Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
                  Ankunft in Mannheim
                  Kontrakt mit Dalberg
                  Krankheit
                  Bekanntschaften
                  Besuch von Abel
                  Die „Lumpenfête“
                  Fiesco, Kabale/Liebe a. Bühne
                  Aufnahme deut. Gesellschaft
                  Reise nach Frankfurt
                  Bedrängnisse
                  Abhandlung über das Theater
                  Preisfragen
                  Plan einer dr. Monatsschrift
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil

Fiesco und Kabale und Liebe auf der Bühne

   In dieser qualvollen Lage wurde Fiesco umgearbeitet, und später Kabale und Liebe für die Bühne eingerichtet, sowie auch der erste Akt des Don Carlos gedichtet. Streicher, der dies alles miterlebte, erzählt, er habe auch in späterer Zeit vor Schmerz und Wehmut nie eins dieser Stücke können aufführen sehen. Als Fiesco umgegossen war, wurde ihm ein Regimentsfourier zur Disposition gestellt, welchem Schiller sein Stück mit aller Behaglichkeit zu diktieren gedachte. Aber als der Mann nach der ersten Sitzung weggegangen war, wie entsetzte sich Schiller, als er nicht nur die Eigennamen entstellt, Fiesco in Viesgo, Calcagna in Kallkahnia verwandelt, sondern auch gegen die gebräuchliche Rechtschreibung entsetzlich gesündigt fand. Streicher konnte sich bei seinen bitter-komischen Klagen des Lachens kaum enthalten. Nach einen zweiten verunglückten Versuch verlor er die Geduld, und er musste das Schauspiel selbst ins Reine schreiben. In der Mitte Dezembers konnte er die Handschrift Herrn von Dalberg überreichen.

   Diese Bühnenbearbeitung des Fiesco1) ist beinahe ein ganz neues Werk, so viel ist verändert, gestrichen und neu gedichtet. Die Hauptverschiedenheit liegt darin, dass in diesem neueren Fiesco die republikanische Tugend über seinen Ehrgeiz obsiegt. Verrina hat am Ende des Stücks noch Fiesco den Dolch gezückt, das Volk bedroht den Majestätsverletzter mit dem Tod, jetzt verkündet der Vertreiber Dorias den versammelten Genuesern seinen Entschluss. Das Stück endigt sich wie folgt:

Fiesco (geht auf den Senator zu und nimmt ihm das Szepter ab).
Ein Diadem erkämpfen ist groß, es wegwerfen, göttlich! Seid frei, Genueser! (Er zerbricht das Szepter und wirft die Stücke unter das Volk.) Und die monarchische Gewalt vergehe mit diesem Zeichen!

Das Volk (stürzt jauchzend auf die Knie).
Fiesco und Freiheit!

Verrina (nähert sich Fiesco mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens).
Fiesco!

Fiesco.
Und mit Drohungen wolltest Du mir einen Entschluss abnötigen, den mein eigenes Herz nicht geboren hat? Genuas Freiheit war in diesem Busen entschieden, ehe Verrina noch dafür zitterte, aber Fiesco selbst musste der Schöpfer sein. (Verrinas Hand ergreifend, mit Wärme und Zärtlichkeit) Und jetzt doch mein Freund wieder, Verrina?

Verrina (begeistert in seine Arme stürzend).
Ewig!

Fiesco (mit großer Rührung einen Blick auf das Volk geworfen, das mit allen Zeichen der Freude noch auf den Knien liegt).
Himmlischer Anblick, belohnender, als alle Kronen der Welt! (Gegen das Volk eilend) Steht auf, Genueser! Den Monarchen hab’ ich Euch geschenkt, umarmt Euren glücklichsten Bürger.“

