Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
                  Ankunft in Mannheim
                  Bittschrift an den Herzog
                  Vorlesung des Fiesco
                  Fußreise nach Frankfurt
                  Grundzüge Kabale und Liebe
                  Abschlägige Antwort Dalbergs
                  Rückreise nach Oggersheim
                  Aufenthalt in Oggersheim
                  Furcht vor Verhaftung
                  Fiesco abgewiesen
                  Druck des Fiesco
                  Aufbruch nach Bauerbach
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil
 

Aufenthalt in Oggersheim

   Das Meiersche Ehepaar, nebst zwei anderen Verehrern Schillers, erwartete sie schon. Meier versicherte dem Dichter, das von Dalberg abgelehnte Stück werde gewiss noch durchgehen, wenn es um mehrere Szenen verkürzt, und der letzte Akt erst ganz beendigt wäre. Frau Meier und die beiden anderen Freunde trugen ebenfalls zu seiner Ermunterung das Ihrige bei, dessen es kaum mehr bedurfte. Das Vorhaben erneuter Tätigkeit erhob ihn.

   In Oggersheim selbst, und zwar in dem Wirtshaus, in welchem man sich befand, sollte er sein Schauspiel in ruhiger Zurückgezogenheit umarbeiten. Der Name Doktor Ritter, welchem der Flüchtling von der Barrière Stuttgarts seither führte, wurde der Vorsicht wegen, da noch immer die Gefahr der Auslieferung über ihm schwebte, in Doktor Schmidt verwandelt; Kost und Logis wurden auch hier auf den Tag bedungen. Frau Meier ward ersucht, die Koffer und das Klavier von dem nahen Mannheim herüberzuschicken, und als die Gesellschaft dahin zurückgekehrt war, nahm ein Zimmer und ein Bett die beiden Freunde auf.

   Ehe sie sich zur Ruhe begaben, musste Schiller noch an seinem neuen bürgerlichen Trauerspiel schreiben, und mit eben demselben war er in den nächsten acht Tagen so eifrig beschäftigt, dass er das Zimmer beinahe gar nicht verließ. In den langen Herbstabenden ging er, während das Zimmer oft nur durch das Mondlicht erleuchtet war und sein Freund auf dem Klavier spielte, stundenlang auf und ab. Die Musik war ihm die willkommenste Belebung seines dichtenden Affekten- und Gedankenspiels. „Werden Sie nicht heute Abend wieder Klavier spielen?“, fragte er zutraulich den Genossen, oft schon am Mittagstisch. Um seinem bürgerlichen Schauspiel eine umso bessere Aufnahme bei dem Theaterausschuss zu bereiten, richtete er die darin vorkommenden Personen nach der Individualität der Mannheimer Schauspieler ein. Die Frau Becks sollte in der Rolle der Luise ihr eigentümliches Talent auf eine glänzende Weise entfalten und er ergötzte sich im voraus, wie Beil den Stadtmusikanten Miller so recht naiv drollig darstellen werde. Bei diesem lebhaften neuen Interesse konnte Schiller erst nach mehreren Wochen die Veränderungen seines Fiesco vornehmen. Über den noch unvollendeten Ausgang des Stücks konnte er mit sich nicht einig werden: Denn dass sein Held nicht, wie in der Geschichte, durch einen Zufall ertrinken dürfte, stand bei ihm fest.

   Der Aufenthalt in Oggersheim, besonders in den trüben Oktobertagen, war übrigens nicht weniger als erheiternd. Zu seinen Freunden in Mannheim konnte Schiller nur in der Dämmerung gehen, und musste über Nacht bleiben. Die flache, sandige Gegend konnte ihm in Erinnerung an die Lage Stuttgarts unmöglich zusagen. Nur ein Handelsmann des Orts, Namens Derain, besaß einige Bildung. Dieser Mann brachte es durch einen Zufall in Erfahrung, wer die beiden Fremdlinge eigentlich waren. Durch die Frau des Wirtshauses kamen ihm von Schiller weggeworfene Blätter der ersten Ausarbeitung des Fiesco zu Gesicht, er zeigte sie seinem Freund, dem Kaufmann Stein in Mannheim, an welchen unser Streicher von Stuttgart empfohlen war. Steins schöne Tochter entlockte Letzterem mit schmeichelnden Worten das Geheimnis, welches nun auch nach Angelobung der tiefsten Verschwiegenheit Derain erfuhr. Er machte nun die Bekanntschaft des schon so berühmten, jungen Mannes, welchem in den nebeligen Novemberabenden seine zerstreuende Unterhaltung eine wahre Erquickung gewährte.

