Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Schwab - Schillers Leben
               Vorwort
               Inhalt
               Buch 1
                  Geschlecht
                  Bei den Eltern
                  Karlsakademie
                  Regungen der Poesie
                  Verhalten z. Akademie
                  Medizin. Studien
                  Die Räuber
                  Austritt aus Akademie
                  Druck der Räuber
                  Schillers erste Lyrik
                  Aufführung Räuber
                  Folgen
                  Schillers Flucht
                  Ankunft in Mannheim
                  Gericht über Fiesko
                  Aufe. in Bauerbach
                  Lotte von Wolzogen
                  Poetische Arbeitenh
                  Aufe.in Mannheim
                  Aufführung des Fiesko
                  Kabale und Liebe
                  Auszeichnung
                  Dramatische Arbeiten
                  Don Carlos. R. Thalia
                  Liebe, Freundschaft
                  Rückblick
               Buch 2
               Buch 3
               Urkunden

Schiller bei den Eltern

Johann Christoph Friedrich Schiller wurde nicht den 10., wie bis heute einstimmig gesagt wird, sondern den 11. November1) 1759 zu Marbach geboren. Die Mutter hatte, nach einem sehr glaubwürdigen Zeugnis, ihren Gatten, der damals Leutnant im Infanterieregiment des Generalmajors Romann war, in dem Lager besucht, wo er bei den gewöhnlichen Herbstübungen des württembergischen Militärs sich aufhalten musste, und in seinem Zelt fühlte sie die ersten Anzeichen ihrer nahen Entbindung. So hätte beinahe Schiller das Licht der Welt zuerst in einem Lager erblickt; doch gelang es der Mutter noch, in ihr elterliches Haus2), von wo aus sie den Gatten besucht hatte, nach Marbach zurückzukehren, wo sie eines Knaben genas, den der Vater „dem Wesen aller Wesen“ empfahl, „dass es demselben an Geistesstärke zulegen möchte, was er aus Mangel an Unterricht nicht erreichen konnte.“

Eine uralte Sage lässt an der Stelle dieser Stadt, wo jetzt die lustigen Rebenhügel prangen, im wilden Wald der Urzeit einen Riesen hausen, welcher ein leibhaftiger Heidengott – Mars oder Bacchus – gewesen, und von ihm leitet sie den Namen der Stadt ab. Ein geistiger Riese war es auch jetzt, der in der Reisenstadt geboren ward, und die Poesie hat sich dieser sinnbildlichen Beziehung bemächtigt. Indessen erwuchs das Kind, anfangs fern von der Aufsicht eines strengen Vaters, an der Brust einer zarten Mutter, langhalsig, sommerfleckig, rotlockig, wie diese, und entfaltete sich unter heitern und harmonischen Eindrücken. Schiller selbst zählte die späteren Besuche in dem großelterlichen Hause zu seinen freundlichsten Jugenderinnerungen.

Es dauerte gegen vier Jahre, bis der Vater mit dem Hubertsburger Frieden (1763) aus dem siebenjährigen Krieg heimgekehrt, seinen bleibenden Wohnsitz wieder im Vaterland nahm. So lange blieb der Knabe Fritz im Haus der genügsamen Großeltern unter der ausschließlichen Pflege der Mutter. Die Erziehung des zärtlichen, von den Kinderkrankheiten schwer heimgesuchten Kindes wurde mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt, und krampfhafte Zufälle, an welchen das Kind wiederholt litt, überwand glücklich seine gute Natur.

