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1. BuchDas Geschlecht des DichtersDie berühmtesten deutschen Dichter bringen keinen Glanz des Geschlechtes mit: Bei wenigen wird noch der Groß- oder Urgroßvater genannt, meistens aber verliert sich schon mit dem Vater der Name in unaufgehellte Dunkelheit, und der Gefeierte selbst steht in jener Größe da, welche ein römischer Cäsar mit dem bekannten Wort gestempelt hat: „Dieser Mann scheint mir aus sich selbst geboren.“ Wenn man sich jedoch die Mühe nähme, den Familien unserer großen Männer rückwärts nachzugehen, so ist darum, dass man in keine Paläste tritt, nicht zu fürchten, dass man in Schlupfwinkel geraten würde, deren ein Lebensbeschreiber, dem die Ehre seines Helden am Herzen liegt, sich zu schämen hätte. Vielmehr dürfte man zuletzt sich in irgendeinem ehrlichen deutschen Dorfe befinden, wo in den Geschlechtsregistern ein reines Blut und ein unbefleckter Name von Jahrhundert zu Jahrhundert rückwärts jenen freien Ahnen sich nähert, die zwar nicht mit erblichen Geschlechtsnamen prangten, aber deren starker Arm einst die Römer aus den Wäldern des Vaterlandes verjagt hat. So kühne Hoffnung dürfen wir von Erforschung des Geschlechtes schwäbischer Dichter freilich nicht hegen. Die Kirchenbücher der württembergischen Dörfer namentlich gehen wohl insgesamt nicht bis zur Reformation herab, sehr viele sind nach der Nördlinger Schlacht von den Kaiserlichen zerstört worden. Doch ist es dem Verfasser dieser Lebensbeschreibung durch die Gefälligkeit zweier Pfarrämter gelungen, den Mannstamm Schillers mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bis ins siebente Glied rückwärts und in die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zu verfolgen. Schillers Vater, Johann Kaspar Schiller, ist zwei Stunden nördlich von der Ghibellinenstadt Waiblingen und in ihrem Oberamt, zu Bittenfeld (nicht Bitterfeld) einem altwürttembergischen Pfarrdorfe von etwa tausend Einwohnern am 27. Oktober des Jahres 1723 geboren: Dessen Vater, der Großvater des Dichters, hieß Johannes Schiller, war Schultheiß des Dorfes und Bäcker, und am 20. Oktober 1682 zu Bittenfeld geboren; heiratete am 30. Oktober 1708 eine Bewohnerin des Dorfes Altdorf, Eva Margaretha Schatzin und starb am 11. Juni 1733. Der Vater des Johannes, der Urgroßvater des Dichters, hieß, wie der Enkel, Johann Caspar Schiller, war Mitglied des Gerichts und, wie sein Sohn, ein Bäcker. Seine Gattin hieß Anna Katharina. Er starb 37 Jahre 8 Monate alt am 4. September 1687. Dieser ist im Tauf- und Kopulationsbuch Bittenfelds nicht zu finden, und er soll von Großheppach nach Bittenfeld gezogen sein1). Wir wenden uns also nach diesem stattlichen Dorf des weinreichen Remstals, das gleichfalls im Waiblinger Oberamt und eine kleine Weile südöstlich von der Stadt Waiblingen gelegen, etwa 1400 Einwohner zählt und durch die Zusammenkunft der Helden Marlborough, Prinz Eugen und Markgraf Ludwig von Baden im dortigen Wirtshaus zum Lamm am 9. Juni des Jahres 1704 eine geschichtliche Illustration erhalten hat. Wirklich entdecken wir hier einen Hans Schiller, geboren den 13. März 1650, dessen Alter bis auf 2 Monate mit der Altersangabe Hans Caspars zu Bittenfeld übereinstimmt, und der weder im Kopulationsbuch noch im Totenbuch Großheppachs zu finden ist. Die kleinen Differenzen können denjenigen, der die Ungenauigkeit alter Kirchenregister aus der Erfahrung kennt, nicht irre machen. Höchst wahrscheinlich ist Hans Schiller von Großheppach der Urgroßvater des Dichters. Der Vater des Hans hieß Ulrich Schiller, wie es scheint, geboren den 2. Juni 1617. Ulrichs Vater war Georg Schiller, geboren den 15. Mai 1587; Georgs Vater Jakob Schiller, zu dessen Geburt die Kirchenbücher nicht mehr hinaufreichen, der aber um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts geboren sein wird. Jakobs uns unbekannter Großvater muss im besten Mannesalter den Bauernkrieg der Gegend erlebt haben und als im Jahr 1514 „der arme Kunrad“ auf dem Kappelberg, eine Stunde von Heppach, sich verschanzte, kann ein Schiller Zeuge gewesen sein. Von Jakob Schiller bis Friedrich von Schiller sind es sieben Generationen. Hans Schiller hatte einen Bruder Jerg und mehrere Schwestern. Der Name Schiller kommt auch sonst in den Kirchenbüchern Großheppachs sehr häufig vor und mehrere dieses Namens werden als Gerichtsschreiber und Schultheißen aufgeführt2). Zu Marbach selbst, dem Geburtsort des Dichters, findet sich ein Zweig jenes Geschlechts: einem Johann Caspar Schiller, Bürger und Bäcker, wurde dort im Jahr 1727 ein Christoph Friedrich Schiller geboren3). Durch diese Genealogie, welche das Geschlecht des Dichters mit großer Wahrscheinlichkeit mitten aus einem Rebental aufsprossen lässt, wird auch ein Licht auf die Bedeutung seines Geschlechtsnamens geworfen. Schiller heißt nämlich im Remstal, wie in andern Weingegenden, am Neckar, am Niederrhein, in Ungarn, seit Jahrhunderten ein Wein, dessen Farbe schielt, der weder weiß noch dunkelrot ist und aus gemischten Traubensorten gewonnen wird; denn schielen heißt in den süddeutschen Dialekten schillen. In einem andern Weindorf jenes Tales ist eins der ausgebreitetsten Geschlechter das der „Unger“, was unwillkürlich an die Ungertrauben erinnert. Sollte nicht auch Schillers Urvater zu Heppach im Remstal seinen Namen vom Schillerwein, den er baute, erhalten haben? So sind wir wenigstens nicht genötigt, den ersten Schiller zu einem Strabo oder Pätus zu machen, römische Familiennamen, die einen Schieler bezeichnen. Johann Caspar Schiller, des Dichters Vater, wird nach den Zeugnissen verschiedener Zeitgenossen als einfach, kraftvoll, gewandt, tätig fürs praktische Leben, dabei rasch und rau, geschildert; nur eines nennt ihn einen im Grunde abenteuerlichen, schiefen, stets über Entwürfen brütenden Kopf. Nach der Schilderung eines noch lebenden Hausfreundes war er von kleiner wohl proportionierter Statur, kräftig und lebendig, seine Stirne gewölbt, sein Auge lebhaft; er hatte ein strenge, militärische Dressur, die sich auch auf die Religionsübungen des Hauses erstreckte, während seine innern Überzeugungen etwas von der kühlen Aufklärung des Zeitalters an sich trugen. Wissenschaftliche Studien im strengeren Sinne hatte er nicht gemacht, obgleich die verklärende Freundschaft oder Bewunderung für den Dichter, seinen Sohn, selbst dem Vater Beschäftigung mit der Dichtkunst und eine natürliche Anlage zu derselben, viele Belesenheit in der Weltgeschichte, Studium der Philosophie, der Mathematik, der Militärgeschichte und namentlich des dreißigjährigen Krieges zuschreibt. Dies alles beschränkte sich wohl auf Liebhabereien, Lektüre, oder der alte Schiller wird mit seinem Verwandten Johann Friedrich Schiller4) verwechselt. Im Jahr 1745, als ein Jüngling von 22 Jahren, war dieser Johann Caspar, der seinen Vater in einem Alter von nicht vollen 10 Jahren verloren hatte, mit einem bayerischen Husarenregimente als Feldscherer in die Niederlande gegangen, und wurde hier auch als Unteroffizier zu kleinen kriegerischen Unternehmungen gebraucht. Der Aachener Friede des Jahres 1748 gab ihn seinem Vaterland Württemberg zurück und er heiratete die Mutter des Dichters zu Marbach, einem unfern von Ludwigsburg anmutig auf einem Rebenhügel am Neckar gelegenen Landstädtchen. Die Wundarzneikunst nährte ihn hier nur kümmerlich. Er gab sie daher mit dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges auf und wurde Fähnrich und Adjutant bei dem damaligen Regiment Prinz Louis, das ein Teil des Hilfskorps war, welches in einigen Feldzügen jenes Krieges mit dem österreichischen