Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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Der Druck der Räuber

(Mannheim, Schwan und Dalberg)

Die Räuber sollten editiert werden, eine hochwichtige Angelegenheit, wie Scharffenstein erzählt, bei der es manche Debatten gab. Zuerst wurde über eine Vignette deliberiert und eine solche ohne Mühe gefunden: Ein aufsteigender zorniger Löwe mit dem Motto: in Tyrannos, was gratis von einem Kameraden aus den Kupferstechern radiert wurde. Von Hoven und Petersen waren in dieser Angelegenheit besonders tätig. Der letztere, dem Schiller sein Stück mitgeteilt hatte und von ihm „keine schale und superfizielle Anzeige des Guten und Fehlerhaften, sondern eine eigentliche Zergliederung, nach dramatischer Behandlung, Verwicklung, Entwicklung, Charakteren; Dialog, Interesse usw., kurz eine Rezension nicht unter sechs Bogen“ verlangt hatte, sollte auch für die Herausgabe des Werkes besorgt sein. Wie Horaz im Scherz versichert, dass ihn, den berupften Kalmäuser, die freche Armut getrieben habe, Verse zu machen, so schreibt Schiller seinem Freund lachend, „der erste und wichtigste Grund, warum er die Herausgabe wünsche, sei jener allgewaltige Mammon, dem die Herberge unter seinem Dach gar nicht anstehe.“ Wenn der schwäbische Poet Stäudlin für einen Bogen seiner Verse einen Dukaten von einem Tübinger Verleger bekommen habe, warum sollte er für sein Trauerspiel von einem Mannheimer nicht ebensoviel oder mehr erhalten? „Was über fünfzig Gulden abfällt, ist dein. Du musst aber nicht glauben, dass ich Dich dadurch auf einem interessierten Wesen ertappen wollte, (ich kenne Dich ja!) sondern das hast Du treu und redlich verdient, und kannst es brauchen!“ Ein zweiter Grund war ihm das Urteil der Welt, denn er mochte „natürlicherweise auch wissen, was er für ein Schicksal als Autor, als Dramatiker zu erwarten hätte.“ Drittens endlich glaubte er damals in der Welt einmal keine andere Aussicht zu haben, als in einem Berufsfach zu arbeiten; er suchte „sein Glück und seine Beschäftigung in einem Amte, wo er seine Physiologie und Philosophie durchstudieren und nützen könnte.“ Poesie und Tragödie wollte er deswegen, damit sie ihm später bei einer Professur der Medizin nicht mehr hinderlich würden, „hier schon wegräumen.“

So schrieb Schiller, während er und sein Kumpan Kapff des Geldes wirklich sehr benötigt waren. Nun gings, erzählt weiter Scharffenstein in seiner lebendigen Weise, an den Akkord mit einem subalternen Buchdrucker, der, dem Dinge nicht trauend, es nicht anders, als auf Schillers Unkosten übernahm. Dieser aber, wie wir aus einem andern Berichte wissen, musste den Betrag dazu borgen. Die erste Edition, „fast Fließpapier, sah aus wie die Mordgeschichten und Lieder aus Reutlingen, die von Hausierern herumgetragen werden. Unbeschreibliche Freude machten die ersten Exemplare; inzwischen, da der Kram, der in Gottes Namen und ohne alle Kundschaft veranstaltet worden war, wenig Abgang hatte, sah Schiller nachgerade den Wachstum des Haufens mit komisch bedenklichen Augen an.“