An der geistigen Ausbildung des Sohnes nahm auch der heimgekehrte Vater und ein väterlicher Oheim des Dichters, Johann Friedrich Schiller von Bittenfeld, der als Studiosus der Philosophie den Knaben aus der Taufe gehoben hatte3), Anteil. Schon im vierten oder fünften Jahr war der Kleine auf alles aufmerksam, was der Vater im Familienkreis vorlas, eilte vor seinen liebsten Spielen zu Bibelandacht und Gebet herbei, und war mit den blauen, gen Himmel gerichteten Augen, den hochblonden Locken um die helle Stirne, und den gefalteten Händchen, wie ein Engelskopf anzuschauen. So schilderte ihn die ältere Schwester. Folgsamkeit, sittlicher Zartsinn, Nachsicht gegen Geschwister und Gespielen zeichneten schon den Knaben aus. Den ununterbrochensten Einfluss auf Gemüt und Geist übte bei ihm die Mutter. An Sonntagnachmittagen, wenn sie mit den beiden Kindern aus dem Hause, das seit des Vaters Rückkehr die Eltern für sich bewohnten, nach der nahen Großelternhütte wandelte, pflegte sie ihnen das kirchliche Evangelium des Tages auszulegen, und rührte einst am Ostermontag durch die Erzählung von Christus und den beiden nach Emmaus wandernden Jüngern die beiden Geschwister zu heißen Tränen. Zu anderer Zeit unterhielt sie die Kinder mit Zaubermärchen und Feengeschichten, und später, so wie die Fassungskraft des Knaben es erlaubte, führte sie ihn auch in die Hallen der deutschen Dichtkunst ein, so weit ihr selbst diese zugänglich waren. Klopstocks Messiade, Opitzes Gedichte, Gerhards herrliche, geistliche Lieder, denen sich das Dichtergemüt des Sohnes mit Vorliebe zuwandte, Gellerts fromme Gesänge, die dem Knaben auch bald sehr teuer waren, wurden gelesen: Nur als der üppige Auswuchs der schlesischen Schule, Hofmannswaldau, an die Reihe kam, und der Knabe in einem Sonett die Geliebte dieses Dichters „den Brustlatz kalter Herzen, der Liebe Feuerzeug, den Blasebalg der Seufzer, das Löschpapier der Tränen, die Sandbüchse der Pein, das Schlafstühlchen der Ruhe, und der Phantasie Klistier“ musste nennen hören, wandte er sich mit lächelndem Widerwillen von dem Buch ab und rief: „Ich will keinen Klistier!“ und wenn die gewöhnlichen Neujahrsgratulanten der Landstädte und Dörfer mit ihren Verschen anrückten, so sagte er wohl: „Mutter! Es ist ein Hofmannswaldau draußen!“

Der Schauplatz des hier zuletzt Erzählten ist nicht mehr Marbach. Denn im Jahr 1765 wurde Schillers Vater von seinem Herzog als Werbeoffizier nach der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd geschickt, und durfte seinen Aufenthalt im Dorf und Kloster Lorch, als nächstem württembergischen Grenzort, nehmen. Dadurch wurde der Knabe im sechsten Jahr aus dem lachenden Neckartal4) in die ernste Stille eines von Nadelhölzern umstellten Wiesengrundes versetzt. Das Dorf Lorch liegt am Fuß des Hügels, den, schon auf der Staffel eines Tannengebirges, die Klostergebäude krönen, vor deren Mauern auf einem Vorsprung eine uralte Linde Wache hält: der Hohenstaufen mit einem Gefolge von Bergen blickt nach dem Kloster herüber, das zahlreiche Gräber jenes erlauchten Geschlechtes umschließt; in der Tiefe schlängelt sich der Remsfluss freundlicheren Gegenden und segensreichen Rebenpflanzungen zu.

In dieser Einsamkeit, an der das Herz des Dichters noch in späten Jahren hing, wurde jetzt Schillers Erziehung in Gemeinschaft mit einem Freunde des Hauses, dem Ortsdiakon Moser5), einem wackern Mann, besorgt, der nur wenig Jahre älter war, als Schiller der Vater. Von ihm erhielt der kleine Fritz den ersten Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, und Schiller hat seinem Lehrer durch den Charakter des Pastors Moser in den Räubern ein dankbares Denkmal gesetzt. Mit dem Sohne dieses würdigen Geistlichen, Karl Moser, schloss der Knabe die erste Jugendfreundschaft, deren Spuren sich noch im reifen Alter des Dichters vorfinden. Auch seine lang in der Seele fortglimmende Neigung zum Studium der Theologie scheint aus den Eindrücken zu stammen, die er im Pfarrhause zu Lorch aufgenommen hatte. Oft sah man ihn mit einer schwarzen Schürze statt des Kirchenrocks umbunden, ein Käppchen auf dem Kopf, von einem Stuhl herab der Mutter und Schwester sehr ernsthaft predigen, und seine kindischen aus Bibelsprüchen zusammengereihten Vorträge zeigten schon eine Spur logischen Zusammenhangs.

