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Schiller in der Karlsakademie zu StuttgartDer Herzog Karl von Württemberg, ein Herr von ausgezeichnetem Geist, raschem Urteil, umfassendem Gedächtnisse, lebhafter und unsteter Einbildungskraft, einem starken Willen im Dienste der Leidenschaft und einer lang ungebändigten Sinnlichkeit hatte, nachdem er Jugend und Mannesalter an Glanz und Genuss aller Art verschwendet, aus großer Liebe zu wissenschaftlicher Bildung, deren Mangel er an sich mit unbestimmter Pein zu empfinden schien, dem Streben seines rastlosen Geistes in reiferen Jahren ein edleres Ziel gesteckt. „Ermüdet von Sinnenlust, Kunstgenüssen des Auslandes, und den phantastischen Einfällen, die eine übertriebene Liebe zum Luxus eingab, suchte er an der Seite einer guten, deutschen Frau (der Gräfin Franziska von Hohenheim, die er später zu seiner rechtmäßigen Gemahlin erhob) in der Gründung einer idealistischen Landwirtschaft, in der Förderung aller Zweige des Wissens, auch durch Errichtung eines Erziehungsinstituts Beschäftigung, die der Innerlichkeit des Lebens, zu der das herannahende Alter drängt, zusagte.“ Die Karlsakademie, die aus diesem Triebe nach edlerem Ruhme hervorging, hatte übrigens auf dem Lustschloss Solitude im Jahr 1770 einen nur geringen Anfang genommen, als militärisches Waisenhaus für vierzehn Soldatenkinder, die im Tanz, Gesang und andern Künsten unterrichtet wurden, um dereinst den Freuden des damals noch üppigen und prachtvollen Hofes zu dienen. Aber schon nach einem Jahr, als die Zahl der Zöglinge sich schnell vermehrt hatte, wurde sie zur „militärischen Pflanzschule“ erhoben, und jetzt auch schon den Ausländern geöffnet. Der Kreis der Lehrgegenstände erweiterte sich mit der Begeisterung des Herzogs für sein Werk: Mathematik, Geschichte und Erdkunde, Religion, Latein und Mythologie wurden von einem vermehrten Lehrpersonal vorgetragen; doch waren die Lehrfächer anfangs noch nicht streng fixiert. Die Zöglinge selbst waren in zwei Klassen oder vielmehr Kasten geteilt: Kavaliere oder Offizierssöhne, und gemeine Eleven, meist Soldatenkinder, doch auch hier und da der „Sohn eines rechtschaffenen Bürgers“ aus den Haupt- und Landstädten. Die erste Klasse war vorläufig für das Militär bestimmt, der größte Teil der Eleven den Künsten, der Malerei, Bildhauerei, Architektur, Stuckatur, Musik, Gärtnerei, aber auch den Handwerken gewidmet, denn es gab selbst eine Abteilung von Schneidern und Schustern. In den Unterrichtsstunden bestanden vier Abteilungen. Für den Ehrgeiz der Zöglinge wurde durch Preismedaillen und einen, später gedoppelten, Orden, für Zucht und Ordnung durch ein streng militärisches Regiment gesorgt. Die Offizierssöhne trugen hellblaue kommistüchene Westen mit Ärmeln, Kragen- und Ärmelaufschlag aus schwarzem Plüsch, Beinkleider aus weißem Tuch, einen kleinen Hut, zwei Papilloten an jeder Seite, ohne Puder, dazu lange, falsche Zöpfe nach bestimmtem Maß. Der Paradeanzug hatte mehrere Abstufungen und zum größten Putz trug alles Uniformen. Der Wert, welcher auf diesen Schmuck vom Herzog selbst gelegt wurde, wird durch sein Urteil über einen Zögling bezeichnet, das, freilich nur von einem Spaßvogel dem fürstlichen Gründer in den Mund gelegt, lautete: „Ich sag’, der N. N. ist der beste Zögling der Anstalt, sowohl in der Vergette, als in der Conduite.“ Oberaufseher und Aufseher, aus der Zahl der Sergeanten, waren, was pedantische Aufsicht betrifft, exemplarische Männer, und der oberste unter ihnen, mit Namen Nies, von Schiller oft genannt, führte das Kommando mit einer Betriebsamkeit und einem Kleinlichkeitsgeist, dass man in seiner Nähe kaum atmete. Harte Strafen züchtigten Nachlässige und Widerspenstige; und einmal wollten verstockte Zöglinge beim Befehl körperlicher Züchtigung das Schreckenswort vernommen haben: „bis Blut kommt!