   Dass übrigens Schiller seine schlimme Lage leicht aufnahm, ergibt sich aus dem schon früher benutzten Brief vom 6. November 1782 an Freund Jacobi in Stuttgart, wohin er freilich nur Gutes schreiben durfte. Jedermann, sagt er, rate ihm, nach Berlin zu gehen, wohin er treffliche Adressen habe, vielleicht werde er sich von da nach Petersburg begeben. „Das versteht sich ohnehin, dass ich nur als Medikus Dienst nehme und weil ich gern hierin etwas vorstellen möchte, so kann es sein, dass ich ein oder anderthalb Jahre privatisiere, mir vollends in diesem Fach Festigkeit und ausgebreitete Kenntnisse zu verschaffen. Mannheim ist schlechterdings keine Sphäre für mich, zu klein, mich als Mediziner zu begünstigen, zu unfruchtbar, mich als Schriftsteller aufkommen zu lassen. Beim Theater Dienste zu nehmen, ist nicht nur unter meinem Plan, sondern auch wirklich schwer, weil es sehr erschöpft ist, verarmt und sinkt. Noch habe ich die Wollust, frei zu sein, in dem Grad nicht empfunden, als ich sie empfinden könnte, wenn mein Schicksal entschiedne wäre, Gegenwärtig war ich nur Flüchtling. Innerhalb drei bis vier Wochen hoffe ich freier Weltbürger zu sein.“ Am Ende des Briefes erzählt er seinen Ausflug nach Frankfurt aufgeräumt genug, und nicht ohne absichtliche Ruhmredigkeit. „In Frankfurt am Main, wo ich vierzehn Tage war, habe ich nicht zwölf Gulden gebraucht; ich bin von Mannheim zu Fuß über Darmstadt dahin gegangen, und überhaupt habe ich das Gehen für meine Gesundheit ungemein zuträglich gefunden. Ich war auch zu Mainz, wohin ich auf dem Main fuhr und zu Worms, wohin ich von Mainz neun Stunden in acht machte. Connaissancen hab’ ich vermieden, weil ich bisher meinen Namen verbarg, aber dadurch hab’ ich oft das Lustspiel erlebt, dass in meiner Gegenwart von mir die Rede war. Erst neulich, zu Mainz, wurde in einem Zimmer, das an das meinige stieß, vom Verfasser der Räuber gesprochen, und zwar von Frauenzimmern, die brennend wünschten, mich einmal nur zu sehen, und mit denen ich nachher den Kaffee trank. In Frankfurt bin ich in sechs Buchhandlungen gewesen und habe meine Räuber gefordert, aber überall die Antwort erhalten, es sei kein Bogen mehr zu bekommen, man habe sie schon etliche Male nachgefordert.“

   In den ersten Tagen dieses Monats (1782) – nachdem sich Streicher von seiner Mutter auch den Rest des Hamburger Reisegeldes hatte schicken lassen – war der umgearbeitete Fiesco endlich fertig. Es war ihm ein Schluss gegeben, welcher sich möglichst an die wirkliche Geschichte anschloss. Vergnügt begab sich der Verfasser mit dem ins Reine geschriebenen Manuskript in die Stadt, um es Herrn Meier für Dalberg einzuhändigen. Er glaubte, dass nun seine harten Bedrängnisse überstanden seien. Aber es verging mehr als eine Woche und er wartete noch immer vergebnes auf eine Antwort von Dalberg. Endlich schrieb er, am 16. November 1782, an seinen Gönner, welcher bisher so wenig Notiz von ihm genommen hatte, dass er ihm sogar sagen musste, er logiere unter dem Namen Schmidt in Oggersheim. Er sei in der größten Erwartung, schrieb er, wie sein Stück von sr. Exzellenz sei befunden worden und bitte sich, wenn noch keine Entscheidung über dessen Theaterfähigkeit gegeben werden könne, vorläufig nur das Urteil des Dramaturgisten aus.

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