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Schillers erste Regungen der PoesieDie metrischen Übersetzungen lateinischer Dichter, in welchen Schiller sich übte, die Bewunderung und die ersten Nachahmungen Klopstocks, selbst der fromme Kindergedanke, der Messiade eines Moses in Epos gegenüber zu stellen, können noch nicht als ein Erwachen seiner Muse betrachtet werden. Auch der Mangel an Interesse für das Studium der Rechtswissenschaft und das fleißige Lesen der Klassiker möchten wir nicht als einen Hauptanstoß zur Erweckung seines Dichtergenies betrachten. Richtiger urteilt sein Jugendfreund Scharffenstein, wenn er den ersten Ursprung von Schillers Poesie in unterdrückter Kraftäußerung zu finden glaubt, und darauf aufmerksam macht, dass die ersten Produkte, die dem ungestümen Knaben die Neigung des Genossen erworben, nicht, wie sonst gemeiniglich in diesem Alter aufgetreten wird, von weicher, sentimentaler Art waren, sondern ein starkes mit den Konventionen bereits in Fehde begriffenes Gemüt verkündigten. Ein festes Benehmen des Freundes gegen den Intendanten besang Schiller in einer Ode, die er für sein Meisterstück hielt. Von dieser Epoche schrieb sich der innige Anschluss der zwei Freunde und der völlige Austausch ihres Innern her. Diese Freundschaft war eine geraume Zeit Lieblingsgegenstand der ersten Lieder Schillers, von denen sich leider nichts erhalten hat. Um die gleiche Zeit bildete sich auch eine Art ästhetischer Vereinigung zwischen Schiller, Hoven, Scharffenstein und dem späterhin bekannt gewordenen Gelehrten Petersen. Jeder sollte etwas machen, und man träumte schon vom drucken lassen. Während Hoven einen Roman à la Werther, Petersen ein weinerliches Schauspiel, Scharffenstein ein Ritterstück nach Art des Götz zu schrieben sich unterfingen, suchte Schiller nach einem tragischen Stoff (er hatte Gerstenbergs Ugolino schon im Jahr 1773 gelesen). Gern hätte er, nach seiner eigenen spätern Äußerung „Rock und Hemd um einen solchen Stoff gegeben“, und fand ihn endlich im Selbstmord eines Studenten. Sein Stück hieß „Der Student von Nassau.“ Die Jünglinge standen im süßen Wahne der Autorschaft und rezensierten sich gegenseitig aufs vorteilhafteste, bis eine grobe, nicht ohne Witz erfundene Posse eines französisch gebliebenen Kameraden von Mömpelgard ihre Eitelkeit tüchtig und plump mitnahm und dem kindischen Beginnen ein Ziel setzte. „Trotz ihrer Abgeschlossenheit“, sagt Hoffmeister, „spürten unsere Jünglinge die neue Ära, welche in der deutschen Literatur begonnen hatte.“ Goethe war der Gott dieser Gesellschaft. Denn zu der Zeit, da Schiller mit seiner Knabenhand nach dem Blitz zu langen wagte, den er kurz darauf als Jüngling mit blutrotem Strahl der Welt in den Räubern entgegenschleuderte, hatte der größte deutsche Dichter ihr die Schönheit im kecken Spiegel der Wahrheit schon zehn Jahre lang entgegengehalten. Wer hätte damals aus den ersten rohen Versuchen unseres jungen Dichters, wer auch noch später, trotz aller Bewunderung, aus jenem Gorgonenbild, in welchem er, mit der Begeisterung der Indignation, der Gesellschaft ihre eigene drohende Auflösung zeigte, den Schluss zu ziehen gewagt, dass derselbe Genius dereinst neben Goethe sich stellend, das Bild der Schönheit im ruhigen Spiegel der Anmut und Würde, im Spiegel der vollendeten Sittlichkeit auffangen werde? Die Kühnheit Goethes, dessen Werther er frühzeitig verschlungen, und dessen Götz von Berlichingen bald nach Gerstenbergs Ugolino in Schillers Hände kam, erregte indessen neben der Bewunderung einen gewissen Ärger in der Seele des Jünglings, denn er soll ihn manchmal das arrogante Genie genannt haben und er gestand in der Folge selbst, dass er den großen Mann zu rasch und nach gefassten Vorurteilen beurteilt. Etwas später als mit Goethes Dichtungen wurde Schiller mit dem Genius Shakespeares bekannt. Einer seiner Lehrer, der nachmalige Prälat von Abel, ein edler, liebreicher Mann, dessen Andenken im Herzen vieler Schüler lebt, die binnen 56 Jahren in Stuttgart, Tübingen und im Kloster Schönthal zu seinen Füßen saßen, der sich auch um Schillers Bildung mehrfache Verdienste erwarb und dem dieser die zärtlichste Zuneigung bewahrte, las in der Unterrichtsstunde eine Stelle aus jenem Dichter vor. Schiller fuhr wie von einem elektrischen Schlag erschüttert, auf und horchte wie bezaubert. Nach der Stunde erbat er sich vom Professor das Buch und später verschaffte ihm sein Freund von Hoven die Wielandsche Übersetzung Shakespeares und zwar, in jugendlichem Scherze, gegen ein Lieblingsgericht. „Gleich dem gewaltigen, felsenentstürzenden Strom, ergriff dieser mächtige Geist sein ganzes Wesen, und gab seinem Talent die entschiedene Richtung zum Dramatischen.