“ Von dieser Strenge hörte indessen vieles auf, als das Institut unter dem Namen „Militärakademie“ im Jahr 1774 eine höhere Richtung erhielt, Offiziere vorgesetzt, Professoren angestellt, Fakultätsfächer und Lehrstunden bestimmt wurden. Einen höheren Schwung nahm vollends die Anstalt, als sie gegen Ende des Jahres 1775 nach Stuttgart in die schönen Gebäude hinter dem Schloss verlegt wurde, die noch ihren Namen tragen. Allmählich waren jetzt regelmäßige Kurse in der Rechtswissenschaft und Arzneikunde, dann ein umfassenderer Vortrag in der Religionslehre, und von den Künsten die Kupferstecherkunst mit gründlichem Unterricht hinzugekommen. Auch wurden Fremde und Einheimische gegen ein Kostgeld aufgenommen, und jetzt wurde die Anstalt nicht nur von Stadtstudierenden zahlreich besucht, sondern auch aus allen Weltgegenden strömten Jünglinge zu ihr, um in der mit Lehrern trefflich besetzten, berühmten Akademie sich zu bilden. Deutsche aller Stämme, Franzosen, Schweizer, Russen, Polen, Engländer, Italiener, Dänen, Schweden, Holländer, West- und Ostinder fanden sich an diesem Herd der Kultur zusammen. Der Gründer erhielt die Anstalt aus eigenen Mitteln, durch seine Aufsicht, seine täglichen Besuche, seine Teilnahme an den Unterrichtsstunden als Zuhörer und Frager, seine Leutseligkeit und Strenge in Belohnungen und Strafen. Er liebte die Zöglinge so herzlich, dass, nach der Versicherung eines noch lebenden Augenzeugen, die herzogliche Kutsche, in welcher Karl selbst mit seiner Franziska fuhr, sich nicht selten von innen und außen mit Eleven bepackt von der Solitude nach Stuttgart schleppte. Aber die ernste, militärische Zucht dauerte fort. Subordination war das Grundgesetz des Instituts, der Stock, die Degenklinge und die Trommel beinahe die einzigen äußerlichen Aufforderungsmittel zu den Studien. In Parade wurde in die Unterrichtsstunden gezogen, in Parade zum Mahl, in Parade zu Bett, zusammen taktmäßig und steif traten die Jünglinge in die Lehrzimmer, das Kommandowort: „Marsch, halt, links um, schwenkt euch!“ rief sie zu der Beschäftigung mit den Wissenschaften. Die strengste Verleugnung ihrer Individualität, die Erstickung der hervorstechendsten, wenn nicht zu dem ganz aufs praktische Leben angelegten Erziehungsplan passenden Talente, die Gefangennehmung des eigenen selbständigen Sinnes und die gänzliche Unterwerfung des Willens unter den des Stifters wurde von den Zöglingen verlangt und im Durchschnitt auch geleistet. „Alles, was wir sind, alles, was wir werden, ist das erhabene Werk euer Herzoglichen Durchlaucht“, sprach, schon in Gegenwart Schillers, am dritten Stiftungstag der militärischen Pflanzschule in öffentlicher Rede ein „junger, gelehrter und liebenswürdiger Kavalier“, der jedoch das, was er seitdem geworden, nicht ganz auf seines Herzogs Rechnung, ohne eigene Imputation, zu schieben hatte. Wie diese berühmte Anstalt eine Frucht der Begeisterung und Pedanterie in seltsamer Mischung war, so trug sie auch gemischte Früchte. Große Künstler, Gelehrte, Krieger, Geschäftsmänner, ja einige der ersten Köpfe Europas1) wurden in ihr gebildet, aber auch verdorbene Halbgenies, frivole Freigeister, kleinliche Tyrannen. Gründliche Wissenschaftlichkeit und seichte Aufklärung, edle Tätigkeit und unruhige Gewalttätigkeit, selbstbewusste Kraft und eitle Selbstüberschätzung verbreiteten sich mit ihren Zöglingen in einem Doppelstrom