Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
                  Geschlecht
                  Bei den Eltern
                  Karlsakademie
                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
                  Lotte von Wolzogen
                  Poetische Arbeitenh
                  Aufe.in Mannheim
                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
                  Auszeichnung
                  Dramatische Arbeiten
                  Don Carlos. R. Thalia
                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
               Buch 2
               Buch 3
               Urkunden

Lotte von Wolzogen und der Dichter

So lebte Schiller, nur in der farbigen Region der Dichtung Lust und Abwechslung findend, auf seiner literarischen Wartburg, in poetische Arbeiten und Entwürfe vertieft, doch nicht ganz ohne Sehnsucht nach der geselligen Welt. Zwar hatte er sich in dieser arg betrogen gefunden, und die Erfahrungen, die er gemacht, hatten ihm gegen Streicher in dem angeführten Brief die bittere Äußerung abgepresst: „Wenn man die Menschen braucht, so muss man ein H…t werden, oder sich ihnen unentbehrlich machen, eines von beiden oder man sinkt unter.“ Und dennoch verlangte ihn in seiner Einsamkeit bald wieder nach diesen Menschen. Als daher im Januar 1783 seine mütterliche Freundin, Frau von Wolzogen, mit ihrer Tochter Charlotte von Stuttgart, wo sie ihrer Söhne wegen wohnte, auf kurze Zeit nach Sachsenmeiningen kam, und auch einige Tage in Bauerbach verweilte, flog ihr sein ganzes Herz entgegen, und als sie sich wieder auf ein anderes Gut in der Gegend entfernt hatte, schrieb er ihr unter anderem am 4. Januar: „Seit Ihrer Abwesenheit bin ich mir selbst gestohlen. Es geht uns mit großen lebhaften Entzückungen wie demjenigen, der lang in die Sonne gesehen. Sie steht noch vor ihm, wenn er das Auge längst davon weggewandt. Er ist für jede geringere Strahlen verblindet. Aber ich werde mich wohl hüten, diese angenehme Täuschung auszulöschen. Auf die Bekanntschaft Ihres Freundes freue ich mich als auf einen zu machenden Fund. Sie glauben nicht, wie nötig es ist, dass ich edle Menschen finde. Diese müssen mich mit dem ganzen Geschlecht wieder versöhnen, mit welchem ich mich beinah’ überworfen hätte. Es ist ein Unglück, meine Beste, dass gutherzige Menschen so leicht in das entgegengesetzte Ende geworfen werden, den Menschenhass, wenn einige unwürdige Charaktere ihre warmen Urteile betrügen. Gerade so ging es mir. Ich hatte die halbe Welt mit der glühendsten Empfindung umfasst, und am Ende fand ich, dass ich eine Eisklumpen in den Armen habe.“ Der Freund, auf den er sich freute, scheint ein Prediger in Walldorf, dem Stammgut der Familie, gewesen zu sein, wo sich Frau von Wolzogen bei ihrem Bruder, dem Oberhofmeister von Marschalk aufhielt und von Schiller bald darauf besucht wurde. Als er wieder zu Hause war, schrieb er ihr am 10. Januar: „Es ist schrecklich, ohne Menschen, ohne irgendeine mitfühlende Seele zu leben; aber es ist auch ebenso schrecklich, sich an irgendein Herz zu hängen, wo man, weil doch auf der Welt nichts Bestand hat, notwendig einmal sich losreißen und verbluten muss. Ich falle in eine düstere Lauen und muss abbrechen.“

Diese leidenschaftliche Stimmung des Jünglings gegen eine alte Frau müsste unnatürlich erscheinen, wenn wir nicht wüssten, dass eine keimende Neigung zu der liebenswürdigen Tochter, die schon in diesem Brief zutraulich „die gute Lotte“ von ihm genannt wird, dahinter verborgen war. Nur daraus erklärt sich auch das feindliche Misstrauen, das sich vorübergehend seiner plötzlich gegen die edle Freundin bemächtigen konnte, so dass er, als Frau von Wolzogen wieder einen Augenblick in Bauerbach erschienen war, vier Tage nach jenem zärtlichen Brief aus Bauerbach entwichen, von einem uns unbekannten Ort, H… aus, den 14. Jänner in einem wahren Räubersparoxysmus an seinen Freund Streicher nach Mannheim schreiben konnte: „So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen scheitern! Irgendein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt herum. Hören Sie nun! Ich bin, wenn Sie diesen Brief empfangen, nicht mehr in Bauerbach. Erschrecken Sie aber nicht; ich bin vielleicht besser aufgehoben! … Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr, die Freundschaft des Menschen ist das Ding, das sich des Ruhmes nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen. Gottlob, das letztere war diesmal nicht. Die gnädige Frau versichert mich zwar, wie sehr sie gewünscht hätte, ein Werkzeug im Plan meines künftigen Glückes zu sein – aber – ich werde selbst so viel Einsicht haben, dass ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müssten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme. Das war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund – und ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel. Durch die Bemühung meines sehr erprobten Freundes bin ich einem jungen Herrn von Wrmb1) bekannt geworden, der meine Räuber auswendig kann, und vielleicht eine Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er eine Schwester…! Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als ein Dichter vom ersten Rang figuriere, so erscheine ich wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer Wald, dort ganz mir selbst und der Freundschaft leben, und, was das beste ist, schießen lernen; denn mein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe, dass das eine glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen machen soll…“

