Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
            3. Teil
               1.  Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
                  Lebensvorfälle im Jahre 1797
                  Übergang zur reinen Lyrik
                  Lyrische Gedichte dieser Zeit
                  Balladen
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
               11. Kapitel
               12. Kapitel
               13. Kapitel
               14. Kapitel

Drittes Kapitel

Lebensvorfälle im Jahre 1797

   Im Jahr 1797 finden wir unseren Freund in seiner alten Einsamkeit. Goethe war Anfangs Januar auf vierzehn Tage nach Leipzig gereist, und führte ihn nach seiner Rückkehr durch Beschreibung wieder in die Welt ein, welcher er sich so entfremdet fühlte, dass er ihr nicht mehr anzugehören glaubte, da er seiner Kränklichkeit wegen, außer der Humboldtschen Familie, mit niemanden Umgang hatte. Das war ein Labsal, von welchem nur der sich einen Begriff machen kann, welcher, geselligen und hingebenden Herzens, wie Schiller, eine lange Zeit auf sich und sein einförmiges Geschäft beschränkt war!

   Eine unwiderstehliche Lust nach dem Land- und Gartenleben, erzählt Goethe, hatte damals die Menschen ergriffen. Wieland hatte sich in Osmannstädt angesiedelt, Goethe beabsichtigte, ein Freigut in der Nachbarschaft, bei Rossla an der Ilm, anzukaufen. Schiller ging schon lange damit um, seinen bisherigen Wohnort ganz zu verlassen. Wenn die Humboldtsche Familie, wie nächstens zu erwarten stand, abgereist war, hatte Jena für ihn und seine Frau allen Reiz verloren. Wir kennen seine unauslöschliche Liebe für die Natur; die Sehnsucht nach ihrem stillen Genuss und reinem Glück erwachte von neuem in ihm. Die Natur wollte er als eine Gesellschafterin mit sich verbinden, welche nie von ihm wich, und ihn doch stets allein ließe. Jena aber mit Weimar zu vertauschen, war schon längst seine Absicht. Da dachte er nun sich in der Nähe dieser Stadt ein Gartenhaus aufzusuchen, welches Sommers und Winters bewohnt werden könnte, und hierdurch beide Wünsche auf einmal zu befriedigen.

   Goethes Gartenhaus stand leer. Schiller fragte ihn, ob er ihm dasselbe nicht förmlich vermieten könne, zumal da seine Erkundigungen nach einem andern erfolglos gewesen seien. Aber Goethe antwortete, das Gartenhaus wäre nicht geräumig genug, dazu habe er die Waschküche und den Holzstall wegbrechen lassen. Auch später tat Schiller noch einmal eine ähnliche Fehlbitte. Er ersuchte ihn, seinem nach Weimar ziehenden Schwager und dessen Familie, bis das von diesem gemietete Haus frei werde, jenes Gartenhaus auf einige Wochen bis nach Ostern zu überlassen. Damals waren Waschküche und Holzstall vermutlich wieder hergestellt, aber es handelte sich jetzt um die Frist der Benutzung. Goethe erklärte, er wolle das Gartenhaus bis Ostern, aber freilich nur bis dahin und im äußersten Notfall gerne (?) hergeben – empfahl aber zugleich ein anderes Logis.

   Für die abschlägige Antwort erhielt Schiller den guten Rat, das Schmidtsche Gartenhaus in Jena anzukaufen, und sogleich bot Goethe sein Gutachten zu Diensten an, wenn in demselben etwas zu bauen wäre. Wirklich kaufte er den Garten mit dem Haus für etwa 1200 Taler. Nun konnte er kaum mehr das Frühjahr erwarten, so groß wurde seine Sehnsucht, Luft und Lebensart zu verändern. Er meinte, es in seinen „verwünschten vier Wänden“ nicht länger aushalten zu können. Die Arbeit, die er unter Händen hatte, wollte ihm nicht mehr vonstatten gehen.