Heere focht. Als in Böhmen dieses Korps durch ein ansteckendes Fieber heimgesucht wurde, besorgte Schiller, den seine Mäßigkeit gesund erhielt, da es an Wundärzten fehlte, die Kranken und vertrat beim Gottesdienst die Stelle des Geistlichen durch Verlesung von Gebeten und Leitung des Gesanges. Später stand er bei einem andern Regiment in Hessen und Thüringen, und kehrte, nach beendigtem Krieg in das Quartier zu Ludwigsburg zurück, wo er landwirtschaftlichen Beschäftigungen oblag und Gründer einer glücklich gedeihenden Baumschule wurde. Herzog Karl von Württemberg übertrug ihm bald eine größere Anstalt dieser Art, die auf der Solitude, dem schönen herzoglichen Waldschloss bei Stuttgart, errichtet worden war. Hier lebte er in der spätern Zeit ununterbrochen, von seinem Fürsten geachtet und mit dem Hauptmanns- (nie Majors-) Titel geschmückt, dem Gartenbau und der Baumzucht, die er als Kenner trieb und pflege, und über welche er, mit Beihilfe fremder Redaktion, auch Bücher geschrieben hat. Von seinen Untergebenen war er wegen seiner Biederkeit und Unparteilichkeit geliebt, aber auch um seiner strengen Ordnungsliebe willen gefürchtet. Gattin und Kinder bewiesen ihm die ehrerbietigste Hochachtung und die innigste Liebe. Er erlebte noch den vollen Ruhm seines Sohnes, und langte mit vor Freude zitternden Händen nach den Manuskripten, die aus der Fremde an die Verlagshandlung gesendet, vor allen Dingen dem glücklichen Vater mitgeteilt wurden. Bis ins hohe Lebensalter gesund, wurde er im dreiundsiebzigsten Lebensjahr an den Folgen eines vernachlässigten Katarrs nach achtmonatlichem Leiden am 7. September 1796 von der Seite seiner Gattin genommen. Über seinen Tod schrieb der Sohn an die geliebte Mutter Worte, die ein unsterbliches Denkmal seiner Gesinnung sind: „Auch wenn ich nicht einmal daran denke, was der gute, verewigte Vater mir und uns allen gewesen ist, so kann ich mir nicht ohne wehmütige Rührung den Beschluss eines so bedeutenden und tatenvollen Lebens denken, das ihm Gott so lange und mit solcher Gesundheit fristete, und das er so redlich und ehrenvoll verwaltete. Ja wahrlich, es ist nichts Geringes, auf einem so langen und mühevollen Laufe so treu auszuhalten, und so, wie er, noch im dreiundsiebenzigsten Jahre mit einem so kindlichen reinen Sinn von der Welt zu scheiden. Möchte eich, wenn es mich gleich alle seine Schmerzen kostete, so unschuldig von meinem Leben scheiden, als er von dem seinigen! Das Leben ist eine so schwere Prüfung, und die Vorteile, die mir die Vorsehung in mancher Vergleichung mit ihm gegönnt haben mag, sind mit so vielen Gefahren für das Herz und für den wahren Frieden verknüpft! … Unsrem teuren Vater ist wohl, und wir alle müssen und werden ihm folgen. Nie wird sein Bild aus unserm Herzen erlöschen, und der Schmerz um ihn soll uns nur noch enger untereinander vereinigen.“ Vom Vater des Dichtes wenden wir uns zur Mutter, die uns wichtiger ist, weil sie zu seinem Wesen und seiner Bildung mehr beigesteuert zu haben scheint. Elisabetha Dorothea Kodweiß ward zu Marbach, fünf Stunden von Stuttgart und eine Meile von Ludwigsburg entfernt, geboren. Ihr Vater war Georg Friedrich Kodweiß, nicht Johann Friedrich, wie ihn, einem Schreibfehler des Marbacher Taufbuchs nach, Schillers Biografen hier und da nennen. Dieser mütterliche Großvater des Dichters war am 4. Juni 1698 geboren; er war ein ehrsamer Bürger und Bäcker, Sohn und Enkel zweier Johann Kodweiß, beide Bäcker, der ältere auch Bürgermeister von Marbach (geb. den 5. April 1640). Weiter rückwärts erscheint das Geschlecht in den mangelhaften Kirchenbüchern der im Revolutionskriege eingeäscherten Stadt Marbach nicht5). Eine Familiensage leitet dasselbe von einem herabgekommenen Adelsgeschlecht von Kottwitz (nicht Kattwitz) ab, und lässt es aus