Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
                  Geschlecht
                  Bei den Eltern
                  Karlsakademie
                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
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                  Poetische Arbeitenh
                  Aufe.in Mannheim
                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
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                  Dramatische Arbeiten
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                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
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               Buch 3
               Urkunden

Medizinische Studien und theologische Zweifel

Mit dem Eintritt ins Studium der Medizin und der Naturwissenschaften kam eine fremde Bewegung in das ohnedies stürmende, aber doch von einer gewissen Seite bisher noch ruhige Gemüt des Jünglings. Er hatte den Segen einer frommen Erziehung genossen. Eine vertraute Freundin sagt von ihm: „Welche religiöse Zweifel auch späterhin Schiller bedrängen mochten, das Gemüt, die Innerlichkeit, die bei jedem guten und reinen Menschen am Ende das Band zwischen Himmel und Erde machen, waren früh in ihm geweckt und gebildet. Durch seinen großen Geist verklärt, sollten sie einst nicht allein ihm Befriedigung und Ruhe geben, sondern auch ihn fähig machen, Gottes Wege auf Erden in großen Bildern den Menschen darzustellen.“

Aber diese anerzogenen Glaubenssätze und Gefühle mussten, was ihr Wesentliches betrifft, im Feuer gehärtet, ihre Wahrheit musste durch wissenschaftliche Unterstützung, durch die Anläufe der Leidenschaft, durch die Erfahrungen des Lebens versucht, erprobt, geläutert werden, und den Anfang zu diesem großen und gefährlichen Prozess machten seine Berufsstudien in der Akademie.

Im Jahre 1775 hatte er sich für die Medizin entschieden, und schon im zweiten Jahr dieses Studiums sich mit seiner ganzen Geisteskraft so tief darein versenkt, dass ihm das Lob der Lehrer, welche seine Antworten und Bemerkungen weit höher achteten, als den mechanischen Fleiß der anderen, nicht genügte, sondern dass er viel höhere Forderungen an sich selbst stellte. „Er beschloss“, nach der Versicherung eines Jugendfreundes, „so lange nichts anderes, was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben, oder auch nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche seines Berufes ganz zu eigen gemacht hätte.“

In demselben Jahre nun erschienen im schwäbischen Magazin von ihm „Morgengedanken am Sonntage“, welche der Herausgeber Haug mit der Bemerkung begleitete, dass sie das Gebet eines warm, schön und rührend betenden Dichters seien, „den Schicksale in Sachen der Religion und Wahrheit so geläutert haben, dass er seinen Zustand und die Notwendigkeit eines Entschlusses für die Wahrheit fühlte.“ Aber die Schicksale des achtzehnjährigen Jünglings lagen nicht hinter ihm, sondern vor ihm; die Entscheidung für die Wahrheit war bei ihm die Aufgabe eines ganzen Dichter- und Denkerlebens, und was dem redlichen Herausgeber des schwäbischen Magazins als ein Resultat des Glaubens erschien, das waren die Trümmer der überlieferten Glaubenslehre, welche der Zweifel des jugendlich empörten Geistes bald darauf für den Augenblick von sich stieß. In jenen Morgengedanken entfaltete er vor Gott „das heiße Verlangen seiner Seele nach Wahrheit“, und die bangen Zweifel der umnachteten. Er sieht den schrecklichen Abgrund vor sich, und dankt der göttlichen Hand, die ihn wohltätig zurückzog. Er fühlt sich zu trüben Tagen aufbehalten, wo der Aberglaube zu seiner Rechten rast, und der Unglaube zu seiner Linken spottet. Aus Zweifelsucht, Ungewissheit, Unglauben möchte er sich in die Wahrheit retten. Um die ruhe, die heilige Stille fleht er, in der sie uns am liebsten besucht. Um diese Wahrheit erkennt er bis jetzt noch in Jesus, den Gott gesandt hat. „Hab’ ich Wahrheit, so hab’ ich Jesum; hab’ ich Jesum, so hab’ ich Gott; hab’ ich Gott, so hab’ ich alles.“ Dieses Kleinod, diesen Trost will er sich durch die Weisheit der Welt nicht rauben lassen. Jedes Herz fesselnde Erdenglück, jede betäubende Weltfreude mag ihm Gott nehmen, wenn er ihm nur die Wahrheit lässt. Um diese bittet er auch für die Irrenden. Mit ihnen will er hinüber gebracht sein, wo kein Zweifel mehr unsere Herzen quält, wo Gott als Vater und Jesus als Abglanz seiner Herrlichkeit erkannt wird.