Schillers gründlichster Biograf findet in diesem kindischen Spiel schon die tiefste Bestimmung der Natur träumend erraten. „Schiller ist wirklich dem Wesen nach ein Prediger geworden, aber nicht von der Kanzel, sondern von der Schaubühne herab, nicht vor einer konfessionellen Gemeinde, sondern ein Prediger vor der großen Menschenfamilie6).“

Von der Entwicklung seines sittlichen Charakters wird schon aus dieser frühesten Periode nur Gutes gemeldet. Er ging gerne in Kirche und Schule, und nur die Natur konnte ihn zuweilen zu kleinen Diebstählen an der Schulzeit verführen, die dem strengen Vater verborgen bleiben mussten; aber auch auf die Spaziergänge begleitete ihn sein gutes Gemüt und seine Menschenliebe, und mit grenzenloser Freigebigkeit verschenkte er an Arme, was er besaß. Versunken in Naturgenuss stand einst der achtjährige Knabe mit seinem Jugendfreund im Wald und rief: „O Karl, wie schön ist es hier! Alles, alles was ich habe, könnte ich hingeben, nur diese Freude möchte ich nicht missen!“ Er wurde beim Wort genommen: Unter der Last eines Reisigbündels schlich ein Kind in Lumpen durch den Wald. „Das arme Kind!“, rief der kleine Schiller voll Mitleiden, kehrte seine Taschen um, und gab, was er hatte: Zehn Kreuzer, und eine alte silberne Schaumünze, ein Geburtstagsgeschenk seines Vaters, von der er sich recht ungern trennen mochte. Ein andermal stellte er sich dem Vater ohne Schnallen an den Schuhen dar, und gestand, dass er dieselben einem armen Jungen zum Sonntagsschmucke gegeben, weil er sich selbst mit seinen Sonntagsschnallen begnügen könne. Und an Kameraden verschenkte er nicht nur Dinge, über die er frei verfügen konnte, sondern, wenn ihre Armut sein Mitleiden recht rege machte, Bücher, ja Kleidungsstücke und Bettlaken, so dass selbst der Vater mit fühlbaren Züchtigungen einschreiten musste, deren Vollziehung jedoch zuweilen die sanftere Mutter sich erbat. Im Übrigen waren Gehorsam und Folgsamkeit Grundzüge seines Charakters.

Die Natur war der Lieblingsaufenthalt des Knaben; oft wünschte er in der schönen Gegend der Sonne mit lautem Gesang, der überhaupt seine jugendlichen Schritte im Freien fast immer melodisch begleitete, eine gute Nacht, und wenn er sich der herrlichen Farbenmischung an den Wolken erfreute, rief er wohl gar Stuttgarts Maler laut auf, es zu versuchen und diese Farben auch so aufzutragen. Einer seiner Lieblingsspaziergänge war der Kalvarienberg der katholischen Nachbarstadt Gmünd, und nicht selten weilte er in den dunkeln Hallen der uralten, schmucklosen, düstern Kirche Lorchs bei den Gräbern der Hohenstaufen. „Diese religiösen und geschichtlichen Eindrücke in des Kindes Gemüt aufgenommen, waren vielleicht die ersten Fäden des magischen Gewebes der tragischen Darstellung, die der Genius in seiner Seele anlegte.“ Der Vater erklärte ihm dazu die Geschichtsdenkmale der Gegend; der Sohn durfte ihn in die Übungslager, zu den Förstern im Walde, und reisend auf das schöne Lustschloss Hohenheim begleiten. Auf solche Weise nährten wechselnde Lebensbilder seine Phantasie, und ein einfaches Hausleben kräftigte dabei sein Inneres. Denn „schlichte Sitte, Ehrgefühl und zarte Schonung der Frauen im Familienkreise waren die Lebenselemente, in denen der Knabe aufwuchs.“ Selbst der raue Vater zeigte der Mutter und den Töchtern gegenüber jenes Zartgefühl, das die edle Berichterstatterin, von der wir diese Worte entlehnt haben, als eine ursprüngliche Stimmung der Organisation betrachtet, als eine der Eigenschaften, der man am ersten Erblichkeit zuschreiben kann. So war denn dieses Zartgefühl, verbunden mit Wahrheitsliebe und Gewissenhaftigkeit, auch bei Schiller ein elterliches Erbteil.