“ Doch ist Schillers späteres Geständnis höchst merkwürdig und seine Empfindung hat gewiss mehr als ein junger Leser des Briten geteilt: „Als ich in einem sehr frühen Alter diesen Dichter zuerst kennen lernte“, sagte er1), „empörte mich seine Kälte, seine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen… Durch die Bekanntschaft mit neuern Poeten verleitet, in dem Werk den Dichter zuerst aufzusuchen, seinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinschaftlich über seinen Gegenstand zu reflektieren, war er mir unerträglich, dass der Poet sich hier gar nirgends fassen ließ, und mir nirgends Rede stehen wollte. Mehrere Jahre hatte er schon meine ganze Verehrung, und zwar mein Studium, ehe ich sein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen2).“ Nach Verlauf eines Jahres entstand jetzt ein Trauerspiel, „Cosmus von Medici.“ Von Hoven versichert, dass es echt tragische Szenen und vorzüglich schöne Stellen enthalten habe; mehrere derselben wurden später in die Räuber aufgenommen. Neben den genannten Dramen war der Julius von Tarent, von Leisewitz, damals ein Lieblingsstück Schillers. Außerdem las er auch in dieser Zeit fleißig historische Werke, vorzüglich den Plutarch; von Philosophen aber Mendelsohn, Sulzer, Lessing, und vor allen seinen damaligen Liebling, den edlen Moralisten Garve, dessen Anmerkungen von Ferguson er beinahe auswendig wusste. Seine Muttersprache studierte er vorzüglich aus Luthers Bibelübersetzung. Diese Studien nahm Schiller mit nach Stuttgart hinab, wohin die militärische Pflanzschule in jenen schönen vierflügligen Kasernenbau zu Ende des Jahrs 1775 verlegt wurde. Nicht so getreu sollte er seiner widerwillig getriebenen Berufswissenschaft bleiben. Zur Erweiterung der Anstalt gehörte nämlich auch die Aufnahme der Medizin unter die Lehrfächer. Der Herzog, dem zu viele Zöglinge in seiner Akademie die Rechte zu studieren schienen, ließ umfragen, welche wohl Lust hätten, das Studium der Heilkunde zu ergreifen. Unter diesen letztern stellte sich auch, entweder freiwillig, oder auf eine Unterredung des Herzogs mit dem Vater, unser Schiller. Er wählte, nach Scharffenstein, diesen Beruf nicht eigentlich aus Vorliege, „es war mehr ein Raptus, oder weil er ihn für liberaler und freier hielt, oder hauptsächlich weil die bei dieser Fakultät angestellten Lehrer ihm besser behagten.“ Ingeheim leitete ihn auch schon die Rücksicht auf seine Lieblingsneigung, die Poesie; denn er dachte, Seelenlehre, Menschennaturkunde und verwandte Kenntnisse könnten ihm bei seiner Kunst als Dramatiker, teils als Dienerinnen, teils als Helferinnen von Nutzen sein. Die Familie scheint diesen Wechsel nicht gerne gesehen und Schillers Seele selbst scheint er einigen Kampf gekostet zu haben. Für die Richtung seines Geistes war der Tausch offenbar höchst wichtig; vor manchen Rohheiten wäre vielleicht sein Jugendleben ohne ihn bewahrter geblieben, aber eine Fülle von psychologischen und physiologischen Studien bereicherte durch diesen Beruf seinen Dichtergeist. Auch urteilte er frühzeitig, „dass sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie seine Brotwissenschaft bliebe, und er ihr nicht bloß die reinsten Augenblicke widmete“, und noch in späteren Jahren war er der Meinung, „dass es auch für den Dichter gut sei, irgendein wissenschaftliches Fach absolviert zu haben, sei es nun, welches es wolle.“ Schiller war erst sechzehn Jahre alt, als er die neue Wissenschaft ergriff, die er bald um vieles anziehender fand, als er sich selbst vorgestellt hatte. Boerhaves und Hallers Werke und die Dissertationen und Kollegienhefte des großen Lehrers der praktischen Arzneikunde zu Göttingen, Brendels, waren dabei seien Führer. Aber wider seinen Willen überraschte ihn mitten im Lernen die Poesie, und er benützte jede freie Minute, sich mit der Literatur und Dichtkunst und, als mit ihrem Hilfsmittel, der Geschichte zu beschäftigen. Klopstock wurde jetzt aufs Neue von ihm vorgenommen, aber schon wagte er seine Gesänge zu kritisieren, ja eine missfällige Ode sogar durchzustreichen, und ein richtiger ästhetischer Takt leitete ihn dabei. Außer ihm blieben seine Lieblinge Goethe, Gerstenberg, Haller und Lessing, wozu sich auch noch Uz und Wieland gesellten. Das älteste Gedicht, das sich von Schiller erhalten hat, stammt aus dem Jahre 1776, also nicht mehr von der Solitude. Es ist eine Rhapsodie auf den Abend, und enthält neben wenig eigentümlichen Bildern und Gedanken, welche schon den Dichter versprechen, Erinnerungen aus Uz, Klopstock und den Psalmen. Der Anfang ist das schönste:
