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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
                  Reise nach Mannheim
                  Aufführung der Räuber
                  Beginn des Fiesco
                  Würt.Repertorium
                  Hartes Verbot des Herzogs
                  Zweite Reise nach Mannheim
                  Anschlag auf Dalberg
                  Arrest
                  Bedrängnis
                  Flucht
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil
 

Flucht

   Schiller traf mit einer an Angst grenzenden Vorsicht, wie Petersen sagt, die Anstalten zur heimlichen Flucht. Zum Glück hatte er seit dem Erscheinen seiner Räuber an dem Musikus Andreas Streicher, einem geborenen Stuttgarter, welcher nur zwei Jahre jünger war, als er selbst, den wärmsten Verehrer gefunden, in dessen kindliche Seele er jetzt alle seine Leiden und Pläne ausschüttete. Seine einnehmende Bescheidenheit, die ganze leibenswürdige Persönlichkeit, die nirgends etwas Scharfes oder Abstoßendes durchblicken ließ, bezauberte Streicher von der ersten Stunde der Bekanntschaft umso mehr, als er in dem Dichter der Räuber einen ganz andern Menschen erwartete hatte. Schillers unglückliche Lage war bei ihren täglichen Zusammenkünften der unerschöpfliche Gegenstand der Gespräche. Streicher billigte Schillers Vorhaben, und bot sich selbst zu seinem Reisegefährten an; seine auf das nächste Frühjahr festgesetzte Reise nach Hamburg zu dem berühmten Bach wollte er, dem Freunde zu Liebe, schon jetzt antreten, und den Weg über Mannheim nehmen. Nur seine älteste Schwester machte Schiller mit seinem Entschluss bekannt, durch welche später auch die Mutter in das Geheimnis gezogen wurde1). Dem Vater musste die Sache schon deswegen verborgen bleiben, dass er im schlimmsten Fall sein Ehrenwort geben konnte, von dem Vorhaben seines Sohnes nichts gewusst zu haben.

   Als der Entschluss zur Flucht unwiderruflich fest stand, kehrte auch seine gewöhnliche Heiterkeit zurück, welche in der letzten Zeit einer trüben Laune und oft menschenfeindlichen Stimmung gewichen war. Er konnte sich jetzt wieder seinem Fiesco widmen, auf welchen er sein nächstes Glück baute, und er zog sich umso ungestörter ganz auf diese Arbeit zurück, je mehr die Aufmerksamkeit aller Welt auf die bevorstehenden großen Festlichkeiten gerichtet war. In Stuttgart und in der ganzen Umgegend wurden die größten Vorbereitungen zum feierlichen Empfang des Großfürsten von Russland, nachmaligen Kaisers Paul und seiner schönen jungen Gemahlin, Sophia von Württemberg, der Nichte des Herzogs, getroffen. Die meisten benachbarten Fürsten und eine außerordentliche Menge anderer Fremden strömten, um die Festlichkeiten des Pracht liebenden Herzogs Karl zu bewundern, in der Hauptstadt zusammen, wo die hohen Reisenden in der ersten Hälfte des Septembers 1782 eintrafen. Unter den angekommenen Fremden war auch Dalberg, und die Gattin des Regisseurs Meier, welche von Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron seine Aufwartung und sah auch die Frau Meier öfters, ohne sein Geheimnis zu verraten. Er wollte durch keine unnütze Bedenklichkeiten belästigt sein, und fürchtete, die Ausführung seines Planes durch Mitteilung zu vereiteln. Noch einmal ging er, mit Streicher und Frau Meier, nach der Solitude, um die Seinigen zum letzten Male zu sehen, und um seine Mutter zu beruhigen. Der Weg durch die lachendste Gegend wurde zu Fuß gemacht, und das Gespräch bewegte sich, jedoch nur im Allgemeinen, um die Mannheimer Theaterverhältnisse. Die Mutter empfing ihren Eingeborenen tief ergriffen, ihrem bewegten Herzen versagte die Sprache. Der Vater zählte die Festlichkeiten auf, welche auf der Solitude stattfinden sollten. Endlich entfernten sich Mutter und Sohn, und Letzterer kam nach einer Stunde allein, mit feuchten, geröteten Augen, zur Gesellschaft zurück. Erst auf dem Rückweg nach Stuttgart konnte er durch die gesprächige Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.