Aber jene feinere Behandlung des Knaben und das Beispiel zarter Familienliebe wirkte bei diesem weder leibliche noch geistige Verzärtelung. Sein kühner Geist wagte es schon frühe, über die Grenzen des Elternhauses hinauszuschweifen, und es regte sich bei Zeiten in ihm jener Weltbürgersinn, der ihn als dramatischen Dichter so edel, frei und stolz machte. Die Tagebücher des neunjährigen Knaben ergingen sich in der Länderbeschreibung und Geschichte Persiens und den Taten Alexanders, und wenn er von Schiffern und Reisenden erzählen hörte, konnte er oft begeistert ausrufen: „Vater, ich muss in die Welt! Auf einem Punkte der Welt bin ich; die Welt selbst kenne ich noch nicht.“ Und der Mutter, die ihn ermahnte, im Vaterland zu bleiben und sich redlich zu nähren, erwiderte er mit glühenden Wangen: „Vaterland, Vaterland! Haben wir denn ein anderes als die ganze Welt? Wo es Menschen gibt, da ist das Vaterland. Und verlasse ich dann meine Eltern und Freunde, wenn ich zum Beispiel in Ispahan bin, mich dankbar ihrer erinnere, und alles das, was ich mein Glück nenne, mit ihnen teile?“ In dieser Sehnsucht verschlang er die Reisen des Columbus, die Eroberungen des Kortes, die Weltumsegelung Dampierres. Sein Geist schien zu ahnen, zu welchen Wanderungen durch das Ideengebiet der Menschheit er selbst aufbewahrt sei.

Auch in einigen Handlungen kühner Furchtlosigkeit bildete sich der kecke Unternehmungsgeist vor, der den Mann als Dichter und Denker beseelte.

Bei einem Besuch in Hohenheim wurde der kleine Friederich sehr lange gesucht. Er war in dem Haus, in welchem der Vater abgestiegen war und das einen Teil der fürstlichen Gebäude ausmachte, die das Schloss umgaben, aus einem Salonfenster gestiegen und hatte eine Entdeckungsreise über die Dächer unternommen. Eben war er im Begriff, den Löwenkopf, in welchen eine der Dachrinnen auslief, näher zu besichtigen, als der erschrockene Vater ihn entdeckte und ihm laut zurief. Der Knabe aber blieb so lange regungslos auf dem Dach, bis der Zorn des Vaters sich gelegt hatte und ihm Straflosigkeit zugesichert war.

Ein andermal – noch mochte Schiller nicht über sieben Jahre zählen – fehlte der Kleine um das Abendessen, als eben ein finsteres Gewitter am Himmel stand und die Blitze schon die Luft durchkreuzten. Im ganzen Haus wurde er vergebens gesucht, und mit jedem Donnerschlag vermehrte sich die Angst der Eltern. Endlich fand man ihn nicht weit vom väterlichen Haus im Wipfel der höchsten Linde, die er unter dem Krachen des ganz nahen Donners jetzt erst zu verlassen Miene machte. „Um Gottes willen, wo bist du gewesen“, rief ihm der geängstigte Vater entgegen. „Ich musste doch wissen, woher das viele Feuer am Himmel kam!“, entgegnete der mutige Knabe. – Ist es nicht, als hätte er sich schon am frühen Lebensmorgen im Arsenal der Schöpfung umsehen wollen, um dereinst von ihr jene Flammenblitze zu entlehnen, mit welchen er im Reich der Geister die lang entweihte Bühne und von der Bühne aus die Welt der Freiheit und Sittlichkeit zu reinigen unternahm?