Dieser Brief voll Kavaliersgedanken, der mit Schillers Charakter in vieler Beziehung nicht übereinstimmt, scheint, nach einem Gelage mit seinem improvisierten Freund Wrmb geschrieben, und glücklicherweise verflogen Stimmung und Plan wie der Schaum im Champagnerglas. Die Eifersucht, die ihn plötzlich in der Schwester des Thüringer Barons einen Engel und in diesem selbst auch einen Boten des Himmels, und nicht wieder „fremde Menschenhilfe“ erblicken ließ, führte die Feder dabei. Sein neuester Biograph, Hoffmeister, macht die sehr treffende Bemerkung zu dieser Geschichte, dass heroische Gemüter eigentlich für das Unglück gemacht sind und in glücklichen Verhältnissen verlieren. So zeigte auch Schiller in Mannheim eine festere und ruhigere Haltung als in Bauerbach.

Inzwischen war alles bald wieder ins Gleiche gebracht; vielleicht hatte der Baron selbst durch sein Betragen dafür gesorgt, dem verblendeten Dichter die Augen zu öffnen, wiewohl dieser ihn auch später von Mannheim aus (12. September 1783) „seiner ewigen Achtung“ versichern ließ. Noch vor dem 25. Januar war Schiller wieder in Bauerbach und schmiedete, in Eintracht mit seiner alten Freundin, einen ostensibeln Brief an Wilhelm von Wolzogen, der die Nachforschung nach Schillers Aufenthalt irreleiten sollte, von Frankfurt am Main datiert war, und in welchem stand: „Ich reise nach Amerika, und dies soll mein Abschiedsbrief sein.“ Ein anderer Brief war angeblich von Hannover aus an Frau von Wolzogen in demselben Sinne geschrieben, dass er gelesen würde. In diesem Brief fand sich, unter vielem sinnreich und wahrscheinlich Erlogenem, wie z. B. scheinbaren Beziehungen auf Laura, doch etwas, das Schillern, viel mehr als die Lust, im frei gewordenen Amerika mit siedenden Adern einige Sprünge zu machen, Ernst war: „Sie haben mich“, schreibt er, „in Ihrem letzten Briefe gebeten, den Herzog in Schriften zu schonen, weil ich doch (meinen Sie) der Akademie viel zu verdanken hätte. Ich will nicht untersuchen, wie weit dem so ist, aber mein Wort haben Sie, dass ich den Herzog von Württemberg nie verkleinern werde; im Gegenteil hab’ ich seine Partei gegen Ausländer schon hitzig genommen.“

Schwerlich hätte diese überzuckerte Pille ihre Wirkung getan, wenn der Herzog die Briefe aufgefunden hätte. Übrigens war er großmütig genug, auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung treffen zu lassen, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt zu bekommen und zu bestrafen. „Ich habe“, schrieb Schillers Vater am 8. Dezember 1782 an Schwan nach Mannheim, „hier noch nicht das Geringste bemerkt, dass Seine Herzogl. Durchlaucht sich entschließen sollten, meinen Sohn aufsuchen und verfolgen zu lassen. Auch ist dessen Posten längst wieder besetzt, ein Umstand, der merklich zu erkennen gibt, dass man meinen Sohn entbehren kann.“

In demselben Brief zürnt der alte Schiller auf eine recht väterliche Weise über die Flucht seines Sohnes: „Er hat sich selbst“, sagt er, „durch sein unzeitliches Weggehen, wider seiner wahren Freunde Rat, in seine gegenwärtige Lage versetzt, und es wird ihm an Leib und Seele gut sein, wenn er sie empfindet, und dadurch für die Zukunft klüger gemacht wird. Ich befürchte jedoch nicht, dass er Mangel am Notdürftigen leiden sollte, denn in solchem Falle würd’ ich ihn nicht lassen können.“

