Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
                  Lotte von Wolzogen
                  Poetische Arbeitenh
                  Aufe.in Mannheim
                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
                  Auszeichnung
                  Dramatische Arbeiten
                  Don Carlos. R. Thalia
                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
               Buch 2
               Buch 3
               Urkunden

Das Gericht über Fiesko

Endlich war, in den ersten Tagen des November, Fiesko für das Theater umgearbeitet, und ihm der tragische Schluss gegeben, der sich am nächsten an die historische Wahrheit anschloss. Kurz zuvor hatte Streicher, da mit dem Oktober die kleine Barschaft zu Ende ging, um den Rest seines Hamburger Reisegeldes an die Mutter geschrieben. Das alles sollte Dalbergs Honorar ersetzen. Ruhig und zufrieden ging deswegen Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene Manuskript einzuhändigen, denn er glaubte nun dem Ende seiner Bedrängnisse entgegen zu sehen. Da jedoch auf Meiers Mitteilung acht Tage lang keine Nachricht von Dalberg einlief, so entschloss er sich, an diesen kalten Gönner, der sich seither so wenig um den Dichter der Räuber bekümmert hatte, dass er ihm erst seinen Aufenthaltsort melden musste, am 16. November von Oggersheim aus zu schrieben und ihm zu sagen, „wie er seit acht Tagen in der größten Erwartung lebe, wie Se. Exzellenz den Fiesko befänden!“ – „Es sollte ein ganzes, großes Gemälde des wirkenden und gestürzten Ehrgeizes werden.“ Damit mochte der Theaterdirektion, meinte er, dem Schauspieler und Zuschauer schon ein ziemliches zugemutet sein. Freilich: Dürfte er das Stück ohne Rücksicht auf den Theaterzweck, nach seinem Sinn herausgeben, so würde es durch die Herausnahme einer einzigen Episode in ein einfacheres Theaterstück zusammenschmelzen. – Am Schluss des Briefes bat er, wenn nicht um eine Entscheidung über die Theaterfähigkeit, doch um das Urteil des Dramaturgisten.

Am Abend dieses Tages, als Schiller mit seinem Gefährten über die Schwelle des Meierschen Hauses zu Mannheim trat, fand er die dortigen Freunde in der größten Bestürzung. Vor kaum einer Stunde war ein württembergischer Offizier bei ihnen gewesen, der sich angelegentlich nach dem Dichter erkundigt hatte. Allen schwebte Schubarts Schicksal vor der Seele, und während die Gefahr besprochen wurde, klingelte es an der Haustüre; Schiller rettete sich mit Streicher durch eine Tapetentüre in das anstoßende Kabinett. Ein Bekannter des Hauses tritt ein, und meldet erschrocken, dass der Offizier auch auf dem Kaffeehaus sehr sorglich nach Schiller gefragt, er ihm aber darauf zur Antwort gegeben habe, dass Schiller längst nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Versteck hervor, aber nach Oggersheim zurückzukehren, schien so wenig ratsam, als in Mannheim zu bleiben. Endlich schaffte eine besonnene Frau Rat. Madame Curioni, die Aufseherin im Palais des Prinzen von Baden, erbot sich mit der anmutigsten Güte, die Freunde, solange die Gefahr dauerte, dort zu verbergen. Hier wurde ihnen ein geschmackvolles Asyl angewiesen, und sie befanden sich in einem Zimmer, das mit Lebruns Alexanderschlachten in Kupferstichen geziert war, ganz vortrefflich. Am andern Morgen wagte sich Streicher aus dem Palast, und erfuhr durch den für die Freunde treulich besorgten Meier, dass der Offizier keine Aufträge an das Gouvernement gehabt, und schon am vorigen Abend abgereist sei.

Erst nach Schillers Entfernung löste ein Brief seines Vaters das Rätsel. Der Fremde war ein akademischer Freund Schillers, der Leutnant und Adjutant von Koseritz (nicht Kosewitz1)), der auf einer Reise den alten Bekannten argloser Weise aufsuchen wollte.