befruchtend und verderbend über das Land, in dessen Schoß sie entstanden war, und wohl auch über dasselbe hinaus. Während die Karlsakademie, später von Kaiser Joseph zur hohen Schule erhoben, im Farbenglanz der Uniformen blühte, schlich der verlebte Geist früherer Jahrhunderte in dickem Blut langsam durch die Adern der alten Erziehungsinstitute des Landes, und wie dort der Korporalsstock hinter den Kulissen regierte, so bewegte sich in den Klosterschulen und dem theologischen Stift zu Tübingen die schwarze Kutte und der geistliche Talar nach der schwerfälligen Mönchsregel. Dennoch war dieser verjährte Zwang nicht so lästig und hemmend für den aufstrebenden Geist, als jener moderne illustrierte Despotismus. In den alten Gelehrtenschulen Württembergs verfolgte er den Jüngling nur in die öffentlichen Gebetsstunden, in die Kollegien und etwa zu Tisch. Am Arbeitspult war dieser so ziemlich Herr über seine Gedanken, und der freien Entfaltung seiner Naturanlagen war nicht dieselbe Zwangsjacke angelegt wie dem Körper. Es ist erlaubt zu fragen, was aus Schiller geworden wäre, was die Welt mit diesem hochbegabten Geist empfangen hätte, wenn er, seiner früheren Neigung entsprechend, nicht in der Karlsakademie, sondern in den württembergischen Klöstern seine erste wissenschaftliche Bildung empfangen hätte. Einer seiner Jugendfreunde zweifelt nicht, dass unser Dichter, wenn er nicht zum Erlernen von Wissenschaften genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte, oder denen er nur durch die größte Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen konnte, sich zu einem Theologen gebildet haben würde, der durch bilderreiche Beredsamkeit, und durch richtige Anwendung einer tiefen Philosophie auf die Religion Epoche gemacht hätte. Wir können so bescheidene Erwartungen, welche den Genius auf die Kanzel und den theologischen Lehrstuhl beschränken wollten, keineswegs teilen. Vielmehr glauben wir, dass auch in dieser Laufbahn sich Schiller nicht mit der Anpassung seines Geistes ans Gegebene und Positive, oder gar mit der rhetorischen Form begnügt hätte, sondern dass er in der Wissenschaft, wie er es in der Poesie getan hat, auf ungewohnten Bahnen der höchsten Wahrheit zustrebend, als Denker dasselbe geworden wäre, was er als Dichter geworden ist: Der Mitschöpfer einer neuen Periode. Gewiss ist, dass er dem Studium der Kantischen Philosophie um ein Jahrzehnt früher auf diesem Weg zugeführt worden wäre, und wer weiß, ob nicht sein tiefsinniger Geist, ohne Störung und Versuchung in stillen Klostermauern jahrelang auf das höchste Objekt des Wissens geheftet, einem Schelling und Hegel, welche dieselbe Laufbahn zehn oder fünfzehn Jahre später betraten, die Palme vorweggenommen hätte. Aber nicht aufs Erkennen allein, aufs Schaffen war unser großer Landsmann vom Lenker der menschlichen Geschicke angewiesen, und nicht zum Gründer einer philosophischen Schule sollte ihn die einsame Zelle, sondern zum ersten dramatischen Dichter der neuern Zeit eine zwar widerliche und harte, aber lebendiger Anschauungen volle Schule, und darin Pein, Irrtum, Zweifel, Leidenschaft mit ihren Verirrungen und endlich die Flucht ins Leben hinaus, und ein heißer Kampf mit der Außenwelt bilden. Der Herzog Karl von Württemberg, in der Schöpfung seiner militärischen Pflanzschule begriffen, ließ, um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Umfrage halten, und so wurde ihm denn in Ludwigsburg unter andern vorzüglichen Schülern auch der Sohn seines Dieners Schiller genannt. Sogleich erging an den Vater der Antrag des Herzogs, den Knaben in die Pflanzschule aufnehmen