In seinen Arbeiten zeigte Schiller von früher Jugend auf unermüdliche Beharrlichkeit, und ein Geschäft, das einmal von ihm vorgenommen war, musste, trotz der nicht seltenen Vorwürfe des Vaters, oft heimlich, mit Unterbrechung des Schlafes, selbst bei Lampenschein beendet werden. In diesen Ernst mischte sich indessen wohl auch einmal der Humor. Unter den kleinen Kunstschätzen, die der Vater, vielleicht als Familiengut der mutmaßlich aus Sachsen abstammenden Gattin besaß, war auch ein Ölgemälde, das die Eroberung Magdeburgs durch Tilly vorstellte, das größte und beste in der Sammlung. Der Eroberer war darauf abgebildet, wie er den rechten Arm in die Seite gestützt, durch die Straßen reitet und mit blutgierigem Blicke den Schauplatz der Zerstörung mustert. Gruppen wehklagender Frauen, fliehender Greise und Kinder, wütender Mordbrenner, umgeben von brennenden und einstürzenden Häusern, fassten das den Feldherrn darstellende Mittel des Bildes ein. Der kleine, sechsjährige Schiller nahm sich dieses Gemälde, dessen viele ausdrucksvolle Gesichter seine Aufmerksamkeit anzogen, aufs Korn und übte an ihm das erste Mal in seinem Leben die Kunst freier, poetischer Umgestaltung. Es wurde von ihm in ebenso viele kleine Teile zerschnitten und zerstückelt, als es Gegenstände enthielt. Tilly selbst erhielt zu verdienter Strafe seiner Grausamkeit ein geschwärztes Mohren- oder Teufelsgesicht und führte, auf Papier geklebt, einen Reihen von Rossen und Soldaten an. Die Einwohner Magdeburgs, Männer, Weiber und Kinder bildeten einen zweiten Reihen und füllten ein anderes Papier, Greise und alte Mütter beschlossen den Zug; aber auf einem dritten Bogen waren die einzelnen Teile der Personen mutwillig untereinander geworfen: Kinderköpfe saßen auf dem Rumpf eines alten Mannes, auf dem Leib eines den Säbel ziehenden Kroaten ein verschämter Mädchenkopf; ein schmucker Offizier endete in das Haupt eines sich bäumenden Rosses. Diese Umgestaltung eines teuer gehaltenen Bildes in hogartische Karikaturen wurde übrigens dem jungen Dichter vom strengen Vater wenig gedankt.

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Im Jahr 1768 verließ die Schillersche Familie Lorch, wo der Vater in ziemlich beschränkten Umständen gelebt hatte, da er hier während drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold empfing, sondern von seinem Vermögen zehren musste. Auf eine nachdrückliche Vorstellung bei dem Herzog wurde er endlich von seinem Posten als Werbeoffizier abgerufen und der Garnison Ludwigsburg einverleibt, wo er den rückständigen Sold in Terminen ausbezahlt erhielt. Der neunjährige Fritz Schiller wurde nun in die lateinische Schule Ludwigsburgs geschickt, und neben dem Latein auch im Griechischen und Hebräischen, als den unerlässlichen Erfordernissen des künftigen Theologen – denn diesen Beruf hatte der Knabe nun gewählt – jedoch in diesen beiden Fächern ziemlich spärlich unterrichtet. Sein Lehrer Magister Johann Friedrich Jahn, ein noch vielen Württembergern wohlbekannter Schulmann, denn er regierte die Ludwigsburger Schule bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, wird mit zu viel Strenge als ein kalter, rauer, murrsinniger Polterer geschildert; er war es nicht mehr und nicht weniger, als die meisten Präceptoren jener Zeit – ein fermer Lateiner, und nichts weiter. So trocken denn auch Ovid, Virgil und Horaz behandelt werden mochten, im Latein machte Schiller doch gute Fortschritte, und im Landexamen, jener noch bestehenden allgemeinen Schreckensprüfung der unmündigen Kandidaten der Theologie im Württemberger Land, die damals vier bis fünf Jahre hintereinander auf dem Stuttgarter Gymnasium vorgenommen wurde, erhielt er (1769-1772) das Zeugnis eines hoffnungsvollen Knaben und seine Fortschritte wurden nur das letzte Mal als etwas langsamer bezeichnet, wo ohne Zweifel Kränklichkeit seinen Fleiß hemmte.

Von einem Jugendfreund – dem erst im jüngsten Jahrzehnt verstorbenen kön. bayerischen Medizinalrat von Hoven – wird Schiller in dieser Periode als ein, der Einschränkung ungeachtet, in welcher er vom Vater gehalten wurde, sehr lebhafter, ja beinahe mutwilliger Knabe geschildert. Die jüngern Gesellen fürchteten den Tongeber bei ihren Spielen und selbst den ältern und stärkern imponierte seine Furchtlosigkeit, die sich neckend, aber immer gutmütig, sogar an Erwachsene wagte, wenn sie ihm zuwider waren. An wenigen vertrauten Freunden hing er fest und mit Aufopferung. In der Klasse einer der besten Schüler, wurde er doch hauptsächlich durch große Ehrfurcht vor dem Vater, dem er nie genug tun konnte, zum Fleiß angetrieben.

