Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
                  Geschlecht
                  Bei den Eltern
                  Karlsakademie
                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
                  Lotte von Wolzogen
                  Poetische Arbeitenh
                  Aufe.in Mannheim
                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
                  Auszeichnung
                  Dramatische Arbeiten
                  Don Carlos. R. Thalia
                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
               Buch 2
               Buch 3
               Urkunden

Schillers Flucht

Seit achtzehn Monaten hatte Schiller unter den jungen Bewunderern seiner Muse an dem Tonkünstler Andreas Streicher, einem gebornen Stuttgarter, der nur zwei Jahre jünger war, als der Dichter, einen zärtlichen und aufopferungsfähigen Freund gewonnen, und „durch seine reizende und anziehende Persönlichkeit, die gegen ihn nirgends etwas Scharfes und Abstoßendes blicken ließ“, dessen ganze Seele eingenommen. Diesem vertraute er unverhohlen den Widerwillen an, mit welchem er nach der letzten Mannheimer Reise sich Stuttgart wieder genähert hatte; er machte ihn auch zum Vertrauten von Dalbergs wahren oder vermeintlichen Versprechen, er schwelgte mit ihm in der lange nicht aufgegebenen Hoffnung, dass der am pfälzischen Hof, welcher im besten einvernehmen mit dem württembergischen stand, viel vermögende Mann, der auch dem Herzog schon einen italienischen Hofpoeten von Mannheim zugesandt, seinen Landesherrn darüber besänftigen werde, dass bei Aufführung der Räuber das Stuttgarter Theater übergangen worden; er schüttete seinen Unmut über die getäuschte Erwartung, wie über die demütigenden Weisungen des Herzogs in den Busen des Freundes aus. Endlich teilte er ihm den Entschluss mit, noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, und von dort aus dem Herzog schriftlich darzulegen, wie durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz vernichtet sei, und ihn um die Bewilligung einiger Punkte zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerlässlich glaubte. Die Hoffnung der Gewährung stützte sich auf des Herzogs freundliches Verhältnis zu Schillers Vater, und auf die auch dem Sohn so oft bezeugte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten, unter dessen Augen er zum Knaben und Jüngling herangereift, von dem er erzogen worden war, zu dem er weniger in einem Dienstverhältnis, als in der Stellung eines Sohnes zum Vater zu stehen glaubte. Misslang aber auch dieser letzte Versuch, so konnte er freilich nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren. Dann aber erwartete er wenigstens von Dalberg, welcher in ihm nicht mehr den herzoglichen Untertan zu scheuen hätte, mit offenen Armen empfangen und sofort – ein Dichter, wie er – als Theaterdichter in Mannheim angestellt zu werden.

Auch ein Gefährte zur Flucht war gefunden. Sein Freund Streicher hatte für folgendes Frühjahr eine Reise nach Hamburg projektiert, um bei Bach die Musik zu studieren; er verlegte dem Dichter zuliebe seinen Plan mit der Mutter Einwilligung vorwärts. Der Vater Schiller durfte um die Sache nicht wissen, um nötigenfalls sein Offizierswort verpfänden zu können, dass er von dem Vorhaben des Sohns nicht gewusst. Aber Schillers Mutter wurde, mit Hilfe der älteren Schwester, die ganz auf Seiten des Bruders war, von allem unterrichtet.

Die Ausführung dieses Entschlusses wurde durch die Umstände erleichtert und beschleunigt. Schon zu Anfang des Monats August erblickte man in Stuttgart und der Umgegend nichts als Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten Paul von Russland, und der Nichte des Herzogs Karl, seiner schönen jungen Gemahlin. Um die Mitte September trafen diese hohen Gäste ein und benachbarte Fürsten mit einer Anzahl von Fremden warteten ihrer. Die Prachtliebe des Herzogs entfaltete sich in ihrem ganzen Glanz; aus den Marställen drängten sich Züge der herrlichsten Pferde, und prangten vor die glänzendsten Equipagen gespannt; aus allen Jagdrevieren des Landes waren sechstausend Hirsche in den von Wachtfeuern umstellten Wald, der das Lustschloss Solitude umgibt, zusammengetrieben worden; sie sollten eine Anhöhe hinauf gejagt und gezwungen werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie aus einem eigens dazu erbauten Lusthaus von den erlauchten Fürsten nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.