Die Lage des durch eine, zwar unnötige, Angst gewarnten Dichters schien indessen so unsicher, dass unter Zustimmung aller anwesenden Freunde von ihm beschlossen wurde, sobald der Fiesko angenommen wäre, nach Sachsen, oder eigentlich Franken, zu reisen, wo die Vorsehung für eine neue Zufluchtsstätte des Landesflüchtigen gesorgt hatte. Eine edle Dame, die Freifrau von Wolzogen, von deren drei auf der Akademie studierenden Söhnen sich der älteste, Wilhelm von Wolzogen, später aufs innigste an den Dichter anschloss, war mit dem jungen Schiller schon in Stuttgart näher bekannt geworden, und nahm auch jetzt innigen Anteil an seinem Schicksal. Sie lebte, Mutter von vier Söhnen und einer Tochter, in beschränkten Glücksumständen, auf ihrem Familiengut Bauerbach, eine Stunde von Meiningen, wo sie sich ein kleines Haus gekauft hatte, da das Gut mit der Herrschaftswohnung dem älteren Bruder zugefallen war. Als Schiller dieser mütterlichen Freundin nach seinem Arrest den Vorsatz, von Stuttgart zu entfliehen, anvertraut hatte, bot diese ihm schon damals die Verborgenheit ihres einsamen Aufenthalts in dem abgeschiedenen Waldtal an, von welcher der bedrängte Dichter jetzt Gebrauch zu machen, und sich an Frau von Wolzogen deswegen zu wenden beschloss. „Während das Wohl ihrer eigenen Söhne in des Herzogs Hand lag, wagte sie viel, wenn sie den Verfolgten in ihr Haus aufnahm, aber ihre großmütige Freundschaft berechnete nicht.“

Sobald der Dichter diesen Entschluss gefasst hatte, regte sich die schmerzliche Sehnsucht, die Seinigen noch einmal zu sehen, in der Seele des Verbannten. Sichtbar ist die Bewegung in dem Briefchen, das er am 19. November der Post anvertraute: „Beste Eltern“, schrieb er, „da ich gegenwärtig zu Mannheim bin, und in fünf Tagen auf immer weggehe, so wollte ich mir und Ihnen noch das Vergnügen berieten, uns noch zu sprechen. Heute ist der 19., am 21. bekommen Sie diesen Brief, wenn Sie also unverzüglich von Stuttgart weggehen, so könnten Sie am 22. zu Bretten im Posthaus sein, welches ungefähr halbwegs von Mannheim ist, und wo sie mich antreffen. Ich denke, Mama und die Christophine könnten am füglichsten, und zwar unter dem Vorwand, nach Ludwigsburg zu Wolzogen zu gehen, abreisen. Nehmen Sie die Fischerin Wolzogen auch mit2), weil ich beide auch noch, vielleicht zum letzten Male, die Wolzogen3) ausgenommen, spreche [d. h. sprechen möchte]. Ich gebe Ihnen ein Carolin Reisegeld, aber nicht bälder4) als zu Bretten. An der schnellen Befolgung meiner Bitte will ich erkennen, ob Ihnen noch teuer ist – Ihr ewig dankbarer Sohn Schiller.“

Ob diese Zusammenkunft, zu welcher der gute Sohn und Bruder den letzten Pfennig hergeben wollte, bewerkstelligt worden ist, bezweifeln wir. Streicher schweigt ganz davon. Inzwischen war nach fünf Tagen noch keine Antwort von Dalberg da, und erst gegen Ende Novembers folgte der lakonische Entscheid: „Dass dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.“

Schiller fühlte sich in allen seinen Hoffnungen durch diese Abweisung betrogen, ja zerschmettert. Es war klar: Der engherzige Höfling, der den Dichter für sein Theater gerne ausgebeutet hätte, zog sich mit dem Augenblick von ihm zurück, als ihn Schillers Ungnade bei seinem Hof, und der Ruf eines Rebellen, den sich der Dichter in höheren Kreisen erworben hatte, bei Fürsten und Standesgenossen kompromittieren konnte; er war zu feige, dies dem Dichter rund herauszusagen, und zu geizig, ihn trotz seines Reichtums, aus eigenen Mitteln zu unterstützen. Der misshandelte Dichter aber war zu edel und zu stolz, um sein Gefühl über eine solche Behandlung zu verraten. Er begnügte sich gegen den Überbringer der abschlägigen Antwort, Herrn Meier, zu äußern: Er habe es sehr zu bedauern, dass er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sei.