und dort auf fürstliche Kosten erziehen lassen zu wollen. In der Schillerschen Familie verursachte dieses großmütige Anerbieten die größte Bestürzung, denn Vater und Mutter waren dem Lieblingsplan des Sohnes, sich dem geistlichen Stand zu widmen, keineswegs abhold gewesen, und namentlich hatte die sanftere Mutter sehnlich gewünscht, den geliebten, einzigen Sohn auf dem sittlich gefahrloseren Pfad der vaterländisch theologischen Bildung ruhig fortschreiten zu sehen. Der Vater wagte daher eine freimütige Vorstellung an den Herzog, des Inhalts, dass der Knabe schon alle Vorbereitungsstudien zum geistlichen Stand gemacht habe und der Herzog schien zufrieden gestellt: Bald aber wiederholte sich sein Begehren zweimal hintereinander, die Wahl des Studiums wurde dem Sohn freigestellt, eine bessere Versorgung, als es im geistlichen Stand möglich wäre, versprochen. Der Ausspruch des Gebieters, des Wohltäters der Familie konnte nicht mehr überhört werden, und mit missmutigem Herzen wanderte der vierzehnjährige Jüngling zu Anfang des Jahres 1773 aus dem Vaterhaus in die Pflanzschule und wählte hier das Studium der Rechtswissenschaft, weil es, nach der Meinung der Eltern, die beste Versorgung versprach. Die erste Nachricht, wie es dem Knaben in den neuen Fesseln behagte, erhalten wir aus seinem eigenen Mund. „Lieber Karl!“, so schrieb Schiller ein halbes Jahr nach seiner Aufnahme an seinen Jugendfreund Moser, der damals in Ludwigsburg lebte, am 12. Juli 1773, „komm selbst, sieh, prüfe und urteile! Dein Friedrich ist sich nie selbst überlassen; den einmal festgesetzten Unterricht muss er anhören, prüfen und repetieren, und Briefe an Freunde zu schreiben steht nicht in unserem Schulreglement. Sähest du mich, wie ich neben mir Kirsches Lexikon liegen habe und vor mir das dir bestimmte Blatt beschreibe, du würdest auf den ersten Blick den ängstlichen Briefsteller entdecken, der für dieses geliebte Blatt eventualiter einen nie gesehenen Schlupfwinkel in einem geistesarmen Wörterbuch sucht.“ Außerdem berichten uns zwei akademische Jugendgenossen über Schillers Eintritt und anfänglichen Aufenthalt in dieser Anstalt, in welcher er, als nicht Sohn eines aktiven Offiziers, nicht unter den Kavalieren, sondern unter den Eleven seinen Platz nahm. Der eine, der nachmalige Generalleutnant von Scharffenstein, ein geborner Elsässer, schildert uns die komische Gestalt, welche der neue Ankömmling in der ordonnanzmäßigen Kleidung des Institutes machte: „Lang für sein Alter, Beine beinahe ganz mit den Schenkeln von einem Kaliber, sehr langhalsig, blass, mit kleinen rot umgrenzten Augen, nicht der reinlichste in seiner Toilette – ein ungeleckter Kopf voll Papilloten mit einem enormen Zopf“ – so wird uns Schiller von dem überrheinischen Kameraden gezeichnet. Der andere, von Hoven, schon von Ludwigsburg her sein Gespiele, erzählt uns, wie der junge Zögling in den gelehrten Sprachen, in welchen er schon zu Ludwigsburg einen sehr guten Grund gelegt, bedeutende Fortschritte machte; wie denn auch bei der Preisverteilung am 14. Dezember 1773, welche in Gegenwart des Herzogs vorgenommen wurde, mit dem ersten Preis in der griechischen Sprache „Johann Christoph Friedrich Schiller von Marbach“ in den Listen aufgezählt wurde und dort noch zu finden ist. Französische Schriftsteller lernte er bald ohne Schwierigkeit lesen, in der Geografie, Geschichte, Mathematik machte er ebenfalls gute Fortschritte, und das Studium der Philosophie zog ihn gleich anfangs mächtig an. Nur mit der Rechtswissenschaft, die er mit dem Jahr 1774 (also im fünfzehnten Lebensjahr!) zu studieren anfing, wollte es ihm nicht gelingen, er blieb hinter seinen Mitschülern zurück und wurde von den Lehrern für talentlos gehalten. Nur der Scharfblick des Herzogs sah richtiger und urteilte einst über den im Examen Stockenden: „Lasst mir diesen nur gewähren; aus dem wird etwas!