Schillers Charakter erhielt etwas Ängstliches, als er im Jahr 1770 bei dem Abzug des Vaters auf Solitude dem strengen Jahn in Wohnung und Kost übergeben wurde, und Vater und Lehrer schüchterten ihn mit steten Ermahnungen, und wegen seines linkischen Benehmens wohl auch mit Püffen und Ohrfeigen ein. Am wenigsten verfing bei ihm in dieser Zeit der Religionsunterricht. „Der Knabe hat noch gar keinen Sinn für Religion!“, klagte der mürrische Pädagoge von Zeit zu Zeit den betrübten Eltern. Aber auf welchem Weg und in welcher Gestalt wurde ihm auch diese beigebracht! Schiller hatte Frömmigkeit mit der Muttermilch eingesogen, Gellerts Lieder wusste er auswendig, an Luthers und Paul Gerhards Liedern hatte er sich mit Lust erquickt. „Ein feste Burg ist unser Gott –“ von jenem, von diesem das durch des großen Friedrichs Spott geächtete „Nun ruhen alle Wälder –“ und „Befiehl du deine Wege“ – waren Lieblingslieder Schillers geworden. Nun sollte er auf einmal das kauderwelsche Lied „In dulci jubilo, nun singet und seid froh –“ auswendig lernen, und der Katechismus wurde ihm selbst vom Geistlichen unter der drohenden Peitsche eingetrieben. Während so die Lehrer ihn mit einer leblosen Dogmatik plagten, las der Knabe unter dem Tisch seine alten frommen Lieder und zu Hause sah man ihn oft die Bibel auf dem Schoß; die Psalmen hatte er mehrmals durchgelesen, ein Freund überraschte ihn, als er ein Kapitel aus dem Propheten Jesaias perorierte, und in den Räubern finden sich Spuren, dass der Prophet Ezechiel mit seinen erhabenen Gesichten seiner Seele tief eingeprägt war. Unter anderem scheint die Unbeholfenheit der Lehrer selbst das Hohelied als Lehrmittel gebraucht zu haben und sie wurden durch die vorlaute Frage des Knaben, „ob denn dieses Lied wirklich der Kirche gesungen sei“, überrascht und geärgert. Die Antwort wurde dem Vater hinterbracht und der kleine Ketzer, zur Rede gestellt, fragte: „hat denn die Kirche Zähne von Elfenbein?“ da regte sich auch im Vater der versteckte Oppositionsgeist der Aufklärung. Lachend musste er sich umkehren und murmelte vor sich hin: „Mitunter hat sie Wolfszähne!“

In Ludwigsburg sah der neunjährige Knabe zum ersten Mal ein Theater, glänzend, wie die Regierung eines Pracht liebenden Herzogs es erwarten ließ. Die Wirkung, die es auf ihn hervorbrachte, wird als mächtig geschildert. Alle seine jugendlichen Spiele kehrten sich dieser neuen Welt zu; bis in sein vierzehntes Jahr führte er dramatische Szenen mit ausgeschnittenen Puppen auf, und Plane zu Trauerspielen fingen seine junge Seele zu beschäftigen an. Auch die Geschichte, die damals in den Geist der Jugend durch die Lesung der alten Autoren gleichsam nur eingeschwärzt wurde, führte ihm große und warm empfangene Gestalten zu: Solon, Diogenes, Sokrates, Plato, Archimedes, Seneka von den Weisen und Gelehrten; Hamilcar und Hannibal, nicht Cäsar, sondern Brutus von den großen Männern, Cyrus, Alexander, unter den Feldherrn spielten in seinen Gedanken und Gesprächen eine Rolle; und nie als er die Geschichte vom Sturz des Karthagers Hanno ohne den zürnenden Ausruf: „Man hätte dem biedern alten Mann folgen sollen!“

Zum ersten Versuch in der Reimkunst begeisterte den zehnjährigen Schiller der Lohn von zwei Kreuzern, den er, unter Androhung der Peitsche, für sein rüstiges Katechismussprechen in der Kirche vom Geistlichen sich verdient hatte. Mit einem Freund, der die gleiche Belohnung erhalten hatte, pilgerte er aufs Land und erhielt die saure Milch, die er auf dem alten, benachbarten Schlösschen Harteneck vergebens gesucht hatte, nach langem Fragen im nächsten Dorf Neckarweihingen, in reinlicher Schüssel mit silbernen Löffeln, und für die kleine Barschaft nach Johannistrauben dazu. Auf dem Heimweg kehrte sich Schiller auf der Anhöhe, die den Überblick über beide Orte gestattete, um, und seine Lippen ergossen sich in einen gereimten pathetischen Fluch über den Ort, der sie hungrig entlassen, und in einen Segen über den andern, der sie so mild gespeist hatte.