Seine Auslagen zu ersetzen und sein Werk ins Ausland zu bringen, schrieb er vor beendigtem Druck an den Buchhändler Schwan zu Mannheim und schickte ihm die sieben ersten fertigen Bogen. Dieser, nach Schubarts Schilderung1), ein zum ruhigen Gefühle der Schönheit und Wahrheit gestimmter Mann, dem für gute Bücher, Leseanstalten, Aufsätze, Errichtung gelehrter Gesellschaften, Förderung des deutschen Sing- und Schauspiels die Pfalz und Deutschland viel Dank schuldig war, nahm sich des hoffnungsvollen Dichters tätig an. Er lief voll Enthusiasmus über das kühne Werk, wie er selbst an Schiller (unterm 11. August 1781) schrieb, gleich zu einem hohen Gönner, dem Reichsfreiherrn Wolfgang Heribert von Dalberg, den später Kaiser Leopold bei der Krönung zu Frankfurt zum ersten Reichsritter schlug und dem das Mannheimer Theater, dessen Intendant er bis zum Jahr 1803 blieb, eine Pflanzschule der ersten Schauspieler Deutschlands, wo damals Beck, Beil und Iffland, dieser in erster Jugend, blühten, seine Stiftung und Erhaltung verdankte. Diesem „rechtschaffenen und braven Herrn“, den Schwan nur nicht für gut umgeben hielt, las er „brühwarm“ das Bruchstück vor und riet nun Schiller, mit Dalberg wegen „Theatralisierung“ der Räuber, wie Schiller spricht, zu unterhandeln.

Dalberg nämlich scheint, durch Schwan angeregt, ohne von Schiller veranlasst worden zu sein, diesen aufgefordert zu haben, sein Stück für die Mannheimer Bühne umzuarbeiten. Wir besitzen Schillers Antwort, ohne Datum, noch. Nach dieser findet sich seine Schriftstellerbescheidenheit durch die stolzen Prädikate, die ihm in jener schmeichelhaften Zuschrift beigelegt worden, „auf die schlüpfrigste Spitze gestellt“, weil ihnen das Ansehen eines Kenners beinahe das Gepräge der Unfehlbarkeit aufzudrücken schien. Doch erklärte der Dichter in der „tiefsten Überzeugung seiner Schwäche“, dass er jene Lobsprüche als „eine bloße Aufmunterung seiner Muse ansehen könne.“ Er versichert, „seit er einen dramatischen Genius in sich fühle, sei es sein Lieblingsgedanke gewesen, sich dereinst zu Mannheim, dem Paradies der Muse, zu etablieren.“ Aber nicht nur diesen Plan machen seine Verhältnisse zu Württemberg, sondern selbst eine Reise dorthin seine ökonomischen Umstände unmöglich, während er doch dem Gönner gar zu gerne noch einige fruchtbare Ideen für das Mannheimer Theater mitteilen möchte.

Hätte Schiller diese weise Zurückhaltung doch fortwährend beobachtet! Er musste zu seinem Lebenskummer erfahren, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Der gute Schwan hatte das durchschossene Exemplar der Räuber dem Dichter mit bescheidenen Anmerkungen zurückgeschickt, und ihm zugleich gemeldet, dass er das Stück dem Intendanten der Regensburger Schaubühne, dem Reichshofrat v. Berberich vorgelesen, und dass der Direktor jener Bühne auch schon angefangen habe, das Stück für das dortige Theater zu bearbeiten; nur weil der Verfasser (ohne Zweifel an Schwan) Hoffnung zu veränderter Auflage mache, wolle er damit warten. Den Verlag der Räuber scheint Schwan stillschweigend abgelehnt zu haben.

Schiller wurde durch Schwans Ausstellungen, wie es scheint, etwas nachdenklich. Auch mochte das Werk, wie es nun gedruckt vor ihm lag, in seiner sozialen Bedenklichkeit, und vielleicht auch seiner ästhetischen Missgestalt, seinem Urheber selbst verdächtig erscheinen. Er schickte im Oktober 1781 dem Freiherrn von Dalberg „den verlorenen Sohn oder die umgeschmolzenen Räuber“ zu und glaubte mit dieser Umschmelzung etwas Schweres vollbracht zu haben; „mit weniger Anstrengung des Geistes, und gewiss mit mehr Vergnügen wollte er ein neues Stück, und selbst ein Meisterstück schaffen.“ Er hatte besonders das Bedürfnis gefühlt, den widerlichen, ermüdend und verdrießlich räsonierenden Bösewicht Franz, bei welchem er an theatralische Vorstellung gar nicht gedacht hatte, nicht nur der Bühne, sondern auch der Menschheit etwas näher zu rücken. Auch sonst war manches geändert worden. Doch konnte er die von ihm selbst gefürchtete Tendenz des Stückes nicht umwandeln, und dasselbe in einer Vorrede, die mit nicht ganz gutem Gewissen geschrieben ist, nur mit moralischem Bombast entschuldigen. An seinem Karl Moor, der offenbar im innersten Kern er selbst war, hing er mit stiller, inniger Liebe. „Der Räuber Moor“, schreibt er an Dalberg, „dürfte auf dem Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben.“