   Über das Landgut des Horaz sind Schriften geschrieben worden. So sei es erlaubt, auch einige Worte über den Schillerschen Garten zu sagen. Er lag unfern vom Wesselhöftschen Haus, vom Jenaer Marktplatz aus südwestlich bei der Stadt, zwischen dem Engelgatter- und Neutor, an einer Schlucht, durch welche sich ein Teil des Leutrabaches um die Stadt zieht. Jetzt heißt er wegen des daselbst eingerichteten Observatoriums der Garten der Sternwarte. Die Stelle ist sehr anmutig, gesund und ruhig. Auf dem gegenüberliegenden Berg zogen sich Felder bis zur äußersten Spitze empor. Das Wohnhaus lag vorn in der Mitte des Gartens, und hatte im oberen Stock eine weite, schöne Aussicht. An der oberen Ecke nach der Leutra zu, ließ er sich später noch ein kleines Häuschen bauen, mit einem einzigen hoch gelegenen Zimmer, wo er während der Sommermonate oft bis tief in die Nach arbeitete. „Ich liebe es sehr“, pflegte er zu sagen, „wenn die Hauswirtschaft ordentlich geht; aber ich mag das Knarren der Räder nicht hören.“ Dies Häuschen steht jetzt nicht mehr, doch befindet sich nicht weit von dem Ort, wo es stand, in einer in der Mauer angebrachten Nische, eine Urne zum Andenken des Dichters.

   Goethe kam im Februar wieder auf einige Zeit nach Jena und benutzte den Hausarrest, den ihm ein starker Katarrh auflegte, um Hermann und Dorothea dem Ende nahe zu führen. Er meinte, wenn der Schatz nur einmal gehoben sei, so finde sich alsdann das Polieren von selbst. Schiller und Humboldt nahmen an der Kunstvollendung des Werkes ein großes, tätiges Interesse. Humboldt verließ endlich gegen Ende April Jena, um eine große, zweijährige Reise anzutreten: Es war sein Plan, nie einen festen Wohnort zu haben, sondern zwischen einem solchen und dem eigentlichen Reisen die Mitte zu halten. „Das ist wieder ein Verhältnis“, klagte der Zurückblickende, „das als beschlossen zu betrachten ist und nicht mehr wiederkehren kann. Denn zwei Jahre, so ungleich verlebt, werden gar viel an uns, und also auch zwischen uns verändern.“ Wie wahr hatte er geurteilt! Während für Schiller eine tiefe und klare Kunstbildung eigentlich erst jetzt begann, beharrte Humboldt zeitlebens bei den unvollkommenen Grundansichten, in denen er bisher mit ihm durch Gespräche und Briefwechsel einmal übereingekommen war. Von dieser Zeit an, wo Humboldt sich meistens im Ausland aufhielt, wurde auch der Briefwechsel seltener, und ein gleichmäßiges Fortschreiten beider Männer im Ästhetischen durch Gedankenaustausch hörte auf.

   Am zweiten Mai 1797 heilt er den Einzug in sein Gartenhaus. Ein gefährliches Blatternfieber seines kleinen Ernst hatte die Wohnungsveränderung so lange verschoben. „Ich grüße Sie“, schreibt er an Goethe, „aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter, und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.“

   Bis in den August dieses Jahres verschlimmerte sich seine Gesundheit wenigstens nicht. Das nahm er schon für ein gutes Zeichen. Er meinte im Übelbefinden eine ordentliche Fertigkeit erlangt zu haben. Schlaflose Nächte kamen noch häufig vor, und er erwähnte es als etwas Großes, dass er einmal auf einem langen Umweg von Jena zu Fuß nach seinem Garten gegangen sei, und dass er in demselben bei Wind und Wetter manche stunde mit Spazierengehen zubringe und sich dabei doch wohl befinde. Er durfte es sich im Juli zutrauen, Goethe auf acht Tage in Weimar zu besuchen, welcher in dem vorhergehenden Monat wieder einige Zeit in Jena gewesen war, um in der beliebten Einsamkeit auf dem Schloss Hermann und Dorothea zu vollenden und sich durch kleinere Gedichte und Arbeiten zu erheitern. Das Verhältnis zwischen den gleich strebenden Zunftgenossen wurde immer bedeutsamer und fruchtbarer. Schiller erfreute sich nicht nur des frischen Genusses der vollendetsten Erzeugnisse des Goetheschen Genius, sondern auch der erweckenden Stimmung, in welcher sich der Meister befand, so oft er dichtete oder ein Stück vollendet hatte. Jenes Epos heilt Schiller für den Gipfel der Goetheschen und unserer ganzen neuen Kunst. Er konnte nicht müde werden, dasselbe immer wieder zu lesen; und er las es stets mit dem ersten ungeschwächten Eindruck und mit neuer Bewegung. „Ihr Hermann“, schreibt er an den Verfasser, „führt mich, und zwar bloß durch seine rein poetische Form, in eine göttliche Dichterwelt, da mich der Meister aus einer wirklichen nicht ganz heraus lässt.“