Dieses ist ein Ton, der in solcher Einfalt weder vor noch nach in der Seele des Dichters angeklungen hat, und, wenn das Datum nicht widerstritte, so wäre man versucht, zu glauben, der ganze Aufsatz sei eine Stilübung oder eine dramatische Studie. Nun aber lässt sich kaum zweifeln, dass derselbe wirklich beim Schallen der Glocke geschrieben ist, die den Jüngling in den Tempel rief, wo er sein Bekenntnis befestigen sollte; vielleicht war es ein Beichtgebet vor dem Genuss des Abendmahls. Den Schluss bildet ein Gedicht im Ton Gellerts, ganz verschieden von den gleichzeitigen Versuchen des Dichters.

Die Wissenschaft riss ihn bald in ganz andere Bahnen hinein. Um ein Examen über die theoretischen Disziplinen der Arzneikunde bestehen zu können, widmete er sich wirklich, seinem Entschluss getreu, ganz seinem erwählten Beruf. Nach Verlauf von drei Monaten konnte er in seiner neuen Berufswissenschaft eine Prüfung bestehen, von welcher er die größten Lobsprüche seiner Lehrer erntete. Und schon im folgenden Jahr (1778) legte er seinem Lehrer eine leider nie gedruckte und dadurch verloren gegangene Abhandlung, „Philosophie der Physiologie“ betitelt, vor, welche bald darauf von ihm ins Lateinische frei übertragen wurde. Am neunten Jahrestag der Akademie (14. Dezember 1779) erhielt Schiller drei Preise, in der praktischen Medizin, der materia medica und der Chirurgie.

Im Jahre 1780 war es, dass Johann Andreas Streicher, ein junger Mann, der sich später durch die edelste Aufopferung als einer der treuesten Freunde Schillers auswies, und bald auf der Lebensbühne des Dichters erscheinen wird, diesen zum ersten Mal sah. Seine Schilderung ist wichtig, weil sie uns zeigt, was begonnene Kraftentwicklung und daraus fließendes Selbstgefühl aus dem früher so schüchternen und linkischen Jüngling gemacht hatten. Dieser war in einer der öffentlichen Prüfungen, die alljährlich in der Akademie in Gegenwart des Herzogs gehalten wurden, eben Opponent bei einer medizinischen, in lateinischer Sprache durchfochtenen Disputation gegen einen Professor. Die rötlichen Haare, die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen, wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während des Sprechens, besonders aber die schön geformte Nase, und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, breit gewölbten Stirn hervorleuchtete, prägten sich dem Schilderer bleibend ein, so dass er die ganze Szene nach achtundvierzig Jahren, wäre er Zeichner und nicht Musiker gewesen, aufs lebendigste hätte darstellen können. Bei der Abendtafel entdeckte er wieder denselben Jüngling, mit welchem sich der Herzog aufs gnädigste unterhielt: Er lehnte sich auf seinen Stuhl und sprach in dieser Stellung sehr lange mit ihm. „Schiller aber behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln, wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde opponierte.“

Die Zwischenzeit zwischen dem Jahr 1778 und Schillers Austritt aus der Akademie (1780) füllte neben der Konzeption und Ausarbeitung der Räuber im letzten Jahre, von welchen demnächst zu sprechen ist, die Elaboration der Probeschrift, welche Schiller im Dezember 1780 in Gegenwart des Herzogs und in lateinischer Sprache verteidigte, und wodurch er sich vor seinem Austritt aus der Akademie Befähigung zur ärztlichen Praxis erwarb. Sie handelt über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Er widmete dieselbe dem Herzog, dessen unvergesslichen, mündlichen Unterricht er in der Zueignung rühmte.