“ Schiller selbst hatte das Gefühl, dass er auf diesem Weg nicht vorwärts kommen könne. „Dass du eher zum Zweck kommen würdest, als ich“, schrieb er an seinen Freund Moser (18. Oktober 1774) „ahnte ich jetzt erst, als ich durch Erfahrung einsehen lernte, dass dir, einem freien Menschen, ein freies Feld der Wissenschaften geöffnet war. Dem Himmel sei es gedankt, dass in unsern Kriminalgesetzbüchern nicht auch, neben der Strafe des Felddiebstahls, eine Pön auf Diebstahl in entlegenen wissenschaftlichen Feldern gesetzt ist, denn sonst würde ich Armer, der ganz heterogene Wissenschaften treibt und im Garten der Pieriden manche verbotene Frucht nascht, längst mit Pranger und Halseisen belohnt worden sein.“ Je drückender ihm die Sklaverei erschien, desto trotziger gebärdete sich sein jugendlicher Geist. „Du wähnst“, heißt es in einem Brief an denselben Freund vom 20. Februar 1775, „ich soll mich gefangen geben dem albernen, obgleich im Sinn der Inspektoren ehrwürdigen Schlendrian? Solange, wie mein Geist sich frei erheben kann, wird er sich in keine Fesseln schmiegen. Dem freien Mann ist schon der Anblick der Sklaverei verhasst – und er sollte die Fesseln duldend betrachten, die man ihm schmiedet? O Carl, wir haben eine ganz andere Welt in unserem Herzen, als die wirkliche ist; – wir kannten nur Ideale, nicht das, was wirklich ist. Empörend kommt es mir oft vor, wenn ich da einer Strafe entgegen gehen soll, wo mein inneres Bewusstsein für die Rechtlichkeit meiner Handlungen spricht. – Die Lektüre einiger Schriften von Voltaire hat mir gestern noch sehr vielen Verdruss verursacht.“ Dass die Erzieher und Lehrer Voltaires Schriften nicht gern in den Händen des sechzehnjährigen Knaben sahen, war nun eben keine Probe von Tyrannei. Andrerseits würde diesem Unrecht geschehen sein, wenn man ihn darum auf dem Weg des Unglaubens und Leichtsinns hätte sehen wollen. Vielmehr war Schiller bis jetzt noch frommen Regungen ganz hingegeben, oft mit Gebet beschäftigt, teilnehmend an Andachtsstunden der Stillen, mit Sehnsucht dem verlassenen Studium der Theologie zugekehrt, und auf sein Inneres mit jenem ernsten Blick gerichtet, den er im spätern Denken und Dichten auf die ganze Welt warf. In der Selbstschilderung, zu welcher ihm im Jahr 1774 der Herzog Veranlassung gab, als er den Zöglingen Schilderungen von sich und allen Genossen ihrer Abteilung zur Aufgabe machte, gestand er ein, „dass er in manchen Stücken noch fehle, dass er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sei.“ Er schrieb sich aber auch getrost wiederum „ein aufrichtiges, treues, gutes Herz zu“, und erklärte, „dass er sich weit glücklicher schätzen würde, wenn er dem Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.“ Über Kameraden ließ er sich nur da hart aus, wo er „Ehrerbietung gegen Vorgesetzte an Niederträchtigkeit grenzen“ sah. Die bessern von diesen schilderten ihn bei dieser Gelegenheit als „lebhaft, lustig, voll Einbildungskraft und Verstand;“ wieder als „bescheiden, schüchtern und mehr in sich vergnügt als äußerlich.“ Den einen fiel auf, dass er beständig Gedichte lese, andere ahnen schon, dass seine eigene Neigung auf Poesie und zwar auf tragische gehe. Wieder einer gibt ihm das launige Zeugnis, dass er gewiss „ein guter Christ, aber nicht sehr reinlich sei.“ |
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