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Ankunft in Mannheim. Not. Frankfurt und Oggersheim.Gegen Zwei Uhr morgens hatten sie die Station Enzweihingen erreicht. Hier war es, dass während der Rast sich die Reisenden an Schubarts handschriftlichen Gedichten ergötzten, und Schiller seinem Freund „die Fürstengruft“ vorlas, die der unglückliche Gefangene mit der Beinkleiderschnalle der nassen Kerkerwand eingegraben hatte. Nach acht Uhr morgens atmeten die Fliehenden leichter; die pfälzische Grenze war erreicht. Das düstere Gemüt Schillers erheiterte sich. „Sehen Sie“, rief er, zu seinem Begleiter gekehrt, „sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!“ Abends neun Uhr waren die Reisenden in Schwetzingen, und da Mannheim, als Festung, ihnen für diesen Tag verschlossen war, wurde hier übernachtet, und am andern Morgen die beste Kleidung aus den Koffern hervorgezogen, um sich durch scheinbaren Wohlstand Achtung zu verschaffen. Ihre Herzen waren voll Hoffnung: Die Theaterdirektion, die so viel Vorteil von den Räubern gezogen, konnte ihren Dichter nicht entbehren; Fiesko musste noch in diesem Jahr aufgeführt werden; eine freie Einnahme, oder ein beträchtliches Honorar deckte nun auf lange alle Bedürfnisse. Aber in Mannheim verbarg der Theaterregisseur Meier sein Staunen nicht, da er den jungen Dichter, den er in Feste und Zerstreuungen versunken, zu Stuttgart in Gesellschaft seiner Frau dachte, als Flüchtling vor sich stehen sah. Der Weltmann widersprach nicht, nur bestärkte er den jungen Freund, dem er mit seinem Begleiter für eine nahe Wohnung sorgte, und den er zu Tisch behielt, in dem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden, dessen Festlaune benützt werden müsse. Nach dem Essen setzte sich Schiller im Nebenzimmer an den Schreibtisch und entwarf eine Zuschrift an den Herzog Karl, deren unzweifelhaftes Konzept wir jetzt besitzen. „Das Unglück eines Untertanen und eines Sohnes“, schrieb er, „kann dem Fürsten und Vater niemals gleichgültig sein. Ich habe einen schrecklichen Weg gefunden, das Herz meines gnädigsten Herrn zu rühren, da mir die natürlichen bei schwerer Ahndung untersagt worden sind.“ Der Briefsteller erinnert nun seinen Herrn an das bekannte Verbot und erklärt, dass die Verzweiflung ihn auf die Flucht getrieben. Er glaubte es „seinen Talenten und der Welt, die sie Schätze, schuldig zu sein, eine Laufbahn fortzusetzen, auf welcher er kein gewöhnliches Glück zu machen, und seinem durchlauchtigsten Erzieher, der ersten Quelle seiner Bildung, Ehre zu erwerben, die gewisseste Aussicht hatte.“ „Da ich bisher“, fährt er fort, „nach dem Urteil anderer mich als den ersten und einzigen Zögling E. H. D. kannte, der die Augen der großen Welt angezogen hatte, so fürchtete ich mich umso weniger, meine Gaben in Ausübung zu bringen, und setzte allen Stolz, alle Kräfte darauf, dasjenige Werk zu sein, das den Meister lobte. Dass ich eine Laufbahn verlassen soll, welche mir außerdem, dass sie mein Einkommen um ein Großes vermehrt, den Weg der Ehre öffnet, fiel mir allzu hart, als dass ich nicht das Letzte gewagt haben sollte, das Herz meines durchl. Fürsten und Vaters zu rühren. Ich musste befürchten, in Strafe zu fallen, wenn ich das Verbot übertreten und E. H. D. schreiben würde, darum bin ich hierher geflüchtet, fest überzeugt, dass nur das Bild meines Unglücks dazu gehört, das Herz E. H. D. zur Gnade zu lenken…“ Die Hauptgedanken dieses Briefes hatte Schiller einem früheren schon am 1sten September abgefassten Schreiben entlehnt, das er an seinen Fürsten entworfen, aber wie es scheint, nicht abgeschickt hatte, und dessen Konzept uns nun gleichfalls gerettet ist. Aus der Stelle, die seine pekuniären Hoffnungen berührte, ersieht man, in welchen Täuschungen der Dichter sich bei seiner Ankunft in Mannheim noch wiegte. Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General Augé, der die Hauptpunkte enthalten mochte, welche Schiller als Inhalt des Schreibens an den Herzog selbst anführt, beigelegt und an diesen abgesendet. Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die mündliche Antwort des Herzogs durch einen Brief des Generals ein, „dass, da Se. Herzogl. Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, Schiller nur zurückkommen solle“, eine ziemlich trostlose Äußerung, die auf spätere Anfragen einfach wiederholt wurde. Den Tag nach Schillers Eintreffen in Mannheim war auch Madame Meier von Stuttgart zurückgekommen; diese sorgte recht mütterlich für den Dichter. Ihre Angst, dass ihm nachgesetzt oder seine Auslieferung verlangt werden könnte, schlug Schiller mit seiner festen und gerechten Zuversicht auf die Großmut seines Herzogs nieder. Doch fand man es ratsam, dass der Flüchtling sich nicht öffentlich zeigte, und auf seine Wohnung und das Meiersche Haus beschränkt blieb. In dem letztern bereitete sich jetzt die Vorlesung des Fiesko vor, und eines Nachmittags versammelten sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck, mehrere Schauspieler; man setzte sich um einen großen runden Tisch, der Verfasser schickte eine kurze Erzählung der Geschichte voran und begann zu lesen. Sein treuer Freund Streicher feierte schon im Stillen den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen gleich in den ersten Szenen sein würden; er erwartete den tiefsten Eindruck. Aber der erste Akt, unter größter Stille gelesen, erntete kein Zeichen des Beifalls; kaum war er zu Ende, als Beil sich entfernte und die Gesellschaft sich über die Historie des Fiesko, oder über Stadtneuigkeiten unterhielt. Auf die gleiche Weise erging es dem zweiten Akt, und weiter gedieh die Vorlesung nicht. Erfrischungen und ein Bolzenschießen, zu dem auf den Vorschlag eines Schauspielers Anstalt getroffen wurde, machten ihr ein Ende. Alles verlief sich und nur Iffland blieb mit den Freunden zurück. Meier aber zog den jungen Freund Schillers, der sich von seiner innerlichen Entrüstung gar nicht erholen konnte, ins Nebenzimmer und fragte: „Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiss, dass es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?“ auf die zweifache beteuernde Bejahung dieser wiederholten Frage, und eine staunende Gegenfrage antwortete der Schauspieldirektor: „Ich fragte – weil der Fiesko das allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, dass derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.“ Und dabei blieb er. „Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesko geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft, und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.“ Äußerst verstimmt, nahm Schiller zeitig mit seinem Gefährten Abschied; erst zu Hause lüftete er seinen Ärger, über Neid, Kabale, Unverstand der Schauspieler klagend. Wenn er nicht als Schauspieldichter angestellt, wenn sein Trauerspiel nicht angenommen werde, so erklärte er sich entschlossen, selbst als Schauspieler aufzutreten, indem eigentlich doch niemand so deklamieren könne, wie er. Am andern Morgen suchte Streicher Herrn Meier wieder auf, der ihn mit dem Ausruf empfing: „Sie haben Recht! Fiesko ist ein Meisterstück, und weit besser bearbeitet, als die Räuber. Aber wissen Sie auch, was schuld daran ist, dass ich und alle Zuhörer es für das elendste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache, und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen, hochtrabenden Tone her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist!“ Mit der frohen Botschaft, dass das Trauerspiel vor den Ausschuss und bald auf die Bretter kommen werde, eilte, alles andere verschweigend, der Freund zum Freunde. Indessen wurde, da Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte, dem Rat der Freunde gemäß, die immer noch ein Auslieferungsgesuch von Stuttgart fürchteten, nach wochenlangem Verweilen in Mannheim von den beiden Genossen eine Reise über Darmstadt nach Frankfurt beschlossen und zwar eine Fußreise, da ihr kleines Kapital kaum noch für zwölf Tage reichte, und Schiller aus verschiedenen Gründen sich an die Eltern nicht wenden konnte. Streicher aber schrieb an seine Mutter um einen Zuschuss von dreißig Gulden. Das Unentbehrlichste in der Tasche, schlugen die Reisenden nach Tisch den Weg über die Rheinbrücke ein und trafen am andern Abend in Darmstadt ein, wo die Reveille um Mitternacht den armen, dem Rollen der Trommel eben erst entflohenen Dichter unangenehm aus seinen Träumen rüttelte. Der heitere Morgen setzte die müden Füße der Freunde wieder in Bewegung. Schiller fühlte sich während des ganzen Marsches unwohl. Nicht mehr fern von Frankfurt musste er sich, matt und erblasst, unter Waldgesträuch ins Gras niederlegen. Streicher setzte sich neben ihn auf einen abgehauenen Baumstamm und hütete mit banger Freundessorge den schlummernden Dichter. Zwei Stunden lang störte die Ruhenden niemand; endlich weckte ein den einsamen Fußsteig gehender Werbeoffizier mit höflichem Gruß den Schläfer, der gestärkt erwachte. Beim Austritt aus dem Wald winkte ihnen das altertümliche Frankfurt, und war in einer Stunde erreicht. Die Armut wies den Freunden ihre Wohnung in Sachsenhausen an, wo der Mainbrücke gegenüber Kost und Wohnung mit dem Wirt Tag für Tag bedungen wurde. Das erste, was Schiller vom Schlaf gestärkt am andern Morgen unternahm, war ein Brief an Dalberg, den er, wie sein Freund Streicher sagt, „mit gepresstem Gemüt und nicht mit trockenen Augen“ schrieb. „… Sobald ich Ihnen sage“, steht in diesem Brief, „ich bin auf der Flucht, so hab’ ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzen, meinem Missgeschick Trotz zu bieten… ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, dass ich Ihnen solche Geständnisse tun muss; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig Genug, dass ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muss, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.“ Und nun bittet er den Gönner freimütig um Unterstützung; er kann seinen Fiesko vor drei Wochen nicht theaterfertig liefern, weil sein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl seines Zustandes ihn gänzlich von dichterischen Träumen zurückriss. Nun verspricht er sein Stück nicht nur fertig, sondern auch würdig auf jenen Termin zu liefern, bittet aber auch um gütigen Vorschuss des Preises, denn er hat noch 200 fl. Nach Stuttgart zu bezahlen; das macht ihm mehr Sorge, als wie er sich durch die Welt schleppen soll; er hat so lange keine Ruhe, bis er sich von der Seite gereinigt hat. Am Ende bittet er nur um einen Vorschuss von 100 Gulden. „Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wüschen kann.“ In seltsamem Vorgefühl der Antwort zeichnete er „mit entschiedener Achtung“, so ziemlich das Wenigste, was man einem vornehmen Herrn geben kann, „als seiner Exzellenz wahrster Verehrer Friedrich Schiller.“ Die schwerste Last war mit diesem Schreiben von seinem Herzen gewälzt. – Sein Auge, erzählt Streicher, wurde feuriger, seine Gespräche wurden belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustand beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Auf der Mainbrücke übersahen die Freunde mit Lust die abgehenden und ankommenden Schiffe; der heiterste Abendhimmel spiegelte sich im gelben Strom. „Schiller’s überströmende Einbildungskraft gab dem geringsten Gegenstand Bedeutung und wusste die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen.“ Mit der Heiterkeit des Gemüts kehrte dem ganz vom Geist Abhängigen auch die Esslust wieder; vor allem aber das Bedürfnis zu produzieren. Nach einer leichten Abendmahlzeit ließ sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen, dass er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Sein Freund betrachtete ihn mit einer heiligen Scheu und verhielt sich so still als möglich. Erst am andern Abend entdeckte ihm Schiller, dass seit der Abreise von Mannheim seinen Geist ein bürgerliches Trauerspiel „Louise Millerin“ beschäftige; und schon nach vierzehn Tagen waren ganze Szenen von „Kabale und Liebe“ niedergeschrieben. Den Plan zu diesem Stück hatte er, nach der Versicherung seiner Schwägerin, schon im Militärarrest zu Stuttgart entworfen. Dort sind jedenfalls die Motive des Stücks zu suchen und leicht zu finden. Am dritten Morgen, bei Besichtigung der Stadt Frankfurt, besuchten die Freunde auch einige Buchläden. In einem derselben fragte Schiller, der die Maske des Dr. Ritter seit der Barriere von Stuttgart nicht abgelegt hatte, nach dem Absatz der Räuber. Die Antwort fiel so günstig aus, dass der Verfasser, in freudiger Überraschung, sein Inkognito brach, und von dem Buchhändler mit staunenden, zweifelnden Augen gemessen wurde. Getröstet kehrte der Glückliche nach Hause. „Mut und Selbstgefühl“, sagt seine Schwägerin, „waren ihm zurückgekehrt, und die Ahnung, dass sein Name die Bühnen Europas füllen werde, trug ihn, gleich einer sanft einhüllenden Wolke, über die düstre Gegenwart hinweg.“ Inzwischen war die Post einige Mal vergeblich besucht worden, und erst am fünften Tag streckte man ihnen als an Dr. Ritter überschriebenes Paket entgegen. Es waren Freundesbriefe aus Stuttgart, die zur größten Vorsicht rieten, bekleidet von einem Brief Meiers. Nur diesen nahm Schiller unerbrochen nach Sachsenhausen zurück und wollte hier allein die angenehme Nachricht, die er erwartete, herauslesen. Zu Ende mit dem Schreiben blickte er gedankenvoll durch das Fenster hinab auf die Mainbrücke, und nur sein verdüstertes Auge, seine veränderte Farbe kündigten die getäuschte Hoffnung an. Endlich sprach er. Dalberg leistete den Vorschuss nicht, weil Fiesko in dieser Gestalt für das Theater unbrauchbar sei; bevor er sich weiter erklären könne, müsse erst die Umarbeitung vorgenommen sein. Der Freund bewunderte in diesem kritischen Augenblick die Mäßigung und den Anstand Schillers über eine solche Versagung. „Er bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt. Er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen: Ja, nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort.“ Noch immer baute er einige Hoffnung auf seinen Fiesko; um wohlfeiler leben zu können, beschloss er sich Mannheim und den dortigen hilfreichen Freunden wieder zu nähern. Aber die armen Wanderer waren nach Frankfurt gebannt; „denn bei jedem Griff in den Beutel war schon sein Boden erreicht.“ Die von Schleichers Mutter erbetene Hilfe war auch noch nicht eingetroffen. In der Not suchte Schiller ein ziemlich langes, bald darauf verloren gegangenes Gedicht „Teufel Amor“, hervor, mit welchem er selbst sehr zufrieden schien und das der Freund schon aus wiederholter Vorlesung kannte. Damit ging Schiller zu einem Buchhändler, vielleicht demselben, der ihn gestern bewundert hatte: – aber er kam ganz missmutig zurück, denn er hatte fünfundzwanzig Gulden verlangt und der Krämer nur achtzehn geboten; Schiller aber wollte lieber Not leiden, als seine Poesie an einen Knicker, der sie nicht schätzte, wegwerfen. Endlich kamen die dreißig Gulden für Streicher an, als der Reichtum der Verbrüderten nur noch in Scheidemünze bestand. Der aufopfernde Freund verzichtete auf seinen Hamburger Plan; schon am andern Morgen fuhren beide auf dem Marktschiff nach Mainz, bewunderten am andern Tag als Fußwanderer „den echt deutschen Eigensinn, mit welchem Rhein und Main auch vereinigt die blaue und gelbe Farbe getrennt halten“, stärkten sich in Nierenstein mit dem Wein der Ritterromane, dessen Ruf sie größer fanden, als seinen Geschmack, und dessen Kraft sie als einen wahren „Herzenströster“ erst erkannten, als er ihre müden Füße im Freien wieder beflügelte, und kamen endlich, die letzte Station zu Wagen, in Worms an. Hier beschied sie am andern Morgen ein Brief Meiers nach Oggersheim in die Herberge zum Viehhof, wo