   In den nächsten Tagen sollte den hohen Gästen zu Ehren eine große Hirschjagd bei der Solitude sein. Aus allen Jagdrevieren des Landes hatte man eine Anzahl von sechstausend Hirschen in einem nahe bei diesem Lustschloss befindlichen Wald zusammengetrieben; Bauern mussten Tag und Nacht den Wald umzingelt halten, um die edlen Tiere am Durchbrechen zu verhindern, welche bestimmt waren, eine stiele Anhöhe hinaufgejagt und dann gezwungen zu werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie in einem eigens zu diesem Zweck erbauten Jagdhaus nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten. In der Nacht, welche auf dieses raffinierte Mordvergnügen folgte, sollte aber eine allgemeine prachtvolle Beleuchtung der Solitude stattfinden, und in dieselbe Nacht legten die Freunde ihre Abreise, nachdem sie in Erfahrung gebracht hatten, dass in derselben das Grenadierregiment nicht die Wache habe, dass also zu vermuten war, das Stadttor werden von, unsern Schiller nicht kennenden, Soldaten besetzt sein. Die Nacht vorher verbrachte er bei seinem Freund Scharffenstein auf der Wache; dieser nennt sie eine ihm unvergessliche, dem Gefühl ganz ausschließlich geweihte Nacht. „Es war für Schillers gerührte Seele das Tröstendste, Genügendste“, fügt Scharffenstein hinzu“, mir seinen mir damals noch unbekannten Freund Lempp zu vermachen, von dem er mit einer Art von Kultus sprach.“

   Der Verabredung gemäß sollte am andern Tag um zehn Uhr Vormittags alles bereit sein, was aus der Wohnung Schillers noch in das Haus Streichers zu bringen war, von wo man abfahren wollte. Als dieser sich aber mit der Minute eingefunden hatte, war noch nichts in Ordnung. Dem Dichter waren, nach seiner Zurückkunft vom Lazarett, beim Einpacken Klopstocks Oden in die Hände gefallen, von denen eine schön längst bewunderte ihn beim Durchblättern so aufregte, dass er sich sogleich hinsetzte, um ein Gegenstück zu dichten, indem er Abreise und alles vergaß. So sehr auch der Freund zur Eile drängte, so musste er doch vorher die Ode und das frisch gedichtete Gegenstück anhören. Erst um Mittag war alles in Ordnung. Abends neun Uhr kam Schiller in Streichers Wohnung, mit einem Paar alter Pistolen unter seinem Zivilkleid. Seine ganze Barschaft betrug dreiundzwanzig Gulden, und nicht viel mehr hatte Streicher für den Augenblick von seiner unvermögenden Mutter erhalten können. Um zehn Uhr nachts bestiegen die Freunde den Wagen, der mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier für den Tonkünstler bepackt war. Es war, nach Petersen, in der Nacht vom 22. bis 23. September 17822). Der Wagen fuhr zu dem Esslinger Tor hinaus, wo es am dunkelsten war und ein bewährter Freund als Leutnant die Wache erhielt. Schiller gab sich bei dem Unteroffizier am Tor für Doktor Ritter, Streicher für Doktor Wolf aus, beide nach Esslingen reisend. Um die Ludwigsburger Straße zu gewinnen, musste die Stadt auf Umwegen links hin umfahren werden. Zwischen beiden Freunden wurden nur wenige Worte gewechselt. Als die erste Anhöhe hinter ihnen lag, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen zu sein. Gegen Mitternacht war zu ihrer Linken der ganze Himmel hoch gerötet, und als der Wagen in einer Entfernung von anderthalb Stunden an der Solitude vorbeikam, glänzte ihnen das hoch liegende Schloss mit allen seinen Nebengebäuden in einem herrlichen Feuerglanz entgegen. Schiller konnte bei der reinen Luft seinem Freund den Punkt zeigen, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald von kindlicher Rührung ergriffen, fiel er mit einem halb unterdrückten Seufzer und dem Ausruf: O, meine Mutter! Auf seinen Sitz zurück.

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1) Nach Petersen wusste auch die Mutter nichts von seinem Vorsatz. ­
2) Streicher gibt den 17. September an.
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