Zu Ende Januars hatte Frau von Wolzogen Bauerbach mit ihrer Tochter wieder verlassen; Schiller sandte ihr am 1. Februar 1783 einen herzlichen Brief nach, aus welchem wir zugleich erfahren, dass auch an seine Eltern eben ein Brief fort gewandert, welchen er sie durch mündliche Erzählung zu ergänzen bittet. Aber gerade während der Abwesenheit von Mutter und Tochter befestigte sich die Neigung zu der letztern im Herzen des in der Abgeschiedenheit für solche Eindrücke besonders empfänglichen Dichters und die Eifersucht schürte fortwährend an der kleinen Flamme. Er erfuhr, dass ein Fremder aus Stuttgart Absichten auf das Fräulein habe, und von der Mutter selbst, dass dieser Herr sich nicht abhalten lasse, mit ihr nach Meiningen zu reisen. Ein ausführliches Schreiben an Frau von Wolzogen vom 27. März leugnet gar nicht, dass ihn die Gleichgültigkeit, womit die Mutter diesen Umstand berührt, in die äußerste Befremdung setze. „Wenn sich Herr von … mit ihnen in M. einfinden sollte, so ist es durchaus unmöglich, dass ich Ihre Ankunft erwarten kann. Lassen Sie sich diese Nachricht nicht bestürzen, liebe Freundin, und gönnen Sie mir ruhiges Gehör. Ganz Meiningen weiß, dass sich ein Württemberger in Bauerbach aufhält, dass dieser ein sehr guter Freund von Ihnen ist, und dass er sich mit Schriften beschäftigt… Man war schon lange begierig, diesem verkappten „Ritter“ auf die Spur zu kommen; man hat sogar wegen einiger Äußerungen des vorigen Herzogs auf den wahren geraten. Nehmen Sie nun dieses alles zusammen und lassen Sie besagten Herrn nach M. kommen… Ich gebe ihnen zu bedenken, ob eine Person, die, so wie jener Herr, von unserm Tun und Lassen unterrichtet ist, die mehr als tausend andere neugierig ist, und vorzüglich neugierig auf meine Schicksale ist… Bei der ausgestreuten Erdichtung stehen bleiben werde… ob er der Mann ist, der in das Geheimnis gezogen werden darf? Ich erkläre ihnen entschlossen und offenherzig, dass ich das Letztere niemals zugeben werde. Ich will ihm durchaus nichts von seinem Werte benehmen, denn er hat wirklich einige schätzbare Sitten; aber mein Freund wird er nicht mehr, oder gewisse zwei Personen müssten mir gleichgültig werden, die mir so teuer wie mein Leben sind.“ Und nun erklärt er, wenn die Sache nicht zurückgetrieben werden kann, sie verlassen zu müssen. „Ist der Fall unvermeidlich, so bitte ich Sie inständig, es mir bei Zeiten wissen zu lassen, dass ich mich in Betracht meiner Barschaft darnach richten kann… Die Mannheimer verfolgen mich mit Anträgen um mein ungedrucktes Stück, und Dalberg hat mir auf eine verbindliche Art über seine Untreue Entschuldigungen gemacht.“ Er will nach Berlin, wohin ihm Adressen in Menge zu Gebote stehen.

War es ein Wunder, dass Frau von Wolzogen, welche blind sein musste, wenn sie das Feuer in diesem Briefe nicht hätte brennen gesehen, jetzt nicht mehr bloß aus verzeihlicher Besorgnis für ihre Söhne, sondern auch aus pflichtmäßiger Sorge für ihre Tochter, die Entfernung des jungen Schriftstellers aus ihrem Hause wünschen musste? Zwar, der Freier kam nicht nach Meiningen, und Schiller blieb in Bauerbach. Inzwischen verhehlte die gute Pflegemutter selbst ihm ihre Unruhe in Briefen nicht; auch scheint ihm, auf einen sonderbaren und leidenschaftlichen Brief an seien Schwester Christophine, diese auf eine Weise geantwortet zu haben, dass der Wunsch der Frau von Wolzogen, Schiller entfernt zu sehen, noch immer wahrscheinlich blieb. Absichtlich oder unabsichtlich hatte Schiller die Antwort der Schwester bei seinem Freund Reinwald in Meiningen liegen lassen; diesen rührte der Brief, in welchem er „so viel reifes Denken, und herzliche, besorgte Wohlmeinung“ gegen seinen Freund entdeckte, so innig, dass er, die Schwester zu beruhigen, in Korrespondenz mit ihr trat (27. Mai 1783). „Mir ist es selbst Rätsel“, schreibt er, „warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung fürchtet, und dass sie auf die Veränderung von unseres Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letztern zu widersprechen, es müsste denn sein, dass sie aus Beweggründen der Sparsamkeit handelte… Hier residiert ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen lässt, dem der württembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den Hals fallen?“

