte von Wolzogen
                  Poetische Arbeitenh
                  Aufe.in Mannheim
                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
                  Auszeichnung
                  Dramatische Arbeiten
                  Don Carlos. R. Thalia
                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
               Buch 2
               Buch 3
               Urkunden

Dramatische Berufsarbeiten

„Es kann geschehen“, äußert sich Schiller gegen seinen Reinwald vom 5. Mai 1784, „dass ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein periodisches dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Drama, oder an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen.“

Ehe dieser Plan ausgeführt wurde, machte Schiller noch einen misslungenen Versuch zu seinem alten Beruf, der Medizin, zurückzukehren. Dieser Entschluss erklärt sich aus dem Überdruss, den das Junggesellenleben, ohne Ordnung, ohne weibliche Fürsorge bei ihm erzeugte. Kleidung, Wohnung, unvermeidliche Ehrenausgaben verschlangen seinen kleinen Gehalt. „Sie glauben nicht“, sagt er zu Reinwald, „wie wenig Geld sechs- bis achthundert Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist – wie wenig Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist… Gott weiß, ich habe mein Leben hier nicht genossen, und noch einmal so viel, als an jedem andern Ort verschwendet. Allein und getrennt! Ungeachtet meiner vielen Bekanntschaften dennoch einsam und ohne Führung, muss ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen… tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung.“

Wirklich sah es in seiner Haushaltung betrübt aus. „Es würde“, sagt Streicher, „eine sehr belustigende, und des Pinsels eines Hogarths würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmer seines von immerwährender Begeisterung trunkenen Musensohns recht getreu darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches, und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platz finden1).“ Unter diesen drückenden Umständen hat der „Göttersohn“ wie sein Freund ihn in der Bewunderung nennt, den Fiesko und Kabale und Liebe umgearbeitet, und den ersten Akt des Don Carlos gedichtet.

Als es ihm nun zu viel wurde, und er immer noch unentschieden zwischen dem letztern, schon begonnenen Drama und einem andern Stoffe für die neue Theateraufgabe schwankte, kam ihm Dalbergs Rat, das Studium der Medizin wieder zu ergreifen, höchst erwünscht. Dieser war den kränklichen und zögernden Dichter bereits wieder satt, und hatte deswegen seinen Hausarzt an Schiller mit jenem wohlmeinenden Vorschlag abgesandt. Der Dichter erzählte dies seinem Freund Streicher mit argloser Freude; dieser aber war über die Zumutung, eine Feder wegzuwerfen, aus der drei Trauerspiele geflossen waren, welche alle andern der damaligen Zeit übertrafen, entrüstet. Der überdrüssige Dichter ließ sich jedoch nicht irre machen. Mit aufwallender Dankbarkeit schrieb er dem Gönner, „dass dieser schöne Zug seiner edeln Seele ihm blinden Gehorsam abnötige; dass er schon lange nicht ohne Ursache befürchtet, dass früher oder später sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie seine Brotwissenschaft bliebe und er derselben nicht bloß die reinsten Augenblicke widmen dürfte.“ Er bat deswegen um die Erlaubnis, ein Jahr lang für die Bühne weniger tätig sein zu dürfen, um das Versäumte in seinem Fach nachzuholen; die bedungene Unterstützung möchte man ihm fortwährend reichen, und Dienste, die er der Mannheimer Bühne erst nach Verfluss dieses Jahres zu leisten gedachte, als schon geleistet gelten lassen.

So hatte es Heribert von Dalberg nicht verstanden: Er wollte den Dichter für immer ohne allen Reukauf loswerden. Die mit Sehnsucht und Ungeduld erwartete Entschließung des Intendanten fiel kalt verneinend aus, wie Streicher, der das frühere Betragen Dalbergs nicht so gutmütig vergessen konnte, seinem Freund vorausgesagt hatte.

Auch dieser Schmerz diente dem starken Geist des Dichters zur Kräftigung. Er kehrte zur Bühne zurück, und beschloss seine ganze Zeit dieser, und insbesondere seinem Don Carlos zu widmen.

Am 26. Juni las er zum Eintritt in die deutsche Gesellschaft einen Aufsatz über die Frage: „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ Derselbe ist unter dem Titel „die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ in seine Werke aufgenommen, und neuerdings von Hoffmeister sorgfältig zergliedert und im rechten Verhältnisse zu seiner fortschreitenden Geistesbildung dargestellt, insbesondere auf die darin enthaltene Idee aufmerksam gemacht worden, „dass das ästhetische Gefühl und folglich auch die Kunst, in einem harmonischen Spiel und mittleren Zustand der sittlichen und geistigen Kräfte des Menschen liege“, eine Idee, auf welche er später seine ganze Theorie des Schönen erbaute2).