Es war sehr natürlich, dass Schiller durch den Gedanken begeistert wurde, sein Stück auf der Mannheimer Bühne vorgestellt zu sehen. In Stuttgart hatte er dazu, auch abgesehen von allen andern Verhältnissen, keine Hoffnung; dort bestand damals gar keine ordentliche Schaubühne. Schikaneder, der in den 70er Jahren nach Stuttgart gekommen war, durfte seien Operetten, Lust- und Trauerspiele nicht einmal im Opernhaus geben; erst den herangewachsenen Kunstzöglingen der Akademie wurde dieses zu deutschen kleinen Opern eingeräumt, bis das (1802 abgebrannte) neue Theater gebaut war, auf dem wiederum nur Singspiele von ehemaligen Zöglingen der Schule aufgeführt wurden, unter welchen nur Hallers Talent einen doch nicht viel mehr als provinzialen Ruf erwarb. In Mannheim dagegen war ein berühmtes Theater, dessen Mitglieder fast alle in der Schule von Eckhof gebildet waren. Der Dichter freute sich deswegen auch „wie ein Kind“ auf die Darstellung seines Räubers Moor durch den Schauspieler Böck. „Ich glaube“, schreibt er an Dalberg (25. Dezember 1781), „meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen und im Ganzen einen größeren dramatischen Schwung geben [nehmen?], denn es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.“

Eine mit Dalberg fortgesetzte Korrespondenz war hin und her bemüht, das Stück bühnengerecht zu machen. Namentlich fühlte der Dichter, dass „die Simplizität, die uns der Verfasser des Götz von Berlichingen so lebhaft gezeichnet“ seinem Stück ganze fehle, dass es aber deswegen in der modernen Zeit spielen müsse. In andern Beziehungen wollte er sich alle mögliche, vorgeschlagene und nicht vorgeschlagene Veränderungen gefallen lassen, nur die Versetzung seines Stücks in die Epoche des Landfriedens und unterdrückten Faustrechtes, die es nach der einmal entworfenen Anlage und der Vollendung des Stückes „zu einem fehlervollen und anstößigen Quodlibet, zu einer Krähe mit Pfauenfedern machen“ würde, widersetzte er sich lange mit „der eifrigen Fürsprache eines Vaters für sein Kind2).“ Jedenfalls bedingte er sich das von Herrn Schwan aus, dass er das Stück wenigstens nach der ersten Anlage drucken lassen sollte. Auf dem Theater verlangte er keine Stimme. Glücklich hatte es ihn gemacht, dass Herr von Gemmingen, der Verfasser des „deutschen Hausvaters“, sich die Mühe genommen, sein Stück vorzulesen. Er möchte „diesen Mann versichern, dass er eben diesen Hausvater ungemein gut gefunden, und einen vortrefflichen Mann und sehr schönen Geist im Verfasser bewundert habe. Doch was könne diesem an dem Geschwätz eines jungen Kandidaten liegen?“

Schiller unterwarf sich dennoch seinem Theaterkritiker. „Die Zeit wurde verändert“, sagt er in einer Selbstrezension, „Fabel und Charaktere blieben. So entstand ein buntfarbiges Ding, wie die Hosen des Harlekin, alle Personen sprechen nun viel zu studiert, jetzt findet man Anspielungen auf Sachen, die ein paar hundert Jahre nachher geschahen oder gestattet werden durften.“

Auch Amalia musste sich, zum Ärger des Dichters, selbst umbringen. Mit diesen Veränderungen kam das Stück als Theaterausgabe in den Druck und ging der Ausführung entgegen.

Ü   Þ


1) Leben, I., 187. ­
2) Es musste dem Dichter entsetzlich sein, dass das Drama aus einer Zeit herausgerissen wurde, von welcher es eigentlich eine Kritik, auf welche es ein Angriff war. Hoffmeister.
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