   Das Vorhandene wird also nicht mehr, wie in den bisherigen Stücken, allein getadelt, bekämpft und umgestürzt, sondern es wird auch an dessen Stelle das gesetzt, was dem Dichter das Höhere und Vernünftigere zu sein schien. Früher war die Tendenz durchweg niederreißend, revolutionär, hier ist sie aufbauend, konstitutionell. Dieses Schauspiel bezeichnet also einen merkwürdigen Fortschritt in der Ideenentwicklung des Dichters. Es gehört schon der versöhnten und milden Geburtszeit des Don Carlos an, und der umgewandelte Held selbst ist offenbar der Vorläufer des Marquis Posa. Nur durch die über den Ehrgeiz endlich siegende Bürgertugend des Fiesco stieg Schiller zu diesem politischen Ideal empor, in welchem kein Kampf mehr ist.

   Wie der Held selbst, so bleibt auch seine Leonore am Leben, selbst der Mohr entwischt und es stirbt überhaupt niemand, als Gianettino. Weil alles so erwünscht endigt, kann das umgestaltete Drama nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch schwerlich mehr Trauerspiel genannt werden. Von der Leidenschaft des Calcagna für Leonore und von den Schulden des Sacco ist hier nirgends mehr die Rede. Offenbar ist auch durch diese Höherstellung beider Personen die Verschwörung veredelt: Alle Mitglieder erscheinen als sittlich-reine Republikaner. Die Verhöhnung der Julia durch Fiesco ist dadurch gemildert, dass sie nicht vor den versammelten Verschworenen, sondern nur vor Leonore geschieht. Nachher wird noch weitläufig und nicht ohne rhetorischen Prunk über diese unritterliche Beschimpfung der Julia zwischen ihr und den beiden Gatten verhandelt und das hinterlistige Benehmen des Fiesco entschuldigt, damit der Held der neuen Freiheit uns in keinem ungünstigen Licht erscheine. Die Berta wird durch Gianettino nicht entehrt, sondern entgeht seinen Nachstellungen, und diese ganze Episode ist neu erfunden. Doch entlässt uns Schiller nicht, ohne uns wenigstens noch lange durch die Meinung zu quälen, als habe sie das Äußerste erlitten. Das ganze Schauspiel ist in dieser Umgestaltung weniger gekünstelt und spitzfindig, es ist freier, einfacher und theatralischer. Man fühlt es dem Dichter an, dass ihm das Herz aufging, je mehr er sich dem erhabenen Ziel der Handlung näherte. Man sieht auch, wie sich der Dichter bemühte, die hochtrabende, die „lächerlich blühende“ Sprache der Urschrift herab zu stimmen und die ermüdenden Monologen zu beschneiden. Dessen ungeachtet war die noch immer schwungreiche und poetische Prosa den meisten Schauspielern viel zu hoch, und ihre Ungelenkigkeit machte Schiller Spaß und Ärger.

   Das Schauspiel wurde zuerst am 11. Januar 1784 bei der Eröffnung der Karnevalsbelustigungen dargestellt. Schiller ließ wieder, wie er es schon bei den Räubern getan hatte, eine „Erinnerung an das Publikum“ neben dem Anschlagzettel drucken2). Vortrefflich bezeichnet er in diesem Prolog die große, freie Moral des Stücks, die eigentlich wie eine göttliche Macht im Hintergrund aller seiner Werke steht. „Fiescos Verschwörung“, sagt er, „ist das Schauspiel, welches uns den Spiegel unserer ganzen Kraft vor die Augen hält, welches den Funken des Heldenmuts belebend empor flammt, welches uns aus dem engen dumpfen Kreis unseres alltäglichen Lebens in eine höhere Sphäre rückt. Wenn jeder von uns zum Besten des Vaterlandes diejenige Krone hinweg werfen lernt, die er fähig ist zu erringen, so ist die Moral des Fiesco die größte des Lebens.“

   Fiesco wurden durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, Bourgognino durch Beck meist vortrefflich gespielt, und einzelne Szenen ernteten die lauteste Bewunderung. Aber das Ganze blieb hinter der Wirkung der Räuber weit zurück. Auch in der neuen form herrschte im Fiesco immer noch das Verständige, das Künstliche vor. Die Räuber rissen die Zuschauer in eine ganz neue Welt, der Fiesco zeigte nur eine neue Gestalt der alten, für welche Gestalt die gutmütigen Pfälzer damals noch keinen Sinn hatten. Schiller schrieb am 5. Mai 1784 an Reinwald: „Den Fiesco verstand das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu Berlin wurde er vierzehn Mal innerhalb drei Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.“ Die Aufführung war übrigens mit aller Pracht ausgestattet und wurde auch in Mannheim mehrere Male wiederholt.