sie nachmittags mit dem Meierschen Ehepaar und zwei Verehrern des Dichters zusammentrafen. Schiller erhielt von Meier die Versicherung, dass der Fiesko unbezweifelt aufgenommen werde, so bald er um mehrere Szenen abgekürzt, und der fünfte Akt ganz beendigt sei. Schiller sah sein auf Dalberg gesetztes Vertrauen durch neue Ausflüchte vereitelt. Dennoch ließ er keine Spur von Empfindlichkeit blicken. „Mit der freundlichen, männlichen Art, die ihm im Umgang ganz gewöhnlich war“, leitete er das Gespräch auf Bestimmung des Orts, wo er das Stück am ruhigsten ausarbeiten könnte, und Oggersheim selbst, nur eine Stunde von Mannheim gelegen, wurde dazu am tauglichsten befunden. Die von Madame Meier dem Reisenden ausgehändigten Briefe von Stuttgart empfahlen noch immer die möglichste Verborgenheit. Schiller wurde deswegen sofort aufs Neue umgetauft, vor dem Wirt mit Doktor Schmidt angeredet und als solcher installiert, indem Kost und Wohnung auch hier auf den Tag bedungen wurde. Der Abend trennte die Gesellschaft. Am andern Morgen kam Koffer und Klavier aus Mannheim. Die nächsten acht Tage verließ Schiller, ganz mit seinem bürgerlichen Trauerspiel beschäftigt, das seinem Dichtergeist kein Ruhe ließ, nur auf Minuten das Zimmer. Sein Freund versüßte ihm die langen Herbstabend mit Klavierspiel, denn er wusste von Stuttgart her, dass die Musik alle Affekte in ihm in Bewegung zu setzen vermochte. Wie erwünscht war es ihm, „seine Begeisterung unterhalten, und das Zuströmen der Gedanken dem Dichter erleichtern zu können.“ Schiller aber richtete schon am Mittagstisch mit der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an ihn: „Werden Sie nicht heute Abend wieder Klavier spielen?“ Gleich der Entwurf des neuen Stücks war auf die eigentliche Persönlichkeit der Mannheimer Schauspieler angelegt, und die Freunde freuten sich im Voraus, wie naiv-drollig Herr Beil den Musikus Miller darstellen werde. Inzwischen trat dem Dichter der Plan immer bestimmter hervor, und er ruhte nicht, bis die Gestalt des Ganzen zum Voraus entschieden war. Erst nach Wochen konnte er die gewünschten Veränderungen im Fiesko vornehmen, ohne dass er jedoch über den Schluss mit sich einig zu werden vermochte; denn in der Geschichte ertrinkt der Held durch einen untragischen Zufall. Nur die Notwendigkeit trieb ihn nach einem Monat zur Vollendung. Der Aufenthalt in Oggersheim hatte wenig Angenehmes für den Dichter; die flache Gegend sagte dem an Gebirge gewöhnten Württemberger nicht zu; sein rauer Wirt quälte Frau und Tochter, die sanft und freundlich waren, mit seiner heftigen Gemütsart. Nur der Krämer des Orts, Derain mit Namen, besaß einige Bildung; er trieb Politik, Literatur und Aufklärung des Landvolkes zum Nachteil seines Handels, um den er sich, bei einigem Vermögen, wenig bekümmerte; sein Gemüt war von der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang angenehm. Dieser Mann war durch einige Blätter der verworfenen Rezension des Fiesko und der Skizzen zur Millerin, welche der Wirtin in die Hände fielen, auf den jungen Fremden aufmerksam geworden, denn die Frau hatte dem Handelsmann, bei welchem sie durch ein geliehenes Buch manchmal Trost für ihre häusliche Leiden suchte, die Manuskripte, deren Sprache ihr ganz neu war, mitgeteilt; er aber brachte den Fund zu seinem Freund, dem Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende, und in der schönen Literatur bewanderte Tochter hatte. Streicher war an dieses Haus empfohlen und das schöne Mädchen schmeichelte ihm sein Geheimnis ab, in das sofort auch Herr Derain gezogen wurde, der die Bekanntschaft des jungen, und doch schon so berühmten Mannes, unter Gelobung der tiefsten Zufriedenheit machen zu dürfen bat. Seine Freundschaft war für Schiller in den trüben, nebligen Novemberabenden eine wahre Erquickung, und dauerte auch in den nächstfolgenden Jahren noch fort. |
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