Indessen gibt Reinwald zu, dass Schiller Gelegenheit finden sollte, menschliche Charaktere viel zu kennen, weil er sie auf der Bühne schildern soll, und dass er sich durch Gespräche über Natur und Kunst, durch freundschaftliche, innige Unterhaltung sollte aufheitern können, wenn durch denken und niederschreiben das Mark seines Geistes vertrocknet sei. „Ich wünsche daher sehnlich, dass er künftigen Herbst in einer großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. E. in Berlin verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener Männer, die ihn vor der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem Ort herrscht. Wien hat zwar weniger verderbte Sitten und mehr Deutschheit, aber der Fehler ist da, dass man mit dem Geld gut umzugehen verlernt.“

So gut der treffliche Schreiber dieses Briefes verwundbare Seiten und Schwächen seines Freundes gekannt zu haben scheint, so durchschaute er doch nicht den Beweggrund, „warum der Herr Bruder zum Weggehen gar nicht inklinierte“, und glaube nur, „seine Wohltäterin habe ihn von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen.“ Er hatte es also nicht verstanden, wenn ihm Schiller schon am 27. November geklagt hatte: „Einsamkeit, Missvergnügen über mein Schicksal, fehlgeschlagene Hoffnungen, und vielleicht auch die veränderte Lebensart haben den Klang meines Gemüts, wenn ich so reden darf, verfälscht, und das sonst reine Instrument meiner Empfindung verstimmt. Die Freundschaft und der Mai sollen es, hoff’ ich, aufs Neue in Gang bringen. Ein Freund soll mich mit dem Menschengeschlecht, das sich mir auf einigen hässlichen Blößen gezeigt hat, wieder aussöhnen.“

Während Reinwald, der durch fortgesetzten Briefwechsel mit Schillers Schwester zuletzt ihr Herz gewann und des Dichters Schwager wurde, in Beziehung auf die Herzensangelegenheit dieses Letztern ganz im Dunkeln war, sorgte Schiller selbst dafür, dass seine immer heftiger werdende Leidenschaft nicht zweifelhaft blieb. Am 8. Mai schrieb er an Frau von Wolzogen ganz lakonisch: „Fräulein Lotte ist, wie es zu Meiningen verlautet, Braut mit H. von …, ich gratuliere also per Abschlag.“ Bald darauf zog seine Geliebte mit der Mutter in Bauerbach durch eine Allee von Maien und die Ehrenpforte von Tannen ein, welche der Dichter von ihren Bauern hatte aufführen lassen.

Einige Tage später, am 25. Mai, beantwortete er einen unerwarteten Brief Wilhelms von Wolzogen. „Hier zum ersten Male“, sagt er von Bauerbach, „habe ich es in seinem ganzen Umfang gefühlt, wie gar wenig Zurüstung es fordert, ganz glücklich zu sein. Ein großes, ein warmes Herz ist die ganze Anlage zur Seligkeit, und ein Freund ist ihm Vollendung… Sonderbar finde ich die Wege des Himmels auch hier. Acht Jahre mussten wir beieinander sein, uns gleichgültig sein. Jetzt sind wir getrennt, und werden uns wichtig. Wer von uns beiden hätte auch nur von fern die verborgenen Fäden geahnt, die uns einmal so fest aneinander zwingen sollten und ewig… Sie, mein Bester, haben den ersten Schritt getan, und ich erröte vor Ihnen. Immer verstand ich mich weniger darauf, Freunde zu erwerben, als die Erworbenen fest zu halten. – Sie haben mir Ihre Lotte anvertraut, die ich ganz kenne. Ich danke Ihnen für diese große Probe Ihrer Liebe zu mir… Glauben Sie meiner Versicherung, bester Freund, ich beneide Sie um diese leibenswürdige Schwester. Noch ganz wie aus den Händen des Schöpfers, unschuldig, die schönste, reichste, empfindsamste Seele, und noch kein Hang des allgemeinen Verderbnisses am lauteren Spiegel ihres Gemüts… Wehe demjenigen, der eine Wolke über diese schuldlose Seele zieht! – Rechnen Sie auf meine Sorgfalt für ihre Bildung, die ich nur darum beinahe fürchte zu unternehmen, weil der Schritt von Achtung und feurigem Anteil zu andern Empfindungen so schnell getan ist. – Ihre Mutter hat mich zu einem Vertrauten in einer Sache gemacht, die das ganze Schicksal Ihrer Lotte entscheidet. Sie hat mir auch Ihre Denkungsart über diesen Punkt entdeckt… Ich kenne den Herrn von… Einige Kleinigkeiten haben uns untereinander missstimmt; dennoch, glauben Sie es meinem aufrichtigen, unbestochenen Herzen, er ist Ihrer Schwester nicht unwert. Ein sehr guter und edler Mensch, der zwar gewisse Schwachheiten, auffallende Schwachheiten an sich hat, die ich ihm aber mehr zu Ehre als zur Schande rechnen möchte. Ich schätze ihn wahrhaft, obschon ich zur Zeit kein Freund von ihm heißen kann. Er liebt Ihre Lotte, und ich weiß, er liebt sie als ein edler Mann, und Ihre Lotte liebt ihn, wie das Mädchen, das zum ersten Male liebt. Mehr brauch’ ich Ihnen nicht zu sagen. Außerdem hat er andre Ressourcen, als seine Porte-Epée, und ich bürge dafür, dass er sein Glück in der Welt machen kann.“