Schiller verteidigte in diesem Aufsatz die Schaubühne von ihrer edelsten Seite, als eine Gehilfin der Religion und der Gesetze. „Welche Verstärkung“, sagt er, „für diese, wenn sie mit der Schaubühne in Bund treten, wo Anschauung und elendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Torheit und Weisheit in tausend Gemälden fasslich und wahr an dem Menschen vorübergehen, wo die Vorsehung ihre Rätsel auflöst, ihren Knoten vor seinen Augen entwickelt, wo das menschliche Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt, und die Wahrheit unbestechlich wie Rhadamanthus Gericht hält. Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt… aber ihr Wirkungskreis dehnt sich noch weiter aus. Auch da, wo Religion und Gesetz es unter ihrer Würde achten, Menschenempfindungen zu begleiten, ist sie für unsere Bildung noch geschäftig (durch die Züchtigung der Torheit). Zugleich ist die Schaubühne mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele.“ Aber „nicht bloß auf Menschen- und Menschencharakter, auch auf Schicksale macht uns die Schaubühne aufmerksam, und lehrt uns die große Kunst, sie zu ertragen.“ Und nicht genug, „sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen zu sein, und nachsichtsvoller über ihn richten. Sie ist endlich der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, besseren Teile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt, und von da aus in mildern Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet.“

Was in dieser Rechtfertigung seines neuen Berufes von Schiller gesagt wird, ist wahr, auch wenn es gleich nicht der höchste Standpunkt ist, auf welchen die Poesie gestellt werden muss, und auf welchen sie Schiller nachher selbst stellte, als eine Herrin der Schönheit, nicht bloß als eine Dienerin der Pflicht. Er nannte später die religiösen und moralischen Wirkungen der Poesie und der Bühne nicht mehr Zweck, nicht mehr Dienst, aber er leugnete sie nicht als natürliche Folge. Zugleich zeigt dieser Aufsatz, mit welchem heiligen Eifer Schiller sein neues Amt im Dienst der Menschheit angetreten hat. –

Der Baron von Dalberg war gewohnt, jährlich dramaturgische Preisfragen zur Beantwortung aufzugeben, in welchen sich die Mitglieder der Mannheimer Bühne Rechenschaft über ihre Kunst und ihr Spiel ablegen sollten; die Aufsätze wurden in der Ausschussversammlung der Schauspieler vorgelesen, und dann empfing Dalberg die Manuskripte, und entschied mit Zuziehung der deutschen Gesellschaft und einiger dramaturgischen Schriftsteller. Schiller erkannte in der Teilnahme an dieser Anstalt eine sehr angenehme und fruchtbare Übung für seine freien Augenblicke, und erfuhr durch sie als dramatischer Schriftsteller mannigfache Belehrung. Zugleich machte die deutsche Gesellschaft jährliche Preisfragen bekannt und unserem Dichter wurde die vorläufige Durchsicht eingegangener Aufsätze übertragen. Unter diesen wurde Schiller durch die Handschrift seines Jugendfreundes Petersen3) überrascht: Alle traulichen Abende, alle Gespräche, alle Entwürfe der Stuttgarter Vergangenheit traten plötzlich vor seine Seele: „Ich musste in der Pfalz exulieren“, schreibt er seinem Freund, mit der Meldung, dass er ihm ein Accessit mit 25 Dukaten durchgesetzt habe, „ich musste Mitglied dieser Gesellschaft werden, um Dir vielleicht darin dienen zu können!“

Aus jener Beschäftigung mit den Aufsätzen der Mannheimer Schauspieler entwickelte sich nun allmählich der Plan Schillers zu einer dramaturgischen Monatsschrift, die eine Geschichte des Mannheimer Theaters, eine Übersicht seiner Einrichtung und seines Geschmacks, Schilderung seines Personals, Verzeichnis der gegebenen Stücke, Kritik des Spiels, fortlaufendes Monatsrepertorium, Aufsätze, Gedichte und die Preisaufgaben der Intendanz nebst deren Entscheidung enthalten sollte. Die Korrespondenz, welche Schiller mit Dalberg im Juni 1784 wegen dieses Planes führte, lässt keineswegs auf besondere Geneigtheit dieses letztern schließen; die Empfindlichkeit des Dichters ist in seinen Briefen sehr fühlbar, und er unterzeichnet dieselben kalt, bald mit vollkommenstem Respekt, bald nur mit vollkommenster Achtung. Endlich wurde am 2. Julius der Plan zu der Mannheimer Dramaturgie dem Intendanten vorgelegt; aber die Sache scheiterte an dem Geiz seines Gönners, welcher die jährliche Gratifikation von fünfzig Dukaten aus der Theaterkasse zu leisten sich nicht entschließen konnte.

Ü   Þ


1) Ganz ähnlich schildert Scharffenstein Schillers frühere Haushaltung in Stuttgart. ­
2) Hoffmeister I., 236.
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3) Johann Wilhelm Petersen, Bibliothekar zu Stuttgart, geb. zu Bergzabern im Elsass 1758, studierte auf der Karlsschule und wurde 1789 Professor der Diplomatik und Heraldik an derselben. Er starb um 1814. Der Aufsatz führte den Titel: „Über die Epochen der deutschen Sprache“, und wurde dem 2ten Band der „Schriften der Mannh. Deutschen Gesellschaft“ einverleibt.
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