   Die Luise Millerin war längst für theaterfähig erklärt worden und brauchte nur gekürzt, in einigen Stellen gemildert und von ihrer hochgehenden Sprache herabgestimmt zu werden. Iffland brachte damals sein Familienstück: Verbrechen aus Ehrsucht, auf die Bühne, welches durch Schiller seinen Namen erhielt, sowie seine Luise Millerin durch Iffland in Kabale und Liebe umgetauft wurde. Da das Ifflandsche Schauspiel einen außerordentlichen Beifall fand, zitterten die, durch die laue Aufnahme des Fiesco entmutigten Freunde umso mehr für das Glück des Schillerschen. Aber das Stück erreichte in der Macht seiner Wirkung beinahe die Räuber. Schiller wohnte der ersten Vorstellung am 9. März3) 1784 in einer Loge bei, sein Freund Streicher war an seiner Seite. In schweigender Spannung erwartete er das Aufrollen des Vorhanges. Als die Handlung begann, wer hätte da das Spiel der Lippen, das Zusammenziehen seiner Augenbrauen, wenn etwas misslang, und den Blitz seiner Augen, die Verklärung seines Gesichtes, wenn eine bedeutende Stelle meisterhaft vorgetragen wurde, beschreiben können! Kein Wort entschlüpfte ihm während des ganzen ersten Aufzugs, und erst am Schluss desselben erleichterte er sich durch die Worte: „Es geht gut.“ Der zweite Akt ward besonders gegen den Schluss, mit so viel hinreißendem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, dass, als der Vorhang niedergelassen wurde, die Zuschauer auf eine damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben, und in stürmisches, einstimmiges Beifallrufen und Händeklatschen ausbrachen. Schiller wurde hiervon so überrascht, dass er aufstand und sich in dankbarem Selbstgefühl gegen das Publikum verbeugte.

   In demselben Frühjahr wurden die Räuber sogar in Stuttgart mit großem Beifall aufgeführt, zu welchem Zweck Iffland sich dahin begab. Kabale und Liebe empfing Schillers Vater mit den Worten: „Dass ich ein Exemplar von dem neuen Trauerspiel besitze, habe ich noch niemanden gesagt, denn ich darf es gewisser Stellen wegen nicht merken lassen, dass es mir gefallen.“ Dessen ungeachtet kam auch dieses Stück in Stuttgart etwas später zur Darstellung; Schillers Schwestern, Luise und Nannette, wohnten dem Schauspiel unentgeltlich bei. Aber die so hart angegriffene Noblesse beschwerte sich beim Herzog, der Oberst Seeger erhielt einen Verweis, dass er die Erlaubnis, das Stück aufzuführen, erteilt, und die Wiederholung wurde zum großen Verdruss der Schauspieler und des Publikums verboten. Gedruckt wurde diese Tragödie schon im Anfang desselben Jahres, 1784, bei Schwan, und „Herrn von Dalberg untertänig gewidmet.“

Ü   Þ


1) In meiner Nachlese zu Schillers W., Bd. 1, S. 235 ff. sind aus dem Mannheimer Theater-Manuskript alle Abweichungen und der fünfte Akt ganz mitgeteilt. ­
2) Abgedruckt in meiner Nachlese zu Schillers Werken, Bd. 4, S. 143 ff.
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3) Woher weiß aber Schwab (S. 179) dieses Datum?
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