Wie liebenswürdig streiten Liebe, Edelmut, Wahrheitsliebe und Eifersucht in diesem merkwürdigen Brief! Ein entsetzlicher Gedanke war es ihm, dass diese angebetete Lotte in einer Pension verkümmern sollte, in welcher die Herzogin von Gotha sie erziehen zu lassen den Anfang gemacht hatte, für ihn, dem alles konventionelle Leben damals ein Gräuel deuchte, den man „zwischen Spandau und einer Assemblée wählen lassen dürfte“, dem alle Prärogativen so zuwider waren, dass er an seiner mütterlichen Freundin nur den Adelsbrief eines schönen Lebens anerkannte, und „den hasste, den sie mitgebracht2).“ – „Mein Herz ist zwischen Ihnen und unsrer Lotte“, schreibt er am Morgen des 28. Mai, „und begleitet Sie bis ins Zimmer der Herzogin… Heute wünsche ich Ihnen die Stimme des Donners, die Festigkeit eines Felsen und die Verschlagenheit der Schlange im Paradies… Sagen Sie die ganze Pension ab, so will ich alle Jahr eine Tragödie mehr schreiben, und auf den Titel setzen: Trauerspiel für Lotte.“

Eigentlich wollte er noch viel mehr tun. Hätte seine Leidenschaft Gehör gefunden, so wäre er bereit gewesen, um ein Schäferleben nicht alle Jahre eine Tragödie weiter zu schreiben, sondern selbst die Poesie herzugeben. „Es war eine Zeit“, sagte er seiner Freundin am 30. Mai, „wo mich die Hoffnung eines unsterblichen Ruhmes so gut als ein Gallakleid ein Frauenzimmer gekitzelt hat. Jetzt gilt mir alles gleich, und ich schenke Ihnen meine dichterischen Lorbeer in dem nächsten Boeuf à la Mode, und trete Ihnen meine tragische Muse als eine Stallmagd ab. Wie klein ist doch die höchste Größe eines Dichters gegen den Gedanken glücklich zu leben. Mit meinen vormaligen Plänen ist es aus, beste Freundin, und wehe mir, wenn das auch von meinem jetzigen gelten sollte. Dass ich bei Ihnen bleibe, und wo möglich begraben werde, versteht sich… Nur das ist die Frage, wie ich bei Ihnen auf die Dauer meine Glückseligkeit gründen kann. Aber gründen will ich sie oder nicht leben, und jetzt vergleiche ich mein Herz und meine Kraft mit den ungeheuersten Hindernissen, und ich weiß es, ich überwinde sie.“

Schiller selbst nennt diesen Brief einen tollen Brief; der Himmel „lächelte gnädig Nein und ließ den Wunsch zusamt der Pein vorübergehen“, wie ein jüngerer Geistesverwandter des Dichters sagt. Lotte wurde zwar nicht die Beute des gefürchteten Edelmannes, dessen „Anmaßung“ nicht nur dem Dichter, sondern auch dem Mädchen Unwillen eingeflößt zu haben scheint; aber auch die Neigung des Poeten blieb unbemerkt, und mit nichts anderem als freundschaftlichem Gefühl erwidert. Nach einigen Jahren gab Lotte ihre Hand einem andern Mann und wurde nach ihrer ersten Niederkunft den Ihrigen durch den Tod entrissen.

Ü   Þ


1) So schreibt Schleicher. Bei Frau v. Wolzogen heißt er Wurmb. ­
2) Schillers Leben von Fr. v. Wolzogen, I, 126, 134.
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