Ein Jahr später erhielt er aus den Theaterprotokollen die genugtuende Überzeugung, dass im Ausschuss der größte Schauspieler auf seiner Seite gewesen war. Hier fand sich Ifflands Vorschlag eingezeichnet, „obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen lasse, auch der Schluss desselben nicht die gehörige Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe, dass die Intendanz hiermit ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisd’or verabfolgen zu lassen.“ –

Streichers Reisegeld war verbraucht, und auch der Gedanke peinigte den Unglücklichen, dass dieser Freund in sein böses Schicksal verflochten, dass er aufgeopfert sei, denn im Augenblick war an keinen Ersatz zu denken. Was Schiller für sich selbst tun konnte, war, dass er auf der Stelle dem Buchhändler Schwan seinen Fiesko antrug. Dieser bewunderte die Dichtung; aus Furcht vor den Nachdruckern jedoch glaubte er den gedruckten Bogen nicht höher honorieren zu können, als mit einem Louisd’or. Aber auch dieses Honorar scheint nicht auf der Stelle flüssig geworden zu sein, denn da die Freunde sich in Oggersheim aufgezehrt, und der Dichter in der Not selbst seine Uhr verkauft hatte, mussten sie die letzten vierzehn Tage auf Borg leben, und es wurde beschlossen, dass Streicher schon jetzt nach Mannheim ziehen sollte, wo er vor der Hand sich fortzubringen gedachte; so dass Schiller die letzten traurigen acht bis zehn Tage allein zu Oggersheim verblieb.

Für den Fiesko, welchen er seinem Lehrer Abel in Stuttgart widmete, erhielt er mit elf Louisd’or nur gerade soviel als zur Tilgung seiner Wirtshausschuld, zur Anschaffung unentbehrlichen Gerätes und zur Bauerbacher Reise notdürftig hinreichte. Um sich nicht auf der Mannheimer Post zeigen zu dürfen, sollte Schiller von Meier und einigen Freunden in Oggersheim abgeholt werden. Diese fanden ihn über dem Packen seiner wenigen Habseligkeiten beschäftigt, und, nachdem alles entschieden war, unerwartet ruhig und gefasst. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ, erwärmten sich die Herzen, dann fuhr man in tiefem Schnee nach Worms, wo sie im Posthaus von einer wandernden Truppe die Ariadne auf Naxos aufführen sahen. Die Mannheimer Schauspieler lachten über diese Armseligkeit, denn der Theaterdonner wurde mittelst eines Sackes voll Kartoffeln hervorgebracht, den man in einen großen Zuber ausschüttete. Schiller aber erblickte den Tempel der Muse überall, und sah, in sich verloren, mit ernstem, tiefen Blick auf das Theater, als hätte er ähnliches nie gesehen, oder sollte es zum letzten Male schauen.

Nach dem Abendessen schieden die Mannheimer Freunde und mit ihnen Streicher von dem Dichter, jene unbefangen und redselig, wie sie denn auch nachher über seine leichtsinnige und unbegreifliche Flucht ohne Schonung urteilten, und zu spät daran dachten, durch welche Bequemlichkeiten ihm die harte Winterreise hätte erleichtert werden können. Sie, die an seinem Ruhm auf den Brettern gezehrt, wollten jetzt nicht begreifen, dass Schiller lieber Poet sein mochte, als ein Arzt mit guter Praxis. Erst Iffland brachte sie auf würdigere Gedanken.

Streicher hatte für seinen geliebten Freund beim Abschied keine Worte; keine Umarmung wurde gewechselt; ein starker, langer Händedruck war das einzige Zeichen der Liebe, mit dem sie schieden. Aber noch nach fünfzig Jahren erfüllte es jenen mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdachte, in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschlands edelsten Dichter allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen.

Ü   Þ


1) Im württembergischen Militär erscheinen zwei Herrn von Koseritz; der ältere, wahrscheinlich hier gemeinte, starb als Generalleutnant, der jüngere als Oberst oder Oberstleutnant; natürlicher Sohn eines Herrn von K. war der berüchtigte Verschwörer Leutnant Koseritz, der, begnadigt, seine Schande nach Amerika trug, und dort gestorben ist. ­
2) Die Fischerin Wolzogen gibt keinen Sinn. Schiller hat entweder geschrieben: Die Fischerin und Wolzogen, oder die Fischer und die Wolzogen. Wer ist nun diese Fischer oder Fischerin, die Schiller vielleicht zum letzten Male so gern gesprochen hätte? Fischer war der Witwenname der Hauptmannsfrau, bei der er in Stuttgart zuletzt gewohnt hatte, der Name Lauras. Wir entscheiden nichts.
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3) Die Brüder Wolzogen. Er dachte dabei an Bauerbach.
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4) Schiller, durch seine Meisterwerke ein Gesetzgeber unserer Sprache, entwöhnte sich sehr spät der schwäbischen Provinzialismen, wie auch seine vier ersten Dramen beweisen.
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