Norddeutschland nach Schwaben einwandern. Schillers Muttervater hatte sich als Wirt und Holzmesser ein kleines Vermögen rechtlich erworben, dasselbe aber bei einer großen Neckarüberschwemmung eingebüßt. Mit Unrecht wird also Schillers Mutter als Kind wohlhabender Landleute genannt, und durch ein seltsames Missverständnis denselben eine guteingerichtete Wirtschaft in Cannstadt und Ludwigsburg zugeschrieben. Vielmehr musste der herabgekommene Mann zuletzt seine Zuflucht zur Torwartsstelle zu Marbach in einem noch jetzt vorhandenen Hause nehmen, das damals eine armselige Hütte war, die unser Dichter als Knabe, wenn er den Großvater von Ludwigsburg her besuchte, aus Scham nicht von vorn betreten mochte, sondern in die er vom Stadtgraben aus hinterwärts hineinschlüpfte6). Schillers Mutter war schlank ohne eben (wie häufig erzählt wird) groß zu sein, in der Jugend hochblond, das Gesicht durch Sommerflecken gezeichnet, die Augen etwas kränklich, die Züge von sanftem Wohlwollen und Empfindung beseelt, die Stirne breit. Mit gewöhnlichem Verstand7) verband sie Innigkeit des Gefühls, wahre Frömmigkeit, Sinn für Natur, Anlage zur Musik und selbst zur Poesie, daher sie im Kreise ihrer Gespielinnen als Mädchen wohl für eine Schwärmerin galt. Das Spiel der Harfe soll sie leidenschaftlich geliebt haben, und den Gatten, der ihre erste Liebe war, begrüßte sie im neunten Jahre ihrer damals noch kinderlosen Ehe am ersten Tag des Jahres 1757 mit den einfachen Strophen, die, als von Schillers Mutter gedichtet, wohl im Gedächtnis seiner Verehrer aufbewahrt werden dürfen:
So anspruchslos diese Verse sind, so zeugen sie doch von einer Fertigkeit im Versbau und einem Sinne für den Rhythmus, welche nicht zweifeln lassen, dass die Anlage zur äußerlichen Form der Poesie bei Schiller ein Erbstück der Mutter war, zu deren Lieblingsbüchern Klopstocks damals kaum erschienene Messiade, Uz und Gellert gehörten. Sonst unterrichtete sie sich gerne in der Naturgeschichte, und sie, bestimmt war, die Mutter eines berühmten Mannes zu werden, vertiefte sich auch am liebsten in die Lebensbeschreibungen berühmter Männer. Schillers Mutter überlebte den Gatten sechs Jahre, welche sie teils in dem württembergischen Landstädtchen Leonberg, unweit von der Solitude, teils bei ihrer Tochter Louise in der Nähe von Heilbronn zubrachte. Sie starb im Mai 1802. Von ihrem Tod schreibt der Sohn: „Möge der Himmel der teueren Abgeschiedenen alles mit reichen Zinsen vergelten, was sie im Leben gelitten und für die Ihrigen getan. Wahrlich sie verdiente es, liebende und dankbare Kinder zu haben, denn sie war selbst eine gute Tochter für ihre leidenden und hilfsbedürftigen Eltern, und die kindliche Sorgfalt, die sie selbst gegen die letztern bewies, verdient es wohl, dass sie von uns ein Gleiches erfuhr.“ Aus der Ehe der Schillerschen Eltern entsprossen vier Kinder, drei Töchter und als zweites Kind der Sohn. Die älteste Tochter, Elisabethe Christophine Friederike (geb. den 4. September 1757) Witwe des Hofrats Reinwald zu Meiningen, lebt noch dermalen (1839), und konnte sich mitten im Greisenalter „des völligen Gebrauchs ihrer Sinne und einer Heiterkeit der Seele“ rühmen, „die gewöhnlich nur die Jugend beglückt.“ Auch das dritte Kind, Dorothee Louise, Gattin des vor Kurzem verstorbenen Stadtpfarrers Frankh zu Möckmühl im Württembergischen, überlebte den Bruder; die jüngste Tochter Nanette, oder, wie Schiller selbst sie nennt, Nane, eine „liebe und hoffnungsvolle Schwester“ des Dichters, durch Geist und jungfräuliche Schönheit ausgezeichnet, starb schon im achtzehnten Jahr (1796), als gerade ihr Bruder „einige Vorkehrungen treffen wollte, die ihr Glück vielleicht gegründet hätten.“ 1)
Urkundliche Mitteilung des Pfarramts Bittenfeld.
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