Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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            Schwab - Schillers Leben
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               Inhalt
               Buch 1
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                  Bei den Eltern
                  Karlsakademie
                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
                  Lotte von Wolzogen
                  Poetische Arbeitenh
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                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
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                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
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               Buch 3
               Urkunden

Poetische Arbeiten und Aussichten in Bauerbach

Besonnener als in dem Herzen des Dichters sah es während dieser ganzen Zeit in seinem Geist aus. In der Mitte Januars schon war die „Louise Millerin“ fertig geworden, und schon wieder beschäftigten ihn neue Entwürfe. Dalberg hatte, wie wir gesehen haben, zuerst seine Aufmerksamkeit auf Don Carlos – (Schiller schrieb sehr lange, hartnäckig das spanische Idiom mit dem portugiesischen verwechselnd, Dom Karlos) – gelenkt, der junge Dichter aber diesen Wink nur im Vorübergehen ins Auge gefasst. Jetzt ließ er sich von seinem Freund, dem Bibliothekar Reinwald die bekannte historische Novelle Saint Reals über diesen unglücklichen Fürsten geben, und der Gegenstand begeisterte ihn so sehr, dass er auf der Stelle den Gedanken zu einer neuen Tragödie fasste, die sich in seinem Kopf mit andern dramatischen Stoffen, Imhof und Maria Stuart, stritten, wie denn auch Konradin von Schwaben in seinem Geist aufgestiegen war, dessen sich später seine Bewunderer und Nachahmer in längst vergessenen Stücken bemächtigten.

Reinwald war ihm jetzt, wie einst in Stuttgart Petersen, auch in Beziehung auf seine Muse ein willkommener Freund und Herzensrat. Durch Hypochondrie und immerwährende Kränklichkeit höchst reizbar und empfindlich gemacht, war dieser Mann seinem Kern nach doch ganz vortrefflich, und auch, was Geist und Kenntnisse betrifft, würdig von Schiller hochgehalten zu werden, wie er um seines Herzens willen von demselben geliebt wurde.

Diesem vertraute Schiller während seines Aufenthalts zu Bauerbach alle poetischen Nöten und Freuden. Ihm klagte er, wie ihn die von einer Seite so wohltätige Einsamkeit, von der andern Seite, doch auch wieder in der Produktion hemme und beschränke. Er war der Meinung, „dass das Genie, wo nicht unterdrückt werden, doch entsetzlich zurückwachsen, zusammenschrumpfen kann, wenn ihm der Stoß von außen fehlt.“ – „Mühsam“, äußert er sich gegen den Freund, „und wirklich oft wider allen Dank muss ich eine Laune, eine dichterische Stimmung hervorarbeiten, die mich in zehn Minuten bei einem guten, denkenden Freund selbst anwandelt, oft auch bei einem vortrefflichen Buch oder im offenen Himmel. Es scheint, Gedanken lassen sich nur durch Gedanken locken, und unsere Geisteskräfte müssen wie die Saiten eines Instruments durch Geister gespielt werden. Wie groß muss also das Originalgenie sein, das weder in seinem Himmelsstrich und Erdreich, noch in seinem gesellschaftlichen Kreis Aufmunterung findet, und aus der Barbarei selbst hervorspringt!“ (21. Februar.)

Durch Reinwalds Vermittlung hatte er wegen seines bürgerlichen Trauerspiels Druckunterhandlungen mit dem Buchhändler Weygand angeknüpft, ein Handel, der sich aber auch zerschlug. Der Freund in Meiningen hatte die Idee, ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar zu nehmen, wohin ihn Freunde und Verwandte zogen. Dort hätte er ihn bei den ersten Geistern eingeführt; Goethe und Wieland hätten ihn mit ihrem Rat unterstützt, ihm einen neuen Lebensplan vorgezeichnet, ihn in die förderndsten Verbindungen gebracht, und zwei verdrießliche, durch Krankheit sehr getrübte Jahre wären dem Dichter erspart geblieben.

Es sollte nicht so kommen. „Was den Dichter von dieser Reise abhielt“, sagt uns Streicher, „war die Sirenenstimme, die sich vom Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ.“

Drei Monate nachdem Schiller in Oggersheim so schnöde mit seinem Fiesko von Dalberg abgewiesen worden war, hatte dieser die Stirn, sich brieflich bei jenem wieder zu melden und zwar in solchen Ausdrücken, dass Schiller scherzend an Meier in Mannheim schrieb, es müsse ein dramatisches Unglück dort vorgegangen sein, weil er von Dalberg einen Brief erhalten. Allerdings wandte sich dieser Herr an Schiller unbedenklich wieder, sobald er seiner bedurfte. Er hatte die Trauerspiele Lanassa und Shakespeares Julius Cäsar unter der Schere, und fühlte wohl, wie trefflich ihm Schillers Dienste hierbei zustatten kommen würden. Der politische Eindruck der Räuber in Deutschland war verwischt und in dieser Beziehung die Vokation des Dichters nicht mehr gefährlich, und von den Schauspielern, die den Plan der Louise Millerin von Streicher begeistert auseinander setzen hörten, wurde er nach diesem Stück sehr lüstern gemacht.