   Goethe war gegen seine Gewohnheit, während er an Hermann und Dorothea arbeitete, mitteilend, und Schiller gestand, dass er in der Welt nichts wisse, wobei er mehr gelernt hätte, als durch jene Kommunikationen, durch die er recht ins Innere der Kunst hineingeführt worden sei. Einen wahren poetischen Heiland hatte unserem Freund der gütige Himmel zur Seite gestellt und lebenslänglich verbunden!

   Bald darauf reiste Goethe nach der Schweiz ab, dem von Italien zurückkehrenden Freund Heinrich Meyer entgegen. Wie lieb war es dem Jenaer Einsiedler, dass der andere wegen der Kriegsunruhen die Reise nicht weiter nach Italien fortsetzen konnte, dass er vor dem Winter schon wieder nach Weimar zurückkehren wollte. „Je mehr Verhältnissen ich jetzt abgestorben bin, einen desto größeren Einfluss haben die wenigen auf meinen Zustand und den entschiedendsten hat Ihre Gegenwart. Die letzten vier Wochen haben wieder vieles in mir bauen und gründen helfen. Sie gewöhnen mir immer mehr die Tendenz ab (die in allem Praktischen und besonders Poetischen eine Unart ist) vom Allgemeinen zum Individuellen zugehen, und führen mich umgekehrt von einzelnen Fällen zu großen Gesetzen fort. Der Punkt ist immer klein und eng, von dem Sie auszugehen pflegen, aber er führt mich ins Weite und macht mir dadurch in meiner Natur wohl, anstatt dass ich auf dem andern Weg, dem ich, mir selbst überlassen, so gern folge, immer vom Weiten ins Enge komme, und das unangenehme Gefühl habe, mich am Ende ärmer zu sehen, als am Anfang.“ Man kann die Verschiedenheit beider Naturen nicht schärfer bezeichnen. Jetzt endlich befreite ihn, wie sich uns bald näher zeigen wird, seine Theorie von der sich im Allgemeinen haltenden ideellen Dichtung, und er wandte sich wenigstens eine Zeit lang möglichst zur individuellen Bestimmtheit.

   Goethe hatte seine Reise noch nicht lange angetreten und nahm seinen Weg wohlgemut über Frankfurt und Stuttgart, da fühlte Schiller durch die drückende Hitze des Tages und die fast ununterbrochenen Gewitter des Nachts seine Nerven wieder so heftig angegriffen, dass er starkes Fieber bekam und in eine ernsthafte Krankheit zu fallen fürchtete. Ein Katarrhalfieber und ein heftiger Husten hinderten ihn am Arbeiten, sogar am Briefschreiben. Er hatte sich lange nicht so schlecht befunden. Die wenigen leidlichen Augenblicke, die ihm blieben, nahm der Almanach in Anspruch. „Solch’ eine Beschäftigung“, bemerkt er hierbei, „hat durch ihren ununterbrochenen und unerbittlichen gleichen Rhythmus etwas Wohltätiges, da sie die Willkür aufhebt und sich streng, wie die Tageszeit, meldet. Man nimmt sich zusammen, weil es sein muss, und bei bestimmten Forderungen, die man sich macht, geschieht die Sache auch nicht schlechter.“ Doch bald fühlte er sich wieder erleichtert. In der übrigen leidensfreien Zeit dieses Jahres war unser Freund sehr tätig. Die Redaktion der Horen, deren geringer Absatz jetzt eine Verminderung des Honorars nötig machte, beschäftigte ihn fortwährend, die des Almanachs viele Monate. Auch in diesem Jahr gingen Abhandlungen und Gedichte von allen Weltgegenden bei ihm ein, liefen Briefe nach allen Seiten von ihm aus. Nachdem der Cellini abgedruckt war, bearbeitete er einen Auszug der Denkwürdigkeiten des Vieilleville für die Monatschrift, von welcher Biographie wir schon früher Rechenschaft abstatteten. Doch diese verschiedenartigen und mehr äußerlichen Geschäfte waren nur Nebensache. Seine Seele weilte bei Wallenstein, neben welchem die Balladen für den Almanach her liefen.

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