Die Ablegung seines Glaubensbekenntnisses, die in Württemberg gewöhnlich gegen das vierzehnte Jahr bei der evangelischen Jugend stattfindet, fiel bei Schiller gewiss nicht in das Jahr 1770 oder gar früher, sondern nicht eher, als er (im Jahr 1772) seinen Kurs in der lateinischen Schule zu Ludwigsburg geendet hatte, und die Eltern können dieser Feierlichkeit sehr wohl von der Solitude aus, wo der Vater schon über die herzogliche Baumschule gesetzt war, beigewohnt haben, denn eine schnurgerade Kunststraße führte damals von dem Lustschlosse in 2-3 Stunden nach jener Residenz. Vielleicht war die Mutter auch in Ludwigsburg wohnen geblieben. Sie, die noch immer still und unbemerkt über der Seele ihres Sohnes wachte, soll diesen den Tag vor der Konfirmation auf der Straße herumschleudernd bemerkt und ihm über seine Gleichgültigkeit gegen die wichtige Handlung des folgenden Tages Vorwürfe gemacht haben. Gerührt zog sich der Knabe zurück und überreichte nach wenigen Stunden, der eine Sage zufolge, der Mutter ein deutsches, der andern zufolge dem Vater ein lateinisches Gedicht, das seine religiösen Empfindungen in Worte kleidete.

Schillers Neigung war noch immer dem Studium der Theologie zugewandt und er stand nun im Begriff, in eine der vier niedern Klosterschulen des Landes einzutreten und hier in mönchischer Kleidung und Zucht, welche diesen Bildungsanstalten noch aus der katholischen Zeit geblieben waren, Horen singend und Vesper lesend, vier Jahre lang sich auf das Universitätsstudium unter strengem Unterricht vorzubereiten. Aber es war im Rat der Vorsehung anders mit ihm und seinem Dichtergenius beschlossen.

Ü   Þ


1) Notiz des Herrn Oberamtsrichters Rooschütz zu Marbach. ­
2) Damals noch nicht das Torwartshaus, sondern das jetzt vom Bäcker Fischer bewohnte Haus auf dem Marktplatz.
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3) Notiz des Herrn Oberamtsrichters Rooschütz zu Marbach. Vielleicht war dieser Johann Friedrich Schiller, wenn er wirklich im Jahre 1759 erst Studiosus war, und Johann Caspars Vater, Johannes, schon 1733 gestorben ist, nur ein Vatersvetter und kein Vatersbruder unsres Schillers. Auf die Autorität von Balthasar Haug in seinem gelehrten Württemberg (Stuttgart 1790 S. 238) wurde er für einen Bruder Schillers gehalten, auch ward er, welcher selbst fruchtbarer Schriftsteller war, zuweilen sogar mit dem Dichter verwechselt. Nach Haugs Nachrichten hat er sich eine Zeit lang in England aufgehalten, Hawkersworths Reisebeschreibung, Robertsons Geschichte von Amerika, moralische Versuche und Erzählungen (diese 1787) aus dem Englischen übersetzt, und eine „Haushaltungskunst des menschlichen Lebens“ geschrieben oder gleichfalls übersetzt. Ums Jahr 1790 besaß er eine Buchdruckerei in der ehemaligen Karthause zu Mainz, und später soll er bei der Buchhandlung Schwan und Götz in Mannheim beteiligt gewesen sein. Er scheint der Oheim zu sein, welcher, nach einer etwas unsichern Nachricht, dem kleinen Fritz den ersten Unterricht im Schreiben, in der Naturgeschichte und der Geografie erteilte, während ein andrer Vertrauter des Hauses, ein Arzt, ihn über den Bau der Welt und des menschlichen Körpers spielend zu belehren suchte.
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4) Er scheint schon vorher von Marbach nach Cannstadt gebracht worden zu sein.
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5) Wenn, wie nicht unwahrscheinlich, dieser Mann Jacob Daniel Moser war, der, von Malmsheim gebürtig, am 7. November 1742 Magister der Philosophie geworden, und zehn Jahre später (1753) zum Diakon in Haiterbach bei Nagold befördert worden war, so hat seine Persönlichkeit unserm Schiller wahrscheinlich zu seinem Daniel und seinem Moser in den Räubern als Vorbild gedient.
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6) Hoffmeisters Leben Schillers. 1. Bd. S. 10.
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