Diese Abhandlung ist als das geistige Resultat seiner Berufsstudien zu betrachten. Es erhellt aus ihr, wie Hoffmeister bemerkt hat, „dass Schillers philosophisches Talent viel früher reifte, als sein poetisches.“ Geistreich und scharfsinnig entwickelt derselbe Schriftsteller, der seinem Leben Schillers einen Auszug jenes Schriftchens einverleibt hat, in Bezug auf die Apologie der Sinnlichkeit, welche dasselbe enthält, dass die Beweise für die Abhängigkeit des Körpers vom Geiste, die an einem in Idealen schwelgenden Jünglinge befremden könnten, Anstrengungen eines großen Verstandes seien, welcher seinen Idealisiertrieb habe zur Erfahrung zurückzwingen und eine einseitige Richtung der Natur durch die Erfahrung verbessern wollen, so dass die medizinischen Studien dazu gedient hätten, ein realistisches Element in seinem Denksysteme einheimisch zu machen.

Ein Teil dieser Operation ist indessen auch auf das junge, durch klösterliche Absperrung in Wallung gebrachte Blut des Verfassers zu schreiben, das bei jener Dissertation hier und da die Feder belebt zu haben scheint; ein Gedanke, der sich uns besonders aufdringt, wenn wir den Kommentar zu dieser Abhandlung, der in einer Reihe lyrischer Gedichte, welche jenem Aufsatz fast auf dem Fuß folgten, und in einigen Abschnitten der Räuber enthalten ist, mit ihr vergleichen. Die Art und Weise, wie Schiller „als Philosoph die Triebe, Kräfte, Neigungen, Gefühle gegen den moralischen Rigorismus in Schutz nimmt, und dass er die Entwicklung des Menschengeschlechts auch immer von rohen, tierischen Anfängen ausgehen lässt“ – mag diese einseitige Ansicht immerhin auf eine schon in der Jugend gefasste Grundüberzeugung gebaut sein, so hat sie doch eine gar andere Gestalt in dem reifen Denker und Dichter gewonnen und wenig mehr gemein mit dem tierischen Ungestüm, mit welchem sich der Trieb in seinen Jugendarbeiten gebärdet. Es ist in der Tat begreiflich, warum Schiller selbst von jener ruhiger gehaltenen Abhandlung, so viele Vorzüge der Gedanken und des Stils ihr mit Recht zugeschrieben werden mögen, in seinen späteren Jahren nie mehr sprechen mochte, und sie gewissermaßen verleugnet zu haben scheint.

Übrigens ist es ergötzlich anzusehen, wie sehr die gehoffte Autorschaft den Jüngling kitzelt, so dass er selbst in dieser Inaugural-Abhandlung nicht umhin konnte, die ungeborenen Räuber zweimal zu zitiren1).

Ü   Þ


1) § 15. Life of Moor, Tragedy by Krake. Act. V. Sc. I. und, was bisher übersehen wurde, § 19: „Ein durch Wollüste ruinierter Mensch wird leichter zu Extremis gebracht werden können, als der, der seinen Körper gesund erhält. Dies eben ist ein abscheulicher Kunstgriff derer, die die Jugend verderben, und jener Banditenwerber muss den Menschen genau gekannt haben, wenn er sagt: „Man muss Leib und Seele verderben.“ – Das letztere sind Worte Spiegelbergs in den Räubern: „Du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst!“ Räuber, Act II. Sc. III. ­

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