Allen solchen Herrlichkeiten verschloss sich das Gemüt unsers Dichters; er sah in ihnen nur die Mittel, seinem Kerker unbemerkt zu entfliehen. Die ganze Kraft seines Geistes war auf das neue Drama Fiesko gedrängt, das noch vor der Reise vollendet werden sollte. Nächte durch arbeitete er – denn außer dem Plan war kaum die Hälfte des Stückes niedergeschrieben – aber am Morgen erheiterten sich seine von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er ein schönes Stück vollendeter Arbeit übersah und seinem künftigen Reisegefährten neue Szenen oder einen in der Nacht entstandenen Monolog vorlesen konnte.

Unter den zu Stuttgart angekommenen Fremden war auch der Freiherr von Dalberg und die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater. Schiller wartete dem ersteren auf und sah auch die letztere öfters, aber er schwieg gegen beide. Er wollte, da sein Entschluss gefasst war, nicht durch Zweifel belästigt, nicht durch Beweise eines ungewissen Erfolgs widerlegt werden. Mit der Mannheimer Freundin und Streicher besuchte er – denn die Zeit drängte – auch das Elternhaus auf der Solitude noch einmal. Die Hausfrau erschien bedrückt vom Entschluss des Sohnes, über welchen sie sich nicht äußern durfte, der unbefangene Vater zählte mit Wichtigkeit die bevorstehenden Festlichkeiten auf. Der Sohn verließ die Gesellschaft mit der Mutter und kehrte nach einer Stunde ohne sie mit roten Augen zurück. Die große Lustjagd sollte, mit Schauspiel und Beleuchtung auf dem Schloss, am 17ten September vor sich gehen. Dies entschied über den Reiseplan der Jünglinge. Sie zogen die Nachricht ein, dass an diesem Tag Schillers alte Grenadiere, die ihn gut von Angesicht kannten, die Torwache nicht haben würden, und so wurde die Abreise von Stuttgart auf den Abend des 17ten September festgesetzt.

Die bürgerliche Kleidung, hinter welche sich der Regimentsarzt verstecken wollte, Wäsche und einige Bücher, darunter Haller und Shakespeare, waren allmählich von dem Freund aus Schillers Wohnung hinweg gebracht worden; am letzten Vormittag um zehn Uhr sollte auch alles übrige gerüstet sein. Aber der Dichter behielt sein Recht bis zur letzten Stunde. Als Schiller von seinem letzten Lazarettbesuch acht Uhr morgens zurückgekehrt war, fielen ihm beim Zusammensuchen der Bücher Klopstocks Oden in die Hände; eine Lieblingsode regte ihn auf; in dem entscheidenden Augenblick fing er an zu dichten statt zu packen und der eingetretene und treibende Freund musste vor allen Dingen die Ode und das frisch gedichtete Gegenstück anhören.

Am Nachmittag endlich war alles in Ordnung; ein paar geladene aber gichtbrüchige Pistolen wurden, die eine in den Koffer, die andere in den Wagen gelegt; dreiundzwanzig Gulden steckte Schiller, achtundzwanzig Streicher in die Taschen; zwei Koffer und ein kleines Klavier saßen hinter dem Wagen und um zehn Uhr nachts rollte dieser von Schleichers Wohnung ab und dem Esslinger Tor zu, dem dunkelsten von allen, wo ein bewährter Freund Schillers (war es Scharffenstein oder Kapff?) – als Leutnant die Wache hatte. – „Halt – Wer da – Unteroffizier heraus!“, schallte es unheimlich am Tor. „Doktor Ritter und Doktor Wolf, beide nach Esslingen reisend“, war die Antwort der Flüchtlinge, die nun ungehindert an der lichtlosen Wachtstube des Offiziers, deren Fenster weit offen standen, vorbei und mit beklommenen Herzen ins Freie und auf Umwegen der Ludwigsburger Heerstraße zu fuhren. Wie die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrte ihnen erst Unbefangenheit und Sprache wieder. Es war Mitternacht, als sie links von Ludwigsburg eine hohe Röte am Himmel erblickten, und sobald der Wagen in die Linie der Solitude kam, glänzte ihnen auf eine Meile Entfernung das Schloss mit allen Nebengebäuden im Schimmer der Beleuchtung wie eine Feenwohnung entgegen. In der reinen Luft war alles so scharf umgrenzt, dass Schiller seinem Gefährten die Elternwohnung zeigen konnte. Ein unterdrückter Seufzer, ein leises „o meine Mutter“ begleitete seine rasche Bewegung im Wagen.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de