Nächst dem rührt das Gefühl, das den Dichter noch viel später mit gleicher Stärke begeisterte, „das paradiesische Naturgefühl“ –
Balthasar Haug, der Vater des Epigrammdichters, Professor an der Karlsschule, teilte es, mit Verbesserung einiger Sprachfehler und Reimlizenzen (er ließ deren genug stehen), in seinem schwäbischen Magazin mit, und fügte die Bemerkung hinzu: „Diese Gedicht hat einen Jüngling von sechzehn Jahren zum Verfasser. Es dünkt mich, derselbe habe schon gute Autoren gelesen, und bekomme mit der Zeit so magna sonaturum“ – einen Mund, der dereinst hohe Dinge tönen wird. Ein zweites Gedicht, „Der Eroberer“, führte derselbe Haug im Jahr 1777 mit der Bemerkung ein: „Von einem Jüngling, der allem Ansehen nach Klopstock liest, fühlt und beinahe versteht. Wir wollen seinen Feuereifer beileibe nicht dämpfen; aber Nonsens, Undeutlichkeit, übertriebene Metathesen – wenn einst vollends die Feile dazu kommt, so dürfte er mit der Zeit doch seinen Platz neben – einnehmen, – und seinem Vaterlande Ehre machen.“ Dies Gedicht hat weniger Persönlichkeit als das erstere, es ist mit Stoff und Form ganz aus Klopstocks Nachahmung hervorgegangen. „O, damals war ich noch ein Sklave von Klopstock!“, rief Schiller später selbst aus, und Petersen schilt das Gedicht „den Erguß einer orientalischen Geistesergrimmung, mit Erinnerungen aus der Messiade und den Propheten, voll wilden Feuers und roher, brausender Kraft, aber auch voll Schwulst, Unverständlichkeit und Unsinn.“ Über die Art und Weise, wie er schon damals dichtete, ist uns eine merkwürdige Äußerung desselben Freundes, der sein poetischer Gewissensrat war, aufbehalten: „Man wähne ja nicht, dass Schillers frühere Dichtungen leichte Ergießungen einer immer reichen, immer strömenden Einbildungskraft oder gleichsam Einlispelungen einer freundlichen Muse gewesen seien. Mitnichten! Erst nach langem Einsammeln und Aufschichten erhaltener Eindrücke, erworbener Vorstellungen, angestellter Beobachtungen; erst nach vielen Bilderjagden und den mannigfaltigsten Befruchtungen seines Geistes, erst nach vielen misslungenen und vernichteten Versuchen hob er sich etwa im Jahr 1777 so weit, dass scharfsichtige Prüfer mehr aus einzelnen kleinen Äußerungen, als aus größeren Arbeiten den bedeutenden künftigen Dichter in ihm ahnten, sowie er auch selbst nicht früher als um diese Zeit sich der Inwohnung und schaffenden Wirkung des Dichtergeistes gewiss wurde.“ Dem genannten Freunde, dann seinem Jugendgespielen von Hoven und dem als Tonkünstler und Komponist später berühmt gewordenen Zumsteeg teilte er sich mit seinen dichterischen Versuchen am offensten mit. Von seinem Freund Scharffenstein hatte er sich, empfindlich, wie Dichter sind, infolge einer allzu offenherzigen Kritik, zurückgezogen. Hoven empfing zugleich die vertrautesten Mitteilungen über die philosophischen Ansichten des Freundes und jedes vollendete Gedicht wurde sogleich von Zumsteeg komponiert. Fortwährend wurde aber auch das Dichten dem Jüngling durch die lästigste Aufsicht und ein feindseliges Misstrauen seiner Vorgesetzten schwer gemacht. Weinend fand man ihn einst vor seiner Bibliothek stehen, als ihm sein Shakespeare und andere, nicht in den Studienplan des Instituts passende Werke von den Aufsehern hinweg genommen worden waren. Die Zöglinge waren so scharf beobachtet, dass selbst die Mitteilung unter Freunden sehr schwer war, dass sie sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern begeben, und nie sich gruppenweise versammeln durften. So musste denn oft das Puder- oder Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Akademiegarten, ein Durchgang im Hof das Lokal abgeben, wo Schiller einzelnen Vertrauten Proben aus seinen Gedichten mitteilen konnte, während ein ausgestellter Freundesposten Wache hielt. 1)
Über naive und sentimentale Dichtung. Ausg. In einem Band von 1830. S.
1236, b.
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