Anfangs stutzte Schiller. „Ich kenne ihn ziemlich“, schrieb er am 27. Mai an Reinwald, „und meine Louise Millerin hat verschiedene Eigenschaften an sich, welche auf dem Theater nicht wohl passieren… Ehe ich mich in einen Weygand-artigen Handel mit Dalberg einlasse, will ich die Sache lieber gar nicht in Bewegung bringen.“ Zugleich schreibt er seinem Freund, „dass er nunmehr entschlossen und fest auf einen Don Carlos zu arbeite. Ich finde, dass diese Geschichte mehr Einheit und Interesse zum Grunde hat, als ich bisher geglaubt, und mir Gelegenheit zu starken Zeichnungen und erschütternden oder rührenden Situationen gibt. Der Charakter eines feurigen, großen und empfindenden Jünglings, der zugleich der Erbe einiger Kronen ist – einer Königin, die durch den Zwang ihrer Empfindung bei allen Vorteilen ihres Schicksals verunglückt – eines eifersüchtigen Vaters und Gemahls, – eines grausamen heuchlerischen Inquisitors und barbarischen Herzogs von Alba, sollten mir, dächte ich, nicht wohl misslingen.“ Alles war, wie man sieht, mit einem Schlag in Schillers Geist vorbereitet, und nur auf den Marquis Posa harrte der Plan noch. Zum Behelf der Vorstudien erbittet sich Schiller von Reinwald Brantomas Geschichte Philipps II. Auf ihre nächste Zusammenkunft sollte eine Szene von Don Carlos fertig sein, die Reinwald zu richten hätte.

Schon sechs Tage nach dieser Unterhaltung mit Reinwald, war (3. April) die Antwort an Dalberg fertig, kalt, gemessen, aber nicht verneinend, und ohne Empfindlichkeit. „… E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich misslungenen Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich wünsche nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück vorauszusagen. Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzu freien Satire und Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, hat dieses Trauerspiel auch diesen Mangel, dass Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselt, und, obschon die Entwicklung tragisch genug ist, doch einige lustige Charaktere und Situationen hervorragen. Wenn diese Fehler für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, dass Sie mit dem Übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der Vorstellung zu sehr auf, so wird alles Übrige, wenn es auch noch so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein, und ich werde es besser zurückbehalten… Gegenwärtig arbeite ich an meinem Don Carlos. Ein Sujet, das mir sehr fruchtbar scheint, und das ich E. E. zu verdanken habe.“

Und zu diesem Don Carlos kehrte er nun wieder mit ganzer Seele, aber mit einer mehr lyrischen als dramatischen Stimmung zurück. Am 14. April 1783, früh in der Gartenhütte, schreibt er seinem Freund Reinwald: „In diesem herrlichen Hauch des Morgens denk’ ich Sie, Freund, – und meinen Carlos. Meine Seele fängt die Natur in einem entwölkten blankeren Spiegel auf, und ich glaube, meine Gedanken sind wahr. Prüfen Sie solche.“ Nun führt eine scharfsinnige, tiefsinnige, ja spitzfindige Meditation in dem Brief den Gedanken aus, dass jede Dichtung nichts anders sei, als eine enthusiastische Freundschaft oder platonische Liebe zu einem Geschöpf unseres Kopfes. Selbst die Liebe sei ein solcher glücklicher Betrug; nicht für das fremde, uns ewig nie eigen werdende Geschöpf erschrecken, erglühen, zerschmelzen wir, sondern wir leiden dies alles nur für das Ich, dessen Spiegel jenes Geschöpf ist. „Ich nehme selbst Gott nicht aus. Gott, wie ich mir denke, liebt den Seraph so wenig als den Wurm, der ihn unwissend lobet. Er erblickt sich, sein großes unendliches Selbst, in der unendlichen Natur umhergestreut. In der allgemeinen Summe der Kräfte bewahrt er augenblicklich sich selbst, sein Bild sieht er aus der ganzen Ökonomie des Erschaffenen vollständig, wie aus einem Spiegel zurückgeworfen und liebt sich in dem Abriss“ … „Der ewige innere Hang, in das Nebengeschöpf überzugehen, dasselbe in sich hineinzuschlingen, ist Liebe… Verwechslung eines fremden Wesens mit dem unsrigen.“ – Nun „das, was wir für einen Freund, und was wir für einen Helden unserer Dichtung empfinden, ist eben das… Ein großer Dichter muss wenigstens die Kraft zur höchsten Freundschaft besitzen… Wir müssen die Freunde unserer Helden sein, wenn wir in ihnen zittern, aufwallen, weinen und verzweifeln sollen… Der Dichter muss weniger der Maler seines Helden – er muss mehr dessen Mädchen, dessen Busenfreund sein.“ Und so trägt denn auch Schiller den Carlos an seinem Busen, – er schwärmt mit ihm durch die Gegend um – um Bauerbach herum. „Carlos hat von Shakespeares Hamlet die Seele – Blut und Nerven von Leisewitz’ Julius – und den Puls von mir.“

Wann ist ein Irrtum beredter und verführerischer verteidigt worden? denn dass es ein Irrtum sei, beweist die Schöpfungsweise Shakespeares, Goethes, des spätern Schiller selbst – und gewiss auch der Schöpfungsakt der ewigen Liebe, soweit wir ihn begreifen können.

Noch dankt in jenem herrlichen Briefe Schiller dem Freunde für seinen letzten Brief, der ihm in seinem Herzen ein unvergessliches Denkmal gesetzt habe. „Sie sind der edle Mann, der mir so lange gefehlt hat, der es wert ist, dass er mich mit samt allen meinen Schwächen und zertrümmerten Tugenden besitze, denn er wird jene dulden, und diese mit einer Träne ehren.“

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